Als französischer Kriegsgefangener in Kehl und Straßburg am 8./9. Mai 1945
Nach meiner Gefangennahme bei Obernheim auf der Schwäbischen
Alb kam ich in ein französisches Internierungslager in einem
Zementwerk in Balingen. Unter den vielen hundert Kriegsgefangenen,
die gleich uns Soldaten in Uniform waren, befanden sich auch einige
Zivilisten. Die einen wollten damit verbergen, Soldaten zu sein,
in der vergeblichen Hoffnung, so der Kriegsgefangenschaft zu entgehen.
Aber offensichtlich waren auch Wärter der Konzentrationslager
aus der Umgebung Balingens darunter. Diese hofften in der großen
Masse der Kriegsgefangenen untertauchen zu können. Wir erfuhren
erst viel später, dass sie allen Grund gehabt hätten,
sich jetzt zu verstecken. Wir normalen Soldaten wurden mit diesen
Ereignissen zum ersten Mal konfrontiert, als eines Tages eine
Abordnung der ehemaligen Insassen so eines KZ bei unserem Lagerleiter
erschien und die Auslieferung eines von ihnen gesuchten, ehemaligen
Wachmannes forderte. Nachdem wir alle im Hof angetreten waren,
überließ man uns diesen Leuten. Uns war gar nicht wohl
in unserer Haut, denn nie war bloßer Willkür mehr freie
Bahn gegeben, als bei dieser Aktion. Sie suchten lange, und schließlich
einigten sie sich auf einen, den sie dann trotz seines heftigen
Protestes mitnahmen. Spät abends brachten sie ihn dann wieder
ins Lager zurück, in einem schrecklichen Zustand. Er war
offensichtlich gefoltert worden und konnte sich kaum noch auf
den Beinen halten.
Jemand alarmierte die Krankenschwester, die auch umgehend kam,
und ich erinnere mich noch heute an ihre Worte: "Wo ist die
Mann mit die kaputte Gosch". So komisch das klang, war doch
keinem von uns zum Lachen zumute. Sie nahm ihn mit und versorgte
ihn, so gut es ihr möglich war. Am anderen Morgen holten
ihn die Männer von gestern wieder ab. Aber an diesem Abend
brachten sie ihn nicht mehr zurück - und auch an keinem der
folgenden. War er wirklich ein Schuldiger, fragten wir uns damals.
An einem der ersten Maitage marschierten wir von Balingen nach
Rottweil, wo vor der Dominikanerkirche, ein mit Stacheldraht umzäunter
Platz auf uns wartete. Als wir ankamen, befanden sich dort schon
Hunderte weiterer Schicksalsgenossen, denen wir jetzt helfen konnten,
auf die ungewisse Zukunft zu warten. Hier wurden wir auch erstmals
mit der Brutalität mancher Menschen konfrontiert, die plötzlich
das Recht erlangt haben, Gewalt über Untergebene auszuüben.
Bis jetzt war uns das ja erspart geblieben, aber das Wachpersonal
hier in Rottweil war auch tatsächlich von einer ganz besonders
miesen Sorte. Viele Rottweiler Bürger wollten gerne den Soldaten
hinter dem Zaun helfen und reichten ihnen Nahrungsmittel aber
auch Decken und Kleidung durch den Stacheldraht. Die Nächte
waren nämlich noch recht kalt und viele waren nicht dafür
ausgerüstet, im Freien zu übernachten. Der Andrang auf
beiden Seiten der Absperrung wurde immer größer und
als sich niemand mehr um das Geschrei der Wachsoldaten kümmerte,
fingen die plötzlich an zu schießen. Im Nu leerte sich
der Platz vor diesem provisorischen Kriegsgefangenenlager.
Aber einige der Leute und sogar etliche Kinder blieben in Sichtweite
und wir erfuhren, dass es sich bei ihnen vor allem um Eltern,
Frauen und Kinder von Kameraden handelte, die nun aus der Ferne
sehnsüchtig den Sohn, Mann oder Vater hinter dem Stacheldraht
mit den Augen suchten und nicht verlassen wollten. Wenn sich dann
allerdings einer doch wieder dem Zaun näherte, knallte plötzlich
wieder ein Schuss und trieb ihn zurück. Um so erstaunter
waren wir, als nach ein paar Stunden der Lagerdolmetscher mit
lauter Stimme verkündete, dass Ehefrauen und Kinder wieder
an den Zaun kommen dürften, aber ab nun nur noch Nahrungsmittel
herein gereicht werden dürften.
Am nächsten Morgen stand auf dem Platz vor der Absperrung
eine große Anzahl Lastwagen, von denen einer nach dem andern
am Tor vorfuhr. Der hintere Schlag wurde geöffnet und wir
mussten "allez-y, vite, vite", (los, schnell, schnell)
die offene Ladefläche erklettern. Jedes Mal, wenn wirklich
keine Maus mehr Platz gehabt hätte, wurde der Schlag geschlossen
und Platz für den nächsten Lastwagen gemacht. Irgendwann
fuhr dann eine endlose Kolonne los. Keiner von uns wusste wohin
es ging, aber sicher westwärts, wohin auch sonst. Wir sind
damals mit den Lastwägen bis Kehl transportiert worden, wo
außerhalb der Stadt ein riesiges ebenes Areal, umgeben von
einem hohen Stacheldrahtverhau, auf uns wartete. Wie eine Herde
trieben uns die Wachen da hinein und bezogen dann die zahlreichen
Wachhäuschen rundherum. Ein besonderes Ereignis ließ
uns in dieser Nacht nicht an Schlaf denken: es war schon stockdunkel,
als sich rundum überall lautes Geschrei erhob und eine wilde
Schießerei das Schlimmste befürchten ließ. Was
war jetzt wieder los - keiner konnte uns eine Antwort geben. Aber
auf einmal tauchten überall am Horizont riesige V-Zeichen
auf, von Flakscheinwerfern an den Nachthimmel projiziert. Jetzt
konnten wir's erraten: DER KRIEG WAR ZU ENDE! Am 8. Mai 1945 hatte
Admiral Dönitz die Alliierten um Waffenstillstand gebeten
und am 9. Mai, also heute eine Minute nach Mitternacht, war er
in Kraft getreten. Mitteilungsbereite französische Soldaten
bestätigten unsere Vermutung mit fröhlicher Stimme;
sie hatten gut lachen, aber was erwartete uns?
Ohne Verpflegung auszugeben, ließen uns die Franzosen am
nächsten Tag in aller Frühe dieses Lager in einem endlos
langen Zug verlassen. Wie gestern auch, hatte natürlich niemand
eine Ahnung, wohin es gehen sollte. Außer uns Tausenden
von Kriegsgefangenen und der Wachmannschaft war kein Mensch zu
sehen, Kehls Straßen waren gespenstig leer. Nach Überquerung
einer notdürftig reparierten Rheinbrücke erreichten
wir jetzt Straßburg. Im Unterschied zu der wie tot wirkender
Stadt Kehl erwarteten uns hier Tausende von Menschen, die unsere
traurige Kolonne sehen wollten - oder sollten? Anscheinend war
unsere Ankunft hier bekannt gemacht worden, denn spontan hätte
sich eine so große Masse Menschen nicht so schnell einfinden
können. Wir gefangenen deutschen Soldaten sollten heute mit
unserer Anwesenheit den Rahmen für diesen festlichen Tag
abgeben. Vom frühen Morgen bis zum späten Nachmittag
trieb man uns durch die Gassen, damit uns ja möglichst alle
Straßburger zu Gesicht bekamen. Die meisten ließen
diese geschlagene Armee aber still an sich vorüberziehen.
Es gab sogar viele, meist junge Leute, die uns gar nicht beachteten,
sie zogen grölend durch die Straßen, und manche hatten
sogar Privatautos irgendwoher aufgetrieben, mit denen sie in Schlangenlinien
durch die Stadt kutschierten, um das Ende des Krieges mit Hupkonzerten,
lautem Geschrei und offensichtlich auch Strömen von Alkohol
zu feiern.
Eigentlich wunderten wir uns, dass uns hier kein Hass entgegen
schlug. Die meisten Leute verhielten sich eher passiv bis uninteressiert.
Es gab sogar welche, die selbst in einem abgerissenen Kriegsgefangenen
den Mitmenschen erkannten und würdigten, oder identifizierten
sie sich noch teilweise mit uns? Das Elsass war ja bis vor kurzem
noch eine deutsche Provinz, um die sich allerdings Frankreich
jetzt sehr bemühte. Ein paar mitleidige Straßburger
verteilten sogar trotz der Posten Essen und Wasser an uns. Andere,
weniger mutige, stellten Wassereimer und in Papier eingewickeltes
Essen vor ihre Häuser. Dort konnten sich manche endlich ihren
Durst stillen und die Feldflaschen auffüllen. Sogar die auf
und ab patrouillierenden französischen Soldaten bekamen hin
und wieder etwas ab und ließen die Straßburger stillschweigend
gewähren.
"So war das aber nicht geplant", dachte sich wohl ein
rabiater Chauvinist unter den Vorgesetzten unserer Wachposten.
Solchen fraternisierenden Machenschaften musste sofort ein Ende
gesetzt werden!" Mit entsichertem Schnellfeuergewehr raste
er, laut mit den erschrockenen Wachsoldaten fluchend, unsere Reihen
entlang. Wenn er Wassereimer vor den Häusern sah, schoss
er ein paar Salven in die unschuldigen Gefäße, sah
er Leute mit Päckchen für die Gefangenen, schlug er
sie ihnen aus den Händen trampelte darauf herum und brüllte:
"Haben wir euch dafür von den Nazis befreit, dass ihr
sie jetzt füttert?"
Irgendwann gegen Abend erreichten wir schließlich den Bahnhof
und damit das Ende dieses Spießrutenlaufs. Dort standen
schon lange Güterzüge mit offenen Waggons, wie sie sonst
für den Transport von Kohle verwendet wurden. Als wir einstiegen,
merkten wir, dass es tatsächlich Kohlen waren, die als letztes
darin befördert worden waren. Alles war dick mit Kohlenstaub
bedeckt und wir nach kurzer Zeit ebenfalls. In jeden Waggon waren
windgeschützte Ecken eingebaut, die ganz jungen Franzosen
in funkelnagelneuen Uniformen und mit eben so neuen Karabinern,
als Wächterhäuschen dienten. Nun begann die Fahrt in
die Kriegsgefangenschaft in Frankreich, die erst Ende 1948 enden
sollte.
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