Mein Vater war als Botaniker in holländischen Diensten auf
Java, wo ich 1932 in Surabaja geboren wurde. Mit zu meinen ersten
Erinnerungen gehört unser Wohnhaus in der Embong Tandjong
17, dort lebte ich mit meinen Eltern und meinen drei Geschwistern.
Es war ein großes Haus im klassischen kolonialen Baustil.
Eingeschossig. Die linken Zweidrittel der Vorderfront nahm eine
breite Marmortreppe mit sechs Stufen ein. Darüber trat man
ein in eine überdachte Vorhalle, von der man in einen großen
Vorraum kam, hinter dem sich unser Wohn- und Esszimmer anschloss.
Meine Mutter hatte darin ihre Ecke mit ihrem Schreibtisch, von
dem aus sie uns und das Personal dirigierte und das Hauswesen
organisierte.
Wir hatten 8 "Bedienten". Einen sereng, das war Djojo
Sasmito - hier rechts im Bild, ein wohl aus guter, alter Familie
stammender Javane, über dessen Abstammung und Herkunft gerätselt
wurde, ohne dass man Klarheit gewinnen konnte. Er war der Mittler
zwischen den malaiischen "Bedienten" und dem "tuan
besar" (in wörtlicher Bedeutung "großer Herr",
d.h. Herr des Hauses). Der Chauffeur Urip, ein Gärtner, die
Köchin Siti, und mehrere Reinemach- und Waschfrauen, zwei
Hausjungen, Sulejman und Karto. Von dem Gärtner erzählten
meine Eltern, dass er einen Spazierstock in die Erde stecken könnte,
um daraus eine Pflanze wachsen zu lassen.
Mit dem Chauffeur gab
es immer wieder Ärger. Er wollte meiner Mutter nicht gehorchen,
nur meinem Vater. Da aber mein Vater sehr häufig und auch
lange unterwegs war, ließ sich diese Eigenheit nicht überbrücken.
Sie entließ den Urip also. Wenn der Vater wieder zurück
war, musste Urip wieder eingestellt werden. Kismet: "Der
Mann hat eingestellt, deshalb kann Frau nicht entlassen.
Eine besondere Stellung hatte Juffrouw (Fräulein) Fitje,
eine Ambonesin. Sie war unser Kindermädchen, welches sich
rührend um uns bekümmerte und die wir heiß liebten.
Sie sprach - wie alle "Eingeborenen - das typisch malaiisch
gefärbte holländisch.
Eine nicht gerade einfache landestypische Eigenschaft der Javanen
war, dass es vorkam, dass sie am nächsten Tage nicht zur
Arbeit erschienen. Sie kamen erst dann zurück, wenn sie wieder
Geld brauchten. Meine Eltern gehörten sicherlich zu den besser
situierten Europäern. Ein solch mehr oder minder großzügiger
Lebenszuschnitt indessen war für die Kolonialeuropäer
nicht ungewöhnlich. Das Einkommen der Weißen lag vergleichsweise
sehr hoch, während das der zugleich erheblich genügsameren
Javaner gering war.
Mit Javanern auf der Straße und unseren Bedienten sprachen
wir malaiisch, mit den Holländern, unseren Spielkameraden
und wir Geschwister untereinander sprachen holländisch. Zuhause
mussten wir deutsch sprechen. Ohne Mühe sind wir so dreisprachig
aufgewachsen. Wir wechselten die Sprachen mit dem jeweiligen Gesprächspartner.
Wir hatten drei natürliche Muttersprachen.
Unser (Kinder-)Leben spielte sich in unserem großen Garten
ab. Den Garten grenzte eine hohe Mauer nach hinten ab. Die Mauerkrone
war gespickt mit herausragenden Flaschenscherben, die ein Übersteigen
verhindern sollten. Durch eine Tür in dieser Mauer gelangte
man an einen hinter dem Grundstück fließenden Kanal,
einen sloot. Wir durften den Garten nicht verlassen. Es wäre
dort am sloot zu gefährlich. Wahrscheinlich aber sprachen
hygienische Gründe für das Verbot. Der anfallende Abfall
wurde in diesen Kanal gekippt und alles Abwasser dort eingeleitet.
Es war die damals übliche Kanalisation. Uns gruselte natürlich,
wenn wir dort eine tote Katze oder einen toten Hund sahen.
Unsere Kleidung bestand aus einem "Spielhöschen",
einer Latzhose ohne Ärmel und mit kurzen Beinen. Die Luft
war beständig warm, tropisch warm und schwül. Besonderes
Vergnügen hatten wir in der Regenzeit, wenn die tropischen
Wolkenbrüche sich im Garten zu Überschwemmungen aufstauten
und wir darin herum plätschern durften. Mein Spielkamerad
war der gleichaltrige holländische Nachbarssohn, Geisje.
Er war einziges Kind in seiner Familie und fühlte sich natürlich
bei uns unter den vielen Kindern ganz wohl. Mit javanischen Kindern
haben wir nicht gespielt. So etwas tat man wohl nicht.
Eine sehr enge Freundschaft pflegten unsere Eltern mit der jüdisch-holländischen
Familie van Leer. Mijnheer van Leer verblieb in lebhafter Erinnerung.
Wahrscheinlich war er sehr nett zu uns Kindern. Wahrscheinlich
konnte er auch Geschichten erzählen, vielleicht auch Witze
machen. Die Freundschaft reichte bis nach dem Kriege. Der weitere
Bekannten- und Freundeskreis gehörte zu unseren Eltern und
strahlte auf uns Kinder nicht aus. Er setzte sich aus einer kosmopolitischen
Vielfalt zusammen, die im Ausland nichts Auffälliges hat.
Und dennoch war das unterschiedliche Auftreten und Gehabe der
Menschen für uns spannend. Die Europäer waren meistens
beleibt, ihre Frauen trugen riesige Hüte. Die Chinesen waren
dickleibig zum Zeichen ihres Wohlstandes. Und als äußeren
Ausweis dafür, dass sie manuelle Tätigkeiten nicht ausüben
mussten, ließen sie die Fingernägel ihrer kleinen Finger
sehr lang wachsen. Sie trugen glitzernd bunte Gewänder. Ihre
Frauen hatten die damals noch üblichen kleinen verkrüppelten
Füße. Die Inder konnten in ihren wallenden Gewändern
aus wunderbar gefärbten Stoffen auffallend würdevoll
schreiten, sie rochen nach schweren Essenzen. Die javanischen
Adligen traten stolz auf und konnten grimmig dreinblicken. Sie
trugen kunstvoll gebundene Kopftücher und einen im Bauchgurt
auf dem Rücken steckenden "kris", der je nach hierarchischer
Stellung sehr kostbar sein konnte.
Obwohl unsere Eltern unsere Bedienten korrekt und menschlich behandelten
und den Einheimischen mit Achtung vor ihrer Würde freundlich
begegneten, bestand doch ein spürbarer Abstand zwischen den
Eingeborenen und den Weißen (Holländern, Engländern,
Deutschen u.a.). Dieser wurde von beiden Seiten eingehalten und
respektiert. Jedenfalls zu den "einfachen" Eingeborenen.
Es gab eine javanische Oberschicht, wie auch eine solche von anderen
Asiaten. Insbesondere Chinesen fielen dadurch auf, dass sie ihren
zuweilen unermesslichen Reichtum offen zur Schau stellten. Anders
die bevorzugten Inder, die durch eine stolze Würde bekundeten,
dass sie zu den Bessergestellten zu zählen wären. Diese
soziale Schichtung, quer durch alle Hautfarben, war ein unangefochtener
und ganz natürlicher Bestandteil des alltäglichen Lebens.
Ich habe nicht erlebt, dass sich etwa die Weißen zusammengetan
hätten gegen die begüterten Asiaten.
Für 1940 planten unsere Eltern einen nächsten Europaurlaub,
nachdem sie ihren letzten 1933/34 hatten. Wir drei ältesten
Kinder sollten danach in Deutschland auf einem Internat bleiben
und zur Schule gehen. Auf Java gab es nur holländische, aber
keine deutschen Schulen. Zu der Zeit wären meine Schwestern
9 und 7 und ich 8 Jahre alt gewesen. Bis dahin sollten wir jedenfalls
Anfangsgründe gelernt haben. Um die Ecke wohnte eine deutsche
Lehrerin, Frl. Friedlaender, eine Halbjüdin, die in Deutschland
nicht unterrichten durfte, zu der Ev', Blibb und ich zum Unterricht
geschickt wurden.
Ohne dass wir Kinder schon was bemerkten, zogen die politischen
Schatten aus Europa auch über Niederländisch-Indien.
Am 10. Mai 1940 brach unsere ganze Welt buchstäblich zusammen.
Deutschland hatte seinen Krieg nach Westen getragen und dabei
auch die Niederlande (man sagte auf Java merkwürdigerweise
nur "Holland") überfallen. Ohne Verzug machten
die Holländer uns Deutsche zu Feinden. Unsere Mutter wurde
rasch verständigt, dass unser Vater von einer Dienstreise
aus verhaftet worden war. Gehalt war gesperrt, ebenso Telefon.
In diesem Trubel hatten wir Kinder natürlich keinen Überblick.
Unsere Bedienten hielten uns die Treue, obwohl unsere Mutter sie
nicht mehr bezahlen konnte. Unsere holländischen Nachbarn
wandten sich augenblicks von uns ab. Mein Spielkamerad Geisje
von nebenan durfte nicht mehr kommen.
Ich habe zeit meines Lebens darüber nachgesonnen, wie durch
weit entfernt ablaufende Ereignisse aus festen Freundschaften
im Handumdrehen Feindschaften werden können. Ich selber bin
indessen niemals in eine Situation gekommen, in der die Holländer
damals waren. Ihr Volk wird durch unser Volk kriegerisch überfallen.
Musste man sich auf diese Weise wehren und rächen? Hätte
man anderes auch rechtfertigen können? Noch nachträglich,
mit weitem Abstand von dem Geschehen dürfen wir das Verhalten
der Holländer unserer Umgebung nicht schelten, denke ich.
Einzig die schon benannte Familie van Leer hielt ihre Freundschaft
aufrecht. Ev' erinnert sich, dass Mijnheer van Leer in der Dunkelheit
zu uns ins Haus kam, um Nachrichten zu bringen und wohl auch Lebensmittel.
Für ihn als holländischen Juden waren solche Freundschaftsdienste
für die "duitsen moffen" natürlich nicht ungefährlich.
Diese treue Freundschaft erhielt er bis zu seinem Tode in den
50er Jahren - und eine Tochter bis heute -aufrecht, und das, obwohl
seine europäischen Verwandten in den Gaskammern zu Tode kamen.
Das Kinderleben ist nicht befähigt, das Gewicht einer Situation
zu bewerten. Unser Leben ging irgend einen Gang. Aus der Zeit
ist mir erinnerlich, wie unsere Mutter Brot backte, Schwarzbrot.
Warum jetzt und nicht schon vorher?
Nach einiger Zeit, Wochen, Monaten - es war im August 1940 - erschienen
mehrere dienstlich dreinblickende, offizielle Herren bei uns im
Haus. Nach der Unterredung weinte unsere Mutter heftig und aufgelöst.
Wir müssten packen und würden abgeholt. Während
sie aus dem Stande heraus einen Friedenshaushalt auflösen
und wenige Habseligkeiten für die ganze Familie auswählen
musste, trug sie uns auf, unsere Spielsachen selber einzupacken.
Von allem, was ich besaß, es war wohl nicht wenig, war mir
im Augenblick eine kleine Eisenbahn das wichtigste. Die hatten
wir aus Streichholzschachteln zu basteln gelernt. Pappkreise ausgeschnitten
und seitlich an der Schachtel angeklebt als Räder und mit
einem Faden Wagen an Wagen gereiht. Gereut hat es mich niemals,
zumal ich schnell vergessen hatte, woran alles ich nicht gedacht,
was ich alles zurückgelassen hatte. Meinen Teddy-Bär
habe ich jedenfalls auch mitgenommen. Der hat uns dann nach Japan
und später noch nach Deutschland begleitet. Wo und wie er
abhanden gekommen ist, weiß ich nicht mehr.
Mir ist nicht bekannt, wie über den Hausrat verfügt
wurde, wie über Besitz und Vermögen. Irgendeine Weeskammer
besorgte die bürokratische Abwicklung. Wir verließen
das Haus nur mit tragbarem Handgepäck. Wir - unsere Mutter
und ihre vier Kinder - wurden in eine Polizeistation am Hafen
in Surabaya verbracht, wo wir auf andere deutsche Frauen und Kinder
trafen, mit denen wir zusammen in einem Sammeltransport in ein
Lager gefahren wurden. Meine Schwester Blibb erinnert sich daran,
dass die Toiletten außerhalb der Gefangenenräume lagen.
Während die erwachsenen Frauen aus Scham vor der Schmach
nur bei Dunkelheit dorthin gingen, verabredeten die Kinder sich
nacheinander die Wache zu veranlassen, sie unter Bewaffnung dorthin
zu begleiten. Am Stakettenzaun ließen sich die eingeborenen
Gaffer die ungewohnten Vorgänge nicht entgehen.