Dieser Bericht wurde zusammengestellt von Horst Ahrens mit Angaben
seiner Kameraden Hubert Poganiuch, Heinz Tomulka, Engelbert Milde,
Gerhard Schmack, Heinz Kandziora, Egon Fein, Herbert Laqua
und Hanno Effert
Am 6. Januar 1945 erfolgte unsere Verlegung der ehemaligen FLAK-Batterie
223/VIII nach Föhrengrund.
Kamerad Hubert Poganiuch berichtete mir u.a.:
"
Nach Beendigung meines Weihnachtsurlaubes, den ich
im Kreise der Familie in Oppeln verbracht hatte, kehrte ich am
26.12.1944 wieder nach Annahof zurück. Meine Mutter hatte
mir noch die Lebensmittelkarten, die ich bei Antritt meines Urlaubes
erhalten habe, mitgegeben und auch ein Paar warme Socken; sie
machte sich eben doch große Sorgen um mich. Ich hatte einen
schweren Rucksack bei mir und bin mit der Bahn bis Odertal gefahren.
Von Odertal ging es dann zu Fuß über Bergstedt nach
Mariengrund zur Rückmeldung in der Schreibstube und weiter
in die Batterie. Der kürzeste Weg von Bergstedt nach Mariengrund
führte durch die "Schluchten", einem schmalen Hohlweg.
In der Batterie holte mich der Alltag schnell wieder ein. Schon
mittags griffen die Amerikaner das Werk Odertal an. Ich verrichtete
wie immer meinen Dienst als Zünderstellkanonier und es gäbe
eigentlich nicht viel anderes über diesen Angriff zu berichten
als sonst auch, wenn nicht, ja wenn nicht eine Granate vorzeitig
in unmittelbarer Nähe des Befehlsstandes der Untergruppe
auf dem Annaberg krepiert wäre. Ursache für diesen Frühkrepierer
konnte sowohl ein fehlerhafter Zünder als auch ein fehlerhaft
eingestellter Zünder gewesen sein. Da in der fraglichen Zeit
keine andere Batterie geschossen hatte außer "Annahof",
hat sich die ganze Kritik auf uns gerichtet. Als einer der 18
Zünderstellkanoniere gehörte auch ich zum Kreis der
Gescholtenen. Es hat sich aber alles sehr schnell beruhigt, da
nichts passiert war. Damals konnten wir es noch nicht wissen,
dass wir den letzten Angriff der Amerikaner auf unser "Schutzobjekt"
erlebt hatten. Am 6. Januar 1945 kamen wir von der ehemaligen
223/VIII in eine neue "Stellung", der Ort hieß
Föhrengrund'".
Hierzu mein (Horst Ahrens) Bericht:
"Offenbar hatten wir Ehemaligen' von der 223/VIII Reinschdorf
zu verschiedenen Zeiten verlassen, denn in der neuen Batterie
Föhrengrund' standen bereits drei Geschütze 8,8-cm/41.
Weitere Geschütze standen transportbereit auf einem nahegelegenen
Bahnhof.
Ich habe Hanno Effert in seinem jetzigen Wohnsitz besucht und
ihn um eine Schilderung bezüglich der ersten Eindrücke
von Föhrengrund' gebeten:"...
Die größere Wegstrecke von Reinschdorf nach Föhrengrund
legten wir mit der Bahn zurück, eine kleinere Strecke marschierten
wir zu Fuß.
In Föhrengrund waren bereits drei Geschütze feuerbereit.
Weitere standen zerlegt auf einem Bahnhof, wo wir den Zug verlassen
hatten.
Mit Hilfe von Flaschenzügen pp. haben wir versucht die Geschütze
(am Bahnhof) zusammenzusetzen, damit sie transportbereit waren.
Nach Föhrengrund haben wir aber keine weiteren Geschütze
gebracht..."
In den nun folgenden Berichten lasse ich einzelne Kameraden ihre
Erlebnisse im Kampf um Oberschlesien berichten. Datensprünge
sind dadurch leider unvermeidlich. Der schon mehrfach genannte
Kamerad Alouis Tomulka berichtete mir:
"...Wir waren die am weitesten im Westen gelegene Batterie
und wie es hieß, die noch einzige kampffähige Einheit.
Bei dem nächsten Munitionsnachschub, vor allem von Panzer-granaten,
feuerten wir im Dauerfeuer auf. Erdziele bis sich eine
dünne neue deutsche Abwehrfront gebildet hatte."
Im Januar 1945 näherte sich die russische Front und überrollte
nach und nach die einzelnen FLAK-Batterien.
Reinschdorf lag unter direktem Beschuss russischer Panzer. Die
Batterie wehrte sich tagelang und musste schließlich wegen
Munitionsmangel geräumt werden.
Ich (Horst Ahrens) erinnere mich an einen Luftwaffensoldaten,
der als Versprengter von der alten Ostfront' zurückkam
und sich in unserer unfertigen Batterie in Föhrengrund meldete.
Er sei schon in Afrika dabei' gewesen und hatte auf die
Oberen' eine Stinkwut im Bauch'. Für ihn war
die derzeitige miese Kriegslage Verrat durch die deutsche
Generalität'. Was aus diesem Soldaten geworden ist, weiß
ich nicht. Wir hatten nur wenige Gewehre. Der ortsansässige
Förster gab uns deshalb aus seinem Bestand Langwaffen'
ab, für die wir Munition hatten.
Kamerad Hubert Poganiuch schrieb mir in Bezug auf seine'
Batterie in Mittelhof / Poppitz u.a.: "
Bald nach dem
Beginn der Baranow-Offensive hörte man den Kanonendonner
der heranrückenden Front; zuerst als dumpfes Grollen, im
Laufe der Zeit auch Einzelfeuer. Ein Leutnant, der offen erklärt
hatte, dass bei dem zu beobachtenden Vormarsch der sowjetischen
Truppen die Angriffsspitzen in einer Woche die FLAK-Batterie erreichen
würde, wurde bei einem Appell, zu dem die ganze Batterie
antreten musste, vom Batteriechef gerügt und aufgefordert,
derartige unqualifizierte' Äußerungen zu unterlassen.
Der Leutnant sollte sehr schnell Recht bekommen..."
Wenig später gab es bei uns in Föhrengrund Panzeralarm.
Wir hörten das Röhren von Panzermotoren und das Gerassel
bzw. Gequietsche der Panzerketten. Diese Geräusche gingen
uns "durch und durch". Ob das wohl die Sowjets waren
und diese wussten, wo wir waren ? Noch kamen sie nicht zu uns.
In respektvoller Höhe flogen über uns sowjetische Schlachtflieger
IL 2', griffen uns aber nicht an.
Wir Luftwaffenhelfer waren nun natürlich auch nachts auf
Wache. Zur Tarnung unserer Uniformen hatten wir unsere Stahlhelme
weiß angestrichen. Wir hatten zwar keine Schneehemden',
bekamen aber weiße Bettlaken, die wir in der Mitte aufschlitzten
und wir durch die so entstandenen Öffnungen unsere Köpfe
steckten. Das war unsere Tarnbekleidung. In der Ferne hörten
wir das "Gegrummel" der Granatexplosionen, das "Rattern"
eigener und feindlicher Maschinenwaffen und am östlichen
Himmel blitzte es immer und immer wieder auf, wie bei einem Wetterleuchten.
Ich dachte: "Das ist also die Front".
Irgend einer der auf Posten stehenden Kameraden hörte nachts
etwas rascheln und rief: "Halt, wer da - Parole!" Eine
Antwort kam jedoch nicht und alle, die auf "Posten"
waren, schossen (wohin?). Es war eine wüste Ballerei. Irgendwann
kam dann der Befehl "S t o p f e n", d.h. Aufhören
mit dem Schießen'. Es herrschte Ruhe, kein "Feind"
war zu sehen.
Am darauf folgenden Morgen sahen wir, warum und auf was die Kameraden
geschossen hatten: Es war ein leerer Zementsack, der im Schnee
einseitig festsaß und im Wind hin und her wedelte und dadurch
geraschelt hatte! Aus heutiger Sicht möchte ich sagen, dass
die Kameraden ihre nächtliche Angst mit dem Schießen
abreagiert haben.
Des Öfteren sahen wir den Stuka' (die Ju 87')
des Schlesiers und Obersten (Träger des goldenen Eichenlaubes
mit Schwertern und Brillanten zum Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes)
Hans-Ulrich Rudel in Begleitung zweier Me 109'. Seine Maschine
war mit zwei automatischen 3,7-cm-Kanonen unter den Tragflächen
bestückt. Sie verschossen eine Spezialmunition mit Wolfram-Kern,
der die Panzerung der hinter dem Turm befindlichen Motorabdeckung
durchschlug und erst dann zerbarst. Oberst Rudel konnte damit
auf etwa 20 - 30 cm genau treffen. Mit diesen Kanonen schoss er
eine ganze Panzerarmee sowjetischer T 34' und Stalin-Panzer'
ab und verschaffte uns und anderen deutschen Einheiten somit Luft'.
Es sollen über 500 Panzer gewesen sein, die auf sein Abschusskonto
in dieser schweren Zeit im Bereich der dünnen Ostfront gingen.
Wir hatten nur Zeitzündergranaten (ZZ') und solche
mit Aufschlagzündern (AZ'), aber keine panzerbrechenden
Granaten in unserer Batterie. Ich erinnere mich, dass unser leitender
Schießoffizier zusammen mit dem Stammpersonal der Batterie
von dem bereits stehenden Teil unserer Batterie Ziele im indirekten
Beschuss mit unseren Sprenggranatpatronen beschossen wurde.
Kamerad Engelbert Milde schrieb mir: " ...Am 6.1.1945 wurden
wir Luftwaffenhelfer der ehemaligen 213/VIII nach Mittelhof versetzt.
Zum ersten Mal lernten wir deutsche 8,8-cm- FLAK-Geschütze
kennen und schnell bedienen. Im Januar 1945 kam es zu den ersten
Kampfhandlungen mit den vordringenden sowjetischen Truppen. Wir
schossen mit unseren Geschützen im Erdeinsatz auf angreifende
feindliche Kavallerie und Panzer. Die sowjetischen Soldaten antworteten
mit Maschinengewehr-, Granatwerfer- und Panzerkanonenbeschuss.
Am 21.1.1945 griffen zwei deutsche Kampfflugzeuge im Tiefflug
in das Kampfgeschehen ein. Ihre Angriffe führten zu einer
kurzzeitigen Entlastung. Wir nutzten die Gelegenheit, zerstörten
unsere Geschütze und verließen, um der Kriegsgefangenschaft
zu entgehen, im Schutze der Winterdämmerung unsere Stellung.
Tiefer Schnee, Dunkelheit und eisiger Wind in der Nacht er- schwerten
den Rückzug. In mehreren anstrengenden und beschwerlichen
Tagesmärschen erreichten wir nach der Überquerung der
Oder am 26.1.1945 schließlich Neustadt O/S.
Unser Schulkamerad Gerhard Schmack, zunächst in der 218/VIII,
war jetzt in der Großbatterie "Eschendorf / Niedererlen".
Als die Sowjets heranrückten, es war so um den 20.1.1945,
bereitete man sich dort auf den bevorstehenden Erdkampf vor. Die
Geschützwälle wurden abgetragen, damit im direkten Schuss
gefeuert werden konnte, und es wurde panzerbrechende Munition
für die Geschütze geliefert.
Gerhard Schmack berichtete mir wörtlich: " ...Einen
Tag, bevor wir Luftwaffenhelfer dann endgültig die Batterie
vor den anrückenden Russen verlassen hatten, war einige Kilometer
vor unserer Batterie in östlicher Richtung die Ju 87'
mit ihren beiden 3,7-cm-Panzerkanonen von Oberst Rudel im Einsatz.
Es war gegen Mittag und das Wetter war sonnenklar. Der "Stuka"
flog von unserer Batterie aus gesehen links vom Annaberg. Das
war wohl in Richtung "Groß-Strehlitz", wo sich
in jenen Tagen russische Panzerrudel herumtrieben.
Zur Absicherung gegen feindliche Jäger flogen einige "Me
109" Luftsicherung für Oberst Rudel. Plötzlich
qualmte eine "Me 109" und verlor an Höhe, um kurz
darauf bei einem Bauernhof vor uns in einem Holzstapel aufzusetzen.
Dass die Maschine nicht in tausend Fetzen flog, war fast ein Wunder.
Einige von uns liefen sofort zur notgelandeten Maschine, um nach
dem Piloten zu sehen. Sie kamen nach ca. einer Stunde mit dem
hinkenden Flieger zu- rück. Er hatte nur einen Filzstiefel
an, der zweite war aus der eingeklemmten Pilotenkanzel nicht herauszukriegen,
berichteten die Kameraden. Der Pilot fluchte fürchterlich,
weil er die letzten Kriegswochen wahrscheinlich als "Fußlatscher"
(Infanterist) verbringen musste, denn an eine Ersatzmaschine für
ihn war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zu denken.
Der eigentliche Witz an der Geschichte war folgender: Die Me
109' war von einem deutschen Volkssturmmann mit einem Flieger-MG
am hellen Tage bei bester Sicht abgeschossen worden. Von einem
eigenen Mann, der offenbar eine "Me 109" nicht von einer
sowjetischen "IL 2" unterscheiden konnte.
Tags darauf seien in der Batterie die beiden FuMG und die Kommandogeräte
gesprengt worden. Wenig später seien vier Zugmaschinen gekommen,
die je ein Geschütz aus der Stellung zogen und die Luftwaffenhelfer
wurden zumeist abgezogen. Fast unbewaffnet, nur in Begleitung
eines Unteroffiziers, ging es westwärts, über die Oder.
Kamerad Heinz Kandziora schrieb mir: " ... Wie mir ein Stubenkamerad
aus der 218/VIII, der in "Eschendorf / Niedererlen"
geblieben war, später in einem Auffanglager in der Nähe
von Kriegsdorf im Sudetenland berichtete, soll ein Luftwaffenhelfer
vom FuMG (es soll ein kleiner stämmiger Kamerad mit behaarter
Brust gewesen sein (Name weiß ich nicht mehr) von den Russen
geschnappt worden sein, als er noch einmal in die verlassene Batterie
zurück ging, um das letzte FuMG zu sprengen. Andere Kameraden
sollen aus einiger Entfernung beobachtet haben, wie er von den
Russen erschlagen wurde. ..."
Kamerad Hubert Poganiuch berichtete mir: "20.1.1945, Sonnabend:
Sowjetische Angriffsspitzen erreichen den Raum Kattowitz. Nördlich
von Beuthen dringen die Sowjets in Oberschlesien ein und stoßen
bis Groß-Strehlitz (10 km von Mittelhof entfernt) vor. Es
herrscht strenger Frost. Der Boden war mit einer geschlossenen
Schneedecke bedeckt. Wir erhielten weiße Tarnhosen, die
Stahlhelme haben wir weiß angestrichen. Über den langen
Luftwaffenmantel habe ich ein Bettlaken gezogen, das ich in der
Mitte aufgeschlitzt habe um meinen Kopf durchzustecken. Über
meinen Kopf habe ich den Kopfschützer gezogen. Erstmals Beschießung
eines russischen Flugzeuges. Neben unserer FLAK-Batterie ging
eine Artillerieeinheit der Wehrmacht in Stellung und eröffnete
das Feuer auf den Feind. Die Luftwaffenhelferinnen (Blitzmädel')
aus der Fernmeldezentrale mussten die Batterie verlassen. Ich
übernahm die Fernmeldezentrale.
In der Nacht zum 21.1.1945: Besetzung von Groß-Strehlitz
durch ungefähr 20 feindliche Panzer.
21.1.1945, Sonntag: Die Truppen der 1. Ukrainischen Front überschreiten
auf breiter Front die oberschlesische Grenze und dringen bis zum
Turawa-Stausee (ca. 15 km von Oppeln entfernt) vor. Mittelhof
beschießt feindliche Panzeransammlungen in Groß-Strehlitz;
Erdzielschießen als Störfeuer auf die Ortsausgänge
von Groß-Strehlitz. Noch in der Nacht hat sich die (benachbarte)
Artillerieeinheit der Wehrmacht zurückgezogen.
Um 09.00 Uhr: Erdalarm. Ein russisches Maschinengewehr in Poppitz
eröffnet heftiges Feuer auf die Batterie. Feindliche Kavallerie
war im Batteriebereich zu sehen. Granatwerferbeschuss, Panzerangriff.
Die Lage war hoffnungslos. Wir hatten weder Handfeuerwaffen noch
Panzerfäuste, ich besaß lediglich sechs Eierhandgranaten.
Die Geschütze stellten das Feuer ein, da die Geschützrohre
auf den Erdwällen der Geschützstände aufsaßen.
Ich bekam den Auftrag, mit der Nachbar-FLAK-Batterie Alt-Bischofstal
fernmündlich Kontakt aufzunehmen und Sperrfeuer auf das Vorfeld
unserer Batterie anzufordern. Das Sperrfeuer musste bald wieder
eingestellt werden, da ein Teil der Granaten im Batteriebereich
einschlugen.
Glücklicherweise waren viele Granaten aus dem russischen
Granatwerferbeschuss Blindgänger. Ein Kamerad hielt mir einen
solchen Blindgänger unter die Nase. Um 15.30 Uhr mussten
wir die Batterie räumen. In kleinen Gruppen zogen wir uns
jedes Mal dann, wenn die sechs deutschen Flugzeuge einen neuen
Angriff flogen, im Laufschritt über einen deckungslosen tief
verschneiten Acker zurück bis zu einem etwa 200 m entfernten
Hohlweg, der ausreichend Deckung bot.
Einen Kameraden, der durch den Granatwerferbeschuss im Befehlsstand
verwundet worden war, rollten wir in eine Decke ein und banden
ihn auf einem Schlitten fest. Zu zweit zogen wir abwechselnd den
Schlitten mit dem Kameraden. (Anmerkung von mir - Horst Ahrens:
Die Kameraden der vorge- nannten Batterie kamen bei uns in Föhrengrund
mit dem auf dem Schlitten liegenden verwundeten Kameraden vorbei).
Es erfolgte unser Rückzug über die Großbatterie
Alt-Bischofstal und die Kleinstadt Bischofstal. In Bischofstal
kannte ich mich gut aus, da ich in den Ferien öfters dort
war. Hier lieferten wir den verwundeten Kameraden auf dem Hauptverbandsplatz
ab und bewegten uns weiter in Richtung Rudgershagen. Spät
in der Nacht kamen wir in der Großbatterie in Rudgershagen
an. Die sowjetischen Truppen hatten inzwischen Bischofstal besetzt.
Die Batterie Rudgershagen schoss auf den nachdrängenden Feind;
wir konnten daher in den freien Betten der Kameraden liegen. Ich
schlief sofort ein.
22.1.1945, Montag: Wir blieben in Rudgershagen.
23.1.1945, Dienstag: Wir verlassen die Großbatterie Rudgershagen;
Rückzug über Althammer - Oderwalde - Fährendorf
nach Neumannshöh.
24.1.1945, Mittwoch: Neumannshöh verlassen wir nachts, Marsch
nach Oberglogau.
25.1.1945, Donnerstag: Nachts, Marsch nach Neustadt O/S.
26.1.1945, Freitag: Neustadt: Unterkunft in der Kaserne, Umzug
in das katholische Gesellenhaus (Kolping-Haus).
29.1.1945, Montag: Entlassung aus dem Dienst der Luftwaffe."
Der Luftwaffenhelfer-Kamerad Egon Fein, noch in der westlich der
Oder gelegenen Stellung in Juliusburg berichtete mir: "...
Seit dem
19. oder 20. Januar 1945 befanden wir uns im Erdeinsatz. Wir bekämpften
russische Truppen- und Panzeransammlungen sowie Übersetzversuche
über die Oder mit hochgezogenem Sprengpunkt'. In der
Nacht zum 20. Januar, einem Samstag, rückte ein FLAK- Kampftrupp
aus. Dazu gehörten die Lw-Oberhelfer Walter Götz, Friedrich
Schalk und Egon Fein aus Rothenburg, sowie mehrere Soldaten. Wir
marschierten - zur Tarnung mit weißen Bettlaken behangen,
Tarnjacken bekamen wir erst später - bis zu unserem Einsatzgebiet
in und um Bischofstal. "Zielvorgabe": Panzerbekämpfung.
Dort brach ein blankes Chaos über uns herein. Während
der Russe von Norden angriff, holten wir 8,8-cm-Panzermunition
mit einem Lkw aus einer verlassenen Stellung. Aber wo blieben
die Kanonen? Statt dessen postierte man uns erst an Straßenkreuzungen,
dann - in dünner Schützenkette - bei beißender
Kälte auf freiem Schneefeld als infanteristisches "Bollwerk".
Sollten wir mit unseren belgischen Kurzgewehren "T 34-Panzer"
"knacken"? Vor uns sahen wir ihre Silhouetten nachts
im Schein brennender Häuser von Ost nach West rollen. Hätten
sie nur einen kleinen Schwenk nach links gemacht, sie wären
über uns hinweg gerasselt wie über lästige Blattläuse.
Erst als wir wieder mit unseren vertrauten Kanonen in Berührung
kamen, fühlten wir uns nicht mehr so wehrlos.
Es herrschte ein heilloses Durcheinander, keiner wusste mehr,
wo vorn und hinten war. Einmal sahen wir russische Infanterie
rechts von uns vorgehen, während wir auf der Straßenkreuzung
auf sie und ihre Panzer lauerten. Am 22. oder 23.1. fiel unser
Obergefreiter Brandt, und schließlich wurden wir zurückgenommen
in die Stellung nach Juliusburg. Entgegen kamen uns Einheiten
der 1. Gebirgsjäger-Division in langen Kolonnen. Zurück
zum Marsch nach Bischofstal: Irgendwo auf dem Wege dorthin trafen
wir auf umgestürzte Panjewagen am Rande der verschneiten
Straße, daneben verstreute belgische Waffen und Munition.
Wir sammelten Waffen und Munition ein. ...
Zum Schicksalstag wurde der 24. Januar, ein Mittwoch. Um zu erkunden,
wie weit der Russe vorgedrungen war, ob sie die Oder schon überquert
hatten (was wir nicht glaubten), wurde ein Spähtrupp unter
Oberwachtmeister Jürgens, einem Oberschlesier, zusammengestellt.
Eben vom FLAK-Kampftrupp zurückgekehrt, hatte ich mir eine
Grippe mit hohem Fieber eingehandelt. Als ich trotzdem fix und
fertig, Stahlhelm, Karabiner unterm Arm, zum Abmarsch bereit stand,
weigerte sich der Unteroffizier Schmidt (ein Münchner) mich
mitzunehmen: "Du gehst zum Sani und schaust, dass g'sund
wirst. Wir kommen eh gleich wieder." Daran kann ich mich
noch ganz genau erinnern. Außerdem fehlte Lw-Oberhelfer
Schalk. Er war zurückgelaufen zur Geschützstellung,
um Stahlhelm und Karabiner zu holen.
Indessen marschierte der Trupp ab: Der bereits genannte Oberwachtmeister,
Unteroffizier Schmidt und fünf Luftwaffenhelfer: Walter Götz
und Karl Hörner aus Rothenburg, Stefan Bernhardt aus Dinkelsbühl,
Siegfried Apelt und Rudolf Tiede aus Niesky. Ich glaube, diese
Auswahl war rein zufällig getroffen worden, und ich kann
mich nicht daran erinnern, dass dem Spähtrupp auch Soldaten
angehörten.
Als Schalk mit Gewehr und Stahlhelm zurückkam, liefen wir
beide vergeblich hinterher, der Trupp war bereits außer
Sichtweite. Also kehrten wir um, ich ging - wie befohlen - zum
Sani und holte mir Pillen gegen Grippe und Fieber.
Am Nachmittag kamen Uffz. Schmidt und Oberhelfer Hörner allein
zurück, Hörner mit durchschossenem Schneehemd. Sie berichteten:
Der Spähtrupp war in einen Hinterhalt der Russen geraten,
die sich doch schon viel weiter vorgeschoben hatten, als von uns
vermutet; alle seien gefallen, nur sie seien wie durch ein Wunder
entkommen.
Am nächsten oder übernächsten Tag stellten wir
wieder einen Trupp zusammen und zogen in der Abenddämmerung
mit einem Pferdeschlitten los, die Toten zu holen. Aber wir fanden
nur Götz, Apelt und Tiede; der Oberwachtmeister Jürgens
und Stefan Bernhardt waren verschwunden. Vermutlich hatten die
Russen sie verwundet mitgenommen. Von Bernhard, der in Altenfurt
bei Nürnberg beheimatet war, gab es jedenfalls nie mehr ein
Lebenszeichen. Die drei Gefallenen haben wir auf dem Dorffriedhof
von Juliusburg begraben.
Ich habe jetzt (1999) erfahren, dass sowohl der Oberwachtmeister
Jürgens, als auch Stefan Bernhardt in oberschlesicher Erde
begraben sind. Einheimische hatten die Toten gefunden und zur
letzten Ruhe gebettet. Ich hoffe noch Einzelheiten darüber
zu erfahren. Ich habe diese Geschichte so ausführlich erzählt,
weil sie ein Beispiel dafür ist, wie Zufälligkeiten
einen Lebensweg bestimmen können: Mein Fieber und Schalks
Nachlässigkeit ... retteten uns mit größter Wahrscheinlichkeit
das Leben ..."
22.1.1945: Vier FLAK-Geschütze werden aus der Batterie "Eschendorf"
abgeholt, Verlegung in Richtung Oppeln. Kamerad Heinz Kandziora
berichtete mir:"... Nach der Einnahme von Groß-Strehlitz
stießen die Russen (Panzerspitze von Konjew ?) nach Oppeln
vor. Über meine kritischen letzten Tage in und um Oppeln
erinnere ich aus der Distanz nach 52 Jahren (= 1997): Zwei Tage
davor wurden in der Großkampfbatterie Eschendorf die Geschütze
vom Zementsockel auf Selbstfahrlafetten montiert. Verbindungsstücke
von Lafette zur Zugsmachine fehlten.
Zwei Exemplare davon sollte ein Kamerad und ich 'mal schnell aus
einer ca. 25 bis 30 km entfernten Feldschmiede (mobile Ersatzwerkstatt
für kleinere Reparaturen an Panzern und Fahrzeugen hinter
der Front) mit einem Kinderschlitten heranschaffen. Die halbe
Nacht irrten wir frierend durch dunkle Dörfer, bis wir um
Mitternacht die Schmiede erreichten. Der Rückweg war noch
beschwerlicher. Zum Teil konnten wir in Rangierwaggons im Bremserhäuschen
- 1. Klasse - fahren. Wir bliesen uns gegenseitig den warmen Atem
in den Kragen. Das war eine Spontanreaktion, vom Energiekonzept
wussten wir damals noch nichts.
Erschöpft morgens in der Batterie angekommen, ging es weiter
beim Geschützabbau. Am Abend kam dann eine Panzergrenadierkompanie
ohne schwere Waffen vorbei. Sie brauchten einige Geschütze
und ein Häuflein Luftwaffenhelfer. Den Erdkampf kannten wir
so gut wie eine Kuh französisch ! - Aber egal: "Zahl
muss stimmen" und der Befehl wird ausgeführt. Nach kurzer
"Heldenansprache" wurden wir auf drei oder vier Lkw
mit angehängten "8,8" samt Spreng- und Panzergranaten
in Zeltplanen verhüllt, aufgeladen.
Als am Morgen von Bolko aus nach Gruden geschossen wurde, um einen
eingebrochenen Stoßtrupp der Russen zu verjagen, merkten
wir, dass die HKL auf dem Bahndamm zwischen Bolko und Gruden aufgebaut
war und wir eine Nacht vor der HKL irrtümlich Köderfische
für die Russen geworden waren. Also mit einer Zugmaschine
Zug um Zug Rückzug nach Bolko! Ein Kamerad und ich wurden
mit dem letzten Granatstapel zuletzt abgeholt.
In der HKL allein abgesetzt, versprengt und ohne Lageinformation,
suche ich lange nach unserem Geschütz und merke dabei nicht,
dass die Schützengräben immer leerer wurden. Als ich
die Kanone in Bolko an der Straße in einem Vorgarten entdeckte,
hielt mir ein mir unbekannter Gefreiter eine Sprengkapsel nebst
Zündschnur etwa mit den Worten 'Du bist der K 3, sprenge
Du die Kanone' entgegen und verschwand. Weder hatte ich so
eine Sprengkapsel je gesehen, noch hatte ich Streichhölzer.
Außerdem rannten dauernd Infanteristen vorbei, welche die
Gräben schon verlassen hatten und von mir nicht in die Luft
gesprengt werden wollten. Pflichtbewusst, wie man erzogen war,
baute ich also den Fallkeil'(den "Verschluss")
aus dem Geschütz aus und warf ihn, als er mir zu schwer wurde,
einfach in einen Graben.
Ab ging es im Dauerlauf nun fast allein auf der Groß-Strehlitz-Straße
bis zum Bahnhof. Aus der Bahnhofsunterführung - auf den Gleisen
wurde schon gekämpft - und von der Oder kamen bereits Versprengte.
Der Russe hat alle Brücken, (ein anderer Panzerkeil aus Richtung
Turawa hatte bereits alle Brücken blockiert). Wir gehen in
Gefangenschaft, hieß es.
Schnapspullen wurden zur Betäubung herumgereicht. Ich war
so erschöpft, übernächtigt, halb verhungert und
halb erfroren, so dass mir alles egal war und ich auch ein paar
Mal zulangte. Plötzlich hieß es "Soldbücher
raus, der Russe wird bald da sein". "Ja, dein Ausweis
(Luftwaffenhelferausweis) ist nicht gültig, der Iwan will
nur Soldbücher sehen, kannst Du Dich nicht verpissen?"
Das war Gefahr und ich wurde wieder nüchtern. Einem Offizier
mit Stadtplan wollte ich erklären, dass es noch die Bolkobrücke,
zu erreichen über einen Holzsteg am Brückenpfeiler unter
der Mühlgrabenbrücke, gibt. Ich fragte ihn, was mit
dieser Brücke sei. Er war zu aufgeregt, um mir zuzuhören.
Ich rannte in der Dämmerung los und erreichte die Brücke.
Nur weil die anderen ortsunkundig waren und der Rückzug nicht
organisiert war, gingen sie wohl alle in Gefangenschaft. Mir hat
die Ortskenntnis die Gefangenschaft - vielleicht auch den Tod
- erspart. So war es damals im Januar 1945, nur Angst und Chaos
regierten die Szene."
Doch wie sah es in Föhrengrund aus? Es soll einen Befehl
des Luftgaukommandos gegeben haben, der besagte, dass Luftwaffenhelfer
in einem 50 km breiten Frontbereich nicht eingesetzt werden dürfen.
Lag es daran, dass die Sowjets "kurzen Prozess" mit
Luftwaffenhelfern machten, wenn sie diese fassten? Wir wurden
jedenfalls in kleinen Gruppen - unbewaffnet - aus Föhrengrund
entlassen. Wir sollten uns nach Neustadt / Oberschlesien durchschlagen.
Dort würde man über unsere weitere Zukunft entscheiden.
Gerüchteweise hieß es, wir würden den Status eines
"FLAK-v-Soldaten" erhalten. Dann wären wir nicht
mehr Luftwaffenhelfer sondern "Soldaten" und die "Führung"
wäre in der Lage uns im Frontgebiet an den uns vertrauten
FLAK-Geschützen einzusetzten.
Ich (Horst Ahrens) gehörte zu einer kleinen Gruppe, die westwärts
marschierte. Ich erinnere mich an die Kameraden Victor Janetzko,
Hanno Effert und Herbert Laqua, die mit mir marschierten. Es ging
durch tief verschneite unberührten Wälder. Einer von
uns musste abwechselnd immer als Erster den Weg "frei treten"
und die anderen folgten in seiner Spur. Irgendwann kamen wir auf
unserem Marsch durch einen Wald an einem allein stehenden Haus vorbei, das von einem Soldaten bewacht wurde.
Warum der in dieser Einsamkeit "Wache" stehen musste,
war uns ein Rätsel. Nachts wurde irgendwo in einem leeren
Haus übernachtet. Ich erinnere mich nur an eine Gelegenheit:
Wir fanden einen von seinen Bewohnern verlassenen Gasthof, in
dessen Gaststube wollten wir übernachten. In den Regalen
standen noch allerlei Getränke in Flaschen. Einer von uns
wollte davon trinken. Andere hielten ihn davon mit den Worten
ab: "Vergreif' Dich nicht an fremdem Eigentum, das ist Plünderei
und darauf steht die Todesstrafe." Dabei blieb es und wir
dachten, "dann holt es sich eben der Russe."
Ich habe mir durch den Wechsel Schnee in meinen Schnürschuhen,
dann aufgetaut in der Unterkunft und am nächsten Tag wieder
Schnee in den Schuhen, dadurch meine beiden großen Zehen
angefroren, denn ausziehen konnte ich nachts meine Schuhe nicht,
es bestand die Gefahr, dass jeden Augeblick der Russe in unserer
Tür stehen konnte.
Herbert Laqua zeigte mir später bei einem Klassentreffen
einen Kartenausschnitt. In diesen hat er "unsere Wanderung
westwärts" eingezeichnet. Danach ging es von Föhrengrund
südwärts nach Jakobswalde. Dort ist in einem Wald eine
Oberförsterei eingezeichnet (war es das einsame Haus im Wald,
das von einem Soldaten bewacht wurde?), dann fast westwärts
nach Reigersdorf, südlich von Alt-Cosel ging es dann über
die Oder, südlich von Cosel weiter in fast westlicher Richtung
nach Neumannshöh, wo wir zusammen mit einigen Kameraden übernachteteb.
Tags darauf ging es weiter an Oberglogau vorbei zu dem Schloss
Mochau und den letzten Tag der "Wanderung" in einem
leicht nach Süden gebogenem Kurs nach Neustadt O/S, unserem
Luftwaffenhelfer-Entlassungsort.
Meine letzten Luftwaffenhelfer-Tage verbrachte ich in einer Kaserne
in Neustadt O/S. Dort erfuhr ich u.a. von anderen Luftwaffenhelfer-Kameraden,
die dort gleichfalls entlassen werden sollten, dass unsere alte'
Batterie Annahof' von Kosaken überrannt worden sei
und unser Leutnant Peslmüller gefallen wäre.