Jungmädchen im BDM
Ich war zehn Jahre alt und musste in die Hitlerjugend eintreten.
Dafür brauchte ich eine Jungmädchenkluft. Meine Mutter
hatte nicht so viel Geld, um eine zu kaufen. Ohne Kluft durfte
ich nicht hingehen. Aber hingehen musste ich, weil die Mutter
sonst bestraft wurde. So bekam ich doch noch einen dunkelblauen
Rock, eine weiße Bluse für besondere Veranstaltungen,
eine graue für die Heimatnachmittage und eine Kletterweste,
die aber mit klettern nichts zu tun hatte. Außerdem brauchte
ich eine schwarze Turnhose und ein weißes Turnhemd. Auf
das Turnhemd kam vorne in die Mitte eine Hakenkreuzrombe und auf
die Kletterweste, auf den linken Ärmel, ebenfalls, sowie
ein Dreieck, auf welchem: "Nord Nordsee" stand. Dann
wusste man gleich, woher ich kam. Alle Kinder in Deutschland bekamen
so eine Uniform. Die das bestimmt hatten, dachten sicherlich in
weiser Voraussicht daran, dass die Kinder mal sehr durcheinander
gewirbelt würden. Dann wusste man gleich, wohin sie gehören.
Ein schwarzer Schlips und ein Lederknoten gehörten auch noch
zur Uniform. Den Schlips konnte man wenigstens auch sonst mal
gebrauchen. "Da war das Geld nicht rausgeschmissen",
sagte meine Mutter, als ich mir den Arm verstaucht hatte und in
einer Schlaufe tragen musste.
Jeden Mittwoch ging ich zum Dienst, und wenn ein Mädchen
nicht kam, mussten alle antreten und zu dem Haus marschieren,
in dem die Schwänzende wohnte. Die Grete schwänzte immer.
Ihre Mutter wollte nicht, dass die Tochter da hingeht. Die Führerin
wurde ganz böse und sagte, dass sie die Grete anzeigen werde.
Von da ab schwänzte sie nie mehr. Dabei war es oft ganz lustig
bei ihnen. Wir lernten neue Lieder, mussten aber auch viel auswendig
lernen. Parteiprogrammpunkte, oder den ganzen Lebenslauf von unserem
Führer Adolf Hitler. Den mussten wir vor und rückwärts
kennen. Sein Geburtstag war äußerst wichtig, denn da
traf sich die ganze Hitlerjugend Deutschlands und sang und sang
und Reden wurden gehalten und Volkstänze getanzt. Nur Kuchen
und Saft gab es nicht wie auf einem richtigen Geburtstag.
In Bremen wurde einmal eine Brücke eingeweiht. Da musste
die Hitlerjugend antreten, denn der Führer wurde erwartet.
Da zogen wir alle die weißen Blusen an, flochten die Zöpfe
besonders stramm und mussten der Jungmädchenführerin
sogar die sauberen Fingernägel und Ohren zeigen. Dabei passte
auf so was die Mutter immer auf. Stundenlang warteten wir. Es
waren so viele Menschen dort, dass ich nicht einmal die Brücke
sehen konnte. Auf einmal war alles vorbei. Da fragte ich, wo denn
der Führer sei. Das wussten die Anderen auch nicht. Am nächsten
Tag stand in der Zeitung, dass er gar nicht da war, sondern der
Baldur von Schirach. So viel ich begriff, war das der oberste
Führer der Hitlerjugend. Ich begriff nur nicht, was der mit
der Brücke über die Weser zu tun hatte. Aber ich wusste
auch nicht genau, was der Führer mit der Brücke zu tun
hatte.
Ich ging jede Woche in den Turnverein. Ich hatte dort viele Freunde
und einen ganz netten Turnlehrer. Das war nun vorbei. Jetzt musste
ich jede Woche bei der Hitlerjugend turnen. Der Turnverein wurde
einfach geschlossen und der nette Lehrer durfte mit den Kindern
nicht mehr turnen. Die Mutti sagte, dass er nicht arisch sei.
Wieder etwas, wovon ich nichts verstand. Dabei konnte er Handstand
laufen. War da arisch so wichtig?
Der Großvater sagte: "Bald darf niemand mehr tun, was
er will". Das konnte ich nicht ganz glauben. Dann durfte
ich vielleicht nicht mit dem Puppenwagen spazieren fahren oder
mich mit meiner Freundin Helma treffen. Diesmal war es sehr traurig,
dass der Großvater recht behalten sollte.
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