In meiner Heimatstadt Bremen fielen immer wieder Bomben. Menschen
und Tiere starben unter den Trümmern. Deutschlands Jugend
und "Zukunft" sollte in Sicherheit gebracht werden.
Die Schulen wurden komplett verlegt. Einige kamen nach Hessen,
andere nach Oberbayern. Viele Mütter sträubten sich
ihre Kinder herzugeben, waren ihnen doch schon die Männer
genommen worden. Nur wenn sie selber die Stadt verließen,
um in sichere Gegenden zu ziehen, blieb ihnen eine Trennung erspart.
16 Monate dauerte schon der Krieg. Kein Ende war abzusehen. So
kam ich mit meiner Klasse nach Berchtesgaden/Schönau. Ich
kannte die Berge nur von Bildern. Trotz des Abschiedsschmerzes
von der Mutti, dem Schwesterchen und den Großeltern war
ich gespannt auf das, was mich erwarten würde. Mutti brachte
mich mit dem großen Koffer und der schweren Tasche zum Bahnhof.
Hunderte von Kindern nahmen dort Abschied von ihren Lieben. Es
war der 29. Februar 1941. Am späten Nachmittag setzte sich
der Zug in Bewegung. Schnell wurde es Nacht, aber niemand konnte
schlafen. Als die Landschaft hügelig zu werden begann, schrieen
schon die ersten Kinder: "Die Berge, seht die Berge".
Aber es war erst der Harz.
Ja sollte das etwa alles sein? Da war ich schon gewesen. Von richtigen
Bergen hatte ich eine ganz andere Vorstellung. Ganz enttäuscht
setzte ich mich wieder auf meinen Platz. Da hätte ich gleich
zu Hause bleiben können. Aber vielleicht konnte man es nicht
so gut erkennen, weil es sehr dunkel war. Als ich abermals hinaus
sah, war die Landschaft wieder platt wie ein "Pannkoken".
Genau nach 14 ½ Stunden Fahrt konnte ich mit den anderen
Kindern aussteigen. Wir waren endlich angekommen. Ein riesengroßes
Durcheinander entstand, denn nun bekamen alle ihre Häuser
zugeteilt. Meine Klasse musste in eine elektrische Kleinbahn einsteigen,
die uns nach Unterstein brachte. Wir nahmen unser Gepäck
und stapften, noch über ½ Stunde, im hohen Schnee bergauf
zu unserer neuen Heimat. Es war stockdunkel, man sah keinen Weg,
kein Haus, denn die Fenster waren vorschriftsmäßig
verdunkelt. Da fingen die ersten Kinder an zu weinen. Das Gepäck
war viel zu schwer. In die Schuhe kroch der Schnee, viele hatten
nicht mal Handschuhe oder eine Mütze.
Angekommen wurden die Zimmer verteilt. Jetzt bekamen wir noch
mehr Heimweh, denn wir waren mit Kindern aus einer ganz anderen
Schule zusammengelegt worden. Dabei waren sie uns so schrecklich
fremd. Ich kam mit noch 7 Mädchen in ein Zimmer. In dem Punkt
war ich ganz zufrieden. Dann wurden alle zum Abendessen gerufen.
Die Köchin Frau Johanna hatte es ganz besonders lieb gemeint
und für uns Ankömmlinge aus dem Norden Fisch gekocht.
Da strahlten die Gesichter, aber nur so lange, bis wir den ersten
Bissen in den Mund steckten. Niemand konnte den Fisch essen, er
war ungenießbar.
Am nächsten Morgen durften wir Kinder ausschlafen. In unsere
Zimmer kam kein einziger Lichtstrahl hinein, und so war die Überraschung
ungeheuer groß, als wir die Fensterläden öffneten.
Einige schienen ihre Stimme verloren zu haben, andere lachten
laut oder sprangen vor lauter Freude über die Betten. Die
Berge standen im hellen Sonnenschein direkt vor uns. Sie waren
mit Schnee bedeckt, dass es nur so funkelte. Der Himmel war strahlend
blau. Wir mussten im Paradies gelandet sein. Schon an diesem ersten
Morgen bekam ich einen Brief von meiner Mutti. Da war die Welt
für mich in Ordnung.
In der ersten Zeit schreckte ich nachts hoch. Andere Kinder fingen
an zu schreien. Das kam alles noch von dem nächtlichen Fliegeralarm.
Aber langsam wurden wir ruhiger und schliefen tief und fest. Wurde
die Post verteilt, nachdem in Bremen Bomben gefallen waren, gab
es oft Ängste und Tränen, wenn keine Nachricht von daheim
dabei war. Telefonieren konnten wir nicht. Die meisten hatten
gar kein Telefon zu Hause. Zudem hatten die Bomben einen Teil
zerstört. So wurde die Postausgabe der schönste oder
traurigste Moment des Tages.
Schon bald machte ich meine ersten Bergwanderungen. Dann wurde
schon um 3 Uhr in der Früh aufgestanden, denn um 4 Uhr war
Abmarsch. Um 10 Uhr vor der Mittagshitze wollte man am Ziel sein.
Ich war in der Wimbachklamm, auf dem Blaueisgletscher, im Torennerjoch,
am Hohen Göll, auf der Königsbachalm, im Watzmannhaus,
auf dem Königssee, in Salzburg, in Bad Reichenhall auf dem
Predigtstuhl und auf dem Obersalzberg, wo wir zum Führer
sollten, aber nicht vorgelassen wurden.
Doch ohne die Mutti und die Schwester hielt ich es nicht mehr
aus, ich wollte, dass auch sie alles miterleben konnten. Außerdem
war da die tägliche Angst wegen der Bombenangriffe. Weil
die Mutti auch große Sehnsucht hatte, entschloss sie sich,
mit meiner Schwester Astrid ebenfalls in die Berge zu übersiedeln.
30 Minuten Fußweg waren wir nun voneinander entfernt und
das war wirklich nicht schlimm.
Ich erinnere mich noch an den 20. April. Das war eine Aufregung,
der Führer hatte Geburtstag, und alle mussten es feiern.
Viele Schulklassen, die nicht im Berchtesgadener Land untergebracht
waren, reisten extra her. Die ganze Stadt war voller Hitlerjugend.
Auch ich musste die weiße Bluse für besondere Anlässe
anziehen. Die Kinder traten in Dreierreihen an und marschierten
nach Berchtesgaden. Unterwegs sangen wir ein Lied nach dem anderen
und bekamen Hunger. Wir hatten unser Essen im Brotbeutel dabei
und die Feldflaschen waren mit Pfefferminztee gefüllt. Wir
setzten uns an den Straßenrand und packten die Schätze
aus. Die Ruhe war vorbei, als eine andere Mädchengruppe mit
Gesang um die Ecke kam. Es waren Hamburger. Das konnten wir Bremer
nicht zulassen, dass wir von Hamburgern überholt wurden.
Ganz eilig wurde alles in die Brotbeutel gestopft, sich aufgestellt
und mit Riesenschritten weitermarschiert. Nun wurde alles daran
gesetzt, die andere Gruppe zu überholen. Als sie dann nebeneinander
hergingen und keiner dem Anderen den Vortritt lassen wollte, sangen
alle: "Blaue Jungs von der Waterkant." Beim Refrain
sangen die Hamburger statt: ".......in der Heimat, da ist's
am Besten", "......ja, ja, in Hamburg, da ist's am Besten.
Die Bremer brüllten dagegen an: ".....ja, denn in Bremen,
da ist's am Besten". So ging es bis Berchtesgaden. Nur, wenn
ihnen ein Fuhrwerk entgegen kam, war ein heilloses Durcheinander.
So kam es, dass mal die Bremer und mal die Hamburger auf der Überholspur
waren.
Natürlich war auf diesem Geburtstag der Gefeierte nicht selber
da. Vielleicht schenkte man ihm ein Foto von all den Kindern.
Zum Schluss gab es müde, hungrige und nicht ganz saubere
Jungs und Deerns, die sich gefreut hatten, dass keine Schule war.
Bei all der Abwechslung blieb das Heimweh. Meine Mutter musste
nach sieben Monaten zurück nach Bremen. Mein Schwesterchen
sprach inzwischen oberbayerisch und die Großeltern verstanden
kein Wort von dem was sie sagte. Eines Tages wurden Fragebogen
verteilt. Wer gern nach Hause wollte, musste es eintragen, und
dann wurde alles zu den Eltern nach Bremen geschickt. Die Lehrerin
schrieb noch etwas dazu und die Kinder gleich danach Schummelbriefe.
Wer jetzt nicht heim kam, sollte noch ein halbes Jahr bleiben.
Ich durfte ein Ferngespräch nach Bremen anmelden. Es dauerte
fast 4 Stunden bis die Verbindung hergestellt war. Ich sprach
mit der Mutti, der Großmutter, mit Muttis Freundin Hanna
und alle wollten, dass ich nach Hause komme. Vor Aufregung verstand
ich nichts mehr, außerdem heulte ich, sodass ich auch nicht
mehr reden konnte.
Bald darauf nahmen einige Mitschülerinnen und ich Abschied
vom Lagerleben in Berchtesgaden. Wir waren über 9 Monate
dort gewesen. Wir hatten gelernt, was Kameradschaft bedeutet,
wir waren selbstständiger geworden und ich hatte die Natur
entdeckt. Von da ab war ich nie mehr ganz in Bremen zu Hause.
Die Sehnsucht nach dem Süden war immer ein bisschen in mir.
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