Kriegsende und Heimkehr 1945
Im Frühjahr 1945 fand ich mich in einem zusammengewürfelten
Haufen von Wehrmachtssoldaten wieder, der keine Beziehung zum
Kämpfen hatte, zu Fuß und auf verschiedenen Fahrzeugen,
ging es immer nur weiter von Iserlohn nach Norden. Die Waffen
hatten wir schon längst weggeschmissen, nur einige trugen
noch Pistolen. Ich hatte eine Pistole von einem Zivilisten bekommen,
eine kleine 6,35 mm mit einem vollen Magazin. Wir verpflegten
uns bei Bauern, die uns gut versorgten aber auch schnellstens
wieder loswerden wollten. Schließlich fand ich mich mit
einigen anderen auf dem flachen Anhänger eines Treckers wieder,
und es kam wie es kommen musste. Eine englische Einheit stoppte
uns. Ich konnte gerade noch die Pistole wegwerfen. Mit uns war
jemand, der eine Ziviljacke anhatte aber eine Uniformhose mit
roten Binsen trug. Also war es ein Generalstabsoffizier. In der
allgemeinen Angst bei der Festnahme wandte er sich ausgerechnet
an mich den Jüngsten und flehte: "Kamerad, schütze
mich!" Das kann ich nicht vergessen. Ein bisher für
mich höherstehendes Wesen, nun genauso hilflos und schutzbedürftig
wie alle anderen, zum normalen Menschen degradiert! Seither habe
ich vor niemanden mehr Respekt, wenn auch eine gewisse Kleidung
diesen erheischen mag, ebenso wenig vor Titeln. Nur ein Mensch
mit charakterlichen Qualitäten hat meine Hochachtung. Ich
kann sagen, dass ich in meinem späteren Umfeld viele derartige
gute Leute gefunden habe.
Nach einem langen Marsch kamen wir in ein Lager, das nur aus einer
großen Wiese mit einigen Zelten bestand. Wir wurden vernommen,
wobei mir zunächst niemand mein Alter glaubte. Von einer
Seeberufsfachschule hatten die Tommys noch nie gehört, so
dass ich natürlich für sie ein Marinesoldat war. Drei
Tage lang musste ich ausharren. Es gab einmal Suppe am Tag, welche
in Kesseln hingestellt wurde und auf die wir uns ausgehungert
stürzten. Einmal schlugen uns die Bewacher mit Gewehrkolben
und warfen den Kessel um, nicht ohne uns zu beschimpfen, dass
wir "damned Nazis" seien. Leider war das meine erste
Erfahrung mit den westlichen Alliierten, und ich habe lange Zeit
gebraucht, um das zu verdauen. Nach einer weiteren Vernehmung
durch einen Offizier, der mir meine Geschichte abnahm, wurde mir
ein Entlassungspapier ausgehändigt auf dem vermerkt war,
dass ich nach Kassel zu gehen hätte. Nach Berlin durfte ich
nicht, da dort die Russen waren. Ich hatte wohlweislich angegeben,
dass ich zu meine Verwandten nach Kassel wollte.
Nun war der Krieg zu Ende, den ich mit zehn bis vierzehn Jahren
im Bombenkeller und mit fünfzehn Jahren als Soldat an der
Front erlebt hatte. Doch ich war ja nicht der einzige dieser verlorenen
Generation, dem die Kindheit und Jugendzeit derartig gestohlen
wurde. Viele sind daran zerbrochen. Hatte ich nur Glück,
dass ich mich in eine bessere Zukunft retten konnte? Wer weiß.
Fest steht, dass mir meine Eltern durch großes Verständnis
Halt und Hilfe gaben. Und zu den Eltern wollte ich mich jetzt
durchschlagen.
Nun begann eine mehrwöchige Wanderschaft, die nur ein Ziel
hatte und in eine Richtung führte: Nach Berlin. Ich lief
und lief, ließ mich, wo es nur ging, auch mit Fahrzeugen
mitnehmen. Da der Krieg zu Ende war, zeigten sich die Leute hilfsbereit,
überall wo ich hinkam. Ich übernachtete immer auf Bauernhöfen,
bis ich unterhalb Kassels angelangt war. Dann hatte ich Angst,
wieder aufgegriffen zu werden, mit dem falschen Ziel in der Tasche.
Also blieb ich tagsüber bei den Bauern und wanderte nachts.
Einmal hatte ich in Thüringen eine längere Pause - es
müssen wohl drei Wochen gewesen sein - und erlebte etwas,
was erstmalig war: Eine Frau verführte mich... Doch darüber
mehr in einem folgenden Kapitel.
Dann kam noch einmal Todesangst auf. Mit zwei jungen Landsern,
die ich traf und die auch auf dem Wege in die Nähe von Berlin
waren, wollten wir eines frühen Morgens gegen 0,05 Uhr die
Mulde bei Brambach-Aaken überqueren. Wir fanden ein kleines
Boot und paddelten mit Händen und Zweigen ans andere Ufer.
Als wir ankamen, tauchten sie auf - die Russen natürlich.
Wir hatten ja die amerikanische Zone verlassen. "Stoi!"
hieß es, und wir hoben die Arme. Einer richtete seine Maschinenpistole
auf mich: "Du SS!" Na klar, er sah meine dunkelblaue
verdreckte Marineuniform, die ich anhatte und ihm als schwarz
erschien. Was ich in meiner seelischen Verfassung alles sagte,
keine Erinnerung mehr. Jedenfalls hätte der Kerl um ein Haar
geschossen. Die Umstehenden waren damit anscheinend einverstanden.
In letzter Sekunde erschien ein Offizier - es muss ein Unterleutnant
gewesen sein - der ein wenig Deutsch radebrechte. Zumindest verstand
er, dass ich bei der Marine gewesen war. Er verlangte, dass ich
ihm die Arme zeigte. Da ich keine Blutgruppen-Tätowiererung
auf der Haut unter der Achsel hatte, wie alle SS-Leute, war ich
gerettet. Er wurde noch stutzig, als er die Stelle auf dem linken
Collani-Ärmel sah, wo noch die Umrisse des aufgenähten
Hoheitsadlers zu sehen waren, den ich schon längst abgetrennt
hatte. Ich bedeutete ihm, dass dieses Abzeichen bei der SS auf
der Brust zu sein habe. Dann schien er endlich überzeugt.
Ich erhielt ein Stück Packpapier, auf dem schnell hingekritzelt,
etwas in kyrillischen Buchstaben stand. Noch ein Tritt in den
Hintern, und ich war frei! Die beiden anderen mussten bleiben,
wer weiß, was aus ihnen geworden ist. Mich hatte vermutlich
nur mein jugendliches Alter gerettet. Weiter ging es nach Berlin,
nun am Tage. Ich vertraute auf mein "Dokument". Die
letzten Kilometer benutzte ich auch einen Vorortzug, der erstaunlicherweise
fuhr.
Diese Wanderschaft durch halb Deutschland war zwar eine besondere
Leistung, wenn man es heute betrachtet, doch es kam mir überhaupt
nicht so vor. Ich wollte nur eines - nach Hause! Den Menschen
auf den Bauernhöfen bin ich sehr dankbar, wie sie mir geholfen
hatten. Ich konnte dort schlafen, mich waschen, bekam zu essen
und wurde ausgestattet mit belegten Broten, die in Päckchen
aufgeteilt, ich mir mit Bindfäden an den Körper gehängt
hatte und meine Wegzehrung darstellte.
Meine ganze Sorge war, wie es meiner Mutter ergangen war und ob
sie überhaupt noch lebte. Ich wusste ja bereits, dass die
Russen furchtbar gewütet und alle Frauen, ob alt oder jung,
vergewaltigt hatten, wenn sie ihrer habhaft wurden. So erreichte
ich unser Haus, nicht ohne vorher bei der Milchfrau an der Ecke,
deren Laden noch bestand, nachgefragt zu haben. Sie beruhigte
mich und erzählte, dass meine Mutter alles gut überstanden
hätte, man keine Angst mehr vor den Russen zu haben brauche
und mein Vater noch nicht da sei. Da meine Mutter nicht zu Hause
war, wartete ich im Laden auf ihre Rückkehr. Das Wiedersehen
muss ich nicht beschreiben. Sie wusste ja bis dahin auch nichts
über mein Schicksal.
Auf dem Fußweg durch Berlin, von der Stadtgrenze nach Schöneberg,
fielen mir die "Flintenweiber" auf. Russische Soldatinnen
in Röcken und Stiefeln, die überall an den Ecken und
Kreuzungen standen und den Straßenverkehr, soweit der überhaupt
stattfand, mit Fähnchen regelten. Was für ein Anblick.
Ich war entsetzt. Frauen als Soldaten! Sie hatten sogar Maschinenpistolen
umgehängt. Es war für mich unsäglich. Und - ich
gestehe es: Bis heute halte ich es für unerträglich,
wenn Frauen militärische Uniformen tragen bzw. beim Militär
sind. Im Endeffekt bedeutet Militär Krieg. Wer diesen erlebt
hat mit seinen Greueln, in seinem absoluten Wahnsinn, mit dem
unbeschreiblichen Elend für die Menschen, der ist überzeugt
- niemals wieder! Ich habe auf meinen Reisen viele Menschen kennengelernt,
verschiedener Rassen und Nationalitäten. Niemand, und nicht
ein einziger, hat mir jemals gesagt, dass er Krieg wolle. Was
kommt denn auch am Ende dabei heraus? Außer Orden, Anerkennung
für Generäle, die meistens sicher geschützt waren,
während andere verreckten und verkrüppelten, leiden
nur alle - Besiegte und auch Sieger. Ein Krieg kann gar nicht
so wichtig sein, dass er geführt werden muss. Wäre es
nicht schön, wenn niemand hingehen würde zum Krieg,
den irgendwelche Politiker durch irgendwelche Gründe auslösen,
wie es ein bekannter Schriftsteller einmal formuliert hat? Den
Ausspruch: "Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin",
finde ich so gut, dass er in jedem Land der Erde jeden Tag in
die Köpfe der Menschen gehämmert werden sollte. Leider
ist dem nicht so. Und - ich gebe es zu, manchmal sind Konflikte
derart schwierig, dass niemand eine menschenwürdige Lösung
finden kann. Ich schreibe das besonders unter dem Eindruck des
jüngsten Terrorismus! Dennoch, ich bleibe dabei - Krieg ist
mir so verhasst, dass ich verzweifelt bin, wenn er anscheinend
nicht auf unserem Planeten auszurotten ist. Kann es aber vielleicht
auch sein, dass es eine biologische Maßnahme der Natur ist,
dass sich Menschen gegenseitig umbringen müssen? Wir essen
uns ja als notwendige Nahrungsaufnahme nicht auf, wie es Tiere
tun müssen. So muss wohl für einen Ausgleich gesorgt
werden, den wir nicht steuern können...
Und nun, um auf die erwähnten Soldatinnen zurückzukommen,
ist seit dem Jahr 2001 auch in Deutschland die Bundeswehr offen
für Frauen zum "Kampfeinsatz". Ich halte das für
eine Perversion. Was hat es mit Gleichberechtigung zu tun, wenn
Frauen daran denken, im Falle eines Krieges töten zu wollen.
Ist es nicht schlimm genug, wenn Männer es tun (müssen)?
Muss die Frau wirklich so unweiblich werden? Schließlich
ist sie es, die Leben schenkt, nur sie allein. Sie ist eine Mutter,
die um das Leben ihres Kindes bangt. Es ist Blasphemie, sich eine
Frau im mörderischen Krieg als Soldatin im Kampf vorzustellen.
Meine eigenen Kriegserlebnisse reichen völlig aus um festzustellen,
dass jeder Krieg ein Verbrechen ist. Jeder Mann, der daran teilnimmt,
ist zuviel. Und nun wollen diese verblendeten Mädchen auch
mitmachen. Nein und abermals nein - ich glaube an natürliche
biologische Unterschiede und ich versuche sie einzuhalten, zum
Wohle beider Geschlechter, die sich bisher so gut ergänzt
haben. Ich helfe einer Frau in den Mantel und halte ihr die Tür
auf. Ist das nun falsch im Namen der Gleichberechtigung? Im übrigen
machen sich diese Soldatinnen anscheinend keine Gedanken, wie
denn der wirkliche Ernstfall tatsächlich aussehen könnte.
Und niemand sagt es ihnen. Die Teilnahme an der Bundeswehr dürfte
für sie ja nur ein Mittel sein, um in der Gesellschaft anerkannt
zu werden. Als ob es anders und besser nicht auch ginge. Allerdings
gilt das für die männlichen Freiwilligen ganz genauso.
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