Gedanken über das Dritte Reich
Es begann mit der Szene auf dem Schöneberger Ebersmarkt.
Ich war das erste Mal in Uniform im Dienst der Hitlerjugend. Damit
bin ich beim Dritten Reich angekommen. Was schon wussten wir in
diesem Alter darüber? Sicher, wir gingen zur Schule und lernten.
Soviel ich weiß, was alle Schüler in der Welt zu lernen
pflegen: Schreiben, Rechnen, Lesen, Erdkunde und so weiter. Doch
da war noch etwas: Rassenkunde hieß es und war in den Biologieunterricht
eingebaut. Das gab uns überhaupt nicht zu denken, wie auch
in diesem Alter. Wir hörten etwas über die nordisch-arische
Rasse, der wir angeblich alle angehören sollten. Wir wurden
mit einer Schublehre vermessen, wodurch man die Gesichtsform analysierte,
und andere Rassen sollten irgendwie minderwertiger als wir sein.
Nun, da war man ja richtig stolz.
Selbstverständlich lernten wir über unseren "Führer",
dass er irgendwann beschlossen habe, ein Politiker zu werden und
dass er ein tapferer Soldat im Weltkrieg gewesen sei, der das
EK 1 bekommen habe und einen wahren Halbgott darstelle. Ich erspare
mir heute, mehr darüber zu schreiben, nur eines: Wir glaubten
an diese hehre Gestalt, der Deutschland aus den Klauen der Feinde
und des Versailler Vertrags zu befreien gedachte. Was sollte daran
falsch sein? Was wir kaum zur Kenntnis nahmen, bzw. gar nicht,
war ein Mitschüler, der in der Klasse nicht weiter auffiel.
Er hieß Egon Zwirn - ich habe diesen Namen nie vergessen.
Er war ein aufgeschossener schlaksiger Junge, ziemlich intelligent
und bei uns Klassenkameraden ganz gut gelitten. Eines Tages erschien
er mit dem berüchtigten Davidsstern auf der Jacke. Niemand
von uns damals Elfjährigen dachte sich etwas dabei. Es wurde
darüber nicht gesprochen, auch die Lehrer erwähnten,
so weit kann ich mich erinnern, kein Wort darüber. Es änderte
sich nichts am Unterricht, an dem er wie wir anderen teilnahm.
Kurze Zeit danach kam er nicht mehr. Auch das berührte uns
nicht sonderlich. Eigentlich unbegreiflich, doch es war so, und
ich kann mir heute keinen Reim darauf machen, warum wir das negierten.
Das Dritte Reich: Obwohl mir die Eltern die HJ-Uniform zum Geburtstag
auf den Gabentisch gelegt hatten, hatte ich nie den Eindruck,
dass sie dem Nationalsozialismus und dem geliebten Führer
ergeben waren. Es wurde kaum über das alles gesprochen. Sie
hatten sich anscheinend angepasst, wie Millionen anderer auch.
Was sollten sie auch tun? Wer diese Zeiten nicht wirklich miterlebt
hat, sollte sich eines Urteils über die Verhaltensweise des
normalen und biederen Bürgers - damals "Volksgenosse"
genannt - tunlichst enthalten! Denn was hätten diese Kritiker
wohl anderes getan?
Meine Eltern hatten ihre ganz persönlichen Sorgen. Sie mussten
das Geschäft aufrechterhalten, sie hatten mich zu versorgen.
Weder waren sie in der Partei, noch sympathisierten sie mit dem
System. Hinzu kam, dass die Kriegs- und Nachkriegsjahre äußerst
schwer gewesen waren und nun alle Kraft auf die Gestaltung eines
besseren persönlichen Daseins aufgewendet werden musste.
In gewissem Sinne bot der Staat die Grundlage. Es hungerte niemand
mehr und es gab Arbeit. Übrigens - ist das nicht eine Parallele
zur jüngsten Zeit? Als ich nach dem Krieg mit ihnen über
diese Vergangenheit sprach, verneinten sie jede Kenntnis der Konzentrationslager.
Was sie wussten oder nicht, kann ich nicht beurteilen, ich habe
ihnen geglaubt und tue dies auch heute noch.
Zum fünfzigsten Geburtstag Hitlers hatten sie das Geschäft
mit Fähnchen und Wimpeln, sowie einem Foto des Führers
ausgeschmückt. Natürlich, es war ja so vorgeschrieben,
und sie hätten sich nicht weigern dürfen. Wer in einer
Diktatur leben muss und sich dagegen wehren will, muss schon ein
Held sein. Wer will das schon? Ich bin überzeugt, diese vielen
Millionen "Volksgenossen", eben die ganz normalen Bürger,
Fanatiker ausgeschlossen, sind schuldlos an den Verbrechen, die
im Namen des Volkes begangen wurden. Leider gibt es immer Menschen,
die aus eigennützigen Gründen, auch aus Minderwertigkeitskomplexen
herrührend, sich einem totalem und menschenverachtendem System
anschließen und anderen Mitmenschen schaden. Es liegt in
der Natur des Menschen und ist nicht zu beseitigen. Was heißt
auch Schuld? In der gesamten Menschheitsgeschichte wird immer
im Nachhinein über Leute geurteilt, die schuld an diesem
und jenem sein sollen. Damit meine ich nicht die wirklich Verantwortlichen.
Nur kann eine ganze Generation nie und nimmer die Verantwortung
übernehmen und schuldig gesprochen werden für das, was
Regierungen und deren Helfer getan haben.
Ich weiß, dass mein Vater und meine Mutter, auch meine anderen
Verwandten, gute Menschen waren, so wie viele andere auch. Und
- dem Verbrechen der sogenannten "Reichskristallnacht"
1938 standen sie fassungs- und hilflos gegenüber, wie ich
aus späteren Gesprächen weiß. Wenn diese Generation,
die durch den ersten Weltkrieg ging, die eine wirklich schlimme
Zeit danach erleben musste - man sprach über die "Kohlrübenzeit",
sprich Hungerepoche - durch politische Wirren verunsichert war,
nun zunächst einem Neuanfang unter dem Hakenkreuz positiv
und vielleicht auch abwartend gegenüberstand, dann hat sie
keine Schuld an dem was kam. Als alles im Gange war, erwies sich
ein Aufbegehren ohnehin nicht mehr machbar.
Schlimm allerdings ist es, wenn eine Generation wie die meine,
in eine derartige Gesellschaftsform hineingeboren wird. Wie will
ein junger Mensch, unausgegoren und bar jeder Lebenserfahrung
wissen, was gut oder schlecht ist, wenn er sofort vereinnahmt
wird. Auch hier gibt es den Vergleich zwischen diesen beiden Jugendorganisationen
der zwei verflossenen Diktaturen. Bei allen sonstigen Unterschieden,
wo war der Unterschied der Ideologien - hier schwarzes Tuch, dort
war es blau - was den jungen Hals umschlang? Ich hatte sehr mit
mir zu tun, als der Zusammenbruch kam und alles, was vorher gut
zu sein schien, nun plötzlich genau das Gegenteil sein sollte...
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