Als Flaksoldat im Raum Mannheim 1945
Anfang 1945 wurde ich als junger Wehrmachtssoldat nach meiner Rekrutenzeit in Dänemark
nach Mannheim kommandiert. Gleich auf dem Marsch in die Kaserne
mussten wir über den, sicher unfreiwilligen, Humor in dieser
Stadt lachen. Wie jetzt überall in Deutschland, zierten auch
in "Mannem" Durchhalteparolen aller Art, die Wände
der Häuser. Gleich in der Nähe des Bahnhofes prangte
ein riesiges Plakat mit der Aufschrift: "MANNEM STEHT EISERN".
Gleich darunter, nicht weniger auffällig, der Hinweis: "VORSICHT,
EINSTURZGEFAHR". Die Stadt hatte in letzter Zeit viele Bombenangriffe
erleiden müssen, und allenthalben ragten einsturzgefährdete
Ruinen in den Himmel, wie auch diese einsame Wand mit ihren Sprüchen.
In der Kaserne wurde ich mit vier weiteren Kameraden unserer Gruppe
aus Dänemark zu einer Flakbatterie nach Frankenthal abkommandiert.
Mit Straßenbahn und Eisenbahn fuhren wir umgehend weiter
zum Endpunkt unserer Reise auf der westlichen Seite des Rheins.
Auf dieser Fahrt sahen wir, welch schreckliche Schäden von
den zahllosen Bomben schon angerichtet worden waren. Wir konnten
uns gar nicht vorstellen, wo die Menschen dieser Stadt noch wohnen
konnten. Auch Ludwigshafen sah nicht besser aus. Sogar die wesentlich
kleinere Stadt Frankenthal bestand fast nur noch aus Ruinen, über
deren Schuttberge auf den Straßen, man nur mühsam vorankam.
Unsere Batteriestellung befand sich außerhalb der Stadt
und hatte erstaunlicherweise noch keinen Schaden genommen. Aber
den Berichten nach war es erst zwei Tage her, dass ein Bombenangriff
Frankenthal zerstört hatte. Darum hatten wir den Anblick
dieser Stadt vorhin auch als so trostlos empfunden. Schnell wurden
uns unsere Aufgaben zugeteilt, denn nun begann der Ernst des Lebens.
Das Personal dieser Batterie war ein ziemlich zusammen gewürfelter
Haufen. Der alte Stamm bestand aus ein paar Obergefreiten, die
schon seit Kriegsbeginn dazu gehörten, dazu kamen einige
ältere Soldaten, die aufgrund irgendwelcher Gebrechen zu
dieser so genannten Heimatflak abkommandiert waren. Inzwischen
konnte man hier allerdings nicht mehr von Hinterland oder Heimatfront
sprechen, denn die Amerikaner rückten ziemlich schnell ostwärts
vor und waren gar nicht mehr so arg weit entfernt.
Interessanterweise, fanden wir zu diesen wesentlich älteren
Männern, die eigentlich unsere Väter hätten sein
können, nie ein echtes kameradschaftliches Verhältnis.
Wir sprachen sie immer mit "Sie" und ihren Nachnamen
an, während sie uns halbe Kinder selbstverständlich
duzten. Seit einem halben Jahr waren eine Gruppe Mannheimer Gymnasiasten
und ein paar 15-jährige Hauptschüler als Luftwaffenhelfer
auch mit von der Partie. Etwa 20 russische Freiwillige, die in
extra Baracken untergebracht waren, komplettierten die Mannschaft.
Die Russen wurden Hiwis (Hilfswillige) genannt. Erst vor kurzem,
über 50 Jahre nach dem Krieg, habe ich gehört, dass
dieses Wort heute noch benützt wird, allerdings meist ohne
Kenntnis seiner Herkunft und natürlich für einen völlig
andern Personenkreis.
Die Russen wurden für alle möglichen einfachen Arbeiten
herangezogen, die in einer solchen Einheit anfielen. In erster
Linie sorgten sie dafür, dass die Munitionsvorräte bei
den einzelnen Kanonen aufgefüllt waren. Das war eine schwere
Arbeit, denn wir verwendeten Patronen mit einem Durchmesser von
10,5cm, die über einen Meter lang waren. Weil zudem immer
zwei davon zusammen gepackt waren, wären zum Beispiel unsere
Luftwaffenhelfer unter so einer Last sicher zusammengebrochen.
Obwohl ja die Russen uns deutschen Soldaten als Freiwillige zur
Seite standen, entwickelte sich kein kameradschaftliches Verhältnis
zu ihnen. Im Gegenteil, eine "Verbrüderung" mit
ihnen war sogar untersagt. Wie eng dieser Begriff ausgelegt werden
konnte, erlebte ich am eigenen Leib. Ein Feldwebel hatte seine
Unterkunft in unserer Gemeinschaftsbaracke, und jeden Tag, etwa
zur gleichen Zeit, putzte ein Hiwi sein Zimmer. Auch solche Arbeiten
ließ man von diesen Leuten ausführen.
Zufällig kam ich eines Tages mit ihm ins Gespräch. Er
sprach sehr gut deutsch und wir unterhielten uns ausgezeichnet
miteinander. Am nächsten Tag richtete ich es mir dann so
ein, dass ich zur gleichen Zeit wieder dort war, um unsere Unterhaltung
fortzusetzen. Leider hatte ich aber nicht bemerkt, dass wir dabei
heimlich vom Feldwebel beobachtet wurden, der nichts Eiligeres
zu tun hatte, als meine "Verfehlung" sofort dem Batteriechef
zu melden. Umgehend wurde ich zur Rede gestellt und musste mir
eine geharnischte Strafpredigt anhören. Da nun schon zwei
Personen in die Angelegenheit involviert waren, konnte nur mit
knapper Not verhindert werden, wegen Verbrüderung mit dem
Feind angeklagt zu werden. Ich hätte es besser wissen müssen,
denn vor Jahren, zwischen Neuruppin und Rheinsberg, hatte ich
ja ähnliches als Schüler mit französischen Kriegsgefangenen
schon einmal erlebt.
Nacht für Nacht kamen die Flugzeuggeschwader und bombardierten
Mannheim und Ludwigshafen. Als sie dann anfingen, auch noch tagsüber
zu kommen, war es mit dem Schlafen ganz vorbei. Ich war manchmal
so müde, dass ich versuchte im Stehen einzuschlafen. Leider
funktioniert das nicht, denn in dem Moment, in dem man dann wirklich
einschläft, geben die Knie nach und man fällt in sich
zusammen. Nie wieder seither habe ich mich so nach Schlaf gesehnt
wie damals. Trotzdem kam man sich nicht bedauernswert vor, weil
es ja allen gleich erging und irgendwie ergab es sich ja doch
hin und wieder, eine Mütze voll Schlaf zu finden.
Eingedenk dessen, dass ich möglicherweise in naher Zukunft
größere Strecken zu Fuß würde laufen müssen,
beantragte ich Einlagen für meine Plattfüße. Zunächst
wurde ich auf ein Amt in Mannheim geschickt, und von da überwies
man mich nach Heidelberg. Einen größeren Kontrast,
wie der zwischen diesen beiden Städten damals, kann man sich
gar nicht vorstellen. Mannheim, eine Stadt, die in den letzten
Wochen systematisch Straßenzug um Straßenzug von den
amerikanischen Bomben in Schutt und Asche gelegt wurde, war die
schreckliche Gegenwart. Aber bereits als mein Zug in den Heidelberger
Bahnhof einfuhr, schien es mir, als ob ich in einer anderen Welt
gelandet sei. Schon der Bahnhof selbst überraschte mit seinem
intakten Anblick, aber als ich dann auf die Straße trat,
traute ich meinen Augen nicht. Massen von Menschen flanierten
an schön dekorierten Schaufenstern vorbei, vollbesetzte Straßenbahnen
ratterten durch die Stadt, ja, man sah sogar vereinzelt Autos
mit Zivilisten.
Plötzlich heulten die Sirenen, jetzt wird dieser Spuk schnell
vorbei sein, vermutete ich. Aber oh Wunder, bei den Leuten war
keinerlei Reaktion zu erkennen, habe ich Halluzinationen? Kein
Mensch soll hier auf die Idee kommen, hastig einen Luftschutzkeller
aufzusuchen, wie man das überall in Deutschland tagtäglich
gewöhnt war? Nein, tatsächlich keiner, denn hier waren
sich alle absolut sicher, dass auf diese Stadt keine Bombe fallen
wird. Hier hatten viele prominente Amerikaner studiert, diese
Stadt wollten sie nicht zerstören. Hierher, nach Heidelberg,
wollten sie nach dem Krieg wieder in eine heile Welt zurückkommen
können. Woher die Leute das so genau wussten, wird der Uneingeweihte
fragen: nun, sie hörten ebenfalls die Nachrichten der so
genannten "Feindsender. Freilich war das bei schwersten Strafen
verboten, aber immerhin eine echte Alternative zu dem propagandistischen
Geschwätz der offiziellen Sender. An das, was die sagten,
glaubte inzwischen sowieso niemand mehr, so wenig, wie an die
Wunderwaffen.
Der nächste Morgen brachte in Frankenthal eine entscheidende
Wende. Noch vor Tagesanbruch wurden unsere Russischen "Hiwis"
abgeholt und eine uns bislang unbekannte Gruppe von Flaksoldaten
montierte die so genannte Vierlingsflak ab, mit der wir uns bisher
die schnellen Jagdflugzeuge vom Leibe halten konnten. Schließlich
eröffnete man uns, dass auch wir morgen mit allen Geschützen
den Platz verlassen müssten, da die Amerikaner bereits in
unmittelbarer Nähe seien. Wir sollten nur noch auf die erforderlichen
Zugmaschinen warten, die aber bereits im Anrollen seien. Schöne
Aussichten, empörten sich alle, und wie sollen wir uns jetzt
der ständig anfliegenden Jagdflieger erwehren? Ihr müsst
halt mit euren großen Kanonen schießen, war die lakonische
Antwort. Und wir schossen aus allen Rohren. Getroffen haben wir
allerdings nichts, denn dafür waren unsere Geschütze
viel zu schwerfällig. Entweder bekamen die Angreifer mit
der Zeit doch Respekt vor unserem Geballere, oder sie wurden inzwischen
auf andere Ziele angesetzt, jedenfalls ließen sie uns gegen
Abend schließlich in Ruhe. Wir selbst waren inzwischen fast
taub geworden und konnten uns nur noch schreiend miteinander verständigen.
Das wurde zwar nach ein paar Tagen etwas besser, aber ein Rest
Schwerhörigkeit blieb mir zeitlebens.
Noch in der Nacht kamen die schweren Zugmaschinen, um unsere Kanonen
abzuholen. Sie konnten alle mitnehmen, bis auf eine. Diese sollten
wir auf ihrer Lafette, sozusagen von Hand, bis nach Ludwigshafen
und dann noch über die Rheinbrücke ziehen. Dort würde
dann eine Möglichkeit bestehen, sie zu unserer neuen Stellung
nach Weinheim an der Bergstraße zu schaffen. Also, in die
Hände gespuckt, und los ging's: links zwo drei vier, immer
der Straße nach. Nach schier endloser Zeit erreichten wir
Ludwigshafen - zu spät - ,die Brücke über den Rhein
war soeben gesprengt worden. Was nun? Die nächste noch intakte
Brücke befand sich in Speyer, also ab nach Süden geht's,
weiterziehen. Kurz vor Speyer fanden wir schließlich einen
mitleidigen Bauern, der uns mit seinem Traktor die Plackerei abnahm.
Ein Unteroffizier konnte mitfahren, wir übrigen folgten in
kleinen Gruppen per pedes nach. Immer wieder mussten wir in den
Straßengräben Deckung vor angreifenden Jagdflugzeugen
suchen, die im Tiefflug mit ihren Maschinengewehren die Straßen
"beharkten". Man kann sich denken, wie langsam wir vorankamen.
Am nächsten Morgen mussten wir gleich unserer Kanone hinterher
laufen, sie war ja ohne uns schon unterwegs Richtung Weinheim.
Es wurde dann wieder Abend, bis wir endlich unsere neue Stellung
gefunden hatten. Unser Gepäck war uns ja schon voraus gereist
und erwartete uns in einer von zwei großen Scheunen, die
unser Quartier für die nächste Zeit sein sollten. Ebenso
wartete auch ein Haufen Arbeit auf uns. Mit Pickel und Schaufel
mussten die neuen Geschützstellungen ausgeschachtet werden,
und wir hatten nur noch wenige Leute, die Hand anlegen konnten
beim Schaufeln der "Gräber" für unsere Kanonen.
Denn es war uns allen klar, dass dies wohl die letzte Stellung
für sie sein würde.
Das Wetter verwöhnte uns zwar in diesem März 1945, aber
das war auch schon die einzige Instanz, die gut zu uns war. Mit
der Arbeit mussten wir uns außerdem jetzt besonders sputen,
denn die Amerikaner rückten unaufhaltsam vor. Unsere schweren
Geschütze, die eine große Reichweite hatten, sollten
ihr Vorrücken mit Hilfe von "indirektem Beschuss"
ein wenig aufhalten. Endlich, nach ein paar Tagen Schufterei,
waren wir mit dem Stellungsbau fertig und begannen mit unserer
eigentlichen Aufgabe, nach der Landkarte auf Bodenziele zu schießen!
Kaum aber hatten die ersten Granaten die Rohre unserer Geschütze
verlassen, tauchte in der Ferne ein Aufklärungsflugzeug der
Amerikaner auf. In gleichmäßigem Abstand, gerade außerhalb
unserer Reichweite, flog es hin und her. Offensichtlich ermittelte
es die Koordinaten unserer Stellung. Wir selbst bekamen natürlich
weder über eigene Flugzeuge, noch über sonst irgendein
Medium, Nachrichten vom Erfolg unserer Schießerei. Aber
ein Störfaktor waren wir offensichtlich doch, denn nach kurzer
Zeit begann die amerikanische Artillerie mit ihrer noch deutlich
größeren Reichweite, sich auf uns einzuschießen.
Ihr Flugzeug hatte leider sehr gute Arbeit geleistet, denn haarscharf
in der Mitte ihrer ersten drei Granateinschläge, befand sich
unsere Batterie.
Jetzt war der Moment gekommen, in dem es uns mulmig wurde. Der
nächste Schuss der Amerikaner, könnte ein Volltreffer
sein! Längst hatte auch unser Batteriechef die Hoffnungslosigkeit
unserer Lage erkannt und wir erhielten den Befehl, das Sprengen
unserer Geschütze sowie der noch reichlich vorhandenen Munition
vorzubereiten. Bei allen Geschützen waren schon vor ein paar
Tagen je zwei Leute für diese Aufgabe eingeteilt und geschult
worden. In unserem Stand waren es der Geschützführer
und ich. Wir schickten alle anderen zum vorgesehenen Sammelpunkt
und warteten auf das Kommando zum Auslösen der Zeitzünder.
Plötzlich detonierte eine feindliche Granate unmittelbar
neben einem Geschützstand und das darauf einsetzende Geschrei
signalisierte uns, dass es wohl die ersten Verletzten gegeben
haben musste. Wo blieb aber jetzt der Befehl zum Sprengen? Auf
einmal sah ich ein paar Leute ihre Stände fluchtartig verlassen,
offensichtlich war die entscheidende Anordnung doch schon erfolgt.
Unsere Kopfhörer blieben aber stumm, war die Telefonleitung
unterbrochen? Egal, Befehl hin oder her, wenn wir jetzt nicht
sofort reagierten, wurde uns womöglich der Rückzug versperrt.
Sobald nämlich die Munition anfing, in die Luft zu fliegen,
würde hier die Hölle los sein. In Null Komma Nichts,
waren unsere letzten Handgriffe getan und wir flogen regelrecht
über die klebrigen Schollen des Ackers, der die Stellung
umgab. Dann erreichte uns der erste Knall. Ein kleiner Erdhaufen
erschien mir ausreichend als Schutz und ich warf mich dahinter,
und platsch, landete der Geschützführer direkt auf mir.
Total außer Atem, konnte auch er nicht mehr rennen und schnaufte
wie eine Lokomotive. Wir etablierten uns notdürftig hinter
unserem "Wall" und warteten zunächst ab, was nun
geschehen würde.
Nicht die Sprengladungen, die unsere Geschütze unbrauchbar
machen sollten, verursachten uns die meisten Sorgen, sondern die
großen Mengen an Munition, die da in die Luft fliegen würden.
Die Depots dafür befanden sich innerhalb der Erdwälle,
so dass bei den Detonationen jetzt alles nach oben flog. Womit
wir aber gar nicht gerechnet hatten, war das unberechenbare Verhalten
der Patronenhülsen. Sie wurden beim Explodieren der Köpfe
abgesprengt, weit hinauf katapultiert, rotierten dabei in rasender
Geschwindigkeit laut kreischend um sich selbst und stürzten
dann, immer noch heulend auf völlig unvorhersehbaren Flugbahnen,
aus allen Richtungen auf uns herab. Einige Mal, wurden wir beinahe
von ihnen getroffen, ständig mussten wir ihnen ausweichen.
Nachdem dieser Spuk endlich vorbei war, machten wir uns auf, die
andern, die schon längst außer Sicht waren, einzuholen.
Unser Gepäck hatten wir vorsorglich von einem Kameraden in
die Nähe des Fluchtwegs deponieren lassen. Das war eine gute
Entscheidung, wie sich jetzt herausstellte, denn unser Quartier
der letzten Tage, eine der zwei Scheunen, stand inzwischen in
hellen Flammen. Wir hätten dort nichts mehr holen können.
Bald erreichten wir die andern, und als wir uns endgültig
außerhalb der Reichweite der amerikanischen Artillerie befanden,
zog unser Batteriechef während einer improvisierten Mittagspause,
Bilanz über das, was ihm geblieben war. Das größte
Glück war, dass wir keine Toten zu beklagen hatten. Einer
unserer jungen Luftwaffenhelfer war allerdings durch einen Granatsplitter
an der rechten Hand leicht verletzt worden. Der arme Bub war so
verstört, dass er die ganze Zeit über weinte. Gott sei
Dank konnten wir ihn schon im nächsten Dorf bei Verwandten
zurücklassen. Fast beneideten wir ihn, denn für ihn
war der Krieg erst mal vorbei, für uns aber leider noch lange
nicht.
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