Am 10. oder 11. April wurde Panzeralarm gegeben ( 5 Min. Dauerton
der Sirene auf der alten Schule). Weitgehend unbemerkt waren im
Bereich der "Birkenschäferei" vor Blankenheim 8,8
Flak-Geschütze in Stellung gebracht worden. Es handelte sich
um eine RAD-Abteilung (Reichsarbeitsdienst, im Alter von 16-18
Jahren). Die Geschütze waren gut getarnt, denn das ständig
in niedriger Höhe fliegende amerikanische Aufklärungsflugzeug
hatte diese Stellungen nicht erkannt, so dass die auf der B 80
in Kolonne anrückenden amerikanischen Panzer gute Ziele für
die 8,8 Kanonen waren.
Diese Kämpfe erfolgten am 12. April, wobei am Abend die Scheune
der Birkenschäferei in Flammen aufging. Die amerikanische
Panzerspitze zog sich daraufhin zurück und fuhr einen Umweg
über Beyernaumburg, Liedersdorf, Holdenstedt, Bornstedt,
Schmalzerode, Wolferode, Mühlberg - Kunstberg nach Wimmelburg,
wo sie am 13. April gegen 11.00 Uhr weiter in Richtung Eisleben
fuhr. Die Kreuzung zur B 80 wurde durch mehrere Panzer in Richtung
Blankenheim abgesichert. Erst gegen 15.00 Uhr kamen Truppenverbände
aus Richtung Blankenheim und bogen in die Ortslage Wimmelburg
ein und fuhren in Richtung Grundörfer oder Helbra über
die Diebeskammer.
Wolferode geriet unter Artilleriebeschuss, weil eine zuvor auf
dem Kirchturm gehisste weiße Fahne auf Veranlassung des
NSDAP-Ortgruppenleiters wieder eingeholt worden war. Die 15 cm
Feldhaubitzen waren zwischen Liedersdorf und Holdenstedt linksseitig
der Straße aufgestellt. Noch Wochen später markierten
viele leere Kartuschen diese Stellung. In den Gärten am Süd-West-Rand
von Schmalzerode waren ebenfalls zwei 8,8 Flak postiert, wo es
noch zu einem kurzen Gefecht kam. 1 oder 3 Panzer wurden dabei
abgeschossen. Als Rückzugsraum für die deutschen Verteidiger,
RAD und Volkssturm hätte eigentlich Wimmelburg beschossen
werden müssen und die Frage: Warum nicht? Ist schnell beantwortet.
Anfang April waren einige 100 englische Kriegsgefangene (nach
Angaben von Alan und Peter Green sollen es über 400 gewesen
sein, dazu Bilder von Lee Hill, Neuseeland) von irgendwo her,
zwischen Kuh- und dem neuen Schafstall der Domäne, unter
freiem Himmel festgesetzt worden. Das hofähnliche Areal war
zur B 80 durch eine ca. 2-2,5 m hohe Mauer abgeschlossen. Auf
ihr saßen die deutschen Wachposten. Diese duldeten den Kontakt
und Tauschhandel mit den Ortsansässigen, vorwiegend von Schokolade
und Seife gegen frische Hühnereier, Wurst, Speck u.ä.
Das nahe Kriegsende vor Augen, nahm das Wachpersonal den Dienst
nicht mehr so genau; denn aus Wächtern selbst Gefangene zu
werden, stand kurz bevor. So hatten die Gefangenen Engländer
die Gelegenheit, aus Bettlaken ein großes "PW"
- prisoner of war - Kriegsgefangene - anzufertigen und es am 11.
oder 12. April im Bereich der jetzigen Neubauern-Siedlung auszulegen.
Die "Krähe", wie wir das gepanzerte Aufklärungsflugzeug
nannten, verstand dieses Signal und andere Aktivitäten sehr
wohl. So ist zu erklären, dass Wimmelburg nicht beschossen
wurde und von Kampfeinwirkungen verschont blieb. Im jetzigen Gemeindeamt
hatte die RAD-Abteilung ein Verpflegungsdepot eingerichtet, was
am 12. April der Bevölkerung frei gegeben wurde.
Daraufhin setzte ein unkontrolliertes Plündern ein. Konservendosen
(Kartoffeln, weiße Bohnen, Schweinefleisch), "eiserne
Rationen" (eine Art Hartkeks) und die persönlichen Sachen
der Arbeitsdienstler kamen unter die Leute. Es waren vorwiegend
Flüchtlingsfrauen und einige ältere Jugendliche, die
sich bedienten.
Beim Einmarsch der Amerikaner standen die nun befreiten Engländer
unter der englischen Fahne versammelt unter der alten Linde der
Domäne. Die Fahne konnte auch nur, lange vorher, unter Duldung
des Wachpersonals, aus einer alten Segeltuchplane und roter und
blauer Farbe angefertigt worden sein. Die Amerikaner, deren unendlich
langen Fahrzeugkolonnen vorbeifuhren, warfen immer wieder Verpflegungskartons
ihren befreiten Verbündeten zu.
Die Volksturmeinheiten, die sowohl den Turm der Ruine Bornstedt
sprengen bzw. vor der Bahnlinie am Blankenheimer Berg die amerikanischen
Panzerspitzen aufhalten sollten, wurden von altgedienten Offizieren
noch vor einer Feindberührung nach Hause geschickt. Kurz
zuvor wurden sie noch in "Afrika-Uniformen" eingekleidet.
Bei der Unterweisung dieser Männer im Umgang mit Panzerabwehrwaffen
war in dem Klassenraum der "neuen Schule", den jetzt
die Volksolidarität nutzt, die Treibladung einer Panzerfaust
los gegangen. Der Rückstrahl hatte für Panik gesorgt
und die Wände des Raumes total geschwärzt.
Der Gasthof "zum Hirsch" war als Reservelazarett eingerichtet.
Die dort untergebrachten Verwundeten deutschen Soldaten hatten
den Krieg überstanden und gingen in amerikanische Gefangenschaft.
Am 14. April mussten Waffen, Radio- und Fotoapparate abgeliefert
werden. Vor der "Alten Schule", wo sonst alljährlich
der Maibaum, stand, türmte sich ein beachtlicher Berg der
abgegebenen Waffen und Geräte. Die besten Exemplare wurden
von den amerikanischen Soldaten gleich dort als persönliche
Kriegsbeute requiriert.
Die nun ebenfalls befreiten ehemaligen Fremdarbeiter, Niederländer,
Polen und Franzosen, lebten jetzt auch auf ihre Art die wieder
gewonnene Freiheit aus. Besonders die Polen der Domäne gingen
auf "Uhrensuche". Manche hatten beide Unterarme mit
Armbanduhren bedeckt. Wir Deutschen waren in den ersten Tagen
nach dem Kriege völlig rechtlos. Am 13. April abends verkündete
der Ortsbote mit seiner Klingel: "wenn noch ein Schuss fällt,
werden 10 Nazis erschossen!" Das hat sich in meinem Gedächtnis
bis heute eingeprägt.
Einige Tage später wurde eine Ortsverwaltung eingesetzt.
Es war schon erstaunlich, wer da so alles vorher gegen den Faschismus
gekämpft hatte!? Vermutlich rechnete sich jeder "Feindsenderhörer"
nun zum antifaschistischen Widerstandskämpfer. In Wimmelburg
wurde Willi Schröder vom Landrat Catsche als Bürgermeister
eingesetzt. Er war als Kommunist bekannt und war während
der NS-Zeit auch inhaftiert. Schröder war auf Grund seiner
politischen Einstellung den "Amis" nicht genehm und
wurde von ihnen abgesetzt. Er machte Willi Gleißner, einem
SPD-Mann Platz.
Am 2. Juli zogen die Amerikaner ab und es kamen die Soldaten der
Roten Armee. Sie zogen mit Panjewagen, die meisten zu Fuß,
auch Vieh trieben sie mit, gen Westen. Der eingesetzte Ortkommandant
kehrte die Ortsverwaltung wieder um. Mit der Machtübernahme
durch die Sowjets begann sich das Leben im Ort wieder langsam
zu normalisieren.