Meine Mutter hatte Angst, mit meiner kleinen Schwester und mir allein zu sein, wenn
der Feind in Bremen einmarschiert, und entschloss sich, zu ihren
Eltern in das kleine Dorf Kirchhatten zu gehen. Es lag zwischen
Bremen und Oldenburg. Dort waren die Großeltern nach der
Ausbombung in Bremen untergekommen. Unten im Haus war eine Schlachterei,
unterm Dach bekamen sie zwei Zimmer. Dafür hatte ihre Tochter
Gesy gesorgt, die schon längere Zeit dort lebte, da sie aus
Münster vor den Bomben geflohen war.
So einfach war das Unternehmen nicht. Die paar eigenen Sachen,
die man noch besaß, sollten mit. Aber wie? Ein Bus oder
ein Zug fuhr nicht nach dort. Ich lieh mir ein Fahrrad, fuhr zu
den Großeltern und nahm Großvaters Rad mit zurück.
Es waren über 20 km, und mit zwei Rädern zu fahren war
viel anstrengender, als ich es gedacht hatte. Aber die Mutti konnte
doch nicht zu Fuß gehen, obwohl ich sie noch nie auf einem
Fahrrad sitzen gesehen hatte. Nette Leute liehen uns einen Fahrradanhänger,
aber wir wussten nicht, wie wir ihn am Rad befestigen sollten.
Wir nahmen einen Bindfaden und banden beides zusammen. Fast alle
Habseligkeiten wurden eingepackt. Zuoberst kamen die beiden Daunensteppdecken
und darauf wurde das Schwesterchen gesetzt. Ich fuhr mit dem Anhänger.
Die Mutter fuhr mit Großvaters Rad.
Als wir auf einer langen geraden Straße fuhren, hörten
wir über uns Flugzeuggeräusche, aber wir wussten nicht,
ob es Freund oder Feind war. Das sollten wir sehr schnell erfahren,
denn aus den Flugzeugen wurde auf uns geschossen. Dabei waren
wir doch wirklich so unwichtig, aber der Anhänger mit den
weißen Betten bot ein gutes Ziel. Wir schmissen alles auf
die Straße und legten uns hinter eine Böschung. Viele
Einschüsse waren in der Teerdecke, aber wir selbst und auch
die Sachen blieben verschont.
Am nächsten Morgen band der Großvater mit einem Draht
den Anhänger fest, so konnte nichts passieren. Noch einmal
fuhr ich zurück nach Oldenburg. Dort gab ich das geliehene
Rad zurück, legte die restlichen Sachen in den Anhänger
und machte mich nun zu Fuß wieder auf den Weg. Einige Kilometer
vor Kirchhatten fuhren zwei Soldaten auf Fahrrädern an mir
vorbei. Sie drehten wieder um und fragten, wohin ich will. Der
Offizier befahl seinem Burschen, dass er den Anhänger an
sein Rad binden soll, um es zu den Großeltern zu bringen.
Sie hatten aber nicht mit meinem Misstrauen gerechnet. Ich trennte
mich nicht von meinen Sachen. So musste der Bursche sein Rad hergeben
und zu Fuß weitergehen. Ich fuhr mit einer Panzerfaust vorne
an der Lenkstange und in Begleitung eines Offiziers in Kirchhatten
ein. Großmutter lud die beiden Soldaten zum Abendessen ein.
Von dem Wenigen, was sie selber hatten, gab sie gern. "Ihr
Beide müsst tüchtig zulangen. Ihr seid ja noch Kinder",
sagte sie. Für den Offiziersburschen sollte es die Henkersmahlzeit
werden.
Nur gut, dass ich nicht noch einmal weg musste, denn in dieser
Nacht ging es drunter und drüber. Mutter, mein Schwesterchen
und ich legten uns ins Schlafzimmer der Großeltern auf den
Fußboden, um zu schlafen. Immer näher kamen die Einschläge.
Wir konnten das Knattern der Maschinengewehre hören. Der
Großvater kannte die Geräusche vom Ersten Weltkrieg
und sagte: "Es ist Zeit, dass ihr euch anzieht. Drüben
am Wäldchen wird schon gekämpft". Meine Hände
zitterten so sehr, dass ich kaum in mein Zeug schlüpfen konnte.
Es blieb nur Zeit, um meine Papiere einzustecken, da trieb der
Großvater schon alle die Treppe hinunter über den Hof
zum Nachbargrundstück. Dort stand ein strohgedecktes Bauernhaus
mit einem Erdbunker im Garten. Er war eng, dunkel und muffig.
Einige Leute saßen schon dort - und alle hatten Angst.
Dann war es ganz ruhig draußen. Die Tür wurde geöffnet,
irgend jemand ging raus, und auch der Großvater wollte noch
mal zurück und etwas aus dem Haus holen. Ich ging einfach
mit. Der Großvater sagte: "Bleib lieber hier".
Aber ich hörte nicht auf ihn, ich wollte ihm tragen helfen.
Als wir über den Hof gingen, fing die Schießerei wieder
an. Es war gleich neben uns. Wir konnten die Einschläge fast
spüren. Großvater rief: "Lauf, lauf!, aber ich
konnte nicht laufen, es ging einfach nicht. Ich rief: "Opa,
Opa" und hatte solche Angst, dass ihm was passieren würde.
Auf einmal war er neben mir, nahm mich ganz ruhig am Arm und brachte
mich sicher zum Bunker zurück.
Kurz darauf wurde die Tür aufgerissen, drei lange schwarze
Kerle standen dort und holten alle Männer heraus. Die Großmutter
stellte sich vor mich, denn mit jungen Mädchen passierten
fürchterliche Dinge, erzählte man sich. Alle Ausweise
wurden eingesammelt. Einige hatten die Hakenkreuze dick überkritzelt
oder einfach rausgerissen. Ich war als BDM-Mädchen im Ausweis
und vorne drauf war der Reichsadler mit Hakenkreuz. "Nun
nehmen sie mich mit", dachte ich, aber nichts geschah. Die
Großmutter hatte Angst um den Großvater, aber der
kam bald wieder.
Ins Haus konnten wir nicht zurück, dort hatten die Kanadier
eine Funkstelle eingerichtet. Es hätte auch keinen Sinn gehabt,
denn die Schießerei begann von Neuem. Dann saßen die
Deutschen in dem Schlachterladen und richteten ihrerseits eine
Funkstelle ein. So ging es in dieser Nacht ein paarmal hin und
her. Mal hatten die Amerikaner gesiegt, mal die Deutschen. Am
Ende blieben die Amerikaner die Sieger. Als es Morgen wurde, krabbelten
alle aus dem Erdbunker heraus. Die Großeltern, die Mutti,
Astrid und ich bekamen in dem strohgedeckten Bauernhaus ein Zimmer.
Wir hatten nur den blanken Boden, auf dem wir sitzen und schlafen
konnten. Der Großvater versuchte aus dem Haus Decken zu
holen, aber ihn jagten sie mit vorgehaltenem Gewehr zurück.
Nun trat die Großmutter in Aktion. Das Haus hatte eine große
Tenne mit einem Herd. Die Mutter und ich erhielten strikten Befehl
von ihr, nicht aus dem Zimmer zu kommen wegen der schrecklichen
Dinge, die so passieren konnten. Sie selber stellte sich hin und
schlug den ganzen Tag Eier in die Pfanne, die von den Amerikanern
gebracht wurden. Großmutter sagte zu einem von ihnen, der
Deutsch verstand: "Warum macht ihr nur so was, wie diese
Schießerei, was sollen nur eure Mütter von Euch denken
sich einfach gegenseitig tot zu schießen. Das tut man doch
nicht. - Jetzt esst erst mal und denkt an das, was ich gesagt
habe".
Großmutter wusste genau, was sie sagte, und rührte
an manches Herz. Einige Amis nannten sie "Mam" und waren
ganz verlegen, wenn Großmutter sie mit ihren blauen, wissenden
Augen ansah. Sie machte ihrer Familie mit ihren Bemerkungen auch
Angst. Wie leicht konnte es einer falsch verstehen. Immer wieder
kam jemand ins Zimmer zur übrigen Familie und berichtete
über Großmutters waghalsige Reden. Ich stand am Türschlitz,
lauschte und beobachtete das Treiben auf der Tenne. Am Nachmittag
war es soweit, dass Großmutter auch die letzten Herzen erweicht
hatte und mit ihrer Tochter ins Haus rübergehen durfte, um
Bettdecken zu holen. Die Mutter ging gleich in den Kohlenkeller,
denn dort hatte sie das Köfferchen mit Schmuck versteckt.
Da waren aber auch die Familienfotos und mein Tagebuch. Nach und
nach brachte die Mutti alles her. Meine Anhängeuhr aus Ragusa
fehlte, und aus meinem Tagbuch waren die reingeklebten Banknoten
aus Prag sowie Fotos raus- und entzweigerissen. Die Negative waren
verschmutzt oder zerknickt.
Nachdem der Mutti nichts passiert war, durfte ich auch raus. Ich
sollte mit dem Großvater zum Bäcker gehen. Um nicht
gesehen zu werden, gingen wir hinten rum und nicht auf der Straße.
Hinter den Büschen fanden wir den toten Offiziersburschen
Ein Panzer musste ihn erwischt haben.
So viele Tote lagen noch da, das hatte der Großvater auch
nicht gewusst und brachte mich sofort wieder zurück. Es dauerte
einige Zeit, bis die Großeltern wieder ins Haus konnten.
Die Amerikaner überrollten das Land und endlich war der Krieg
zu Ende.
Weitere Beiträge von Jutta Schneider: