An der "Werkschule KLV" in Prag
Im August 1943 kam ich mit der Kinderlandverschickung (KLV) ins
Vogtland. Als ich 2 Monate dort war, wurde ein Mädchen gesucht,
dass besonders gut basteln konnte. Das sollte ich sein, und ich
bekam somit die Chance nach Prag zu fahren, um dort an einem Lehrgang
an der "Werkschule KLV" teilzunehmen. Ich durfte ein
Mädchen benennen, dass mitfahren konnte, und da schlug ich
die Anneliese vor. Nun durften wir eine Weile zusammen sein, was
uns beide sehr freute. In der Schule bekamen wir frei und so fuhren
wir vielbeneidet in die "goldene Stadt".
In Dresden hatten wir so viel Zeit, dass wir uns alle Sehenswürdigkeiten
ansehen konnten. Welch ein Glück, denn im Februar 1945 wurde
die Stadt total zerstört. Auf dem Bahnhof fiel uns ein großer,
dunkelhaariger Mann auf, der uns unentwegt beobachtete und verfolgte.
Es war Vorschrift, die Hitlerjugenduniform zu tragen, und das
bereitete uns plötzlich ein unangenehmes Gefühl. Wir
konnten nichts Konkretes sagen aber hatten gehört, dass es
Menschen gab, die die Hitlerjugend verfolgen und sogar verschwinden
ließ. Aber das waren sicher nur Gerüchte. So liefen
Anneliese und ich zwischen den Menschen hin und her, um diesem
unangenehmen Typen zu entrinnen.
Als es über die Grenze ging, wurden alle Abteiltüren
verschlossen. Wer sollte vor wem geschützt werden? In Prag
angekommen stand der Mann plötzlich neben uns. Blitzschnell
versteckten wir uns abermals und tatsächlich waren wir ihm
entwischt. Da standen wir nun mit unserer Angst und suchten die
Straße, die uns im Zug ein Hitlerjunge genannt hatte. Dort
sollte eine Unterkunft für durchreisende Soldaten und für
die Hitlerjugend sein. Es war inzwischen dunkel geworden. Wir
fürchteten uns, vielleicht war das eine Falle, in die wir
hineintapsten? Als wir das Haus fanden, waren wir froh, dass es
so "normal" aussah. Es war auch wohl nicht anzunehmen,
dass über der Tür stehen würde: "Achtung Falle!"
Viele Soldaten waren im Haus und alles sprach deutsch. Da beruhigten
sich unsere Phantasien etwas und wir schliefen todmüde ein.
Am nächsten Morgen ging die Sucherei weiter. Niemand konnte
uns sagen, wo die Gröbevilla im Gröbepark ist. Nach
vielen Umwegen und leerem Magen kamen wir doch dort an. Um sieben
Uhr mussten wir aufstehen und den ganzen Tag hatten wir Werkunterricht.
Das ging elf Tage lang so. Zwischendurch waren wir aber im Theater
und sahen "Agnes Bernauer". Ich traf sogar den Attilla
Hörbiger und sprach mit ihm. Das war ein Mann!! Alle Kursteilnehmerinnen
machten eine Rundfahrt durch Prag. Wir waren auf der Burg und
sahen uns mit Schaudern den Spitzenkragen des ermordeten Wallensteins
an. Wir vollzogen im Geiste den "Prager Fenstersturz"
nach und spuckten in die Moldau.
Am letzten Tag durften wir Einkäufe in der Stadt machen.
Ungewöhnlich für uns, dass so viele Männer zu sehen
waren, aber sie wurden ja nicht eingezogen. Alle Geschäfte
waren in tschechischer und deutscher Sprache ausgeschildert. Anneliese
und ich aßen uns erst mal an Kuchen satt, den wir ohne Lebensmittelmarken
bekamen. Abends im Bett dachte ich über eine merkwürdige
Begegnung nach: Ich stand bei einer Buchhandlung und betrachtete
die Auslagen. Plötzlich fühlte ich mich beobachtet.
Als ich die Augen hob, sah ich direkt in das Gesicht eines Soldaten
von der Luftwaffe. Er kam ihr so vertraut vor, und doch wusste
ich ihn nicht unterzubringen. Je länger ich darüber
nachdachte, stand für mich fest, dass es mein verlorengegangener
Vater war. Ich hatte ihn wohl 10 Jahre nicht gesehen. So richtig
konnte ich mich gar nicht an ihn erinnern. Außerdem sahen
die Männer in Uniform ganz anders als in Zivil aus. Sehr
viele Jahre später, als ich meinen Vater wiedertraf, erzählte
er ihr, dass er Ende Oktober 1943 in Prag gewesen war und sich
eingebildet hatte, sie zu sehen. Zu genau dieser Zeit war ich
auch dort gewesen.
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