Rekrutenausbildung in Dänemark 1944/45
Nach meiner Zeit im Reichsarbeitsdienst musste ich mich Anfang
August 1944 zur Rekrutenausbildung in der Wehrmacht in einer Kaserne
in Wien-Kagran melden. Unsere Grundausbildung spielte sich hauptsächlich
in den nahe gelegenen Donauauen ab. Dort erhielten wir infanteristischen
Drill, der bei dem schönen Wetter in diesem Jahr viele Schweißtropfen
kostete. Glücklicherweise blieb Wien in dieser Zeit von Bombardierungen
verschont. Während der trotzdem häufigen Fliegeralarme
wurde die Stadt zwar von vielen Bombergeschwadern überflogen,
die aber ihre todbringende Last an anderer Stelle abluden. Erst
kurz nach unserer Abreise im späten Herbst war die Kaserne
mit ihrem ganzen Umfeld Ziel eines vernichtenden Bombenangriffs.
Ende Oktober 1944 wurden wir verlegt. Weil Bahnlinien und Bahnhöfe
tagsüber häufig das Ziel feindlicher Luftangriffe waren,
konnten wir erst spät abends in unsere Viehwaggons verladen
werden. Da wir voraussichtlich mehrere Tage unterwegs sein würden,
versorgte man uns noch reichlich mit Verpflegung... und los ging's.
Mit vier Waggons traten wir dann unsere lange Reise nach Dänemark
an, wo unsere Ausbildung fortgesetzt werden sollte. Es sollte
mehrere Tage dauern, bis wir in Dänemark, auf der Insel Fünen,
am Ziel waren.
Inzwischen erfuhren wir von unserem Unteroffizier, was für
ein Schlaraffenland uns dort erwartete. In Dänemark gab's
nämlich damals noch keine Lebensmittelkarten. Er empfahl
uns, gleich an der Grenze dänisches Geld einzutauschen, damit
wir bei der ersten sich bietenden Gelegenheit einkaufen konnten.
Als dann doch noch vor der Grenze ein längerer Aufenthalt
kam, erbot sich der offizielle Begleiter des Transports, uns beim
Umtausch behilflich zu sein. Er sammelte also das Geld, das wir
umtauschen wollten, jetzt schon bei uns ein, damit wir dann an
der Grenze schneller zu unseren "Kronen und Öre"
kommen konnten. Alle fanden das sehr hilfsbereit von dem Mann
und es klappte offensichtlich auch vorzüglich. Schon an der
Zollstation befanden sich ein paar Läden, und wir deckten
uns mit den wunderbarsten Sachen ein, die man alle schon seit
Jahren in Deutschland gar nicht, oder wenn überhaupt, so
doch nur noch auf Marken bekam: Weißbrot, Kuchen, Schokolade,
Käse und, und, und...Viel Geld hatten wir ja gar nicht, also
mussten wir sowieso aufhören mit kaufen, und glücklicherweise
fuhr der Zug auch bald weiter.
Naiv wie wir alle waren, (fast alle, wie wir später merken
werden!) akzeptierten wir unbesehen den Umrechnungsfaktor, den
uns der hilfsbereite Feldwebel beim Geldumtausch präsentiert
hatte. Einer aber, es war der Sohn eines Kaufmanns, erkundigte
sich am Wechselschalter nach dem amtlichen Kurs. Prompt
stellte er eine deutliche Differenz zu dem uns so hilfsbereit
offerierten Faktor fest und verlangte die Rückzahlung des
Unterschieds. Dummerweise stritt jener eigensinnige Geschäftemacher
aber ab, uns übervorteilt zu haben, und hatte sich damit
ein echtes Problem eingehandelt. Natürlich wurde er angezeigt,
und im weiteren Verlauf der Nachprüfung stellte es sich dann
heraus, dass er diese Aufbesserung seiner Löhnung schon praktizierte,
seitdem er als Zugbegleiter abkommandiert war, und das war er
schon seit fast einem Jahr. Üblicherweise kam so ein Fall
vor ein Kriegsgericht und hätte schreckliche Folgen für
den Betroffenen haben können. Unser Batteriechef löste
diese Angelegenheit jedoch auf eine viel unauffälligere Art.
So ganz beiläufig erfuhren wir schon am nächsten Tag,
dass sich unser ehemaliger Zugbegleiter "freiwillig"
an die Ostfront gemeldet habe und bereits dorthin unterwegs sei.
Wir Neuankömmlinge bezogen auch hier wieder Baracken, die
aber den Vorteil hatten, keine Wanzen zu beherbergen. Sie gehörten
zu einer ganzen Anzahl von Flakbatterien, die den Rand eines riesigen,
noch im Bau befindlichen Militärflugplatzes säumten.
Offensichtlich war dieses umfangreiche militärische Objekt
von den Engländern und Amerikanern noch nicht entdeckt worden.
Unsere Flugzeuge starteten deshalb von hier allenfalls bei Nacht,
um ja nicht aufzufallen, und selbst wenn wir von ganzen Geschwadern
feindlicher Bomber überflogen wurden, gaben wir keinen Schuss
ab, um unsichtbar zu bleiben. Und es war beängstigend, wie
viele über uns hinweg nach Deutschland hinein flogen!
Jetzt Ende 1944, Anfang 1945 war der Krieg in ein Stadium eingetreten,
wo kein vernünftiger Mensch mehr an den "Endsieg"
glaubte. Auch bei unseren Vorgesetzten merkten wir, dass sie ihre
Ansichten nur mühsam kaschierten. Man tat seine Pflicht,
verhielt sich unauffällig und ließ es sich, seinen
finanziellen Verhältnissen entsprechend, gut schmecken. Mit
dieser Auffassung war man bisher immer gut gefahren und in der
Regel beschäftigte man uns ja fortwährend, so dass man
sich schon aus Zeitmangel wenig Gedanken machen konnte. Wenn ich
allerdings Nachtwache hatte, kamen sie zwangsläufig, dann
konnte man sich ihrer nicht erwehren: Was kommt nachher, was ist
nachher, wo ist nachher, gibt's überhaupt noch ein nachher?
Alle Zukunft liegt im Dunkel, aber dunkler als in diesem Winter
war's nicht mehr vorstellbar. Ich erinnere mich, wie ich in solchen
Nächten, während ich meine Runden drehen musste, die
verschiedensten Möglichkeiten in Gedanken durchspielte, die
mir denkbar schienen. Aber all meine Phantasie reichte nicht aus,
mir ein Leben nach diesem Krieg vorzustellen. Gemeinsam mit vertrauenswürdigen
Kameraden diskutierten wir darüber, was uns wohl erwartete,
aber es waren fruchtlose Debatten, und höchst gefährlich
waren sie außerdem. Auf die Idee, so etwas Explosives aufzuschreiben,
wäre ich nie gekommen, aber was denkbar ist, geschieht auch.
Einer unserer Kameraden führte tatsächlich ein Tagebuch,
in dem er die Gedanken unserer Gespräche schriftlich festhielt.
Glücklicherweise erwähnte er keine Namen, denn sonst
wäre die Katastrophe total gewesen. So blieb er der einzige
Betroffene. Eines Tages nämlich wurde er während einer
Unterrichtsstunde plötzlich zum Hauptmann zitiert, von wo
er nicht wieder bei uns auftauchte.
Zunächst erfuhren wir lediglich, dass er im "Bau"
sei. Darauf konnten wir uns aber überhaupt keinen Reim machen,
was für ein Grund lag denn dafür vor? Von seinem Tagebuch
wussten wir damals noch nichts. Beim Umherstreifen in der Umgebung
eines Gebäudes,
das als "Bau"(Gefängnis) benutzt wurde, hatte ich
erst kürzlich einen verdeckten Zugang zu dessen vergitterten
Fenstern auf der Rückseite entdeckt. Schon am ersten Abend,
nachdem bekannt geworden war, wo sich unser Kamerad befand, schlich
ich gemeinsam mit noch zwei anderen dorthin. Ohne Mühe fanden
wir sogar das Fenster seiner Zelle und konnten uns leise mit ihm
unterhalten. Erstaunlich gefasst erzählte er, was passiert
war: der für die nationalsozialistische Schulung zuständige
Feldwebel hatte in unserer Abwesenheit die Stuben inspiziert und
dabei auch die privaten Bereiche nicht ausgelassen. Prompt war
er auf das Tagebuch unseres Zimmergenossen gestoßen und
hatte natürlich auch darin gelesen. Unverzüglich sei
er damit zum Hauptmann gerannt und habe verlangt, den Schreiber
wegen Defätismus (Schwarzseherei) vor ein Kriegsgericht zu
stellen. Man muss nämlich wissen, dass "nicht-an-den-Sieg-zu-glauben",
eine strafbare Handlung war!
Sogar während der Anwesenheit unseres Kameraden, dort im
Büro des Hauptmanns, sei es zwischen den beiden zu heftigem
Streit gekommen. Unser Chef wollte auch diesen Fall so lösen,
wie seinerzeit bei dem Mann mit dem falschen Wechselkurs. Auch
unseren Tagebuchschreiber wollte er "freiwillig" an
die Ostfront schicken. Der Feldwebel war aber strikt dagegen,
es müsse hier ein Exempel statuiert werden, verlangte er,
und wenn der Herr Hauptmann sich weigere, sehe er sich gezwungen,
auch ihn anzuzeigen. Noch zweimal besuchten wir unseren Freund,
dann war er verschwunden. Wir haben nie mehr etwas von ihm gehört.
Offiziell tischte man uns eine plausibel klingende Geschichte
auf und ging zur Tagesordnung über.
In die Zeit unseres Aufenthaltes in Dänemark fiel auch Weihnachten
und Neujahr. An beiden Terminen fanden Veranstaltungen statt,
die von uns Lehrgangsteilnehmern selbst organisiert wurden. Besonders
an Sylvester gab es dann zahlreiche heitere Darbietungen von talentierten
Kameraden, die uns den Ernst dieser Zeit vergessen ließen.
Wir waren allerdings immer froh, wenn unser Hauptmann entweder
gar nicht erschien oder wenigstens frühzeitig das Lokal verließ.
Er konnte offensichtlich nie abschalten, ich habe ihn nicht einmal
lachen sehen. Und darum konnte auch nie Ausgelassenheit aufkommen,
solange er dabei war.
Ursprünglich hätten wir im Anschluss an diesen Lehrgang
auf eine Offiziersschule kommen sollten, aber in der gegenwärtigen
Situation waren andere Prioritäten maßgebend. Fronteinsatz
war angesagt, denn von allen Seiten näherten sich die Kampflinien
zusehends dem deutschen Reichsgebiet. Unser Hauptmann hatte Listen
auslegen lassen, in denen die Orte der Einheiten vermerkt
waren, bei denen man sich zum Frontdienst melden konnte. Seine
Absicht war, uns die Möglichkeit zu verschaffen, unsere unmittelbare
Heimat zu verteidigen. Oder andersherum betrachtet, gleich daheim
zu sein, wenn alles aus war!
Aber so eine Version las man allenfalls zwischen den Zeilen, selbst
wenn sie tatsächlich so gemeint gewesen sein könnte.
Zu dem Zeitpunkt lag der Harz, die Gegend, die ja jetzt meine
Heimat war, glücklicherweise so weit weg vom Schuss, dass
ich mich bei der Wahl meines zukünftigen Fronteinsatzes von
anderen Argumenten leiten lassen musste. Ich hatte ein paar Kameraden,
die am Rhein in der Nähe Mannheims zu Hause waren, und denen
schloss ich mich an. Wir waren dann eine Gruppe von etwa 15 Leuten,
die sich dorthin gemeldet hatten. Ohne Kommentar wurde das auch
genehmigt. Auf dem Bahnhof bestiegen wir gemeinsam mit einem älteren
Unteroffizier, der uns bis zu unserem Ziel begleiten sollte, einen
Viehwaggon mit der Aufschrift: Mannheim.
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