Im "Heim für auslandsdeutsche Kinder" in Hohenelse bei Rheinsberg
Als Siebenbürger Sachse bin ich u.a. in Kronstadt aufgewachsen auf.
Zum Abschluss eines jeden Schuljahres fand dort das Honterusfest
statt. Es war ein historisches Fest zu Ehren unseres Reformators,
der gleichzeitig der Begründer des siebenbürgischen
Schulwesens war. Dieser Tag wurde immer mit viel Pomp gefeiert
und begann mit einem riesigen Festzug. Angeführt von den
Schülern der Oberklassen des Gymnasiums in studentischem
"Flaus", zogen die Schüler aller deutschen Schulen
festlich gekleidet, oft in den farbenfrohen alten Trachten, in
geschlossener Formation quer durch die ganze Stadt hinaus zur
Honteruswiese.
Ehe aber das Zeichen zum Abmarsch gegeben werden konnte, wiederholte
sich jedes Jahr das gleiche Ritual, nämlich die endlosen
Gesuche und Debatten darüber, ob der Umzug nun stattfinden
durfte oder nicht. Die rumänischen Nationalisten auf dem
Bürgermeisteramt versuchten immer wieder ihn zu verhindern,
da sie ihn als eine Demonstration gegen den Staat auffassten.
An keinem anderen Tag im Jahr nämlich wurden die Straßen
der Stadt so ausschließlich von den Sachsen dominiert wie
an diesem. Schließlich aber führten die intensiven
Verhandlungen doch jedes Mal zum Erfolg, und der Dirigent der
Schülerkapelle konnte das Zeichen zum Abmarsch geben. Nach
den obligaten Ansprachen und den Wettkämpfen vielerlei Art
konnte sich jeder, seinem Alter sowie seinem Geldbeutel entsprechend,
amüsieren und die zahlreichen Angebote an appetitlichen Speisen
und Getränken genießen. Das allerbeste aber war der
frisch gebackene Baumstriezel, nur vor diesem Stand bildeten sich
Schlangen.
1940 war mein letztes Schuljahr in Kronstadt, denn meine Schwester
und ich kamen nach Hohenelse bei Rheinsberg in ein "Heim
für auslandsdeutsche Kinder" (eine Wortschöpfung
der NS Zeit). Die Eltern der Zöglinge waren in der Regel
Staatsangestellte und Kaufleute, die im Ausland arbeiteten und
ihre Kinder in deutsche Schulen schicken wollten. Jetzt, während
des Krieges, erweiterte sich der Kreis der aufgenommenen Kinder
noch um einige andere Fälle. Wir hatten sogar uneheliche
Kinder von Deutschen aus dem Ausland, die nach hiesigem Gesetz
zwar deutsche Staatsbürger waren, aber kein Wort Deutsch
sprachen. Die Mütter hatten sich um finanzielle Hilfe an
das deutsche Konsulat in ihrem Heimatland gewandt und von dort
wurden die Kinder dann, oft mehr oder weniger gewaltsam, einfach
nach Deutschland geholt.
Letztendlich zählten Hanna und ich ja auch in diese Kategorie.
Sowohl ihr als auch mir machte man von der Heimleitung gleich
in den ersten Tagen den Vorschlag, zunächst ein so genanntes
Pflichtjahr (für sie), beziehungsweise Landjahr (für
mich) zu absolvieren. Hanna als Helferin in der Abteilung für
Kleinkinder und ich in der Landwirtschaft des Hauses. Bei mir
stieß dieses Ansinnen allerdings auf heftigsten Protest.
"Uns hat man auf dem Konsulat versprochen, wir dürften
hier weiter auf das Gymnasium gehen", räsonierte ich
vehement und ließ mich durch keinerlei Argumente abweisen.
Da wir ja den deutlich erkennbaren siebenbürgischen Akzent
hatten, vermeinten die offensichtlich völlig inkompetenten
Angestellten des Heimes, dahinter ein mangelhaftes Deutsch zu
erkennen. Die Tatsache, dass diese Leute an meinen Deutschkenntnissen
zweifelten, empörte mich dermaßen, dass ich umso energischer
darauf bestand, die Oberschule weiterhin zu besuchen.
Schließlich erklärte man sich dazu bereit, vorausgesetzt,
ich würde eine Schreib- und Leseprüfung bestehen. Das
war nun allerdings das geringste Problem für mich, und offensichtlich
zähneknirschend erlaubte man mir, mich am Morgen des ersten
Schultages nach den Osterferien den anderen Schülern anzuschließen.
Die nächst gelegene Oberschule befand sich in Neuruppin,
der Kreisstadt, zu der auch Rheinsberg gehört. Dorthin mussten
wir nun jeden Tag fahren. Morgens um 5 Uhr war die Nacht für
uns schon vorbei. Es hieß ganz schnell sich waschen, anziehen
und frühstücken. Pünktlich um dreiviertel sechs,
fuhr doch schon der hauseigene Bus zum Bahnhof nach Rheinsberg,
wo unser Zug, oft schon zischend, auf uns wartete. Asthmatisch
zockelte die Lokomotive mit ihren wenigen Waggons von Haltepunkt
zu Haltepunkt bis Herzberg, wo wir Richtung Neuruppin umsteigen
mussten. Die häufigen Wartezeiten auf diesem Bahnhof waren
schuld daran, dass wir fast regelmäßig zu spät
zur Schule kamen.
Weil wir ja auch sonst immer erst spät zu unserem Mittagessen
kamen, erhielten wir jeden Morgen ein reichlich bemessenes Stullenpaket,
das uns die Wartezeit zu überbrücken half. Einmal hatten
wir eine besonders lange Pause nach dem Umsteigen in Herzberg.
An den Gleisen nebenan arbeitete ein Trupp französischer
Kriegsgefangener. Einer unserer Mitschüler sprach perfekt
französisch, so dass wir mit ihm als Dolmetscher bald in
ein lebhaftes Gespräch mit den Leuten verwickelt waren. Wir
waren ja alle im Ausland aufgewachsen, betrachteten darum Menschen
anderer Nationalität durchaus als gleichwertig und hatten
keinerlei Hemmungen oder gar Vorurteile. Die Kriegsgefangenen
legten ihre anfängliche Zurückhaltung bald ab und berichteten
unter anderem, dass sie nur sehr wenig zu essen bekämen.
Das wunderte uns zwar sehr, aber spontan fiel uns ein, dass wir
ja genügend dabei hatten. Schnell sammelte einer die bereitwillig
gespendeten Brote ein und wir versprachen, morgen wieder etwas
mitzubringen.
Dieses Versprechen konnten wir aber leider nicht einhalten, denn
es kam etwas für uns völlig überraschendes dazwischen:
Am selben Abend bestellte nämlich der Heimleiter alle Fahrschüler
zu sich in sein Büro und hielt uns einen langen Vortrag über
unser verbotenes Verhalten den deutschen "Erbfeinden"
gegenüber. Gemeint waren die französischen Kriegsgefangenen!
Unsere Gegenargumente, die wir zum Beispiel aus der Lektüre
von Büchern bezogen, in denen der besiegte Feind ehrenhaft
behandelt wurde, fruchteten nichts. Solche Verbrüderungen
mit dem Feind wurden uns für die Zukunft strickt verboten.
Leider konnten wir auch nie erfahren, wer dieses Ereignis so haarklein
an höchster Stelle gemeldet hatte. Aber wir hatten immerhin
dazu gelernt und wurden von da an vorsichtiger. Leider haben wir
damit einen großen Teil unserer unbekümmerten Kindheit
verloren. Ich wurde nicht nur vorsichtiger, sondern auch aufmerksamer
beim Betrachten der Dinge, die um mich herum vorgingen. Und leider
ereignete sich so mancherlei, was mich immer wieder an der Unfehlbarkeit
des Nationalsozialismus zweifeln lies.
Zu Beginn unseres Aufenthaltes in Hohenelse trafen Hanna und ich
uns noch fast jeden Tag, denn wir wohnten ja auf dem gleichen
Gelände. Aber eines Tages mussten alle Buben, die zur Schule
gingen, nach Schlaborn umziehen. Schlaborn war früher ein
Gutshof, der aber schon vor vielen Jahren zum Kinderheim umgebaut
worden war. Das ehemalige Herrenhaus, ein reizendes Schlösschen,
war nun unser Zuhause, nur zwei Kilometer von Hohenelse entfernt
und ebenfalls an dem schönen Rheinsberger See gelegen. Leider
mussten wir nun noch früher aufstehen, um rechtzeitig zum
Bahnhof zu kommen. In der Schule von Neuruppin hatte ich den Anschluss
bald gefunden, nur mit dem Leben im Heim hatte ich so meine Probleme.
Zu Hause war ich eigentlich immer recht verwöhnt worden und
das war keine gute Voraussetzung für diesen, dem Militär
nachempfundenen Drill, der uns Buben zu zackigen Hitlerjungen
erziehen sollte. Eigene Entscheidungen kamen nicht mehr in Frage,
Befehle entgegennehmen und Jawoll sagen, war jetzt die
Devise.
Nach den großen Sommerferien bekamen wir einen neuen Erzieher.
Mit diesem Neuen hatten wir endlich ein "unverschämtes"
Glück. Mit Doktor Kuhlmann kam der erste wirkliche Pädagoge
zu uns. Wie dieser Mann das anstellte, ist mir bis heute noch
ein Rätsel. Von der allerersten Minute an hatte er nicht
nur den Respekt und das Vertrauen, sondern auch die Liebe aller
gewonnen! So hatte ich mir immer einen Vater vorgestellt
und jetzt durfte ich das ein paar Monate lang selbst genießen.
Unser Doktor, wie wir ihn liebevoll nannten, war nicht verheiratet
und kam aus Brasilien. Er war Doktor der Geologie und hatte dort
sehr erfolgreich in seinem Beruf gearbeitet bis der Krieg ausbrach.
Als überzeugter Patriot konnte ihn jetzt nichts mehr so fern
der Heimat zurückhalten. Er nutzte die erstbeste Gelegenheit
die sich bot, um nach Deutschland zu kommen und meldete sich freiwillig
zum Kriegsdienst. Kuhlmann hatte als junger Offizier schon am
Ersten Weltkrieg teilgenommen und war nach Kriegsende als Hauptmann
der Reserve entlassen worden. Nun hoffte er, seiner Heimat auch
diesmal wieder "als Soldat, dienen zu können".
Zu seiner großen Enttäuschung wurde er aber wegen seines
Alters nicht mehr zum Wehrdienst angenommen. Stattdessen kam er
zu uns nach Hohenelse-Schlaborn, wo er selbstlos wie ein guter
Vater, bis lange über die Kriegs- und NS Zeit hinaus, für
seine Kinder sorgte.
Als der Krieg Anfang des Jahres 1945 zu Ende ging, hatte Doktor
Kuhlmann aus Berichten durchziehender Flüchtlinge aus den
Ostgebieten Deutschlands von den Schikanen und Gräuel durch
erfahren, der die Zivilbevölkerung durch Angehörige
der russischen Armee ausgesetzt waren und beschloss daher, die
letzten dreißig Kinder, die noch mit ihm im Heim lebten,
dieser Gefahr nicht auszusetzen. Jedes Kind bekam einen Rucksack,
und bepackt mit dem Nötigsten kamen sie irgendwie schließlich
bis nach Dänemark und von dort aus verständigte Kuhlmann
seine Schwester, die in Schweden lebte. Diese Frau muss ein ähnlich
großes Herz gehabt haben wie ihr Bruder. Außerdem,
was für die damalige politische Situation besonders wichtig
war, hatte sie wohl einen ungewöhnlich guten Draht zu den
Behörden. Denn sie konnte ihrem Bruder umgehend eine Schiffspassage
nach Schweden ermöglichen, zusammen mit allen dreißig
Jungen!
Diese Kinder, die schon seit Jahren keine Nachrichten, geschweige
denn irgendwelche Zuwendungen von ihren Eltern erfahren hatten,
waren ja Vollwaisen. Was sollte jetzt mit ihnen geschehen, wo
sollten sie bleiben? Fragen über Fragen kamen auf die Kuhlmanns
zu. Aber sie ließen sich nicht abschrecken, gemeinsam gingen
sie ans Werk und verschafften einem großen Teil ihrer Schutzbefohlenen
Adoptions- oder Pflegeeltern. Als sechs der Buben nach über
einem Jahr noch keine neue Heimat gefunden hatten, verschaffte
der Doktor für sich und diese sechs einen Platz auf einem
Frachtschiff Richtung Brasilien. Dort angekommen, konnte er bald
wieder in seinem Beruf arbeiten und außerdem auch für
seine Kinder so lange sorgen, bis alle bei deutschen Brasilianern
untergekommen waren. Alle haben es zu etwas gebracht und blieben
ihrem Doktor Zeit seines Lebens, wie einem Vater eng verbunden.
Lieber Leser, sicher kommt dir das alles recht kitschig und einer
Schnulze ähnlich vor, wahrscheinlich vermutest du, dass jetzt
Dichtung und Wahrheit ganz schön vermischt worden sind. Aber,
es hat sich tatsächlich alles so abgespielt, und wie es der
Zufall manchmal so will, stammen meine Informationen aus drei
voneinander völlig unabhängigen Quellen. Über sein
aufopferndes Verhalten in dieser turbulenten Zeit erfuhr ich erstmals
Jahre später von einem der Jungen, die bis zum Schluss mit
ihm zusammen gewesen sind. Ich selbst verließ das Heim schon
im Spätherbst 1940. Zunächst kam ich auf eine Schule
in Liegnitz in Schlesien, seit 1941 lebte ich mit meiner Mutter,
Großmutter und Schwester in Blankenburg im Harz.
|