In der Flieger-HJ in Blankenburg (Harz)
Als Siebenbürger Sachse kam ich 1940 in ein "Heim für auslandsdeutsche Kinder" in Hohenelse
bei Rheinsberg und später nach Liegnitz in Schlesien. Seit
1941 lebte ich mit meiner Mutter, Großmutter und Schwester
Hanna in Blankenburg im Harz. Ich erinnere mich noch an ganz seltene
Ausnahmen dort, denen ich vor meiner Zeit in Blankenburg noch
nie begegnet war. Ein Beispiel für so was war unser Klassenkamerad
Erwin. Sein Vater besaß ein bekanntes Textilgeschäft
in der Stadt. Dieser Mann hatte, wie allgemein bekannt war, zwei
Jahre in einem Konzentrationslager verbracht. Im allgemeinen Sprachgebrauch
hieß das, er war im KZ. Was man ihm zur Last gelegt hatte,
weiß ich nicht mehr, aber es kann sein, dass es auch gar
nicht allgemein bekannt geworden war. Über so was sprach
man ja so wenig wie möglich. Sein Sohn hatte zwar dadurch
keinerlei Nachteile, auch bei den Klassenkameraden wurde er voll
akzeptiert, aber von der HJ war er ausgeschlossen worden.
Alle mussten regelmäßig zum "Dienst",
er durfte gar nicht. Wir nahmen das hin, redeten nicht darüber,
aber hin und wieder beneideten wir ihn sogar. Manchmal passte
uns so ein Heimabend halt auch gar nicht in den Kram, besonders
natürlich, wenn wir deswegen irgendetwas Besseres auslassen
mussten. Bei ihm war das anders, er durfte ja nicht! Und irgendwann
einmal führte dieses Bewusstsein, ausgeschlossen zu sein
und zu sehen, dass fast alle Klassenkameraden sogar HJ-Führer
waren, dahin, dass wohl sein Verstand ausrastete.
Eines Montagmorgens also fehlte Erwin in der Schule und erst nach
ein paar Tagen erfuhren wir den seltsamen Grund dafür. Bevor
aber darüber berichtet wird, muss man noch über ein
paar Einzelheiten unterrichtet werden. So ein Geschäft, wie
das seines Vaters, führte neben der sonst üblichen Bekleidung
selbstverständlich auch die gesamte Bandbreite der Parteiuniformen
nebst allem Zubehör. Das verführte nun unseren Erwin
dazu, sich mit einer kompletten Uniform auszustatten, einschließlich
der vielen übrigen Insignien, die es sonst noch dazu gab,
um einen hohen HJ-Führer zu mimen. Mit all diesem Kram, gut
in einer großen Tasche versteckt, unternahm er nun eine
Fahrt in die nächste größere Stadt, in der ihn
normalerweise niemand kannte. Auf der Bahnhofstoilette zog er
sich um, gab die Tasche bei der Gepäckaufbewahrung ab und
stolzierte stolz durch die Straßen. Wenn er dabei immer
wieder von HJ-Jungen in Uniform zackig gegrüßt wurde,
entschädigte ihn das offensichtlich für die erlittene
Ausgrenzung. Natürlich flog dieses seltsame Spiel eines Tages
auf und unser Erwin verschwand von der Bildfläche. Keiner
erfuhr wohin, aber er tat uns leid.
In Blankenburg hatte ich mich bei der Flieger-HJ angemeldet. Das,
was ich hier beim ersten Heimabend vorfand, hätte ich nicht
erwartet. So eine gute Ausstattung wie hier hatte ich noch nirgends
erlebt. Eine riesige Werkhalle, mit vielen Arbeitstischen und
allem erforderlichen Werkzeug, vielen Maschinen und einer Menge
von Material aller Art, einfach alles stand uns freiwilligen Arbeitern
zur Verfügung. Unter Anleitung von erfahrenen Handwerkern
entstanden hier komplette Segelflugzeuge, aber auch viele Flugmodelle,
die von den jüngeren gebaut wurden. Hier gab es natürlich
keine Probleme mit dem Ansammeln von Arbeitsstunden, über
die dann gewissenhaft Buch geführt wurde, weil nur sie ja
zum Segelfliegen berechtigten. Und da in meinem Buch, das ich
von Liegnitz mitgebracht hatte, schon eine ausreichende Anzahl
von Arbeitsstunden eingetragen waren, wurde ich gleich eingeladen,
am nächsten Sonntag per Fahrrad zum Fliegen nach Wernigerode
mitzufahren. "Gemeinsame Abfahrt, morgen Früh um sechs!"
Jetzt war Holland in Not: "Ich besitze weder ein Fahrrad,
noch könnte ich damit fahren", war meine erschrockene
Antwort. "Kein Problem, das regeln wir" und es wurde
tatsächlich geregelt. Einer hatte ein zweites Fahrrad, das
er mir gern ausleihen würde und ein Klassenkamerad erklärte
sich bereit, mir das Fahren darauf am Samstagnachmittag beizubringen.
"Wir treffen uns auf dem Vorplatz der Schule, dort laufen
uns die wenigsten Leute in die Quere", meinte Paul. Da hatte
er schon recht, aber wenn die, die ich sah, doch wenigstens ausweichen
würden, aber sie standen stur überall herum - die vielen
dicken Bäume. Der ganze große Platz stand voll davon
und es galt sie zu umfahren und das, wenn man wie ich, noch nie
auf einem solchen Drahtesel gesessen war.
Wenn auch etwas unsicher und gelegentlich auch ein wenig wackelig,
so kam ich am Tage darauf doch unbeschadet bis nach Wernigerode.
An der Ausfahrt, Richtung Flugplatz, ereilte mich aber doch noch
mein Schicksal: flott ging es bergab, wir sahen schon die Segelflugzeuge
in der Ferne, da kreuzten auf einmal Eisenbahnschienen diagonal
unsere Straße. "Aufpassen Hans", rief noch einer,
da war's auch schon geschehen, mein Vorderrad blieb in den Schienen
hängen und ich absolvierte einen unfreiwilligen Flug über
die Lenkstange hinweg, mit einer sehr plötzlichen und recht
unsanften Landung. Mein erster Gedanke war: hoffentlich ist dem
geliehenen Rad nichts passiert. Ich konnte mich beruhigen, nicht
der kleinste Schaden war festzustellen, aber mein Knie, das sah
bös aus! Nach der provisorischen Versorgung mit einem darum
herum gewickelten Taschentuch konnten wir jedoch die Fahrt fortsetzen.
Der Fluglehrer untersuchte gleich meine Verletzung und schickte
mich umgehend in das nahe gelegene Krankenhaus zur fachgerechten
Versorgung. Dort riet man mir allerdings davon ab, heute normalen
Dienst auf dem Fluggelände zu verrichten. Der Fluglehrer
sah das natürlich ein und so verbrachte ich einen endlos
langweiligen Tag mit Nichtstun. Am Abend, nachdem die Schulungsflieger
schon in der Halle waren, ließ er einen Zweisitzer herausholen
und lud mich als Entschädigung für mein heutiges Pech
ein, mit ihm gemeinsam ein paar Runden zu drehen.
Das war nun endlich richtiges Fliegen. Die tief stehende Sonne
erzeugte mit den langen Schatten ein wunderbares, kontrastreiches
Bild von der schönen Harzlandschaft und dem mittelalterlichen
Fachwerkstädtchen Wernigerode. Einen besseren Abschluss dieses
Tages hätte ich mir nicht träumen lassen, nie wieder
habe ich einen Flug so genossen, wie diesen.
Durch die Kriegsereignisse bedingt, reichte es mir leider nur
bis zur so genannten A-Prüfung, für die nur ein Gleitflug
aus relativ geringer Höhe verlangt wurde, und so habe ich
leider nie selbst richtig fliegen gelernt. Jetzt konnte ich aber
immerhin Fahrrad fahren und hatte nur noch die Sorge, wo ich für
den nächsten Sonntag eines ausleihen könnte, denn zu
kaufen gab es so was in diesen Zeiten natürlich nicht. Aber
immer wieder im Leben habe ich gute Leute gefunden, so auch diesmal.
Eine uns bekannte Dame aus der Nachbarschaft, die von meiner Suche
erfuhr, lieh mir das Rad ihres Sohnes, der als Soldat im Krieg
war. Das war ein sehr großer Vertrauensbeweis, und ich habe
immer aufgepasst wie ein Luchs, dass ihm nichts passiert.
Fast ein Jahr hatte ich nun mein eigenes Fahrrad und musste nicht
mehr herumsuchen, bis mir jemand eines borgte. Leider ging auch
dieses Jahr zu schnell vorüber, denn schon im Spätherbst
1943, wurden alle Schüler unserer Klasse miteinander als
Luftwaffenhelfer eingezogen. Bevor wir abreisten, lieferte ich
das Fahrrad bei der netten Dame wieder ab.
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