Seeberufsfachschule - Ein Traum ist schnell vorüber
Wasser und Schiffe - das war seit der Kindheit etwas, das mich
anzog und faszinierte. Warum, weiß ich nicht. Jedenfalls
war ich Feuer und Flamme, als 1943 jemand beim Unterricht im 7.
Schuljahr auftauchte und einen Werbevortrag für eine neue
Einrichtung des Führers - Seeberufsfachschule genannt - hielt.
Dort sollte der Offiziersnachwuchs der Handelsmarine ausgebildet
werden. Zunächst vier Jahre Grundausbildung, dann Fahrenszeit
und Studium, um als Endziel Kapitän oder Chefingenieur auf
großer Fahrt zu werden. Das war es also, genau das, was
ich unbedingt machen wollte. Soweit ich noch weiß, war ich
der einzige in der Klasse, der sich für dieses Angebot begeisterte.
Kurz darauf kam mein Vater auf Urlaub, und wir diskutierten lange
diese Angelegenheit. Er war keineswegs angetan von meinem Vorhaben.
Ich glaube fast, er sah schwarz für die gesamte Zukunft des
Landes und somit auch für die deutsche Seefahrt. Wie recht
er hatte...
Doch ich war nicht abzubringen und fuhr tags darauf zu meinem
Freund Gerhard, um ihn einzuspannen und Vater zu überzeugen.
Er tat es sofort, und es gab wieder ein langes Palaver zwischen
uns beiden und meinen Eltern. Das Ergebnis war, dass ich zwar
meine ersehnte Berufslaufbahn einschlagen könne, doch auf
jeden Fall die technische, da ich dann später einen richtigen
Beruf haben würde, wenn es schief gehen sollte mit der Marine.
Ein Ingenieur würde immer noch eine Arbeit finden, ein Kapitän
nicht. Natürlich willigte ich ein, denn ein derartiger Kompromiss
war besser als eine Ablehnung, obwohl ich lieber Kapitän
werden wollte.
So kam es, dass ich mich anmeldete, bzw. die Eltern mussten das
tun. Es gab für sie sogar eine Erziehungsbeihilfe. Ich würde
also in die Schule einziehen, gleich nach dem Ende der Volksschulzeit.
Es existierten nur wenige Seeberufsfachschulen in ganz Deutschland, so z.B
in Wolgast und Neuwied als seemännische Ausbildungsstätten
und oder in Essen und Görlitz, wo es technisch zuging.
Sofort
nach meinem vierzehnten Geburtstag, der übrigens wieder einmal
im Bombenterror unterging, kam ich zur ersten Eignungsprüfung,
die ich gut bestand. Im März ging es zur sogenannten "Endauslese"
in den Westerwald, wo ein Barackenlager uns Anwärter auf
eine erhoffte große Laufbahn aufnahm. Dort war es äußerst
primitiv. Ich erinnere mich noch an die große Latrine, wo
wir wie die Hühner nebeneinander auf der Stange saßen,
ohne Abgrenzung. Doch wir nahmen es nicht so genau, schließlich
wollten wir endgültig angenommen werden.
Ein großes Erlebnis war die Einkleidung. Nicht nur eine
richtige Marineuniform mit dem berühmten weiten Schlag an
den Hosen, Bluse, "Exkragen", der engen Collani-Jacke
mit den goldenen Ankerknöpfen, sondern auch ein "Arbeitspäckchen",
wie es bei der Marine heißt, also Hemd und Hose aus solidem
Material, Bordschuhe aus Segeltuch, eine Mütze mit dem Band
und ein Käppi vervollständigten die Ausrüstung.
Auch ein Seesack war dabei, der nebst einem Holzkasten für
simple Dinge wie Zahnbürste, Schuhpflegemittel etc. alles
aufnehmen sollte. Das Packen des Seesackes war unsere erste Lehrstunde,
und wir staunten, was da so hineinging.
Drei Monate lang wurden wir geschult und geprüft, wobei das
unvermeidliche Exerzieren - schon beim Jungvolk geübt und
verpönt - ein wichtiger Faktor war. Im Militarismus aller
Armeen auf der Welt ist das ja ein bewährtes Mittel, den
eigenen Sinn auszuschalten. Es soll zum Nichtdenken verhelfen,
und die unnatürlichen Bewegungsabläufe wie zum Beispiel
der Stechschritt, sind auf unbedingte Gleichheit und auch Befehlsgehorsam
ausgerichtet. Eingefleischten Militaristen wird diese meine Einschätzung
nicht schmecken, doch ich bin nun mal keiner von ihnen. Im Endeffekt
gehört das schließlich ebenfalls zum Töten lernen,
wie das Schießen. Nun gut, zur Seeberufsfachschulzeit habe
ich das natürlich nicht so erkannt, nur Spaß hatte
es mir auch nicht gemacht. Aber es wurde auch Sport getrieben
und nicht zu knapp. Wir spielten unter anderem Fußball,
und ich schrieb nach Hause, dass ich meinen Fußballkoffer
haben wollte. Mutter schickte ihn, und die Kameraden staunten,
als ich beim Fußballspielen im Dress des BSV 92 antrat.
Nach erfolgter Endprüfung, ich glaube, wir bestanden alle,
ging es nach Görlitz, wo wiederum ein Barackenlager auf uns
wartete, diesmal jedoch komfortabler. Eingeteilt in Züge
und Gruppen, letztere nach Körpergröße gegliedert,
war ich in der ersten Gruppe. Zu dieser Zeit hatte ich eine ganz
normale Länge - wer mich heute kennt, könnte es nicht
glauben! Mein Wachstum ist später zum Stillstand gekommen.
Wir wurden auf Stuben zu je acht "Mann" eingeteilt,
und ich wurde auch "Stubenältester", der die tägliche
Meldung an den Hausleiter machen musste: "Stube Vier mit
acht Mann in den Kojen, keine besonderen Vorkommnisse!" Nach
dem Aufstehen, welches mittels Bootsmannspfeife und einem kernigen
Singsang wie "Reise, reise, aufstehen, hoch die müden
Leiber!"... usw. erreicht wurde und dem gemeinsamen Waschen,
begann der tägliche Dienst: Antreten, marschieren zur Werkstattbaracke,
dort arbeiten, antreten, marschieren zur Essbaracke, antreten,
marschieren zur Werkstattbaracke, arbeiten, antreten, marschieren
zur Wohnbaracke - das war der übliche Alltag. Allerdings
war nicht jeden Tag die Werksausbildung, die übrigens durch
qualifizierte Altgesellen und Meister geleitet wurde. Wir sollten
ja schließlich auch einen Abschluss als Betriebsschlosser
machen. Es wechselte auch mit theoretischem und politischem Unterricht
ab. Daneben ein wenig seemännische Unterweisung in Knoten,
Spleißen, Winken und natürlich Sport.
Die Ausbilder waren sehr gut, doch ich weiß nicht, aus welchen
Kreisen sie sich rekrutierten. Darüber dachten wir natürlich
nicht nach, sie waren unsere Vorbilder. Sicherlich kam die Ideologie
nicht zu kurz. Wir lernten die Nürnberger Gesetze mit dem
wahnsinnigen Inhalt des Rassenwahns, ohne uns über diesen
Inhalt Gedanken zu machen, wir sangen inbrünstig beim alltäglichen
Flaggenappell das Deutschlandlied, dem sogleich das Horst-Wessel-Lied
folgte, wobei wir beim Singen den rechten Arm heben mussten, der
immer lahmer wurde, je länger es dauerte. Wenn heute die
Nationalhymne ertönt, ist mir immer nur die erste Strophe
der damaligen Zeit geläufig. Die geht nicht mehr raus, ich
habe sie zu oft singen müssen! In der Werkstattausbildung
ging es wie in einem guten Lehrbetrieb zu. Mit Feile, Hammer,
Meißel, Reißnadel, lernten wir umzugehen und zogen
uns harte Schwielen an den Händen zu. Beim Meißeln
floss auch schon mal Blut am Daumenknöchel.
Mein erstes selbstgefertigtes Werkstück war eine Königskuchenform,
die ich meiner Mutter bei ihrem ersten Besuch überreichte.
Sie, wie auch die anderen nächsten Angehörigen, hatte
die Möglichkeit, an den Wochenenden nach Görlitz zu
kommen und mich zu sehen. Was war sie stolz auf mich! Leider brachte
sie mir dabei die Nachricht, dass mein Freund Gerhard in Russland
gefallen war.
Das war für mich ein großer Schock. Er war der erste
richtige Freund in meinen jungen Jahren, und ich hatte ihn oft
um Rat gefragt, wenn ich Probleme hatte, den er mir immer mit
Erfolg gegeben hatte. Nun zeigte mir der Krieg ganz persönlich,
was er war. Gerhard musste sein Leben lassen, als er gerade einmal
zwanzig Jahre alt wurde. Er zog wie viele andere in diesen Krieg
im festen Glauben, dem Vaterland in schweren Zeiten zu dienen.
Und nun war er tot, ich konnte es kaum fassen. Sein Grab lag in
der Ukraine, wo er bei Kiew als Schütze einer Pak fiel. Meine
Mutter kümmerte sich sehr um seine Mutter, da es weiter keine
Angehörigen gab. Er war auch fast ein Teil unserer kleinen
Familie. Als Geselle war er mehr als nur Angestellter in der Firma
meiner Eltern. Auch der Lehrjunge Willi hatte keine Angehörigen,
und so blieb es nicht aus, dass die beiden einen Teil ihrer Freizeit
mit uns verbrachten. Nach einigen wenigen Briefen von der Russlandfront
wussten wir nichts mehr über sein Schicksal. Er gehört
zu den Vermissten dieses verdammten Krieges.
Wir Jungen hatten immer großen Appetit, von Hunger will
ich nicht reden, der kam später. Wir hatten eine einigermaßen
gute Verpflegung. Zur Mittagszeit gab es regelmäßig
Pellkartoffeln, die für eine "Back" - wir lernten
seemännische Ausdrucksweisen - also ein Tisch in diesem Falle,
für zwanzig Esser in vier Schüsseln serviert wurden.
Wer am schnellsten die heißen Dinger pellen konnte, hatte
auch entsprechend mehr zu essen. In diesem Zusammenhang aber geschah
etwas, was für mich und auch für uns alle jungen und
durchaus idealistischen Menschen einen Schock in unseren Seelen
auslöste. Auf unserem Gelände befand sich ein Gefangenenlager
für russische Soldaten. In einer Mulde gelegen, offen und
ohne jeden Schutz vor Witterung, vegetierten diese armen Menschen
vor sich hin. Wir marschierten jeden Tag daran dicht vorbei und
konnten die ausgemergelten Gestalten sehen. Voller Mitleid warfen
wir extra aufgehobene Essenreste wie Brot und Kartoffeln hinunter,
um die sich die Gefangenen rauften. Es war uns zwar streng verboten
dies zu tun, doch wir konnten nicht anders. Das war eine Seite
des Krieges, die wir noch nicht kannten. Es machte uns betroffen,
und wir sprachen darüber. Allerdings nur unter uns. Was wir
vom sogenannten "Untermenschentum" der Russen durch
Propaganda in den Zeitungen und der Wochenschau im Kino zu wissen
glaubten, hatte damit doch nichts zu tun. Es waren ja Soldaten,
wie wir verwundert feststellten. Wie könnten wir guten Deutschen
unsere Gefangenen so behandeln? Es müssen mehr als tausend
Menschen gewesen sein, die wir so jeden Tag in ihrem Elend beobachteten.
Ich glaube nicht, dass dort jemand überlebt hat und habe
auch bei meinen Nachforschungen nichts darüber in Erfahrung
bringen können.
Trotz dieses einschneidenden Erlebnisses war das erste Jahr auf
der Seeberufsfachschule wunderschön. Wir alle träumten
von einer großen Zukunft und sahen uns schon jetzt als wahre
Seeleute. Wenn wir Ausgang hatten - in Uniform natürlich
- besuchten wir das Kino in der Stadt. Ich weiß noch, wie
wir einen Film mit der Schauspielerin Marika Rökk sahen,
der für Jugendliche unter achtzehn Jahren verboten war. Doch
an der Kasse hielt uns niemand für so jung in unserer schicken
Marinekleidung. Verbotenerweise weiteten wir auch die Schlaghosen
mittels zurechtgeschnittener Bretter aus und verlängerten
die Mützenbänder, die unserer Meinung nach viel zu kurz
waren. Wenn auch der Dienst eigentlich ganz schön anstrengend
sein mochte, wir empfanden das gar nicht so in unserer Unbekümmertheit
und dem idealistischen Elan, der uns beflügelte. Auf einem
Urlaub in Berlin traf ich mit meinem Vater zusammen, der ebenfalls
Urlaub hatte. Ich weiß nicht, wer stolzer von uns beiden
war, wenn wir uns gemeinsam in der Öffentlichkeit bewegten.
Ein altgedienter Stabsgefreiter, der Teilnehmer des ersten Weltkrieges
gewesen war und sein Sohn, der blutjunge Matrose, das war ein
Paar!
Doch die schöne Zeit in Görlitz verging schnell, zu
schnell. Denn eines Tages hörten wir ein fernes und dumpfes
Grollen in der Luft. Da wurde allen klar, es war die Front mit
ihrem Geschützfeuer, die näher kam.
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