Privates Glück als Soldat 1945
Im März 1945 befand mich ich als Flaksoldat zwischen Mannheim und Speyer. Ein Karren, gezogen von zwei Rössern,
transportierte alles, was noch von unserer Batterie übrig
geblieben war. Dazu gehörte außer etwas Verpflegung
und einer provisorischen Feldküche hauptsächlich Munition
für unsere Karabiner. In der Regel wurden wir in den nächsten
Tagen von vielen freundlichen Menschen verpflegt, die uns unterwegs
zum Essen einluden und uns oft sogar Nachtquartier gaben. Wenn
man sich die Landkarte anschaut, wird man sich fragen: "wohin
kann's denn jetzt überhaupt noch hingehen?". Die Antwort
darauf war schon damals etwas diffus. Man sprach immer wieder
von einer imaginären "Alpenfestung" als letztem
Bollwerk der Deutschen. Auch unser Weg sollte dahin führen,
also marschierten wir zunächst einmal südwärts.
Unsere Offiziere brachten das Kunststück fertig, alle Straßen
zu meiden, auf denen man Amerikaner hätte treffen können.
Nach ein paar Tagen hatten wir sie dann tatsächlich umgangen
und befanden uns wieder in unbesetztem Gebiet, wo unser Vorankommen
zügiger vonstatten ging. Leider habe ich mir die vielen,
mir unbekannten Ortschaften, durch die wir kamen, nicht gemerkt,
so dass ich heute den Weg nicht rekonstruieren könnte. Natürlich
marschierten wir nicht in einer geschlossenen Formation, wir hätten
damit nur unnötigerweise ein Ziel für Jagdflugzeuge
sein können. Immer wieder tauchten sie aus dem Nichts auf
und beschossen alles, was sich bewegte. Aus diesem Grund mieden
wir tunlichst alle Hauptstraßen und kamen dadurch fast nie
durch Ortschaften. Erst gegen Abend suchten wir nach einem Dach
über dem Kopf, denn die Nächte waren jetzt, Ende März
- Anfang April, noch recht kühl. Erfreulicherweise gab es
überall, wohin wir auch kamen, einen Platz für uns,
meistens auf Strohlagern in Schulen. Aber es bürgerte sich,
insbesondere bei uns jungen Soldaten bald ein, bei den Bauern
um Quartier zu bitten. Meist wurde uns das ausgesprochen gern
gewährt und man verwöhnte uns dann nach Strich und Faden,
sicher oft mehr, als einst die eigenen Söhne oder Männer.
Wir waren für die Leute einerseits eine Abwechslung und andererseits
eine Informationsquelle, die nicht ideologisch verbrämt war.
Jetzt, in den letzten Tagen des Krieges, war man begierig auf
Nachrichten über das aktuelle Kriegsgeschehen, und von offizieller
Seite war, abgesehen von den üblichen Durchhalteparolen,
nichts Verlässliches mehr zu erwarten. Für so was interessierte
sich nun aber wirklich niemand mehr.
Kaum zehn Kameraden hatten sich einmal in einem Klassenzimmer
des Schulhauses eingefunden, wo richtige Militärbetten mit
Strohsäcken und sauberen Decken für uns bereitstanden.
Sogar bezogene Kopfkissen lagen da, und müde von dem langen
Marsch, den wir heute absolviert hatten, streckten wir uns wohlig
auf unseren Lagern aus. Ein harmloses Gespräch kam auf, man
rekapitulierte die Ereignisse des Tages und der eine oder andere
war schon dabei, sich heimlich in den Schlaf zu stehlen, als Joseph
in seinem gemütlichen Wienerisch plötzlich einen Satz
in den Raum warf, der zu unserer gegenwärtigen Stimmung so
gar nicht passen wollte: "Wenn die Scheiß-Berliner
dem Göbbels seinen "totalen Krieg" nicht so jubelnd
herbei gewünscht hätten, wären wir heute vielleicht
schon zu Hause!" Das konnte unser Berliner Erwin natürlich
nicht auf sich sitzen lassen. Wie von der Tarantel gestochen fuhr
er auf: "Wer hat `38 den Nazis in Wien so zugejubelt, das
wart doch ihr und jetzt sollen die Berliner an allem schuldig
sein!" Aus war's mit der Ruhe, die wir doch so dringend nötig
hatten. Einer machte schnell die Fenster zu, denn das Geschrei
wurde immer lauter, und draußen durfte niemand mithören,
was hier "verhandelt" wurde. So etwas wäre auch
jetzt noch lebensgefährlich gewesen. Als das Wortgefecht
zu eskalieren drohte, mussten wir die beiden Streithammel schließlich
gewaltsam davon abhalten, sich auch noch zu verprügeln. Wenn
sie nach einer Weile auch brummend ihren Streit einstellten, so
gerieten wir andern dadurch an ähnliche Themen. Letztendlich
war aber alles, was dabei herauskam, spekulativ und mit lauter
"Wenn und Aber" gespickt. In die Zukunft konnte keiner
blicken und die Vergangenheit war mit solchen Streitereien, wie
wir sie gerade erlebt hatten, auch nicht zu bewältigen.
Oft habe ich darüber nachgedacht, was wohl diese Männer
dazu bewogen hat, sich jetzt noch so zu erregen. Sich gar gegenseitig
vorzuwerfen, an der politischen Situation schuldig zu sein, oder
verallgemeinernd, "den Berlinern, den Wienern",
die Hauptschuld an der Misere zuzuweisen. Das alles habe ich schon
damals nicht verstanden. Sicher resultierte dieses Verhalten aus
der Hilflosigkeit, der wir uns alle ausgesetzt fühlten und
der Hoffnungslosigkeit, die uns befallen hatte. Meistens bemühten
wir uns nur noch in den Tag hinein zu leben. Wir planten kaum
noch für die nächsten Stunden und schon gar nicht für
längere Zeiträume. Eigene Entscheidungen standen uns
sowieso nicht zu, denn wir hatten nur zu gehorchen. Die Menschen
von heute können das alles sicher kaum nachvollziehen und
sind schnell bereit, das Verhalten unserer Generation von damals
und in den Jahren davor zu verurteilen. Aber damit sollte man
vorsichtig sein.
Mit nur seltenen Pausen hatten wir inzwischen etwa die Mitte der
Strecke zwischen Stuttgart und Bodensee erreicht. Am 8. April
1945 kamen wir in das kleine Städtchen Rosenfeld. Für
mich damals begann damit ein neues Kapitel in meinem Leben, wenn
sich weltpolitisch auch zunächst rein gar nichts änderte.
Hier in Rosenfeld lernte ich meine Frau Marta kennen! Als Quartier
ist mir nämlich ihr Elternhaus der Familie Stromeyer zugewiesen
worden. In dieser kurzen Zeit in Rosenfeld haben Marta und ich
uns ineinander verliebt.
Leider hieß es schon am fünften Tag Abschied nehmen.
Unsere Einheit wurde in lauter kleine Grüppchen zerpflückt,
die jetzt überall im Land verteilt helfen sollten, die Franzosen
bei ihrem Vormatsch etwas zu bremsen. Von Aufhalten oder gar zurückdrängen
war ja inzwischen längst keine Rede mehr. Man schob auch
gedanklich das unvermeidliche Ende des Krieges nur noch vor sich
her. Von Rosenfeld marschierten wir damals zunächst nach
Aixheim, einem kleinen Dorf, nicht weit von Rottweil, wo ein umfangreiches
Lager mit all den Sachen angelegt worden war, die ein Soldat brauchen
konnte. Wir waren ja gar nicht dafür ausgerüstet, als
Infanteristen eingesetzt zu werden. In diesem Lager fehlte es
buchstäblich an nichts. Überrascht fragten wir uns,
wo dieses umfangreiche Material wohl auf einmal herkam. Da müssen
knauserige Lageristen jahrelang alles gehortet haben, ohne zu
wissen wofür. Es war nämlich ausgeschlossen, dass auch
nur ein Bruchteil von dem, was da lag, verteilt werden konnte.
Am nächsten Tag hatte ich in Aixheim sogar noch viel Zeit
für rein Privates und dazu machte ich mich auf die Suche
nach einem Telefon. Ich wollte ja meiner lieben Marta in Rosenfeld
berichten, was sich inzwischen alles ereignet hatte - usw.! Schnell
hatte ich sie in der Leitung und es wurde ein langes Gespräch.
Am Schluss durfte ich es nicht einmal bezahlen, weil mir der freundliche
Telefonbesitzer die Gebühren schenkte. Nach einem reichlichen
und guten Mittagessen legten wir auf einer sonnigen Wiese eine
Verdauungspause ein und dösten zufrieden vor uns hin. Plötzlich
schreit mein Kamerad Kurt: "Hans, schau mal, da kommt Marta
mit ihrem Fahrrad!" Erst konnte ich's gar nicht glauben,
aber sie war's tatsächlich! Nach einer kurzen, aber um so
"heftigeren" Begrüßung bat ich gleich unseren
Vorgesetzten um die Erlaubnis, bei dem bevorstehenden Marsch zum
Bahnhof nach Rottweil hinter der Truppe her laufen zu dürfen.
Natürlich gab es keine Probleme. Sogar Kurt profitierte,
er durfte das Fahrrad nehmen, das ihm dann, besonders bei den
vielen Bergabfahrten bis Rottweil, manchen Schritt ersparte.
![[Hans Mendgen, 1944]](../../../objekte/pict/mendgen_08/200x.jpg)
Wir zwei, Marta und ich, trotteten gemütlich hinterher und
hatten uns viel zu erzählen. Erst viele Jahre später
erzählte mir Marta, wie es dazu gekommen war, dass sie diese
weite Fahrt nach Aixheim unternommen hatte. Es war Samstag und
sie war gerade bei der üblichen Putzerei, als mein Anruf
ihre Arbeit unterbrach. Wie ja schon vorhin erwähnt, war
es ein sehr ausführliches Telefongespräch, das da geführt
wurde. Als wir dann doch ein Ende gefunden hatten, erzählte
sie ihrer Mutter kurz, wer da angerufen hatte und nahm ihren Putzlappen
wieder in die Hand. Ihre Mutter aber sah sie an, schüttelte
den Kopf und sagte: "Also, wenn ich den Anruf bekommen
hätte, dann wäre ich schon unterwegs dorthin, so weit
ist das doch gar nicht". Perplex blickte Marta zur Mutter
hin, warf den Lappen in eine Ecke, zog sich schnell um und war
in Sekundenschnelle mit ihrem Fahrrad verschwunden. Noch Jahre
später wunderte sie sich über diese Reaktion ihrer Mutter.
Sie hätte sich nicht einmal getraut, so ein Vorhaben auch
nur in Erwägung zu ziehen, wohl wissend, wie überbesorgt
sich diese sonst um die Gefährdung der Moral bei ihrer
Tochter zeigte.
Es waren dann allerdings ganz andere Gefahren, denen Marta sich
bei dieser Fahrt aussetzte. Wir befanden uns ja kurz vor dem Ende
des Krieges und ständig tauchten ganz plötzlich amerikanische
Jagdflugzeuge am Himmel auf, die alles was sich auf den Straßen
bewegte, unter Beschuss nahmen. Einige Male war Marta gezwungen,
wegen dieser "Hornissen" mit ihren todbringenden Maschinengewehrsalven
in den Straßengräben Deckung zu suchen. In Rottweil
empfing sie dann auch noch das Geheule der Sirenen, und eigentlich
hätte sie jetzt schnellstens einen Schutzraum aufsuchen müssen.
Aber wohl wissend, dass so ein Fliegeralarm oft sehr lange dauern
konnte, radelte sie so schnell wie möglich weiter. Sie hatte
heute was Besseres vor, als ihre Zeit in einem fremden Luftschutzkeller
zu verbringen. In der allgemeinen Stille der inzwischen menschenleeren
Stadt hörte sie das unheimliche Brummen der anfliegenden
amerikanischen Bomberflugzeuge. Wo werden sie diesmal ihre tödliche
Last abwerfen? Marta hoffte inbrünstig, keinem Luftschutzwart
in die Fänge zu geraten, der sie ganz schnell in einen Schutzraum
eingewiesen und ihr zudem noch eine saftige Strafe aufgebrummt
hätte. Sie war heilfroh, als sie Rottweil endlich hinter
sich gelassen hatte.
Nein, das waren allerdings nicht die Gefahren, an die ihre Mutter
gedacht hatte, sonst hätte sie diesen Vorschlag sicher nicht
gemacht. Aber Gott sei Dank ist ja damals alles gut gegangen.
Gemeinsam mit mir verbrachte meine liebe Marta noch die Wartezeit
bis zur Abfahrt unseres Zuges. Wegen der feindlichen Flugzeuge
lief ja auch auf dem Rottweiler Bahnhof tagsüber gar nichts.
Als dann die Dämmerung hereinbrach, galt es endgültig
Abschied zu nehmen. Wir Soldaten bestiegen unseren Zug und Marta
schwang sich auf ihr Rädle und strampelte heimwärts.
Wie haben wir beide diesen Tag genossen. Und wie lange sollte
es dauern, bis wir uns wieder sahen? Fast vier Jahre! Dazwischen
lagen das Ende des Krieges und meine Kriegsgefangenschaft in Frankreich.
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