Als Hitlerjunge in Kronstadt (Rumänien)
Aufgewachsen bin ich als Siebenbürger Sachse in Marienburg
bei Kronstadt in Rumänien, wo ich gemeinsam mit meiner Schwester
Hanna die Grundschule besuchte. Von vorneherein stand fest, dass
wir anschließend in Kronstadt das Gymnasium besuchen sollten,
insbesondere, da das in unserer Familie schon seit Generationen
Tradition war. Um uns Kindern so lange wie möglich ein vertrautes
"Zuhause" bieten zu können, entschloss sich Mutter
gemeinsam mit uns Kindern und unserer Großmutter, ihrer
Mutter, für die Dauer unserer Schulzeit in eine Mietwohnung
nach Kronstadt zu ziehen. So blieben wir Geschwister weiterhin
beieinander und wurden oft sogar zu Geburtstagsfesten von Mitschülerinnen
oder Mitschülern gemeinsam eingeladen.
Ich erinnere mich da an ein wunderbares Geburtstagsfest bei einer
Mitschülerin Hannas, namens Karfunkelstein. Dieser Name steht
eindeutig für die jüdische Herkunft der Familie, ein
Aspekt, der aber damals in Kronstadt noch keine negative Bedeutung
hatte.
Hannas beste Freundin, war allerdings Ingegerd, die Tochter des
deutschen Konsuls in Kronstadt. Dort fehlte es buchstäblich
an nichts. Die Gouvernante hatte freie Hand, um Kinderfeste zu
organisieren, die alle herkömmlichen Normen sprengten.
Den "Herrn" Konsul und seine Frau sahen wir zwar nur
selten, aber gerade Ingegerds Vater sollte eine Wende in unserem
Leben herbeiführen, die niemand vorhergesehen hatte: Bei
einem zwanglosen Gespräch, das unsere Mutter einmal mit den
Eltern von Hannas Freundin führte, ergab es sich, dass auch
die Rede auf unseren Vater kam, der sich vor einigen Jahren hatte
scheiden lassen und sich bisher um alle Zahlungen für seine
Kinder gedrückt hatte. Der Konsul versprach, eher beiläufig,
sich der Angelegenheit anzunehmen. Gewöhnt an die Nachlässigkeit
rumänischer Ämter, die sowieso nur agierten, wenn ein
Bakschisch heraussprang, war dieses Gespräch bald vergessen.
Eines Tages kam völlig überraschend ein amtliches Schreiben
des Konsulats, das uns kundtat, dass Elsa Mendgen, geb. Schirmer,
sowie ihre Kinder Hanna und Hans mit allen persönlichen Unterlagen
baldmöglichst vorsprechen sollten. Nanu! Was sollte das heißen?
Mama kramte jedenfalls alles Nötige zusammen, und wir machten
uns auf den Weg. Der Konsul, höflich wie er war, empfing
uns selbst und erklärte, dass wir uns ab sofort als deutsche
Staatsbürger zu betrachten hätten. Da Hanna und Hans
bereits das erforderliche Alter erreicht hätten, müssten
sie ab sofort regelmäßig zum BDM- beziehungsweise HJ-Dienst
erscheinen. Auf den Einwurf unserer Mutter, was der Herr Konsul
bei unserem Vater, bezüglich der Unterhaltszahlungen für
die Kinder, erreicht habe, winkte dieser ab und meinte, dass diese
Angelegenheit äußerst umständlich und wenig Erfolg
versprechend sei.
Ferner sagte er: "Ich habe andere Schritte in die Wege geleitet,
die für Ihre Kinder wesentlich vorteilhafter sind. In absehbarer
Zeit dürfen' sie voraussichtlich nach Deutschland fahren
und dort deutsche Schulen besuchen. Sie werden in einem Heim für
auslandsdeutsche Kinder wohnen und mindestens ebenso gut aufgehoben
sein, wie zu Hause." Der Mann war sich seiner Überheblichkeit
gar nicht bewusst - erkennt man heute!
Mama erschrak darum auch zunächst bei dieser Ankündigung,
aber weil bei uns in Siebenbürgen, eine Ausbildung in Deutschland
seit jeher als das Erstrebenswerteste angesehen wurde, was einem
widerfahren konnte, freundete sie sich bald doch mit diesem Gedanken
an. Wir Kinder waren sowieso begeistert, denn wir betrachteten
das als eine Auszeichnung und wurden außerdem noch von den
Mitschülern beneidet.
Mit Politik befassten wir uns natürlich noch nicht, in unserem
Alter interessierten wir uns für andere Dinge. Trotzdem erinnere
ich mich an eine Begebenheit, deren hoch politischer Charakter
bis heute nachwirkt. Als wir mal von der Schule heimgingen, entdeckten
wir vor dem neuen Hotel am Ende der Klostergasse zwei Autos, die
voller Schussbeschädigungen waren. Wir stellten zwar fest,
dass sie laut ihrer Kennzeichen aus der Tschechoslowakei stammten,
aber mehr bekamen wir zunächst nicht heraus. In der Kronstädter
Zeitung des nächsten Tages konnte man dann aber nachlesen,
dass es sich bei den Leuten in diesen lädierten Fahrzeugen
um den tschechischen Staatspräsidenten Benesch und seiner
engsten Vertrauten gehandelt habe, die den deutschen Truppen 1938
mit knapper Not entkommen waren.
Für uns aber ging damals der Alltag seinen gewohnten Gang
weiter, wie bisher. Allerdings erbrachten die "Heimabende",
die wöchentlich ein- bis zweimal stattfanden, keine Steigerung
unserer Leistungen in der Schule. Bei den regelmäßigen
"HJ Heimabenden" brachte man uns auch manche Dinge bei,
die unserer Mutter und Großmutter nicht so ganz gefielen.
Wir Kinder sahen das allerdings mit anderen Augen, wir waren begeistert
bei der Sache und machten uns, unserem Alter entsprechend, keine
Gedanken. Manchmal aber wurde ich doch stutzig. Es war im Jahr
1938, als uns der HJ Führer aufforderte, unsere Eltern zu
veranlassen, nicht mehr in jüdischen Geschäften einzukaufen,
auch das "Capitol-Kino" dürften wir ab sofort nicht
mehr besuchen, da es einem Juden gehöre. "Aber die Frau
Konsul geht doch auch immer dorthin", reklamierte prompt
ein Bub, der das beobachtet hatte. Außerdem bedauerte er
es sehr, die schönen Filme nicht mehr anschauen zu dürfen,
für die dieses Haus bekannt war. Unser Führer hatte
einige Schwierigkeiten, sich da heraus zu reden, er wollte doch
die hohe Dame nicht kompromittieren.
In dieser Zeit erschien eines Tages ein Rundschreiben mit der
Post, das ein junger Siebenbürger, der in Deutschland studierte,
an alle Sachsen Kronstadts adressiert hatte. Er hatte an seinem
Studienort Gelegenheit gehabt, einiges zu beobachten, das so gar
nicht in das positive Klischee passte, das man sich bisher bei
uns von Deutschland gemacht hatte. Die Reaktion seiner Landsleute
auf dieses Schreiben dürfte der junge Mann allerdings nicht
vorhergesehen haben. Kein Mensch glaubte ihm! Die meisten, die
das lasen, bekamen großes Mitleid mit seinen Eltern. Mitleid,
über einen so ungeratenen Sohn, der solche Verleumdungen
in die Welt setzte. Mutter und Großmutter ließen uns
den Brief damals gar nicht lesen, weil sie uns mit solchem "Unsinn"
nicht belasten wollten. Wir erfuhren zunächst nur, dass hetzerische
Parolen darin gestanden seien. Zum ersten Mal aber merkten wir,
dass es tatsächlich Menschen gab, die nicht alles gut fanden,
was mit Deutschland zu tun hatte. Erst viel später erinnerte
Mama sich, dass in diesem ominösen Schreiben damals eigentlich
gar nichts Böses über Deutschland drin stand, sondern
nur Kritik an der damaligen Regierung geübt wurde.
Deutschland selbst ist für die Siebenbürger immer das
Mutterland geblieben, zu dem seit Urzeiten eine innige Bindung
besteht. Wer sich nicht mit Politik beschäftigte, dazu gehörten
fast alle Erwachsenen und die Kinder sowieso, erfuhr ja nur Positives.
Die deutsche Presse Siebenbürgens schrieb das Gleiche, was
auch in Deutschland zu lesen war, und was anderes las man nicht,
obwohl das internationale Angebot an Zeitungen sehr groß
war. Letztendlich kann also nicht geleugnet werden, dass auf diese
Art das meiste unbesehen geschluckt wurde und die Mehrzahl treue
Anhänger des Nationalsozialismus wurde. Man begrüßte
den Anschluss Österreichs, betrachtete den Einmarsch deutscher
Truppen in der Tschechoslowakei als eine längst fällige
Notwendigkeit (das Land hatte ja schon früher zu Österreich-Ungarn
gehört!), und man hörte sich jede Ansprache Hitlers
an. Weil wir kein Radiogerät besaßen, wurden wir immer
rechtzeitig vom Hausherren, oder anderen Bekannten, dazu eingeladen.
Dort saß dann eine Menge Leute, die sich gegenseitig oft
gar nicht kannten, andächtig lauschend beieinander. An den
Inhalt dieser Reden kann ich mich allerdings gar nicht erinnern,
ich saß eben auch dabei und konnte nachher sagen: "Gestern
habe ich die Führerrede gehört!" Wenigstens
durfte ich dabei sitzen und musste nicht die ganze Zeit
stehen wie bei den Ansprachen, die auf dem Konsulat von extra
aus Deutschland angereisten Prominenten absolviert wurden. Dort
wurden wir "HJ Jungen und Mädchen" als Dekoration
im Saal aufgestellt und mussten oft stundenlang stehend uns Unverständliches
anhören. Nur wenn die ersten umfielen, gestattete man uns,
auf den schönen Teppichen, die überall im Hause lagen,
zu sitzen.
Später Geborene können unsere Einstellung zu der damaligen
Politik nur schwer nachempfinden, am besten kann man das mit den
Worten Manfred Rommels, des ehemaligen Oberbürgermeisters
von Stuttgart formulieren: "... bei pauschalen Verurteilungen
ganzer Bevölkerungsgruppen wegen ihres früheren Verhaltens
ist Vorsicht geboten. Jede Generation neigt zu der Unterstellung,
was sie im Nachhinein erfahren hat, hätte die frühere
Generation schon von vornherein wissen können". Andererseits
gibt mir eine Formulierung zu denken, die ich in einem ganz anderen
Zusammenhang gelesen habe. R. Wagner, ein siebenbürgischer
Schriftsteller, lässt in seinem Roman "Miss Bukarest",
einen Protagonisten folgendes sagen: "Man kann keiner verbrecherischen
Organisation angehören, ohne selber schuldig zu werden".
Wenn diese Gedanken auch erst in einer viel späteren Zeit
formuliert wurden und ein anderes Regime, nämlich ein kommunistisches
meinten, so passen sie doch auch erstaunlich gut auf die hier
folgende Begebenheit.
Wir wohnten damals noch in der Katharinengasse. Neben uns lebte
eine sehr sympathische jüdische Familie, die einen Sohn in
meinem Alter hatte, der das rumänische Gymnasium besuchte.
Der Junge war zweisprachig aufgewachsen und sprach ebenso gut
deutsch wie ich. In dem großen Garten spielten wir oft miteinander
und vertrugen uns ausgezeichnet. Eines Tages aber ritt mich der
Teufel. Mit einem neuen Freund aus der HJ Gruppe hielt ich mich
im oberen Bereich des Gartens auf, als der Bub unserer Nachbarn
mit einem Schulkameraden unten auftauchte. Ich hatte nichts Eiligeres
zu tun, als meinem Begleiter zu erzählen, dass der da unten
ein rumänischer Jude sei. Zufällig hatten wir gerade
beim letzten Heimabend erfahren, dass die Juden einer minderwertigen
Rasse angehörten, dass sie Deutschlands Untergang betreiben
würden und dergleichen Parolen mehr, wie sie ja zum Programm
der Nationalsozialisten gehörten. Dieses war wohl bei uns
beiden auf fruchtbaren Boden gefallen, denn plötzlich fingen
wir an hinab zu plärren: "Jidan, jidan", (Jude
Jude).
Ausgerechnet das aber hatte meine Mutter noch gehört, die
mich gerade zum Essen holen wollte. Sie war so entsetzt über
mein primitives, gemeines Benehmen, dass sie mir umgehend einen
langen Vortrag über die Toleranz hielt, die in Siebenbürgen
seit Generationen das Zusammenleben der verschiedenen Völker
und Religionen erst ermöglicht habe und vieles mehr. Zum
Schluss befahl sie mir: "Und jetzt gehst du sofort zu dem
Jungen und entschuldigst dich, für dein unmögliches
Verhalten." Alle meine Einwände: "Der andere hat
angefangen" oder: "aber im Heimabend hat man doch gesagt...",
fruchteten nichts, ich musste mich überwinden und gehorchen.
"Schau, er ist gerade im Hof, erledige das gleich und merk'
es dir für dein ganzes Leben!" Kleinlaut, zog ich los
und brachte meine Entschuldigung vor. Erstaunlicher Weise nahm
er sie in seiner altklugen Art an und sagte ein wenig gespreizt:
"Ich glaube, du warst negativ beeinflusst." Diese für
mich bis dahin gar nicht geläufige Formulierung hat sich
mir so eingeprägt, dass ich sie bis heute ebenso wenig vergessen
habe wie die ganze unrühmliche Episode. Meiner Mutter danke
ich noch heute dafür, dass sie mich trotz aller ideologischen
Einwirkungen, denen sie ja auch ausgesetzt war, auf den richtigen
Weg gebracht hat.
Es ist verständlich, dass sich die Beziehungen zwischen dem
Nachbarjungen und mir, trotz meiner Entschuldigung, ziemlich abgekühlt
hatten. Weil wir außerdem noch im gleichen Jahr aus dieser
Wohnung in einen anderen Teil der Stadt umzogen, verloren wir
uns auch aus den Augen. Wenig später kam ich 1940 dann ohnehin
in ein "Heim für auslandsdeutsche Kinder" in Hohenelse
bei Rheinsberg
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