Fliegeralarm in Berlin
In Berlin begann es mit Probealarmen anfangs des Krieges. Die
auf den Dächern angebrachten Sirenen jaulten mit einem langgezogenen
Ton als Zeichen der Frühwarnung, dem "Voralarm".
Danach heulten sie auf- und abschwellend was bedeutete, dass es
nun Ernst sei und wir schleunigst den "Luftschutzkeller"
aufzusuchen hätten. Dieser Ernst sollte bald eintreten. Mit
den wichtigsten Habseligkeiten im "Luftschutzkoffer"
untergebracht, hasteten wir dürftig angezogen - die Angriffe
kamen zunächst nur während der Nacht - in den Keller,
wo alle Hausbewohner zusammenkamen. Dieser besondere Kellerraum
hatte Pfeiler, welche die Decke abstützten. Dann war er durch
eine schwere Stahltür, die Gummidichtungen aufwies, verschlossen.
Wer diese Nächte, später auch Tage, nicht selbst erlebt
hat, kann es sich nicht vorstellen, wie diese sich wiederholende
Todesangst aussah. Erst bellten die 8,8-Flakgeschütze der
sogenannten "Heimatverteidigung", dann hörten wir
das helle Singen der amerikanischen Maschinen, was sich von den
deutschen Flugzeugen deutlich unterschied, und schließlich
fielen die Bomben, mit vorhergehendem Pfeifen, vor allem der Luftminen,
und die Detonationen, die alles erschütterten. Der Luftdruck
erzeugte einen Unterdruck, die versteiften Luftschutztüren
erbebten, die Wände wackelten, und wir zogen unwillkürlich
die Köpfe tief ein, wir beteten und warteten auf das Ende
des Angriffs. Wenn es dann wirklich vorbei war, gingen wir wieder
nach oben, um abermals ins Bett zu gehen. Es kam mehr und mehr
vor, dass sich das in einer Nacht wiederholte. Ab dem Jahre 1943
hatte kaum noch jemand Fensterscheiben in der Wohnung. Stoisch
gingen wir ans Werk und verglasten selbst. Ich habe dabei tatsächlich
gelernt, wie man mit dieser Reparatur fertig wird. Später
hatte das keinen Sinn mehr, und wir mussten uns mit zurechtgeschnittener
Pappe begnügen, die wir vor die Fensterrahmen nagelten. Im
Grunde lebten wir nur in Angst vor dem nächsten Fliegeralarm.
Wenn danach der lange Heulton zu hören war wussten wir, es
gab Entwarnung, und wir hatten überlebt!
Am Anfang der Angriffe waren wir Jungen scharf auf "Splitter".
Das waren die zerborstenen Reste der Flakgeschosse, die auf Dächer
und Straßen niederregneten. Wir sammelten sie und tauschten
diese bizarren und unterschiedlichen Gebilde untereinander aus.
Einmal fand ich eine Stabbrandbombe. Die war sechseckig, ca. 70
cm lang, gefüllt mit Magnesium. Beim Aufschlag entwickelte
sie eine Flamme, die mit tausend Grad die getroffenen Dachstühle
in Brand setzte. Aus unerfindlichen Gründen war diese tückische
Bombe - später waren die abgeworfenen Phosphor-Kanister noch
schlimmer - nicht explodiert. In meiner Unwissenheit schleppte
ich das schwere Ding von etwa. zehn Kilogramm in die Schule, wo
die Klassenkameraden sogleich einen Tausch gegen Splitter anboten.
Unser Lehrer Stanitzki, ebenso unwissend in diesem Krieg wie wir,
urteilte selbstbewusst, dass dieser Fund ungefährlich sei,
da er seiner Meinung nach länger zu sein hätte. Wie
wir später mitbekamen, fehlte nur das Leitwerk aus Leichtmetall,
doch soweit waren wir ja noch nicht. Als die Tauscherei nicht
klappte, ich wollte das kostbare Stück unbedingt behalten,
nahm ich es wieder mit nach Hause. Mutter wusste auch nichts damit
anzufangen, und so lagerte die Bombe einige Tage in der Wohnung.
Dann kam ein Klassenkamerad zu Besuch. Wir waren im Hof, wo ich
das komische Ding einige Male mit dem schweren Ende auf den Boden
stampfte. Seltsamerweise passierte gar nichts! Also hatten wir
die glorreiche Idee, es doch von oben aus dem vierten Stock zu
versuchen. Und siehe da, es klappte - die Bombe explodierte mit
einem Riesenknall, und die Brandmasse breitete sich blitzschnell
aus. Wir flitzten nach unten und sahen die Bescherung. Glücklicherweise
war sie nur auf Asphalt aufgekommen, der zwar geschmolzen war,
doch es gab lediglich ein großes Loch. Der Brand verlöschte
mangels brennbaren Materials. Aus dem Hause hatte keiner etwas
bemerkt, und so ging dieses aus heutiger Sicht unglaubliche Abenteuer
für uns gut aus. Wir hielten auch in der Schule dicht und
bewahrten so unseren Lehrer vor sicherlich unangenehmen Nachbetrachtungen...
Sehr schnell machte der "Bombenterror", wie er genannt
wurde und es ja auch war, den ganzen Schulbesuch zur Farce. Im
August 1940 bereits erfolgte der erste Angriff, der die ersten
Toten zur Folge hatte. Die Amerikaner kamen fast jede Nacht, und
im Winter 1942/43 flogen sie schwerste Angriffe. Sprengbomben
verschiedenen Kalibers, Luftminen mit deren im weiten Umkreis
zerstörendem Luftdruck, Brandbomben, Phosphor-Kanister mit
durch Wasser unlöschbarem Inhalt, der bei Berührung
auf der Haut schwere Verätzungen hervorrief, alles fiel auf
die Stadt und machte aus ihr ein weites Trümmerfeld. Ab 1943
beteiligten sich auch englische Halifax- und Lancasterbomber an
diesem Wahnsinn. Menschen verbrannten bei lebendigem Leibe, wurden
unter den einstürzenden Häusern verschüttet, und
so verloren 50 000 Menschen ihr Leben, 1.8 Millionen wurden obdachlos
durch ca. 400 Fliegerangriffe. Wer seine Wohnung verloren hatte,
war "bombengeschädigt", wie es amtlicherseits hieß
und bekam eine Bescheinigung. Es wurde sogar unterschieden zwischen
teil- oder totalgeschädigt, was allerdings nicht viel half,
denn eine neue Wohnung war ja nicht zu bekommen. Viele Bombengeschädigte
kamen bei Verwandten oder anderen hilfreichen Leuten unter. Andere
mussten Berlin verlassen, um woanders ihren Lebensraum zu finden.
Etwas Großartiges war der Zusammenhalt der Menschen. Man
half sich gegenseitig und versuchte so gut wie möglich, diese
Zeit zu überstehen. Ein geflügeltes Abschiedswort war:
"Bleib übrig!" Es zeigte einen gewissen Fatalismus
aber auch etwas von Humor, der trotz allem vorhanden war.
Der Schulbesuch war natürlich äußerst unregelmäßig,
und wenn wir morgens unausgeschlafen und verstört zum Unterricht
erschienen, wurde zunächst über die vergangene Nacht
gesprochen. Trotzdem ging das Lernen irgendwie weiter, allerdings
nur bis zum 7. Schuljahr. Das Abschlusszeugnis enthielt die letzte
und achte Klasse nicht mehr. Trotz dieser schlimmen Zeit waren
meine Zeugnisse durchweg gut bis auf die Vieren im Rechnen, was
noch sehr großzügig war. In Deutsch und Geschichte
glänzte ich mit Zweien und Einsen in allen Jahren. Einmal
schrieb ich einen Aufsatz über den "Russlandfeldzug".
Der Kommentar vom Lehrer Stanitzki am Rande des Heftes lautete:
"Über solch eine Arbeit freut sich auch der Klassenlehrer!"
Zum Schluss stand die Schule zwar noch, doch gab es keine Fenster
und Türen mehr. Im Bürgersteig davor war ein Riesen-Bombentrichter,
und viele der Mitschüler waren ebenso ausgebombt wie wir
auch, denn am 23. Dezember 1943 brannte auch unsere Wohnung aus.
Diese Nacht vor Heiligabend zerstörte alles, was meine Eltern
an Hab und Gut hatten, auch meine mir lieb gewordenen Dinge. So
hatte ich einige Flugzeugmodelle aus Pappe gebastelt, die von
der Schlafzimmerdecke herabhingen. Zwei Schiffsmodelle aus Baukästen,
ein Schnellboot und ein U-Boot, gab es ebenfalls, sowie mein über
alles geliebter Teddybär aus frühen Kindertagen, der
schon fast kein Fell mehr hatte. Doch was bedeutete das gegenüber
einem: Wir lebten! Das Feuer hatte sich offenbar durch eine Stabbrandbombe
verursacht, im Dachgeschoss ausgebreitet und war auf den vierten
Stock bis zum Eckhaus zur Geßlerstraße durchgefressen.
Zu dieser Zeit war ich als "Luftschutzmelder" eingesetzt
und mit Armbinde, die blau war und ein weißes "M"
aufwies, Luftschutz-Stahlhelm und Feuerschutzbrille ausgerüstet,
bei jedem Alarm auf Sprung. Das hieß, ich musste warten,
bis die ersten Bomben fielen, um dann gegebenenfalls zum Alarm-Einsatzort
zu rennen und eben Meldung zu machen. Das mit dreizehn Jahren!
So war auch der Moment gekommen, als wir in unserem Luftschutzkeller
etwas rumpeln hörten, das so ungewöhnlich wie nie zuvor
war. Es war kein Bombeneinschlag, es war aber etwas Furchterregendes.
Also rannte ich die Treppe nach oben und sah was los war. Es brannte
und knisterte über mir, als ich den letzten Stock erreicht
hatte. So musste ich wieder nach unten, um die Hausbewohner im
Luftschutzkeller zu informieren. Nun eilten alle nach oben und
holten aus ihren Wohnungen heraus, was sie konnten. Mutter auch,
obwohl nicht mehr viel zu machen war, nur einige Koffer konnte
sie aus dem Fenster werfen, da das Feuer bereits durch die Decke
gekommen war. Ich hatte zu tun, mit Wassereimern und "Feuerpatsche"
gegen die Flammen anzukämpfen. Diese Feuerpatsche war ein
eigens öffentlich angeordnetes Abwehrmittel, welches aus
einem Schrubber- oder Besenstiel mit einem daran festgebundenen
Scheuertuch bestand.
Mit mir zusammen war ein Nachbarmädchen, zwei Jahre älter
als ich. Wir beide allein waren es, die das Haus retteten. Nur
die oberen Etagen brannten aus, so auch unsere Wohnung. Wie wir
das geschafft hatten, weiß ich nicht mehr. Zum Glück
konnten Mutter und ich in eine Wohnung im zweiten Stock ziehen,
denn wir hatten den Schlüssel von den Inhabern, die zur Zeit
in Köln waren und auch nicht mehr wiederkamen. So hatten
wir Glück im Unglück. Mein Vater war in Russland und
wusste von alledem nichts. Ein Weihnachtsfest fiel natürlich
aus, doch das Leben musste weiter gehen und zur seelischen Ruhe
kamen wir ohnehin nicht.
Übrigens hatte ich vier Wochen zuvor ein anderes Bombenkriegs-Erlebnis:
Wir Pimpfe wurden auch besonders eingesetzt und mussten abwechselnd
zu einer Einsatzleitstelle, die jeden Abend zu besetzen war. Sie
befand sich im PRÄLATEN in der Hauptstraße, wo wir
auf den Befehl zum Einsatz warteten, der stets während eines
Angriffs kam. So auch in jener Nacht, als die Bomben fielen und
wir zusammen mit älteren Kameraden der HJ hinausgejagt wurden.
In der Golzstraße sollte viel los sein. So rannten wir durch
den Feuersturm, der bei jedem Angriff durch die Straßen
fegte, und der diesen unsäglichen Brandgeruch hatte, den
man noch lange Zeit spüren konnte. Er erforderte die Feuerschutzbrille,
um Ruß und Hitze abzuwehren. Als wir an der Ecke Pallasstraße
ankamen, sahen wir Hausbewohner, die in ein Haus rein- und rausrannten,
um Sachen zu retten. Jemand schrie, dass noch welche oben seien.
Wir waren zu dritt, die über die verqualmte Treppe rasten.
Irgendwelche Balken lagen herum, und es stürzten andere Dinge
herunter.
Es war tatsächlich so, dass eine Familie zu viert mit einer
alten Frau, die nicht laufen konnte und nie in den Luftschutzkeller
ging, oben geblieben war. Sie wollten ihre Oma nicht allein lassen,
die sie auch nicht tragen konnten in dem ganzen Chaos, zumal noch
ein Kind dabei war. Ich weiß noch, dass die Stubendecke
halb heruntergekommen war, und das Feuer durchloderte. Wenn ich
das jetzt so schreibe, ist die Erinnerung daran noch ganz frisch,
als ob es noch vor kurzer Zeit passiert wäre. Es wird mich
das ganze Leben lang nicht loslassen. Wie wir es aber angestellt
hatten, diese Leute herauszuzerren, sie die Treppe runterzubringen,
kann ich nicht mehr beschreiben. Ich habe als Andenken eine Narbe
von einem Phosphorspritzer am Arm. Jedenfalls war das meine erste
Lebensrettung, auf die ich heute noch stolz bin. Als ich später
einen Sonderurlaub von der Seeberufsfachschule bekam, um in Berlin
das Kriegsverdienstkreuz mit Schwertern zu erhalten, war das der
erste Orden meines Lebens, eigentlich der einzige richtige, an
den nicht einmal das Bundesverdienstkreuz heranreicht, welches
mir Jahrzehnte danach angeheftet wurde.
Die Tage und Nächte im Bombenkeller waren nicht nur für
uns als Zivilbevölkerung schlimme Kriegserlebnisse. Auch
Frontsoldaten, die auf Urlaub waren und unten hilflos hocken mussten,
bestätigten das. Auch mein Vater, der es einmal erlebte,
war völlig mit den Nerven am Ende, als ein Angriff vorüber
war und die Entwarnung durch die Sirenen erfolgte. Ich bin heute
noch allergisch gegen jegliche Knallerei. Besonders das Sylvesterballern
regt mich auf, welche mystischen Symbole auch dahinter stecken
mögen. Wie ich einmal gelesen habe, sollen die Amerikaner
allein über zwei Millionen Tonnen von Bomben auf Deutschland
abgeworfen haben! Was meine Generation - wenn sie in den betreffenden
Städten lebte - im Kindes- und Jugendalter erdulden musste
und so brutal in den Krieg hinein gerissen wurde, kann kaum jemand
analysieren. Ob es psychologisch ausgebildete Fachleute können?
Ich bezweifle es.
Der Übergang von Kindheit zur Jugendzeit war eigentlich keiner.
Durch diese Ereignisse wurde er verwischt, und die "Jugend"
fand nicht statt. Der Krieg war für mich noch nicht zu Ende.
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