Ein Bericht des ehemaligen Luftwaffenhelfers Günther Vogel
/ USA, zusammengestellt von Horst Ahrens.
Ich bin Geburtsjahrgang 1928 und war auf der Napola Potsdam von
kurz nach Kriegsanfang bis in den September 1943. Nachdem mein
Vater von den Nazis umgebracht wurde (er war Major in einer Konterespionage
der Wehrmacht in Berlin), wurde sein Bruder mein Oheim und suchte
nach einer mehr liberalen Schule für mich. So kam ich zu
der SS Heimschule Birnbaum, die nichts mit der SS zu tun hatte,
obwohl der Schulleiter manchmal eine graue Uniform anhatte.
Es gefiel mir dort viel besser, zumal, wegen meiner Schulung in
Potsdam, wo ich sportlich nicht besonders hervorragte, das Zivilleben
mir besser gefiel. Wir trugen HJ-Uniform nur einmal die Woche
um den dortigen HJ-Genossen zu beweisen, dass wir treue Vaterlandsverteidiger
waren.
Wir wurden dann Ende 1943 ärztlich untersucht und im Februar
1944 ging es nach Posen - in Uniform - von wo man uns in Güterwagen
mit kleinem Kanonenofen langsam nach Hamburg transportierte. Natürlich
wussten wir nicht unseren Bestimmungsort, waren aber zufrieden,
hinzukommen, wo man schnell sein "EK" verdienen kann
und viele Tommies abschießen durfte.
Wir wurden in Büsum ausgebildet und waren mit Luftwaffenhelfern
von anderen Gegenden zusammen, wir waren dort wohl etwa 100 Luftwaffenhelfer.
Ich wurde als "K 1" ausgebildet. Ich weiß nicht
warum, aber durch die Napola-Ausbildung (wir waren schon mit 11
Jahren mit allen möglichen Waffen vertraut), sah man wohl
etwas in mir - keine Ahnung was.
Wir haben hier (in den USA) auch Ebbe und Flut, wobei es sich
um weniger als 50 Meter Strandbreitenunterschied handelt zwischen
Ebbe und Flut. Dort, in Büsum, geht aber das Wasser so weit
zurück, dass es für mich als junger "Hinterländer"
wie ein absolutes Wunder erschien, dass da "langsame"
Fische in den Prielen hinterlassen wurden und das Wasser anscheinend
hinter dem Horizont verschwand. Erst 50 Jahre später lernte
ich etwas über die fürchterlichen Verluste an Menschen
und Material im 13. oder 14. Jahrhundert in der Gegend wegen der
Stürme und Fluten. Also daher die Deiche. Da sind Rampen,
auf denen man hochfährt.
Wir brachten die Geschütze auf den vorliegenden Deich zum
Übungsschiessen. Die dortige Fischerei litt anscheinend sehr
unter den Drähten, die von uns hinterlassen wurden, wenn
die Zielballons für die "Zieldarstellung" losgelassen
wurden, die wir sowieso selten trafen. Jedes Geschütz hatte
einen kleinen Winkel, mit weiß auf den Steinen gemalt, und
die nebeneinander stehenden Kanonen hatten beim Vorbeiflug nur
Sekunden oder weniger, ein Magazin auf die Ballons zu leeren.
Ich weiß nicht ob's im April 1944 war, aber man brachte
uns nach Hamburg-Neugraben-Fischbek in eine Großbatterie,
wo unsere kleine Gruppe von 6 "Birnbaumern" eine Überraschung
erwartete. Wir mussten durch Kiefernwälder stolpern inmitten
der Nacht, geleitet von einem Unteroffizier, er hatte die Brust
voller Orden. Er führte uns in etwas, das wie ein großer
Sandhügel erschien und eine Holztreppe hinunter. Er machte
eine Tür auf und als wir alle drin waren mit unseren Klamotten,
machte er Licht an. Wir standen da vollkommen verdattert: Es war
eine Bauernstube mit Ofen und Holzmöbeln, ein zweites "Zimmer"
hatte dreistöckige Betten und da waren Fenster. Allerdings
nicht mit Glas sondern "künstliche" mit Vorhängen.
Am Morgen stiegen wir aus der Tiefe hinauf und sahen abseits von
uns mindestens zwölf 8,8-cm Geschütze und ein dagegen
klein erscheinendes 2-cm-Geschütz nur ein paar Meter von
uns entfernt. Nun erkannte man das asphaltierte Dach unseres unterirdischen
Quartiers. Der Zweck von all dem war, da wir der einzige Schutz
waren gegen Tiefflieger und deshalb neben der Kanone leben sollten,
ohne die Möglichkeit, eine Baracke im Feuerfeld zu haben.
Schlau, was?
Den einzigen normalen Schul-Unterricht, den wir hatten, war in
Fischbeck-Neugraben. Hatten auch Latein. Da einige Jungs in unserer
Klasse am Kommandogerät arbeiteten, gaben die an einem Tag,
als eine Lateinarbeit geschrieben werden sollte, einen falschen
Alarm und der gute Lehrer verschwand sofort ohne von der Lüge
zu erfahren. Er marschierte 2mal in der Woche durch den Sand von
Neugraben hinauf in den Berg zu uns. Nach einem Sommer, in dem
wir immer zuschauten (und -hörten...), wie unsere Kumpels
an den großen Geschützen schuften mussten, während
wir uns in unserer Sandkuhle am Geschütz bräunen ließen,
wurden wir plötzlich verschickt mit einem Laster und der
Kanone, nach Süden.
Mitten in der Lüneburger Heide, Barrl/Schneverdingen, war
ein riesiger Focke-Wulff Trainingsplatz, den wir beschützen
sollten. Wieder im Sand, aber keine Unterkunft. Der fette Herrmann
hatte uns vergessen. Unser Unteroffizier wurde abgeholt zu einem
uns unbekannten Kommandostand und wir luden das Geschütz
ab in eine Vertiefung etwa 100 Meter von einer Focke-Wulff-Maschine.
Ich machte mich auf den Weg herumzuschauen, wo man was zu Essen
klauen könnte und auch einen Unterschlupf für die Nacht.
So fand ich, was mir nun, als ich dir dieses schreibe, als vollkommen
außerweltlich vorkommt (wie in einem schlechten Hollywood-Film...),
einen Zigeunerwohnwagen mitten in einer Lichtung am Rande des
Flugplatzes. Ich war so verwirrt, denn ich dachte, ich hätte
Halluzinationen und rief nach meinen Kameraden, die gerannt kamen
und ebenfalls mit offenen Mündern dastanden. Jedoch nur für
einen Augenblick, und schon rannten wir die paar Stufen hinauf
in den bunt bemalten Wagen, der etliche Bettstellen hatte, ohne
Matratzen aber sonst allen Komfort, den man sich in einer heißen,
sandigen Heide vorstellen kann.
Als der Unteroffizier zurück kam, fand er keine Wache am
Geschütz, hörte uns aber jubilieren. Er stammte aus
Bremen und hatte uns wie seine Söhne behandelt, aber nun
war er verärgert. Das dauerte zum Glück nicht lange
und er gab uns Erlaubnis, unser Zeug dort zu lagern und marschierte
mit uns dann in einen hohen Tannenwald, wo der Kommandostand war.
Das war der erste August 1944.
Am 4. August wurde eine Messerschmitt gemeldet aus Richtung "12",
die aber plötzlich in "6" erschien und wir wurden
alarmiert. Nach weniger als einer Minute kam eine von "3",
also östlich von uns und über dem hohen Tannenwald ein
großes Motorengeräusch und dann MG-Feuer. Wir lagen
zu nahe am Wald und ich konnte nur 2 Schuss abgeben, als die "Mustang
P51" direkt über uns flog und mein "K 2" mich
herumdrehte - keine Möglichkeit für mich das mit der
Linken zu tun - und ich leerte das ganze Magazin fast blind hinter
der "Mustang P51" her. [Anmerkung von Horst Ahrens:
Die Zahlen 3, 6 und 12 sind einem Zifferblatt entnommen und zeigen
hier die Himmelsrichtungen "Osten", "Süden"
und "Norden" an.]
Da er nicht seine Bordkanone - durch die Propellernabe - gebrauchte,
gingen die Flügel-MG-Schüsse harmlos in den Sand zu
beiden Seiten der Stellung, wie mir meine Besatzung später
erzählte. Also sind wir mit blauem Auge davon gekommen. Ich
weiß, dass es eine Mustang war, denn sie sah aus, was ich
damals sagte, wie eine schwangere "Messerschmitt".
Da unser Unteroffizier schon das "EK 1" hatte und damals
das "KVK" (Kriegsverdienstkreuz) nicht leicht zu bekommen
war für uns "Kinder", gab man uns die Silberlitze
für den Einsatz (das Zeichen, dass wir jetzt Luftwaffen-Ober-Helfer
waren). Später bekamen wir Urlaub mit dem Befehl, uns (irgendwann
??...) im September in Mechnitz / Oberschlesien zu melden. Es
gab keinen Schulunterricht auf dem Flugplatz in Barrl-Schneverdingen.
Übrigens, dort war Wasser so knapp, dass wir unsere Wäsche
in Benzin wuschen, spendiert von einem der Piloten.
In der Tat, als ich von Breslau her in Odertal / Oberschlesien
ankam spät am Abend, sagten mir einige der herumsitzenden
Opas im Wartesaal, dass ich bis morgens warten müsse, um
übergesetzt zu werden. Ich ging aber trotzdem den schrägen
Asphalt hinunter bis ich mit den Stiefeln im Wasser stand, so
dunkel war es. Odertaler Ende, das kleine Boot auf dem jetzigen
Foto war möglicherweise von derselben Größe wie
meins in 1944. (In 2007 aufgenommen). Man musste von Odertal kommend
mit der Fähre über die Oder fahren, um in die FLAK-Batterie
bei Mechnitz zu kommen. Ich erinnere mich noch an die Erlen auf
dem Weg zur Stellung und den Weg im Dunkeln durchs Dorf und mein
Melden am Wachhaus, wo man keinen vor Sonnenaufgang erwartete.
Als wir ankamen, sagte man uns, dass die Mechnitzer Batterie über
keine 2,2-cm-Flak verfügte, so wurden wir "umgeschult"
auf die "8,8", ich als Seitenrichtmann ( K 2 ). Da war
an der südöstlichen Ecke der Stellung ein "Würzburger
Riese". Man sagte uns, es sei der einzige im großen
Umkreis der Verteidigung des Industriegebietes. Später bekam
ich ein Doppel MG-Skoda.
Es wurde eine große Holzkiste in unsere Baracke gebracht
(ich glaube diese Baracken hatten alle gleiche Größe
und es waren 6 Mann drin...). Ob sie meine "Adresse"
auf der "Kiste" hatte, oder jemand beschloss, dass sie
für mich war, ist mir nicht in Erinnerung, aber ich war der
Schütze dafür. Die Waffe war vollkommen in stinkendes
Fett gepackt und war in nagelneuem Zustand. Wir nahmen an, dass
sie noch nie gebraucht worden war. Einer der älteren Soldaten
erklärte uns, dass so was im ersten Krieg auf einer Kanzel
der großen offenen Flugzeuge gebraucht wurde an der Westfront.
Zu der Zeit hatten wir einen Lehrer bekommen, der in einem offenen
Volkswagen ankam. Silberhaarig, wie ein "Bon Vivant aus einem
Wiener Cafe". Leutnantsuniform und wienerischen Accent. Wir
konnten uns kaum das Lachen unterdrücken, als er vom Spieß
in der Messhalle vorgestellt wurde. Als er uns erklärte,
dass er sich freiwillig gestellt hatte, als Lehrer zu dienen,
und er ein komfortables Leben in Wien zurück ließ,
erweichten wir. Es wurde später zu einer richtigen Liebe
für den Mann. Er sagte, er hätte in der österreichisch-ungarischen
Armee gedient als Major und man gab ihm jetzt den Leutnantsrank
als Belohnung.
So wurde er befördert zu meinem Ladekanonier. Ich erinnere
mich nicht recht, ob wir Patronengurte, Magazine oder Trommeln
an dem "Skoda"-MG hatten, aber beide Rohre wurden an
gegenüberliegenden Seiten "gefüttert". Ich
glaube, sein Name war Semmelmeier, er hatte ein lebendes Eichhörnchen
und eine tolle Münzensammlung, mit der er uns Weltgeschichte
lehrte. Ich gebe zu, das alles klingt sehr merkwürdig. Wenn
man dazu noch sah, dass er immer einen weißen Seidenschal
um seinen Hals hatte, kann man denken, er wäre ein Filmcharakter.[Anmerkung
von Horst Ahrens: Luftwaffen-Offiziere hatten damals statt der
offenen Uniformjacke gern in dieser einen weißen Schal,
möglichst aus Seide. Wir Luftwaffenhelfer begnügten
uns statt dessen mit einem weißes Handtuch!].
Er war mit mir im Graben bis zum letzten Tag. Weiß nicht,
wo sein kleines Tier diese Zeit verbrachte aber es war n i c h
t beim Geschütz. So mag der gute Mann auch in einem der Gräber
liegen, die meine Freunde besuchten seit 2003. Zwei meiner Kameraden
- der Veterinär von Stralsund und einer, der mir nicht von
Birnbaum bekannt war, fuhren zu Besuch vor etwa 4 Jahren und wurden
begrüßt von der Mechnitzer Feuerwehrkapelle mit "Ich
hatt' einen Kameraden". Mir kamen die Tränen. Ganz Mechnitz,
meistens Polen, kamen dazu hin.
In Mechnitz hatten wir etwas Unterricht in der Messhalle vom Wiener
Leutnant und wohl auch von anderen Lehrern, an die ich mich nicht
erinnere. Insgesamt waren wir wohl 30 oder 40 Luftwaffenhelfer
in Mechnitz. Wo die alle herkamen, weiß ich nicht mehr.
Übrigens hatte ich mich gemeldet, in den ruhigen Zeiten auf
einem der Höfe (in Mechnitz) zu arbeiten, und wurde zugeteilt
einer sehr jungen Witwe, deren Mann in Stalingrad gefallen war.
So brachte ich dann immer was zu essen mit "nach hause".
Weiß nicht, wie lange das so ging, aber wir hatten Pausen
zwischen Luftangriffen.
Während der Luftangriffe war ich Kanonier. Am 26. Dezember
hielten die Luftangriffe auf, denn die Russen waren nahe. Dann
kamen Pioniere und hackten die eingefrorenen Schutzwälle
hinunter, um die Geschützrohre weiter senken zu können.
Die Entfernung Dora bis Kirchturm war etwa 800 Meter, unser Rohr
konnte den seichten Winkel nur mit Mühe erreichen, denn wir
hatten gefrorene Erdwällen um jede Kanone.
Ja, ich war tatsächlich in der Batterie an 2 verschiedenen
Orten eingesetzt, zunächst an dem Skoda-MG und dann an der
Kanone. Das "Stellungsloch" für das MG wurde erst
gebaut, nachdem man zugab, dass die Luftangriffe aufhören
würden und ein Bodenkrieg erwartet wurde. Ich war dann an
der "Dora" (Geschütznamen wurden nach dem A-B-C
verteilt) , weil ich voll bewaffnet war. So war alles in gutem
Frieden und ich war doch noch "Krieger" bei Dora II,
als der gute Fährmann da heimlich eine rote Rotte ins Dorf
führte, den Turm hochkletterten und leise die deutsche Observationsmannschaft
tötete. So war also am nächsten Tag alles in bester
Ruhe, bis wir 2 Granatexplosionen hörten vom Feld in Richtung
Oder. Der Turm war über Nacht zum russischen Observationsposten
geworden. Die konnten unsere ganze "Festung" überblicken
von etwa 800 m Entfernung.
Ich war auf Wache, mein Gewehr an einem Munitionsstapel gelehnt,
als eine Granate ins Geschütz neben dem meinen fiel. Da sprang
eine Riesengestalt aus der Sonne heraus - also von Süden
- vom Schutzwall und es war unser Spieß, derselbe, der mir
in die Ohren geschrieen hatte, weil "mein" Geschütz
in falscher Richtung zeigte. Das Telefon begann zu klingeln, aber
er befahl, ich sollte das Rohr drehen nach dem Dorf, während
er das Höhenrad nahm. Dann öffnete er den Geschützverschluss
und, so nahm ich an, er zielte durch das nun offene Geschützrohr
auf den Kirchturm, während er mir Befehle gab beide Höhen-
und Seiteräder zu drehen. Nun wusste ich, warum ich Seitenkanonier
war, ich glaube die leichtere Tätigkeit hatte ich als "K
2", denn die Höheneinrichtung war viel schwerer zu bedienen.
So war er einer der kräftigsten Kumpels, der den Posten des
"K 1"neben mir hatte während der Angriffe.
Der Spieß riss also den Geschützverschluss auf. Das
war etwas, für was ich den "K 3" immer bewunderte.
Er schob die schwere Granate anschließend in elegantem Schwung
in das Rohr, all das in Sekunden. Er war Bayer, kaum 5 Fuß
groß und nur Muskeln. Der Geschützverschluss schloss
sich automatisch. Jedenfalls zog der Spieß dann am "Abzug".
Es knallte fürchterlich und was mir alles wie eine Minute
erschien, geschah in Sekunden. Ich sah plötzlich oben auf
dem Turm eine Staubwolke, dann hob sich die Turmspitze erst langsam
nach links, also Westen, sich in einem Stück beugte - Spitzenkreuz
nach unten und fiel in sich zusammen. Drei oder vier - wie weiße
Tauben - flatterten mit hinunter. Dann kamen Geschrei, Befehle,
Sirenen und Glockenalarm wie noch nie. Natürlich war es nur
eine Sekunde vom Abschuss, aber für mich war alles in Zeitlupe
abgegangen. Später erfuhr ich, dass es zwei Kommissare waren,
die beteiligt waren am Überfall auf den deutschen Kirchturmwachposten.
Am Tage nach der Sache mit dem Kirchturm, wurde uns angeboten,
als Freiwillige mit den Infanteriesoldaten auf Patrouille zu gehen.
Da sind immer einige abenteuerlustig (ich nicht einer davon...),
jedoch mein Freund Druedi war ein solcher. Dadurch gab es auch
einige Verluste - zwei meiner besten Freunde von Birnbaum wurden
getötet.
Übrigens war da noch was, etwas Ulkiges. Ein Kumpel, ich
glaube es war der Sohn eines Bauern in Pommern, hatte sich gemeldet
mit einem Spähtrupp zu gehen. Man gab ihm dazu eine alte
"Mannlicher" und er ging mit seinem Trupp bis nahe an
die Oder mitten in der Nacht. Da kam jemand auf ihn zugerast und
war so schnell an ihm dran, dass er zum Glück merkte, dass
es ein Wildschwein war. Ein Schuss hätte seine Position verraten.
So rettete er sich nur, indem er das Wildschwein mit dem Kolben
erschlug. Der zerbrach. Die anderen hörten das Krachen in
den Büschen und fanden ein großes Schwein. Zu viert
brachten sie früh am Morgen die Sau in die Küche und
für 2 Wochen hatten wir jeden Tag etwas vom Schwein in einer
oder der anderen Art.
Unser Kamerad jedoch war in großer Gefahr, denn sein Gewehr
zu verlieren oder kaputt zu machen, war ja eine Art von Sabotage.
Einer der Unteroffiziere nahm es in seine Baracke und schnitzte
den Bruch so, dass man die Form einer Gewehrkugel, oder deren
Eindruck ins Holz, erkennen konnte. Also bekam er eine neues Gewehr
und Glückwünsche, dass der Russki, der auf ihn geschossen
hatte, zuviel Wodka getrunken haben muss. Na, die waren noch auf
der anderen Seite der Oder, aber wer machte da eine genaue Inspektion
der Tatsachen?
Er war der einzige von uns, der sein Testament geschrieben hatte,
las es uns vor. Er war der Erbe seines Vaters Bauernhofes und
der war gefallen und da waren keine anderen Kinder. Die ganze
Stube lachte über das Testament, denn wer schreibt so was
mit 16 Jahren? - Er fiel später auch.
Ich hatte freie Zeit und hörte, dass Panzertruppen Mechnitz
besetzt hatten wegen des Turmüberfalls der vorigen Nacht.
Plötzlich kam vom Dorfinneren Gewehr- oder Maschienenpistolenfeuer
als ich auf dem Weg war, um "meine" Witwe zu besuchen.
Da war ein Sturmgeschütz auf einem kleinen Platz vor dem
Gebäude des Bürgermeisters (wie man mir später
erklärte...) und aus den Kellerfenstern, die flach mit dem
Bürgersteig lagen (meine Odertalerfreundin nannte diese "Mechnitzfenster"),
kamen Schüsse, die über den Platz fegten.
Da waren zwei Panzersoldaten, die aufs Dach stiegen und eine geballte
Ladung in den Schornstein warfen. Das Resultat war eine Staubwolke
aus den Fenstern aber keine Unterbrechung des Feuers, das zur
gleichen Zeit aus verschiedenen Öffnungen kam. Das Sturmgeschütz
hatte schon, bevor ich ankam, ein Loch in die Wand des unteren
Geschosses geschossen, aber ohne Erfolg. Da schlich dann ein Soldat
nahe an der Wand entlang und warf eine Handgranate ins untere
Fenster. Da war dann Stille.
In der Zwischenzeit hatten sich Dutzende zu den Zuschauern angesammelt.
Man nahm an, daß da keine anderen Russen mehr im Dorf waren
- und das war auch so. Nun versuchten ein paar der Soldaten durch
das Loch zu kriechen aber sie passten nicht hinein, die Gasmaskenbüchsen
und Waffen hinderten sie daran. Bevor ich mir bewußt war,
was ich tat, kniete ich mich nieder und schlüpfte durch das
Loch in das Haus. Alles war still drinnen und ich ging die halb
zerstörte Holztreppe in den Keller.
Ich war verwundert, wie der große Kellerraum eingerichtet
war. An den Wänden waren dicke Federbetten genagelt, Kissen
und Decken. Bretter waren gelegt, auf denen die Personen hin und
her rennen konnten von Fenster zu Fenster. Aber keine Spur von
ihnen. Alles war weiß verstaubt. Als ich mich umdrehte,
wieder hochzugehen, da befahl jemand "Raus da, raus da...",
stolperte ich über was Weiches. Schaute hinunter und stand
auf der Brust eines Toten. Ich war so entgeistert, daß ich
runter sprang mit einem wilden Schrei, so dass mich die Soldaten
oben aus dem Loch zerren mußten, denn ich war fast paralisiert
vom Schrecken. Die trugen mich hinter den Tank und schauten, ob
ich verwundet war und dann berichtete ich von meinem schrecklichen
Abenteuer. Ich blutete am Kopf enstanden durch einen Zacken an
der Mauer oder an Nägeln in der Treppe. Später schämte
ich mich für mein Heulen, aber keiner warf mir was vor. Meine
Kameraden erfuhren nix davon, oder sprachen darüber.
Übrigens, es war ein Erlebnis, gegen das ich schon damals
so eingeimpft war mit Kriegsmüdigkeit (ein Mediziner hat
sicher einen Namen dafür (war apathy or trauma), dass ich
davon rede, als wäre es jemand anderem passiert.
Also der Abzug: Mitten im Feuergefecht mit den Russen, als schon
ein großer Teil von Mechnitz in Brand stand. Ich erinnere
mich noch an eine Figur, die hin und her rannte vor der brennenden
Scheune, was wir wohl möglich mit einer der "8,8"
verursacht hatten. Wir sahen keine Sowjet-Tanks. Nur Infantertisten.
Wir schossen am Schluss auf die Russen mit "Üb-Rot"
[Anmerkung von Horst Ahrens: Da waren Granaten, die für "Übungsschießen
in der Luft" gebraucht wurden. Es gab für jede schießende
Batterie eine andere Farbe. Geschossen wurde immer auf den selben
Punkt und so konnte die Schießgenauigkeit der einzelnen
Geschütze ermittelt werden]. Diese Granaten verschossen wir,
weil die anderen Granaten verbraucht waren. Einige der Ausdrücke
sind mir noch im Gehirn, wie "Vau-Null", die Anfangsgeschwindigkeit
einer Granate, ich nehme an, das Wort ist verwandt mit "velocity".
Der Entlassungsbefehl kam wohl vom Batteriechef. Der Grund für
unsere "Rettung" - nach meiner Ansicht - war, dass man
uns "aufheben" wollte für die zukünftige Siegesmacht
des Reiches und nicht weil Stalin da Schlimmes vorhatte für
uns Jungs.
Ein Tiger-Panzer wurde geschickt, denn wir waren fast umzingelt
und der "Tiger" stand dann in der Mitte der Stellung,
mit laufendem Motor, als ich hochkletterte mit Hilfe meiner Kameraden.
Wir hielten uns an allem Möglichen fest und duckten uns wegen
des MG-Feuers der Russen aus dem Dorfrand. Und dann kamen wir
unter Feuer von langsamen tak-tak der russischen wassergekühlten
MGs aus dem Dorf. Die Leuchtspuren zeigten uns, daß wir
nur für einige hundert Meter in Gefahr waren, denn wir fuhren
eine kurze Strecke in Richtung Mechnitz, dann in Richtung Steinbirn.
Dieser Ort war wie eine Oase.
Die genaue Lage der Mechnitzer Batterie ist für alle Zeit
markiert mit dem Betonsockel des "Würzburgers"
und dadurch auch meine Stellung im Graben nördlich davon.
So sehe ich eine Reihe Bäume - auf Google Earth vor mir auf
dem Schirm in Gedanken - wo ich mit der Helga, einer der "Hübschen"
(Luftwaffenhelferinnen) vom "Würzburg-Riesen",
spazieren ging, zum Spaß (oder Ärger) meiner Kameraden.
Sie nahm später meine letzte Post mit nach Hause, denn wir
waren schon so abgeschnitten, allerdings nicht umzingelt, dass
Post ein Luxus war.
Die Russen griffen uns an. Ich schoss mit dem MG wild, denn die
Angreifer kamen in Schneehemden und wir konnten sie nur vermuten.
Zwischen den Russen und den Panzergrenadieren, die uns unterstützten,
wurden alle Häuser in Hand-zu-Hand im Feuer vernichtet. Der
Tiger machte mehrere Fahrten nach Steinbirn bis alle Luftwaffenhelfer
aus der Stellung in der Etappe waren. Die Mädchen (FLAK-Helferinnen?)
waren schon einige Wochen früher abgeholt worden auf Lastern.
Der Tank brachte mich nach Steinbirn, das war die nächste
freie Ortschaft. Wenn ich mich erinnere, glaube ich heißt
der Ort nun Kamionka. Der Tankmann sagte uns, wir sollten in die
Küche des einen Bauernhauses gehen, dort können wir
schlafen. Vom Fernen hörte man den Trubel der Schiesserei.
Ich stellte meine Stiefel zum Trocknen auf einen fast glühenden
Ofen mit den Hacken auf der Platte. Die rutschten aber aus und
am Morgen waren die Sohlen weg gebrannt.
Wir hatten keinen Spieß und ich trat am nächsten Morgen
zum Appell an - in Socken und im Schnee. Gegenüber war ein
Waren- oder Uniformlager, das Tor weit offen. Erinnere mich, wie
wir über unsere Schultern guckten bevor wir rein gingen.
Und da war alles, was das Herz begehrte: Neue Uniformen und für
mich - Stiefel. Ergriff eine Hose und dann rannten wir zu einer
Kreuzung, wo wir auf einen Laster warten sollten, der uns nach
Prag nehmen würde. Die Hose war zu klein, passte aber meiner
Schwester. Sie trug diese, schwarz gefärbt, als wir Weinachten
1947 über Hamburg nach Amsterdam fuhren, aber das ist ein
anderes Abenteuer.....
Kein Laster kam, sondern ein langer Zug von Luftwaffenhelfern,
dem wir uns anschlossen. Des Nachts schliefen wir in Scheunen,
zum Essen nahmen wir was wir finden konnten in den schon verlassenen
Bauernhöfen.
Auf dem langen Marsch kamen wir in Brüx an. Dort wurde ich
als Luftwaffenhelfer entlassen. Ich gab dem Offizier in Brüx
an, dass meine Fahrkarte nach "Schwaneberg" ausgestellt
sein sollte. Ich weiß nur, daß ich einmal Post als
Luftwaffenhelfer von meiner Mutter (geliebte Stiefmutter) bekam,
dass sie auf einem Rittergut bei Prenzlau (Schwaneberg) aufgenommen
wurden, nachdem unser Haus in Berlin das zweite mal von Bomben
getroffen wurde, dieses mal aber vollkommen zerstört sei.
Nach 3 Wochen kam ich dort an, aber alle waren geflohen. Der einzige,
der nachgeblieben war, war der Dorfgendarm. Er sagte, dass die
"Damen" nach Westen gefahren seien in zwei Kutschen
des Gutes. Ein Milchzug brachte mich nach Prenzlau am nächsten
Tag, wo ich einen der letzten Züge nahm (natürlich wusste
ich nicht, was da im Osten los war...) nach Hamburg. Ich - ohne
Fahrkarte! Als der bewaffnete Feldgendarm (genannt: "Kettenhund")
nach meinen Papieren verlangte, wollte er wissen, wo Brüx
ist und ich sagte ihm "an der Oder". Und wohin fährst
du? "Nach Schwaneberg, bei Hamburg". Das war eine gut
gelungene Lüge, aber da die Fahrkarte nicht erklärte,
dass Brüx in der alten Tschechei war und Schwaneberg bei
Prenzlau lag, konnte der Mann nicht wissen.
In Pasewalk wurde der Zug von Tieffliegern angegriffen - wir lagen
alle unter den Wagen zwischen den Schienen, bis er wegflog. Aber
ein Schuß ging durch meinen großen Lederkoffer, den
ich vollgeladen hatte mit Kirschkonserven aus der Küche des
Gutes, für meine Familie - wenn ich sie finden sollte. Was
für ein Glück, das Rote Kreuz in Hamburg hatte dokumentiert
alle Transporte von den Flüchtlingen von Ostpreussen und
unter "V" waren die Meinen angegeben in Pattensen bei
Winsen.
Dort kam ich am nächsten Morgen an, meine Familie hatte mich
schon für tot aufgegeben, oder wenigstens hoffnungslos verloren.
Eigentlich war es ein Wunder, in der Riesenunordnung und dem Chaos
überhaupt jemanden zu finden.
Wir lebten in einem getünchten Hühnerstall in einem
Bauernhaus. Die Bauern hatten einen großen Hass auf die
Flüchtlinge, die ihnen aufgezwungen waren vom örtlichen
Ortsleiter der Partei, der auch mir behilflich war mit dem Auffinden
der Adresse meiner Familie.
Und dann kam der Krieg näher. Heute weiß ich, dass
Pattensen eins der wenigen Dörfer war, die sich als offen
erklärt hatten und keinen Widerstand gaben, als die Briten
einmarschierten. Dafür waren bei uns keine Opfer, keine angezündeten
Häuser. Es war leider anders in Winsen, wo die Familie meiner
Freundin als Einjährige ankam von Odertal. Ich lernte sie
persönlich kennen in 2005, als ich mit meiner Frau (sie ist
von Tennessee) meine alte Heimat besuchte.
Wir waren später auch in Mechnitz. Man hat die Kirchenplattform
nie wieder so schön erbaut, wie sie damals war. Die Ecksäulen
und das Holzwerk war verschwunden, all das wurde eingemauert und
der Turm gelb bestrichen. Der ursprüngliche Turm hatte eine
"belfry", offene Plattform und eine viel höhere
Spitze.