Erinnerungen an Luftangriffe auf Bremen
Während des Krieges kam eine Zeit, wo ich besonders oft in
der Klasse fehlte, da meine Mutti schweres Rheuma bekam und das
Bett nicht verlassen konnte. Kam Fliegeralarm, schafften wir es
nicht bis in den Keller, schon gar nicht mehr bis in den Bunker.
Mindestens zweimal in der Nacht kamen die Bomber. Dann legte ich
meinen Kopf auf die Bettdecke der Mutti und breitete meine Arme
über sie und meine kleines Schwesterchen und betete ganz
still: "Lieber Gott, lass hier keine Bomben runter fallen".
Am Ende unserer Straße fielen Brandbomben auf unsere Kirche
und die stand in hellen Flammen. Zuerst ging niemand, um das Feuer
zu löschen, denn hinterher warfen die feindlichen Flugzeuge
schwere Sprengbomben. Deshalb traute sich niemand aus dem Keller.
Als Entwarnung kam, war es zu spät. Der Kirchturm war eine
lodernde Flammensäule und rundherum wünschten sich die
Menschen, dass er nicht auf ihr Haus fiele. So auch ich, denn
ich hätte die Mutti niemals allein aus dem Bett und die Treppe
hinunter tragen können. Aber diesmal hatten wir noch Glück
gehabt.
Bald konnte Mutti wieder aufstehen und jetzt mussten wir manchmal
dreimal in der Nacht unser Gepäck nehmen und um unser Leben
laufen. Manchmal kam eine Vorwarnung, dann zog man sich etwas
ruhiger an, setzte sich auf einen Stuhl und wartete auf den Alarm
oder die Entwarnung. Man beobachtete den Himmel und hörte
übers Radio, welche Route die Flugzeuge fliegen. Oft lief
man vor der Warnung los, denn am Eingang des Bunkers stauten sich
die Menschenmengen, und das konnte sehr gefährlich werden,
wenn schon die Bomben fielen. Sah man am Himmel die "Tannenbäume",
das waren Leuchtraketen, welche am Himmel schwebten, um den Fliegern
ihr Ziel zu zeigen, wusste man sogar, welches Viertel bombardiert
werden sollte. Ganz sicher war es natürlich nicht, denn Bomben
fielen auch daneben.
Ganz schlimm waren die Phosphorbomben wenn sie platzten. Da brannte
einfach alles, die Straßen, die Bäume, die Häuser
und schrecklicherweise wurden viele Menschen zu lebenden Fackeln.
Muttis Freundin Martha starb mit ihrem Kind im Keller, wo sie
Schutz gesucht hatten. Man sah es ihnen nicht an, dass sie tot
waren. Sie hatten von dem starken Luftdruck einer Sprengbombe
einen Lungenriss bekommen.
War ich in der Schule und es kam Fliegeralarm, so hatte die Mutti
noch mehr Angst, denn sie konnte nicht wissen, wo sie ihr Kind
im Notfall hätte suchen müssen. Umgekehrt war es auch
so. Ich fühlte mich am sichersten, wenn ich die Mutti und
die Schwester bei Alarm dabei hatte. Nachts guckte ich im Bunker
auch immer nach den Großeltern, die in einem anderen Raum
saßen. Es war eigentlich kein richtiger Bunker. Es war ein
sehr großes Bürogebäude. Darum konnten tagsüber
nicht alle Leute aus den umliegenden Häusern aufgenommen
werden. Als eines Nachts wieder ganz in ihrer Nähe Sprengbomben
fielen und das Haus schwankte, sich dabei die Bänke hoben,
stieg eine Nachbarsfrau aus meiner Straße auf die Bank und
schrie und schrie. Sie stand dabei auf meiner Hand, die gleich
anfing zu bluten. Krankenschwestern mussten kommen, um die Frau
auf die Krankenstation zu bringen. Es war ganz unheimlich, denn
alle anderen Leute waren still vor Angst.
Eines nachts waren die Menschen schon zweimal aus dem Schlaf gerissen
worden, um in den Bunker zu gehen. Ich hatte schon ganz lange
Arme vom Koffertragen bekommen. Die Mutti sagte immer: "Pack
nicht so viel ein, lass die Fotos zu Hause. Es gibt wichtigere
Dinge". Da stieß sie aber bei mir auf Granit. Alles
konnte man kaufen, wenn der Krieg vorbei war, aber wer hätte
ihnen die Fotos wiedergeben sollen? Nun war wieder Entwarnung
gewesen und alle waren nach Hause gegangen. Die Mutti legte das
Schwesterchen, das immer weiterschlief, im Kinderzimmer in ihr
Bettchen. Ich ging mit der Mutti nach nebenan. Wir schauten noch
einmal in den Himmel, um sich zu vergewissern, ob auch keine Flugzeuge
zu sehen sind. Die Scheinwerfer suchten den Himmel ab und immer
noch waren Leuchtraketen da oben.
Ich stand an der Balkontür, als ich ein scharfes Pfeifen
über mich hörte. Ich zog den Kopf zwischen die Schultern
und konnte mich nicht mehr rühren. "Nun ist es so weit",
dachte ich und meinte damit, dass eine Bombe grad auf unser Haus
fällt. Plötzlich war der Pfeifton weg. Erst herrschte
eine Totenstille, dann gab es eine Erschütterung und das
Haus schwankte. "Gleich - wird es zusammenfallen", dachte
ich und rannte dabei schon ins Kinderzimmer, riss ihr Schwesterchen
aus dem Bett und raste die Treppe runter. Nun vergaß ich
sogar die Fotos.
Ich kam nur bis zur ersten Etage, von da an war die ganze Treppe
voller Steine und Schutt. Vor lauter Staub konnte man seine Hand
nicht mehr vor den Augen sehen. Aber die Angst trieb mich weiter
mit meinem Schwesterbündelchen auf den Armen. Unten sah ich
die Bescherung. Der Raum, in welchem wir immer saßen, wenn
die Zeit zu knapp war, um den Bunker noch zu erreichen, war mit
dicken Mauerbrocken übersäht. Im Kellerzimmer, wo der
Heizer wohnte, war das Bett unter den Trümmern zusammengefallen.
Nie stand der Mann auf, wenn Fliegeralarm war, aber diesmal war
er nicht zu Hause gewesen. Eine Bombe war seitlich unten in das
Haus eingeschlagen. Es war ein Blindgänger. Nur 3-4 Meter
weiter ins Haus hinein wäre alles zusammengebrochen und die
Bombe wohl explodiert und niemand im Haus hätte es überlebt.
Von diesem Zeitpunkt an zog ich mir höchstens das Kleid aus,
wenn ich ins Bett ging. So war ich immer beim kleinsten Geräusch
auf dem Sprung. Fortan nahm ich auch mein Schwesterchen zu mir
ins Bett, und am liebsten kroch ich zusammen mit ihr zur Mutti
unter die Decke.
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