Erste Fronterfahrung 1945
1944 war ich auf der Seeberufsfachschule in Görlitz.
Es muss im Dezember gewesen sein, es fiel schon Schnee, da
karrte man uns dreihundert Schüler in die Nähe von Glogau,
um dort einen Panzergraben auszuheben. Mit Spaten und Pickel wühlten
wir uns in die Erde, zusammen mit anderen ganz jungen und alten
Leuten, um so die Heimat vor den russischen Angriffen zu schützen.
Ob jemals ein Panzer dadurch aufgehalten werden konnte?
Nach einigen Tagen zurückgekommen, wurde der normale Dienst
wieder aufgenommen. Doch es gab eine Neuerung. Wir bekamen einige
Tage länger Urlaub als zuvor und durften über das Wochenende
hinaus wegbleiben. Danach wurde festgestellt, dass nicht alle
wiedergekommen waren. Das lag auch daran, dass wir aus verschiedenen
Gegenden Deutschlands stammten. So waren aus meiner Stube noch
einer aus Berlin, einer aus Salzburg - wir nannten ihn "Kamerad
Schnürschuh", wie die "Ostmärker" damals
beim Kommis bezeichnet wurden -, einer aus Elbing, einer aus Halle.
Die anderen kann ich nicht mehr einordnen. Nun die Neuerung: Es
wurden Gewehre ausgegeben, und wir erhielten an ihnen Unterricht
durch einige ältere und verwundete Soldaten, die nicht mehr
für die Front verwendungsfähig waren. Sie lehrten uns,
mit den alten Karabinern vom berühmten Typ "K 98"
umzugehen, allerdings nur mit Platzpatronen.
Die Handhabung mit diesen Modellen aus dem Ersten Weltkrieg war
für uns recht schwierig, denn sie waren groß und schwer.
Doch es machte uns Spaß, unverständlicher Weise, wenn
man es in der Nachbetrachtung sieht. Natürlich wusste jeder,
dass es nicht mehr lange dauern konnte, bis der Moment zum Einsatz
kommen würde, zumal die Meldungen des Wehrmachtberichtes
im Rundfunk vom Vordringen der russischen Armee sich immer bedrohlicher
anhörten. Wir alle waren jedoch entschlossen mitzumachen.
Waren wir doch immer noch für den heroischen Kampf Deutschlands
gegen seine Feinde, was sonst? Wir waren auch glücklich,
dass unser geliebter Führer noch lebte, trotz des Attentates
im letzten Jahr, und er immer noch den Endsieg wollte.
Dann war es tatsächlich soweit: Über Nacht kam der Einsatzbefehl.
Ausgerüstet mit Karabiner, Gasmaske, Brotbeutel und Feldflasche,
über Hosen und Stiefel umgeschnallte Gamaschen, zogen wir
Kindersoldaten, die wir nun plötzlich waren, an die Front.
Unsere Habseligkeiten persönlicher Art blieben auf Nimmerwiedersehen
in den Spinden. Wir wurden auf Lkw geladen und fuhren ostwärts.
Ich weiß nicht mehr genau, wo es in Schlesien war - wir
hatten weder Orts- noch Zeitbegriff - als die ersten Einschläge
kamen. Es war auf freiem Feld, und es gab die ersten Schreie der
Verwundeten. Inzwischen waren wir nicht allein, sondern ein bunter
Haufen von Wehrmachtsoldaten, Waffen-SS und Volkssturmmännern.
Die ersten Toten habe ich am nächsten Tag gesehen, nachdem
wir die Nacht auf und in der Erde im Freien verbracht hatten.
Nun war von Begeisterung keine Spur mehr. Ich weiß nur noch,
dass ich gebetet hatte, immer wenn es krachte. Von hinten kam
Nachschub. Es gab etwas zu essen, kaltes Zeug, und vor allem Munition
und Waffen. Ich bekam ein neues Sturmgewehr 44 in die Hand gedrückt
und warf den Karabiner weg.
Nach drei Tagen wurden wir abgelöst und konnten uns in einem
Dorf ausruhen, trotz des Artilleriefeuers, das keinen Schlaf aufkommen
ließ. Dann mussten wir weiter nach hinten laufen. Es war
keine richtige Flucht, doch der wohl ähnlich, denn wir lösten
uns in kleinere Gruppen auf, blieben aber unter uns Schülern
einigermaßen zusammen. Von meinen Stubenkameraden war keiner
mehr da, und ich habe nie wieder etwas von ihnen gehört.
Irgendwann drangen die gefürchteten "Hurräh-"Hurräh"-Rufe
der Russen zu uns. Wir schossen in die Gegend, wo es herkam und
hatten nur einen Gedanken: Überleben! Das ging ein paar Tage
und Nächte. Wie lange es wirklich gedauert hat, weiß
ich nicht. Irgendwann hieß es zurück. Es war noch ein
Ausbilder dabei - er hieß Biermann - der fasste uns Übriggebliebene
zusammen, so gut es ging. Wir fuhren mit Lkw, Treckern und Pkw,
und kamen tatsächlich am Bahnhof Görlitz an. Wie es
hieß, hatte der Wehrmachtbericht die Seeberufsfachschule
erwähnt und dabei gesagt, dass wir als Offiziersschüler
tapfer gewesen seien und nun geschont werden müssten.
Wir sollten nach Iserlohn fahren, um dort weiterhin verwendet
zu werden. Es war eine Nachtfahrt, und wir erreichten im Morgengrauen
das Ziel. Als wir auf freier Strecke ausstiegen, griffen uns die
Lightnings an. Das waren englische Doppelrumpf-Jagdflugzeuge mit
2-cm Bordkanonen. Ich lag zwischen den Schienen und dachte, dass
es nun endgültig vorbei sei. Ich hatte noch ein Stück
Speck in der Tasche, welches ich hervornestelte und anknabberte.
Warum in dieser Situation? Das kann ich nicht genau begründen,
jedenfalls war es so. Vielleicht, um noch einmal vor dem Ende
einen Genuss zu haben. Dann gab es gab einen Knall, und ich spürte
einen gewaltigen Ruck. Das musste es also gewesen sein. Doch nein,
es war ein Geschoss, das meine Gasmaske auf dem Rücken getroffen
und weggerissen hatte. Immer, wenn ich mir diese Situation nach
den langen Jahren vor Augen führe, wundere ich mich doch
sehr, wie ich das alles weggesteckt hatte.
Einiges habe ich vergessen, anderes wiederum ist unauslöschlich.
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