Im Frühjahr 1945 hatte der Krieg die Grenzen des Deutschen
Reiches bereits überschritten. Die Fronten rückten unaufhaltsam
in das Innere Deutschlands hinein. Von Osten her stieß die
Rote Armee über die Oder auf Berlin vor. Vom Westen her näherten
sich die Amerikaner dem mitteldeutschen Raum. Im Radio ertönten
immer noch Durchhalteparolen und Prophezeiungen über Wunderwaffen
und große Wenden zum Endsieg. Die Menschen waren desillusioniert,
enttäuscht und hatten Angst vor dem Ungewissen, was ihnen
nun bevorstand. Die meisten hofften, dass der Spuk bald vorbei
sei. Zu viel Leid, Entbehrung und Ängste hatte der Krieg
den Menschen gebracht.
In den letzten Tagen des März 1945 kam plötzlich Bewegung
in unser Dorf. Schwere Zwillingsschlepper, die vorne Räder
und hinten Ketten hatten, rollten an, im Schlepp hatten sie Flakgeschütze
auf sogenannten Protzen. Die Geschütze kamen aus den Stellungen
des inzwischen aufgelösten Luftabwehrsystems rund um die
LEUNA-Werke. Aufgesessen waren junge Soldaten, die voller Begeisterung
ihrer ersten Feuertaufe mit dem dem Feind, also den Amerikanern,
entgegenfieberten. Nach einem ausgeklügelten Plan wurden
die sogenannten 8 / 8 Flakgeschütze in Stellung gebracht.
Die ursprünglich für die Luftabwehr gebauten Geschütze
sollten hier zur Abwehr der amerikanischen Panzerspitzen eingesetzt
werden. Die Bedienungsmannschaften waren junge Männer vom
RAD (Reichsarbeitsdienst) aus einem Lager östlich vom Schloß
Mansfeld. Die meisten waren Burschen um die16 Jahre, die normalerweise
nicht als Soldaten eingesetzt werden durften. In einer Kurzausbildung
hatte man sie zu Luftwaffenhelfern gemacht und an den Flakgeschützen
ausgebildet. Sie führten die Dienstgrade des RAD und trugen
auch noch ihre braunen Arbeitsdienstuniformen. Mit dem Volkssturm
gehörten sie zum letzten Aufgebot einer wahnwitzigen Militärclique,
die sich einbildete, die übermächtigen Streitkräfte,
die in Deutschland vordrangen, aufhalten zu können.
Der Volkssturm, alte und unerfahrene Männer und der Hitler-Jugend,
hatten im Walde, am "Neuen Schloß", dort wo die
Straße nach Pölsfeld abzweigt, über die B 86 eine
Panzersperre errichtet. Sie wurde von den ersten amerikanischen
Panzern einfach umfahren. Später mussten dieselben sie wieder
wegräumen.
Gefährlicher waren die 6 Geschütze die rund um das Dorf
postiert waren: Eines nördlich, am Waldrand neben der Kohlenstraße,
das zweite, gut getarnt auf einer Anhöhe, in einem Strohdiemen
des Bauern Böhme, das dritte direkt vor der Dorfmitte, im
Garten des Bauern Schenk, das vierte hinter Röhrigs Scheune
an der Taubentränke. Das fünfte war an der höchsten
Stelle der Straße nach Blankenheim und das sechste kurz
vor dem Waldrand. Sie erwarteten die feindlichen Panzer auf der
B 86 aus dem Wald kommend, aber auch von der Kohlenstraße
und der Blankenheimer Straße her.
Die alten Kriegsveteranen konnten sich vorstellen, was geschieht,
wenn die ankommenden Amerikaner das Geschützfeuer erwiderten
und das Dorf beschießen würden. Sie versuchten, die
jungen Soldaten zu beeinflussen, ihre Nutzlosigkeit und ihren
Irrsinn einzusehen, den Widerstand einzustellen und nicht zu schießen.
Der Krieg sei doch so wie so verloren und vorbei: "Wenn
der gewaltige Westwall die Amerikaner nicht aufhalten konnte,
glaubt Ihr mit Euren 6 Kanonen könnt das?"
Die Antwort: "Jeder abgeschossene Panzer ist ein Feindpanzer
weniger!"
Man stieß offenbar auf taube Ohren. Im Gegenteil, sie drohten
mit Standgerichten und ähnlichem. Außer den jungen
Arbeitsdienstlern an den Geschützen dachte niemand daran,
irgendwelchen Widerstand zu leisten.
An den Tagen davor lag eine unheimliche Ruhe und Spannung über
Annarode. Der Verkehr war verebbt, die Straßen waren wie
leergefegt, die Gehöfte verschlossen. Alle Obliegenheiten
wurden leise und möglichst unauffällig verrichtet. Alle
Leute hielten sich in Kellern oder Luftschutzräumen auf.
Nachts kläfften nicht einmal die Hunde. Die Geschützbedienungen
waren in ständiger Alarmbereitschaft und sehr nervös.
Neben dem Geschütz hatten sie sich Schützenlöcher
gegraben, darin hockten sie mit modernen Sturmgewehren, Panzerfäusten
und einem leichten Maschinengewehr.
Am 12. April hatten Kampftruppen der 104. US Infanteriedivision
"Timberwölfe", unter Major General Terry de la
Mesa Allen, Sangerhausen erreicht. In Riestedt zweigte eine Sturmspitze
mit 2 SPW-Kompanien und Infanterie unter dem Kommando von Oberstleutnant
Hogan zur B86 in Richtung Annarode ab. Von einem Überläufer
aus Annarode (nach dem Kriegstagebuch des Hogan) erfuhr er über
die Geschützstellungen des RAD. Offensichtlich ließ
er die Lage durch einen Spähtruppe gründlich aufklären.
Tagsüber überflog ein leichtes Aufklärungsflugzeug
der Amerikaner das Dorf und die Umgebung. Die Nächte schienen
dunkler als normal. So konnte man auch nicht sehen, was sich vom
Wald her auf der Straße bewegte.
Am Abend des 12. April kam es zu einem tragischen Ereignis. Der
junge Arbeitsmann Helmuth S. kam aus dem Dorf und ging den Kirchberg
hinauf zu seinem Geschütz. An der Kirche traf er auf eine
Patrouille der anderen Gruppe, die ihn anrief und nach der Parole
fragte, da er sie nicht kannte, schossen sie auf ihn und trafen
ihn tödlich. Man brachte ihn in das Haus des Bauern Geerke,
dessen Tochter, als ausgebildete Rote-Kreuz-Helferin, versuchte
ihm zu helfen, und in deren Armen starb er. Vielleicht hat dieses
Ereignis dazu beigetragen, die jungen Männer davon abzuhalten,
ihr Leben sinnlos zu opfern. Aufgeklärt wurde der Vorfall
nie.
In der Nacht zum 13. April war ein Spähtrupp der Amerikaner
mit einem Jeep, der sehr leise lief, unbemerkt in das Dorf eingedrungen.
Sie trafen auf den Rote Kreuz Helfer Otto H., der sie zu dem Gutsbesitzer
Beyse, er war Kommandeur des Volkssturms, und dem Bürgermeister
Böttge führte. Sie sprachen perfektes Deutsch. Beide
gaben die Versicherung ab, dass niemand bewaffneten Widerstand
leisten werde. Sie verwiesen aber auf die jungen RAD-Männer
mit ihren Geschützen. "Machen Sie sich keine Sorgen,
mit denen werden wir schon fertig." Offensichtlich kamen
oder blieben die ersten amerikanischen Soldaten schon in dieser
Nacht im Ort und schlichen sich von hinten durch die Gärten
und Gebäude an die Geschützstellungen ran.
Im Morgengrauen war der Geschützführer Obervormann Riester
auf einem Patrouillengang. Am Kirchberg bemerkte er den ersten
Amerikaner. Er ging in Deckung und ließ ihn an sich vorbei,
als der in der Mitte des Kirchberg war, erschoss er ihn von hinten.
Dort lag er noch den ganzen Vormittag. R. wollte nun schnell zurück
zu seinem Geschütz im Garten von Schenk. Als er vor dem Hoftor
angekommen war, wurde er aus dem Stall des Bauern Röhrig
ebenfalls erschossen. So erfuhr die Geschützbedienung nicht,
dass die Amerikaner schon im Dorf waren. Im weiteren drangen die
amerikanischen Soldaten in das Gehöft und die Gebäude
des Bauern Kühnemund vor. Sie waren jetzt genau hinter der
Geschützstellung. Auf dem Hausboden hatten sie Ziegel hochgeschoben,
dadurch hatten sie die jungen Deutschen vor sich genau im Visier.
Weil die sich auf Anrufen nicht bereit zeigten, sich zu ergeben,
ja sogar versuchten, das Geschütz zu laden, wurden vier von
ihnen, die in ihren Schützenlöchern saßen, erschossen.
Die anderen ergaben sich.
Der Kommandeur der Einheit, ein RAD- Feldmeister Krone, hatte
seinen Befehlsstand in einem ehemaligen Steinbruch am Roßberg
eingerichtet. Dorthin hatte er zu den Feldtelefonen der Flak-Stellungen
eine Telefonleitung ziehen lassen. Die Leitung war an den Bäumen
aufgehängt. Weshalb der Befehl "Feuer frei" bei
den Geschützen nicht angekommen ist, soll daran gelegen haben,
dass polnische Kriegsgefangene die Drähte mehrmals zerschnitten
hatten. Als Krone sich am Morgen selbst auf den Weg nach Annarode
machte, wurde er von den Amerikanern gefangen genommen.
Die Mannschaften der beiden Geschütze am Blankenheimer Weg
haben sich offensichtlich früh genug aus dem Staube gemacht.
Von dem Geschütz, welches am Waldrand der Kohlenstraße
verschanzt war, gab einer der Kanoniere in seinem verhetzten Feuereifer
einen Schuss ab. Er zielte und traf einen der ersten leichten
Panzer, die in den Ort einfuhren. Als Gegenreaktion stoppte die
Kolonne und alles was Rohre hatte, schoss auf die Geschützstellung.
Der dahinter stehende alte Buchenbestand wurde regelrecht zu Kleinholz
zerschossen. Vier der verwegensten jungen Soldaten starben, als
das Geschütz einen Treffer bekam. Das andere im Strohdiemen
von Böhmes, einige hundert Meter entfernt, haben die Amerikaner
offensichtlich nicht entdeckt. Die Mannschaft hatte sich jedenfalls
schon abgesetzt.
Es war ein glücklicher Umstand für das Dorf, dass es
nicht unter Beschuss genommen wurde. Zu verdanken ist das sicherlich
auch dem Kommandeur der amerikanischen Stosstruppe, Oberstleutnant
Hogan, der wusste, dass von den Einwohnern kein Widerstand zu
erwarten war, und dessen Vorposten die gefährlichste Stellung
unmittelbar vor dem Dorf, in Schenks Garten, schon überwältigt
hatten.
Man sollte noch heute auch die Vernunft der jungen RAD- Männer
gedenken, die, aus welchen Motiven auch immer, damals jeder für
sich, eine schwere Entscheidung treffen mussten; denn der Krieg
war ja noch nicht zu Ende. Vielleicht trug auch die Tatsache dazu
bei, dass sie wussten, dass in ihrer Heimat in Schwaben und dem
Schwarzwald, der Krieg schon längst aus war. Sie gaben auf
und versteckten sich in den Wäldern. Einige wurden später
von Dorfbewohnern aufgenommen und verborgen, bis die Umstände
erlaubten, dass sie versuchen konnten, sich in ihre Heimat, Schwaben,
durchzuschlagen.
Trotzdem fanden durch die unbedeutenden Kampfhandlungen am 13.April
1945 in Annarode 10 junge Deutsche, der Jüngste knapp 16,
der Älteste (Obervormann Riester) 21 Jahre alt, den Tod.
Auf dem Friedhof erinnert heute eine Tafel mit ihren Namen daran.
Die angekommenen Amerikaner hatten den von Riester erschossenen
Soldaten und die Besatzung des abgeschossenen Panzer zu beklagen.
Im Dorf, im Keller der alten Schule und in Geerkes Scheune, blieben
die Sachen und die beiden Maskottchen, zwei Hunde, ein weißer
und ein dunkler, "Bastel" und "Schuftel",
die den jungen RAD-Männern nicht gefolgt sind, zurück.
Die Geschütze standen lange Zeit in ihren Stellungen, manchmal
spielten Kinder daran. Nach einem Unfall, bei dem Fredy M., ein
junger Bursche aus Halle, der mit seiner Familie nach Annarode
evakuiert war, eine Granate zur Explosion gebracht hatte und dabei
umkam, wurden die Geschützstellungen gemieden. Irgendwann
wurden sie von irgend jemanden abgebaut und weg gebracht. Es wurde
angeordnet, alle Waffen an der Außenmauer der Kegelbahn
von Schmelzers Gasthof, wo damals 2 große Kastanienbäume
standen, abzuliefern. Natürlich bedienten sich die Amis erst
einmal selbst. Es war ein ganz beachtliches Arsenal was da zusammen
kam.
Nach dem späteren Einmarsch der amerikanischen 9. Armee bekamen
viele Häuser Einquartierung, die einige Tage andauerte. Es
kam zu ersten näheren Kontakten mit dem "Feind",
und das Leben normalisierte sich schnell. Anfang Mai wurden einige
Männer des Dorfes zusammengerufen. Sie mussten die im Jahr
davor bei Luftkämpfen abgeschossenen 4 Amerikaner einer Bomberbesatzung,
die auf dem Friedhof bestattet worden waren, ausgraben. Sie wurden
in ihre Heimat überführt.
Eines Tages waren die Amerikaner auffallend still und bedrückt.
Sie hatten den Befehl zum Einsatz an der Front gegen Japan bekommen.
Das bedeutete, dass für sie der Krieg noch nicht zu Ende
war, und der ganze Ernst ihnen noch bevor stand.
Auf Grund der Abkommen der vier Siegermächte waren von den
Amerikanern eroberte Gebiete Mitteldeutschlands zur Besetzung
durch die Sowjetunion vorgesehen. Anfang Juli 1945 zogen sich
die Amerikaner aus Annarode zurück. Mit Panjewagen und Marschkolonnen
zog die Roten Armee durch Annarode westwärts. Im Hause des
Bauern Spengler in der Dorfmitte richteten sie ihre Kommandantur
ein. Eine Kompanie hatte im Walde, westlich, am Knüppeldamm,
ein Feldlager errichtet. Jeden Tag marschierten sie ins Dorf mit
Ihrem typischen Gesang, in dem ein Vorsänger ein Lied sang
und alle in einen Refrain einfielen, der klang wie: "Leberwurscht,
Leberwurscht !"
So begann in Annarode die schwere Nachkriegszeit.