Im Reichsarbeitsdienst 1944
Im Frühjahr 1944 ging meine Zeit als Luftwaffenhelfer in Salzgitter zu
Ende, denn ich erhielt meine Einberufung zum "Reichsarbeitsdienst"
nach Stendal. Jetzt während des Krieges dauerte die Dienstzeit
in diesem "ERADEE" (RAD) nur drei Monate. Damit begann
auch für mich der Ernst des Lebens, denn diese Einrichtung
war bekannt dafür, besonders streng militaristisch zu sein.
Ich hatte aber vor, das Beste daraus zu machen und wartete erst
mal ab. Zunächst überraschte mich, dass so viele Oberschüler,
Gymnasiasten und Studenten in unserer Einheit waren. Das konnte
ja heiter werden, wenn wir hier mit unseren Dummejungenstreichen
weitermachen würden. Natürlich mussten wir erst die
Grenzen ausloten, denn selbstverständlich hatten wir sicher
auch Vorgesetzte, die wir respektierten mussten. Aber ungeschickter
Weise hatten die übergeordneten Dienststellen auch solche
Leute als Führer eingesetzt, Truppführer und Unterfeldmeister
hießen die unteren Chargen, die einer solchen Meute wie
wir absolut nicht gewachsen waren. Sicher kann sich das heute
ein Außenstehender kaum vorstellen, aber wir trieben sogar
hier unseren Unsinn à la Feuerzangenbowle, bei solchen
"Führern", die eigentlich eher Nieten waren.
Ein Paradebeispiel für so einen unfähigen Mann war unser
Unterfeldmeister, der seine Minderwertigkeitskomplexe gerne hinter
einem besonders zackigen Verhalten zu verstecken suchte. Außerdem
hatte er absolut keinen Humor. Weil wir albernen Kerle aber bei
jedem seiner Ausrutscher zu kichern anfingen wie Backfische, und
er oft nicht einmal erkannte, was uns nun schon wieder so erheiterte,
steigerte er seine Grobheit von Tag zu Tag immer mehr. Alles fing
damit an, dass er den Auftrag erhalten hatte, uns einen Vortrag
über das Leben Adolf Hitlers zu halten. Er hatte sich gut
vorbereitet und deklamierte seinen Text auswendig. Leider passierte
ihm aber schon zu Beginn ein Fehler, der die ganze Mannschaft
amüsierte. Anstelle davon zu sprechen, dass Adolf schon als
Kind Führereigenschaften entwickelt habe und unter seinen
Kameraden immer der "Rädelsführer" gewesen
sei, zitierte er in Unkenntnis der Bedeutung dieses Wortes ein
paar Mal: "Räderführer". Es irritierte ihn
dann dermaßen, als wir bei diesem "heiligen" Thema
zu kichern anfingen, dass er einige Mal aus dem Konzept geriet
und ausgerechnet diese Stelle, zu unserer erneuten Erheiterung,
wiederholen musste. Seine Situation verbesserte sich dann keineswegs,
als wir zufällig eines Tages in Erfahrung brachten, dass
er von Beruf Bonbonkocher war. Damals, im Zeitalter der Vorurteile,
war dies ein Beruf, den er sicher nicht freiwillig hätte
bekannt werden lassen.
Neben gelegentlichem Exerzieren bestand unsre Hauptaufgabe darin,
den Militärflugplatz von Stendal zu erweitern. Allzu schwer
war die Arbeit ja nicht, denn wir hatten es dort nur mit Sand
zu tun. Allerdings strengte es auf die Dauer doch gewaltig an,
keiner von uns war ja an körperliche Arbeit gewöhnt.
Ich selbst hatte jedoch Glück, und das nur, weil ich Schriften
malen konnte. Schon kurz nach unserer Ankunft verlangte man nämlich
von jeder Zimmerbelegschaft, ein deutlich lesbares Schild mit
den Namen der Bewohner an der Türe anzubringen. Das war meine
Stunde, ich machte ein kleines Kunstwerk aus unserem Türschild
und wurde prompt dazu abkommandiert, die vielen Materialkisten
im Lager unserer Einheit ebenfalls kunstvoll zu beschriften. Meine
Schaufel benötigte ich von nun an nicht mehr, ich benutzte
nur noch Pinsel. Aber Pinsel waren damals rar, in ganz Stendal
war keiner aufzutreiben, der für meinen Zweck geeignet gewesen
wäre. Schließlich setzte ich mich hin und stellte mir
mein Werkzeug selber her.
Nun folgten unterhaltsame Monate, überall wo ich arbeitete,
saßen Leute, mit denen man schwatzen konnte. Als unser Chef,
der Oberstfeldmeister, seine Umzugskisten ebenfalls von mir anstreichen
und beschriften ließ, kam ich vor lauter Gesprächen
mit ihm kaum zum Arbeiten. Er war ein belesener Mann, lieh mir
Bücher aus und unterhielt sich dann mit mir stundenlang darüber.
Ich konnte also meine Arbeit so einteilen, dass mir die restliche
Zeit in Stendal keine großen Probleme mehr machte.
Ein Kamerad in unserer Stube hieß von Rantzau und war der
Neffe des damals allgemein bekannten Grafen Ulrich von Brockdorf-Rantzau.
Dieser Graf hatte als Staatssekretär des Auswärtigen
Amtes (Außenminister) im Jahr 1919 die deutsche Friedensdelegation
in Versailles angeführt, aber eine Unterzeichnung des angebotenen
Friedensvertrages abgelehnt. Seiner Ansicht nach waren die Bedingungen
nicht akzeptabel. Die Unterzeichnung erfolgte dann zwar trotzdem,
eben durch einen Andern, aber durch dieses Verhalten wurde von
Brockdorf-Rantzau später von den Nationalsozialisten sozusagen
posthum vereinnahmt (er starb ja schon 1928).
Sein Bruder, also der Vater unseres Stubengenossen, war ein hoher
General der deutschen Wehrmacht und alterierte sich einmal gesprächsweise
beim Reichsarbeitsführer Hirl, unserem allerobersten Chef,
über die rüde Ausdrucksweise seiner subalternen Vorgesetzten.
Gemeint, war in diesem Fall unser Unterfeldmeister, der die Angewohnheit
hatte, seiner Ansicht nach besonders tadelnswerte Arbeitsmänner
seiner Truppe mit Russen zu vergleichen. Unser Kamerad hatte das
unvorsichtiger Weise in einem Brief nach Hause erwähnt, nicht
ahnend, dass sein Vater das gleich brühwarm weitergeben würde.
Auf jeden Fall, entwickelte sich daraus ein Mords-Theater. Eine
ganze Abordnung hoher Chargen des RAD meldete sich zur Untersuchung
dieses "Falles" an. Bei aller Antipathie unserem Vorgesetzten
gegenüber fanden wir das alle, unser Rantzau eingeschlossen,
für reichlich übertrieben und äußerten dies
auch unserem Oberstfeldmeister gegenüber. Daraufhin mobilisierte
dieser ein paar einigermaßen redegewandte Leute seiner Einheit,
darunter auch mich, und bat uns, die avisierte Abordnung zu beschwichtigen.
Glücklicherweise gelang das offenbar vorzüglich, denn
unserm Unterfeldmeister passierte gar nichts, nachdem die hohen
Herrschaften wieder abgezogen waren. Den Vergleich mit den Russen
unterließ er allerdings in Zukunft, wenn er sich auch sonst
nicht ändern konnte. Der Leser wird das vielleicht nicht
ganz verstehen, denn er ist wahrscheinlich nicht mit den tausenderlei
Vorurteilen vertraut, die damals Allgemeingut waren. Die Negativpropaganda
gegen die Russen hatte zur Folge, dass ein Vergleich mit ihnen
als äußerst ehrenrührig verstanden wurde und auch
so gemeint war.
Trotzdem ich durch meine Tätigkeit als Schriftenmaler keinen
normalen Spaten mehr benötigte, musste ich den allgemeinen
Dienst selbstverständlich mitmachen und natürlich auch
meinen Exerzierspaten weiterhin pflegen. Mit diesem Ding, das
wir gleich am ersten Tag ausgehändigt bekommen hatten, wurde
ja nie gearbeitet. Dieser Spaten war das Symbol des Arbeitsdienstes
und ein ewiges Sorgenkind. Ständig musste man auf der Hut
sein, dass er nicht rostete, und nirgends bekam man damals Maschinenöl
oder Fett, mit dem man das hätte verhindern können,
nicht einmal Schmirgelpapier war aufzutreiben.
Am schlimmsten war ein Ausmarsch bei Regenwetter. Wenn man an
so einem Tag auch noch "Hinlegen und Sprung-Aufmarsch-Marsch"
exerziert hatte, wusste man nachher nicht, wie man ihn wieder
sauber bekommen sollte. Gerade rechtzeitig vor dem Abmarsch an
so einem trüben, feuchten Tag kam mir eine Erleuchtung: was
der Haut hilft, ist sicher auch gut gegen Rost, also schmierte
ich sorgfältig Nivea-Creme auf meinen blitzblanken Spaten.
Beruhigt, setzte ich ihn anschließend den Unbilden der Natur
aus. "Heute Abend spare ich eine Menge Arbeit", lobte
ich meine eigene Idee. Beim ersten Halt, wir standen noch mit
geschultertem Spaten da, schrillt plötzlich die überschnappende
Stimme des wohlbekannten Unterfeldmeisters: "Arbeitsmann
Mändgään, was haben sie mit ihrem Spaten gemacht?"
Was war denn jetzt wieder nicht in Ordnung? Ich nahm das Ding
von der Schulter und traute meinen Augen nicht: auf beiden Seiten
leuchtete mein Spatenblatt wie ein Signalfeuer rostrot unter allen
anderen hervor. Die Nivea-Creme hatte ihm offensichtlich gar nicht
gut bekommen. Mein früher Feierabend war somit gründlich
ins Wasser gefallen, denn ich musste mich mit dem Ergebnis meiner
Reinigungsarbeit, zu allem andern, noch am gleichen Abend beim
Oberstfeldmeister zum Rapport melden. Da unser Bonbonkocher gleich
überall Sabotage witterte, hatte er diesen Fall nämlich
vorsorglich gleich beim obersten Chef gemeldet.
Einmal erschien ein Porträtmaler auf der Bildfläche
und überall, wo ein paar "Arbeitsmänner" beieinander
standen, tauchte auch er auf. Er schaute sich dann kopfschüttelnd
die jungen Gesichter an, murmelte unverständliches und ging
weiter. Bei einer günstigen Gelegenheit erwischte ich ihn
allein und fragte, warum er so einen unzufriedenen Eindruck mache.
"Soll ich nicht unglücklich sein", antwortete er
mir, "ich soll Arbeitsmänner malen und finde lauter
Kinder!" Na ja, eigentlich hatte er recht, denn die ältesten
von uns waren damals gerade 18 Jahre alt, viele aber erst 17,
wie sollte er unter denen männliche Typen finden. Aber es
gelang mir tatsächlich ihm zu helfen. In unserem Zug war
einer, der wirklich wie ein Mann aussah. So konnte sowohl dem
Maler, aber natürlich auch dem Kameraden, bestens geholfen
werden. Der eine konnte seinen Auftrag ausführen und der
andere hatte ein paar schlaue Tage als Malermodell.
Anfang August 1944 kam ich dann zur Rekrutenausbildung in der
Wehrmacht zunächst nach Wien-Kagran und wenige Woche später
nach Dänemark.
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