Als Luftwaffenhelfer in Salzgitter 1943/44
Für mich ging im Herbst 1943 in Blankenburg (Harz) die schöne
Zeit als normaler Schüler endgültig vorbei, denn unsere
komplette Klasse kam als Luftwaffenhelfer in die Nähe von
Braunschweig zur Fliegerabwehr. Dort sollte zwar der Unterricht
weitergehen, denn einige Lehrer wurden ebenfalls mit uns abkommandiert.
Letztendlich aber war alles nur noch pro forma, zum richtigen
Lernen kam man doch nicht mehr.
Unsere Flak-Batterie befand sich gemeinsam mit noch vielen anderen
am Rande eines riesigen Industriekomplexes bei Watenstett-Salzgitter
und sollte ihn gegen Luftangriffe schützen. Als wir dort
am Bahnhof aus dem Zug stiegen, fingen wir allesamt auf einmal
an zu husten. Wir kamen ja aus dem Harz, wohin man sogar Kranke
der guten Luft wegen schickt, und jetzt atmeten wir hier ein Gasgemisch
ein, das aus vielen hundert Schornsteinen ungefiltert in die Umwelt
geblasen wurde. Über zwei Wochen brauchten unsere Bronchien,
bis sie sich daran gewöhnt hatten.
Neben den Schulstunden wurden wir an den Kanonen und den verschiedenen
Geräten zur Ortung und Erfassung feindlicher Flugzeuge ausgebildet.
Vom heutigen Stand der Technik gesehen, waren es allerdings vorsintflutliche
Maschinen. Erstaunlicherweise waren sie immerhin so wirksam, dass
dieses Werk den ganzen Krieg über nie ernsthaft von den feindlichen
Bomben beschädigt wurde. Der Aufwand, der zum Schutze dieser,
"Hermann-Göring-Werke" getrieben wurde, war aber
auch beträchtlich. Ich erinnere mich einer Nacht, als ein
Anflug der englischen und amerikanischen Bombenflugzeuge auf das
Werk offensichtlich wurde. Wir hatten bereits Flugzeuge im Visier,
als völlig unerwartet und für uns zunächst auch
unverständlich ein striktes Schießverbot erfolgte.
Plötzlich sahen wir, in gar nicht so großer Entfernung,
aber deutlich außerhalb der Werkanlagen, so genannte Christbäume
aufleuchten. Das waren Schwärme von Leuchtraketen, die an
Fallschirmen langsam herabsanken. Normalerweise, wurden sie von
einer Vorhut der angreifenden Bomber abgeworfen, um den nachfolgenden
das Zielgebiet zu markieren. Hier jedoch waren sie von einer Anlage
neben den Fabriken vom Boden aus hoch geschossen worden
und simulierten so ein Angriffsziel. Automatisch feuernde Flakgeschütze
täuschten dort heftige Abwehr vor und die Flugzeuge luden
ihre gesamte Bombenlast auf einem leeren Gelände ab. Die
HGW, wie man diese Rüstungswerke abgekürzt titulierte,
waren mal wieder unbeschadet davongekommen und die Kommandeure
der Bombergeschwader konnten daheim eine "erfolgreich"
abgeschlossene Aktion melden.
Abgesehen von den interessanten technischen Geräten, die
wir zu Beginn kennen lernten, lebten wir eigentlich hauptsächlich
von Urlaub zu Urlaub. Natürlich versuchten wir das Bestmögliche
aus unserer Lage zu machen. Wir hatten auch einige Sonderrechte,
um die uns die richtigen Soldaten beneideten. Aber letztendlich
waren wir mit unseren 16 bis 17 Jahren noch Kinder und benahmen
uns oft auch so. Unser Batteriechef, ein von unserem Standpunkt
aus alter Hauptmann, fand dauernd Gründe, sich über
uns aufzuregen. Er fühlte sich immer verpflichtet, uns in
seinem Sinne erziehen zu müssen. Als er uns einmal dabei
überraschte, als wir Roulette spielten, glaubte er uns natürlich
nicht, dass es um Knöpfe und nicht um Geld ging (selbstverständlich
hatte er recht, er kannte seine Pappenheimer) und wähnte
uns schon dem Spielerteufel verfallen.
Ein anderes Mal stellte er auf einem Kontrollgang während
der Putzstunde fest, dass wir unsere Uniformen mit Kaffee reinigten.
Dass wir ein Nahrungsmittel zum Reinigen verwendeten, erregte
ihn dermaßen, dass wir größte Mühe hatten,
ihn wieder zu beruhigen. Erst nach dieser Aufregung, die uns völlig
überzogen schien, klärte uns ein Leutnant über
den Grund seiner leichten Erregbarkeit auf: Unser Hauptmann war
während eines Einsatzes an der Ostfront mit seiner Einheit
in einen Hinterhalt geraten und hatte, wie durch ein Wunder, als
einziger überlebt. Er fühlte sich aber danach so schuldig
am Tod der Leute, die ihm anvertraut gewesen waren, dass er anfing,
überall nach ihnen zu suchen, man musste ihn gewaltsam davon
abhalten. Daraufhin, war er dann eine längere Zeit in psychiatrischer
Behandlung und eigentlich nicht mehr kriegstauglich. Aber auf
seinen ausdrücklichen Wunsch hin wurde er dann wenigstens
bei der Heimatflak eingesetzt. Seit wir diese Vorgeschichte kannten,
brachten wir mehr Verständnis für ihn auf, und unser
Verhältnis besserte sich zusehends. Mit der Zeit wurde er
uns ein väterlicher Freund und niemand ärgerte ihn mehr.
Zu den Sonderrechten der Luftwaffenhelfer gehörten zwei wichtige
Dinge, die uns vieles erträglicher erscheinen ließ.
Das eine war der Wochenendurlaub, der uns fast jeden Monat zustand,
und das andere, dass wir nach einem nächtlichen Fliegeralarm
Anspruch auf längeres Schlafen hatten. Gerade dieses Ausschlafen
brachte aber den normalen Dienstplan völlig durcheinander.
Damals gab es bei der Fliegerabwehr ein Prinzip, das unserer Ansicht
nach nur am grünen Tisch entstanden sein konnte: Wenn irgendwo
im Reichsgebiet ein unbekanntes Flugobjekt registriert wurde,
mussten sofort alle Flakstellungen, vom äußersten Norden
bis tief in den Süden in Alarmbereitschaft versetzt werden.
Dort, an ihren Geschützen und den sonstigen Geräten,
mussten die Mannschaften nun ausharren, bis endlich feststand,
was da wohin geflogen war. Das dauerte manchmal Stunden, und so
lange standen auch wir uns die Beine in den Bauch, verfolgten
aufmerksam die Meldungen in den Funkgeräten und sehnten uns
nach unseren Betten.
Alles das, war aber schlagartig vergessen, wenn es hieß:
"Mendgen, sie dürfen heute in Urlaub fahren". Gleich
nach Dienstschluss wurde das bisschen gepackt, was ich mitnehmen
wollte, hauptsächlich schmutzige Wäsche, und gemeinsam
mit den anderen Glücklichen fuhr ich per Omnibus zum Bahnhof.
Jetzt hieß es nur noch hoffen, dass keine großen Verspätungen
unsere Heimfahrt behinderten. Zweimal mussten wir umsteigen bis
nach Halberstadt. Gegen 10 Uhr, wenn unser Zug dort einfuhr, suchten
wir mit den Augen gespannt den gegenüberliegenden Bahnsteig
ab. "Sind noch Leute in festlicher Kleidung unterwegs?"
Wenn das zutraf, dann war unser Blankenburger Zug noch da. Der
wartete zwar allabendlich auf die Theaterbesucher, die um diese
Zeit von der letzten Vorstellung kamen, aber leider nie auf unseren
Zug, der war ihm komischerweise egal.
War der Zug noch da, konnten wir noch am gleichen Abend zu Hause
ankommen, aber einmal war er halt doch schon abgefahren, weil
die Theatervorstellung etwas früher zu Ende war, - da standen
wir nun. "Der Warteraum ist geheizt, ihr könnt die Nacht
dort verbringen", verkündete uns der Rotbemützte.
Wir aber fingen an zu rechnen, 6 km schaffen wir pro Stunde, vielleicht
auch sieben und das mal vier. Wenn wir stramm marschierten, könnten
wir die 28 Kilometer bis Blankenburg in dieser Zeit geschafft
haben und um 2Uhr daheim sein. Der nächste Zug würde
erst morgen Früh um sieben fahren. Bei wunderschönem
Mondschein war es dann zwar eine anstrengende, aber schöne
Nacht. Unsere Rechnung ging auf, wir waren pünktlich um zwei
Uhr zu Hause, wo ich die ganze Familie aus den Federn scheuchte.
Alle wollten ja wissen, was denn passiert sei, wenn ich mitten
in der Nacht heimkomme.
Schon im Frühjahr 1944, ging meine Zeit als Luftwaffenhelfer
zu Ende, denn ich erhielt meine Einberufung zum "Reichsarbeitsdienst"
nach Stendal.
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