Mein Kriegsende auf der Schwäbischen Alb 1945
Mitte April 1945 befand ich mich als Soldat in einer zusammen
gewürfelten Truppe im Raum Rosenfeld, die mithelfen sollte, die hier vorrückenden
französischen Soldaten von de Gaulles "Erster Armee"
ein bisschen aufzuhalten (mehr war sowieso nicht mehr drin). Damit
sollte dem Gros der Truppen etwas Zeit verschafft werden, sich
in einer gewissen Ordnung Richtung Süden, in die fiktive
Alpenfestung zurückzuziehen. In dieser Truppe waren viele
ganz junge Buben dabei. Weinend erzählten uns zwei dieser
Kinder von dem Gefecht in der vorigen Nacht, von den Toten und
von den Befürchtungen, die sie hätten.
In dieser Gegend befanden wir uns praktisch zwischen zwei Stühlen,
Franzosen vor uns und Franzosen hinter uns! Dadurch war aber auch
alles noch schwieriger geworden. Wir besaßen keinerlei Verbindung
mehr zu irgendeiner anderen Dienststelle. Bei dem totalen Mangel
an Kommunikationsmitteln waren wir völlig auf uns selbst
gestellt. Genau genommen, war für uns der Krieg ab heute
vorbei! Das darf ich zwar heute ungestraft sagen, damals aber
wäre das einem Sakrileg gleichgekommen. Unsere beiden Leutnants
spielten sich noch so zackig auf, wie eh und je. Zumindest erweckten
sie weiterhin diesen Eindruck. Der auffälligste Fall dieser
Art ereignete sich an einem der nächsten Tage, als wir in
einer Scheune unweit eines Schwarzwalddorfes übernachten
durften und von den Bauern dort liebevoll versorgt wurden. Unsere
Wirte fühlten sich auch deswegen besonders verpflichtet,
weil Wolfgang, einer unserer Kameraden, hier zu Hause war. Am
nächsten Morgen, als wir uns zum Abmarsch sammelten, fehlte
ausgerechnet Wolfgang. Ein Unteroffizier mit zwei Soldaten als
Begleitung bekam den Befehl, ihn aufzustöbern und notfalls
mit Waffengewalt mitzubringen. Nach einer guten Stunde erschienen
sie wieder, aber natürlich unverrichteter Dinge. Angeblich
wusste niemand im Dorf, wo Wolfgang war. Weil aber jetzt keine
Zeit mehr für eine längere Suchaktion war, musste unserm
Chef schnell was einfallen, um sein Gesicht nicht zu verlieren.
Energisch wandte er sich schließlich an einen Einheimischen:
"Herr Ortsgruppenleiter, ich gebe ihnen hiermit den dienstlichen
Befehl, den Kanonier Wolfgang K. standrechtlich zu erschießen,
sobald er wieder auftaucht," und in unsere Richtung: "ohne
Tritt, marsch! Wir müssen schauen, dass wir weiter kommen".
Beruhigt, dass alles so ausgegangen war, und im Stillen unserm
Kameraden alles Gute für die Zukunft wünschend, verließen
wir diesen gastlichen Ort. Wären wir nur auch schon daheim
wie Wolfgang. Wir aber hatten keine Ahnung, wohin uns unsere Schritte
und unsere beiden Leutnants führten. Bald befanden wir uns
hoch oben auf der Schwäbischen Alb. In der Ferne sah man
die Häuser der Stadt Tuttlingen und direkt unter uns Mühlheim
an der Donau. Leutnant Maier hatte seinen mitteilsamen Abend und
erklärte uns die Lage. In der Nacht sollten wir durch den
Fluss waten, und das bei den Temperaturen. Schon in der
vorigen Nacht hatte es stark gefroren und die nächste versprach
nicht milder zu werden, da sollten wir in das eisige Wasser steigen
- uns schauderte allein bei dem Gedanken. Als dann nach Einbruch
der Dunkelheit der Aufbruchsbefehl leise von Mann zu Mann weiter
gegeben wurde, blieben Kamerad Kurt und ich einfach liegen und
warteten ab. Nach einer angemessenen Zeit, wir hatten schon längst
keine Geräusche mehr von den andern gehört, erhoben
wir uns, um in entgegengesetzter Richtung zu verschwinden. Aber
was war denn das! Hier und dort, rings um uns herum, überall
erhoben sich noch mehr Soldaten, die gleich uns heute Nacht auf
ein kühles Bad lieber verzichten wollten. Wir waren derartig
überrascht, so viele Gleichgesinnte zu finden, dass wir es
kaum glauben konnten. Erst nachdem wir uns alle davon überzeugt
hatten, dass kein "falscher Fuffziger" unter uns war,
beeilten wir uns, möglichst umgehend aus der Gegend zu verschwinden.
Es war ja noch gar nicht ausgeschlossen, dass doch jemand nach
uns suchen würde.
Nachdem wir einen sicheren Abstand zu dem Ort unseres frevelhaften
Absetzens von der Truppe, wie der Fachausdruck für
unser Tun lautete, erreicht hatten, erörterten wir unsere
weiteren Vorhaben. Die einen zog es natürlich in ihre teilweise
gar nicht mehr so ferne Heimat, während Kurt, ich und noch
zwei andere nach Rosenfeld wandern wollten. Schnell hatten wir
einige Kilometer hinter uns gebracht, immer schön auf Waldwegen,
fernab der Dörfer. Da tauchte unvermittelt ein schon etwas
älterer deutscher Polizist auf, der ganz allein in Richtung
des nahen Dorfes unterwegs war. Weil er auf einem Weg außerhalb
des Waldes ging, der vom Dorf gut einzusehen war, baten wir ihn,
zu uns in den Schatten der Bäume zu kommen. Er war sehr entgegenkommend
und wir erfuhren, dass dieses Dorf Unterdigisheim heiße,
dass die französischen Truppen schon vorgestern hier durchgekommen
seien und zwei Dörfer weiter, in Obernheim, ihre Landsleute,
die ehemaligen französischen Kriegsgefangenen, als Besatzung
eingesetzt und bewaffnet hätten. "Wo habt ihr denn eure
Waffen", fragte er uns, und wir berichteten ihm, allerdings
mit ziemlich schlechtem Gewissen, dass wir sie zerstört und
vergraben hätten. Für uns sei der Krieg zu Ende und
wir wollten nicht mehr in Versuchung geraten, Waffen zu benützen.
Er lobte unseren Entschluss und gestand, dass er ähnlich
wie wir gehandelt habe. "Sicher habt ihr jetzt Hunger und
Durst", kam er schließlich unseren Bitten zuvor, "wartet
hier, ich schicke jemanden herauf, der euch was zu essen bringt."
Na, kann es uns noch besser gehen, gratulierten wir uns gegenseitig,
als er uns verlassen hatte. Ganz offensichtlich hielt er Wort,
denn schon nach kurzer Zeit kam ein junges Mädchen den Berg
herauf, beladen mit einem großen Korb voller Köstlichkeiten.
Sie setzte sich zu uns, sprach uns gut zu und als wir dann so
satt waren, dass wir kaum aufstehen konnten, forderte sie uns
auf, die Reste mitzunehmen. Während sie dann mit ihrem Korb
und den leeren Flaschen heimging, setzten auch wir unseren Weg
Richtung Rosenfeld fort. Der Polizist hatte ihn uns ja noch so
genau beschrieben!
Nach einigen hundert Metern mussten wir ein Tal überqueren,
wo neben einem kleinen Bach zu allem Übel noch eine Straße
war. Leider reichte der Wald dort nicht bis hinunter, und wir
waren gezwungen, völlig ohne Deckung, über einen offenen
Wiesenhang zu marschieren. Bevor wir uns aus dem Wald hinaus wagten,
beobachteten wir lange und gründlich die Straße. Sie
schien völlig ausgestorben, nicht einmal Bauernfuhrwerke
waren unterwegs. Die Stille wurde nur vom Gezwitscher der Vögel
unterbrochen, die dieser herrliche Vorfrühlingstag herausgelockt
hatte. Völlig beruhigt pilgerten wir schließlich gemütlich
den Hang hinab. Urplötzlich aber zerbarst die Stille, Schüsse
knallten und lautes Hupen gellte in unseren Ohren. Wir erstarrten
zu Salzsäulen wie Lots Weib. An ein Abhauen war nicht mehr
zu denken, denn schon raste ein Auto daher, hielt mit quietschenden
Reifen an und spuckte einen Haufen Zivilisten aus. Die schossen
noch ein paar Mal in die Luft und schrien "ände och!"
So schnell hatte erstens unsere Freiheit ein Ende gefunden und
zweitens die "Besatzungsmacht" Obernheims ihre ersten
Kriegsgefangenen gemacht - all das, dank des "liebenswürdigen"
Polizisten, wie wir unschwer sofort errieten. Er hatte heute bei
seinen neuen Vorgesetzten, Kooperationsbereitschaft beweisen können!
Zwar hatten wir letztendlich irgendwann mit so einer Wendung rechnen
müssen, aber es wurmte uns doch gewaltig, ausgerechnet von
einem deutschen Polizisten verraten worden zu sein. Ich muss gestehen,
dass ich bis heute nicht nachvollziehen kann, wie der Mensch seine
eigenen Kameraden, und das waren wir doch eigentlich immer noch,
dem Feind, und das waren die anderen ja auch noch, kaltschnäuzig
verraten konnte.
Die sechs ehemaligen französischen Kriegsgefangenen kontrollierten
nur flüchtig, ob wir tatsächlich keine Waffen mehr hatten,
offensichtlich genügten ihnen die Angaben ihres Informanten
und forderten uns auf, mit ihnen nach Obernheim zu fahren. Wir
waren ja jetzt zwar zehn Personen und nur ein alter Opel mit vier
Plätzen stand zur Verfügung, aber keiner betrachtete
das als ein Problem. Es fanden alle einen Platz, ich zum Beispiel
auf dem linken Scheinwerfer, und los ging's in gemächlichem
Tempo, einer ungewissen Zukunft entgegen.
Heute noch denke ich anerkennend daran, wie souverän diese
Männer ihre neue Aufgabe bewältigten. Sie waren ja gar
nicht darauf vorbereitet, Kriegsgefangene zu versorgen, aber ohne
zu zögern ließen sie den Dorfbüttel verkünden,
dass gegen Mithilfe auf den Höfen deutsche Kriegsgefangene
zur Verfügung stünden, die dann auch dort verpflegt
werden müssten. Interessenten sollten sich sofort bei der
"Ortskommandantur" melden. In der Zwischenzeit bezogen
wir Quartier in den Räumen, die bis gestern noch von
den französischen Kriegsgefangenen bewohnt worden waren.
Rechtzeitig zum Abendessen hatte sich für jeden von uns neugebackenen
Kriegsgefangenen eine Familie gemeldet, die uns versorgen wollte.
Ehe wir jedoch mit den Leuten fort gingen, hielt uns der als Kommandant
eingesetzte Franzose in seinem deutlich schwäbisch gefärbten
Deutsch mit französischem Akzent eine kurze Ansprache: "Meine
Kameraden und isch, aben es bei die Obernheimer Leuten sehr gutt
gehabt, darum auch ihr sollt es gutt aben bei uns. Zum Schlaffen
kommt ihr 'er und am Tag ihr könnt machen was wollt ihr,
nur nischt abhauen! Wenn einer abhaut, werden alle anderen verschossen
compri? will sagen, verstanden?" Das war deutlich und unmissverständlich,
wir würden uns danach richten.
Es folgten ein paar faule Tage, natürlich musste keiner von
uns arbeiten, wir sollten es in der sicherlich nur kurzen Zeit,
die wir hier bleiben durften, gut haben. Wie jetzt überall
in Deutschland waren nur Frauen, Alte und Kinder im Dorf, die
alle auf die Männer warteten, die gleich uns, irgendwo in
der Weltgeschichte herumirrten, wenn sie nicht bereits ihr Leben
verloren hatten. Dem fast übertriebenen Besorgtsein um unser
Wohlergehen haftete eine abergläubische Beschwörungsmentalität
an: man wollte alles tun, damit auch der eigene Sohn oder Mann
oder Vater es dadurch vielleicht auch so gut habe. Es war mir
manchmal fast peinlich, aber andererseits konnte ich auch den
Augenblick vorbehaltlos genießen. Ich war erst 18 Jahre
alt und nicht geneigt, Trübsal zu blasen.
Eines Abends kam eine kleine Einheit der de Gaulleschen Armee
ins Dorf und einer ihrer Unteroffiziere besuchte auch uns Kriegsgefangene.
Im Unterschied zu unseren Bewachern sprach er nicht deutsch, hatte
jedoch von ihnen erfahren, dass ich in der Schule französisch
gelernt hätte. Wir konnten uns dann recht gut miteinander
verständigen und ich war erstaunt, wie offen er mit mir sprach.
"Wenn ihr Wertsachen besitzt, gebt sie unbedingt euren Bauern
hier im Dorf zur Aufbewahrung, denn das, was nach uns kommt, ist
nichts Rechtes. Vor denen müsst ihr euch in Acht nehmen,
die haben sich lediglich zur Bewachung von Kriegsgefangenen freiwillig
gemeldet und wollen an euch ihr Mütchen kühlen."
Er hatte offensichtlich zum ersten Mal Gelegenheit, mit deutschen
Soldaten zu reden und wunderte sich vor allem, dass wir noch so
jung waren. Zufällig waren wir vier ja alle etwa gleich alt,
oder sagen wir lieber, gleich jung, was hier besser zutrifft.
Natürlich wusste auch er nicht, was uns erwartete, aber er
meinte in seiner Naivität, "die werden euch Junge sicher
bald heim schicken, was sollen sie sonst mit euch machen, der
Krieg ist ja aus, bald kann auch ich nach Hause zu meiner Familie.
Ich habe einen Sohn, der ist jetzt so alt wie du!". Er hatte
bei uns Hoffnungen geweckt, die leider bald in alle Winde zerstoben.
Schon nach zwei Tagen kam die Anordnung, dass wir nach Balingen
gebracht werden müssten. Dort, in einem ehemaligen Zementwerk,
waren bereits viele hundert deutsche Soldaten in einem professionell
abgesicherten Lager interniert.
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