"Die Augen links" - Als Hitler-Junge in Berlin
Es muss im April 1940 gewesen sein, als das "Fähnlein
19" an einem Mittwochnachmittag auf dem Schöneberger
Ebersmarkt streng ausgerichtet in Reih und Glied stand. Im Braunhemd,
mit kurzen Hosen und einem braunen Käppi auf dem Kopf, waren
wir nun "Pimpfe" in der Hitlerjugend.
Wir - das waren die Neuen, eben mal zehn Jahre alt geworden, die
jetzt das erste Mal mehr oder weniger zitternd vor Aufregung aber
auch erwartungsvoll der Dinge harrten, die da kommen sollten.
Unser Fähnlein bestand aus einhundertfünfzig Jungen,
untergliedert in vier "Jungzüge" und zwölf
"Jungschaften". Soviel hatte man uns bereits vor dem
Antreten eingeimpft. Der Fähnleinführer, ausgestattet
mit einer rot-weißen Kordel, so viel ich noch weiß,
die von der linken Schulterklappe zum Hemdbrustknopf baumelte,
hatte uns auch schon in eine "Horde" eingeteilt, welche
nun innerhalb der Jungschaft die kleinste Einheit in diesem Haufen
war und zehn Milchgesichter aufwies. Befehligt wurde das alles
von unten nach oben durch den "Hordenführer", bestätigt
durch einen Winkel am Ärmel, den "Jungschaftsführer",
der natürlich auch eine Kordel hatte, diesmal kleiner und
kürzer und nur vom Brustknopf zum geflochenen Lederknoten
führte, durch den ein schwarzes Halstuch gezwängt war.
Dann wurde die Uniform noch vervollständigt durch ein schwarzes
Koppel mit Schloss, auf dem eine germanische Rune prangte, und
einen Schulterriemen. Später kam noch ein Fahrtenmesser dazu!
Na, und derjenige, der eine große grüne Kordel baumeln
ließ, war der "Jungzugführer". So schon mal
bestens informiert über die Hierarchie beim "Jungvolk",
dem wir ab jetzt im Alter von zehn bis vierzehn Jahren innerhalb
der "HJ" angehören sollten, kam der große
Augenblick: Der Stammführer nahte. Von weitem schon leuchtete
seine große weiße Kordel und kündigte an, dass
nun ein ganz Hoher heranmarschierte. Schon gab der Fähnleinführer
mit überlautem Gebrüll das Kommando: "Fähnlein
Neunzehn stillgestanden, zur Meldung die Augen links!" Was
aber tat Pimpf Wolfgang? Er ruckte den Kopf nach rechts, genau
in die falsche Richtung, was natürlich bemerkt wurde und
zum allgemeinen Entsetzen führte.
Es war wohl der Beginn einer ganz individuellen und aufmüpfigen
Einstellung zu allem, was Befehl und Gehorsam heißt, denn
ich wollte partout nicht einsehen, warum ich es wie alle anderen
machen sollte. Irgendwie hat mich dieses gegen den Strom schwimmen
wollen mein ganzes Leben lang begleitet und immer dann, wenn ich
etwas nicht einzusehen vermag, auch wenn es mit Unannehmlichkeiten
verbunden sein kann.
Doch zurück zum Fauxpas: Nachdem ich so dachte, was wollen
diese Kerle eigentlich, warum muss ich das machen, nee, denen
zeige ich es - kam es leider anders, sie zeigten es mir! Nach
erfolgter Begrüßung durch den Stammführer, unter
Hinweis auf kameradschaftliches Verhalten und anderer Phrasen,
erfolgte das Wegtreten. Nur nicht für mich. Der Anschiss,
den ich nun erhielt, war laut und ließ kein gutes Haar an
mir. Ich sei dumm und blöde und überhaupt noch kein
richtiger Pimpf. Um ein solcher zu werden, hieß es dann:
"Bis an den Horizont, marsch, marsch!" Also musste ich
loswetzen, wo immer auch dieser sein mochte. Ich kam nicht weit:
"Hinlegen!" kam der Befehl. Also schmiss ich mich hin.
Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich auf diese Weise
Mutter Erde, in diesem Falle den Straßenasphalt, kennen
lernte. Und - viele Male sollten noch in den folgenden Zeiten
diesen Eindruck vertiefen...
Lange konnte ich mich da unten nicht ausruhen - "Auf, marsch,
marsch, weiterlaufen!" "Hinlegen!", na und so weiter.
Nachdem ich so auch sportlich eine gute Leistung gezeigt hatte,
weitere Tiraden seitens des Fähnleinführers erfolgten,
und das unter dem Grinsen der ganzen Meute, war dann dieser erste
Dienst zu Ende. Ob ich es meinen Eltern erzählt habe, weiß
ich nicht mehr, jedenfalls bedurften Hemd und Hose einer Reinigung.
Tja, meine Eltern hatten mir die schon beschriebene Uniform auf
den Geburtstagstisch gelegt.
Natürlich war ich stolz darauf. Schließlich wollten
wir alle zum Jungvolk in eine Gemeinschaft, die anders erschien
- anders als es die Schule war. Der wöchentliche Dienst,
immer mittwochs, umfasste ja nicht nur das ungeliebte Exerzieren
mit den stupiden Formationsbewegungen, die noch dazu sinnlos waren,
wie wir dachten und ohne zu wissen, dass es einen ganz bestimmten
Zweck verfolgte. Nein, es gab auch die "Heimabende",
wo wir Lieder sangen, und wir machten an manchen Wochenenden "Fahrten"
in das Umland, mit Spielen auf Pfadfinderebene sozusagen. Es fanden
auch Begegnungen mit den "Jungmädchen" vom BDM
statt, unserer Zwillingsorganisation. Das machte besonderen Spaß.
Wir waren also durchaus begeistert. Dass wir in eine gewünschte
ideologische Richtung gedreht wurden, merkten wir natürlich
nicht. Das Zusammenleben und eben ein kameradschaftliches Verhalten
zum Mitmenschen war nicht nur politisch gewollt und gesteuert,
sonder auch positiv für die Entwicklung von uns jungen Menschen.
Unmerklich war sicher das Herantasten an die vormilitärische
Ausbildung. Wozu eigentlich musste man sich tarnen lernen, bei
imaginärem "Fliegeralarm" in den Dreck hauen und
ähnliche Spielchen treiben ? Allerdings - es machte uns Spaß...
Noch einmal zurück zum ersten Dienst: Nach meiner erfolgten
Niederlage und dem Gedanken, dass ich mich nun wohl als allerletztes
Individuum zu fühlen habe, kam ich am nächsten Mittwoch
wieder und wurde ohne weitere Ansprache nach dem Antreten zum
unbestätigten Hordenführer ernannt! Das war eine geschickte
psychologische Maßnahme der Führung, denn so hatte
man den Aufmüpfigen, der eine eigene Meinung zu haben schien,
im Griff. Ich fiel darauf rein und war fortan ein eifriger Pimpf.
Allerdings hielt das nicht lange an, und ich wurde wieder kritischer.
Es muss 1942 gewesen sein, da wurde ich mit anderen Pimpfen zusammen
einige Male zur Staatskanzlei abgeordnet. Dort in der Voßstraße
stand diese neben der Reichskanzlei, wo der geliebte Führer
residierte. In der Staatskanzlei hingegen war der Stabschef Lutze
zugange. Draußen standen zwei Ehrenwachen mit geschultertem
Gewehr, die bei jedem Besucher präsentiert werden mussten.
Es waren SS-Leute.
Wir wurden als Melder eingesetzt und mit dem Titel "Ordonanzen"
versehen. In der kleinen Wachstube der Ehrenwächter saßen
wir und warteten auf den Einsatzbefehl, der uns zu irgendeinem
Zimmer schickte. Das war natürlich eine ungeheure Ehre für
uns, die wir in geschniegelter Uniform und blankgeputzten Schuhen
durch das Gebäude flitzten. Beim Betreten der geheiligten
Räume schlugen wir die Hacken zusammen und meldeten uns mit
Hitlergruß schneidig zur Stelle. Dann bekamen wir den Auftrag,
nach da und dorthin zu wetzen, um ein Schriftstück zu überbringen
oder abzuholen. Einmal war ich beim Staatschef selbst, was mich
höchst stolz machte. Geld gab es nicht, die Ehre war es!
Vor einiger Zeit erhielt ich einen ganz überraschenden Anruf.
Ein Mann meldete sich und fragte, ob ich der Wolfgang Pickert
sei, der als Pimpf mit ihm zusammen Dienst in der Staatskanzlei
gemacht habe. Er hätte zufällig meinen Namen im Telefonbuch
gelesen und sich wieder an diese Zeit erinnert. Wir stimmten in
diesem Gespräch überein, dass es 1942 gewesen war, als
wir solchermaßen gedient hatten. Amüsiert erinnerten
wir uns, dass der große Spiegelsaal von uns zum Fußballspielen
mit dem Tennisball benutzt wurde - und dass uns die SS-Wachen
zum Teufel gewünscht hatten, weil wir uns einen Spaß
daraus machten, sie beim Wachestehen durch Rein- und Rauslaufen
am Eingang zu provozieren. Sie mussten nämlich immer das
Gewehr präsentieren!
Wie gesagt, die Zeit beim Jungvolk war gar nicht so übel.
Die ketzerische Frage sei erlaubt, ob in den nachfolgenden Generationen
in der frühen Erziehung außerhalb des Elternhauses
etwas gefehlt hat, ohne gleich an Kriegsspielchen zu denken, wie
es bei uns und auch später bei der "Freien Deutschen
Jugend" im Osten der Fall war.
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