Ich verbrachte meine Kindheit auf Java. Mit meinen Eltern und drei Geschwistern wuchs ich in Surabaja
auf, wo mein Vater in holländischen Diensten arbeitete.
Als im Mai 1940 der Krieg gegen die Niederlande begann, wurden
wir Deutschen zu feindlichen Ausländern erklärt, wenige
Wochen später kamen meine Mutter und wir Kinder in ein Internierungslager.
Wir fanden uns am 21. August 1940 - die Frauen und deren Kinder
(Knaben bis 12 Jahren), mein Vater war in einem anderen Lager
für Männer - in "Banjoe Biroe wieder. Er
konnte erst 1949 zu seiner Familie zurückkehren.
Unser Lager war ein Straflager, so jedenfalls wurde es offiziell
genannt. Zunächst drängte sich bald die Frage auf, weshalb
sich so unterschiedslos alle Deutschen dort zusammenfanden, diejenigen,
die sich mit einem Deutschtum und als Nazi lautstark hervorgetan
hatten, auch diejenigen, die bei deutschen Firmen gearbeitet hatten,
sowie auch diejenigen, die nicht politisch hervorgetreten oder
bei holländischen Firmen beschäftigt waren. Es war ein
Lager im klassischen Sinne. Ein großes Areal, von hohem
Stacheldrahtzaun umgeben. An allen vier Ecken standen hohe Wachtürme,
die besetzt waren mit eingeborenen Soldaten oder Polizisten. Sie
trugen jedenfalls Gewehre, was auf uns Kinder - ich war gerade
8 Jahre alt - einen großen Eindruck machte. Außerdem
trugen sie zu ihren Uniformen breitkrempige Hüte. Besonders
gefiel mir, weshalb weiß ich selber nicht, dass an der linken
Seite die Krempe hochgeklappt war. So ist es in Asien, Australien,
Amerika und Kanada bei vielen Uniformierten üblich. Es fanden
sich viele, sehr viele gleichaltrige Kinder zusammen, weit mehr,
als wir bisher gewohnt waren. Nicht die Gemeinsamkeit als Deutsche
verband uns. Die gemeinsame deutsche Sprache auch nicht, denn
alle Kinder sprachen holländisch miteinander. Wir hatten
Raum zum Toben, Spielkameraden den ganzen Tag lang und einstweilen
keine Schule. Ich höre noch heute das gellende Rufen der
Mütter, deren Kinder sich waschen oder Wäsche wechseln,
sich nicht schmutzig machen, sich nicht auf die kalten Steine
setzen sollten oder zum Essen kommen oder so. Ärgerliche
Störungen!
Die Eingangsseite des Lagers wurde begrenzt durch eine feste und
durchaus gut ausgestattete Gebäudezeile, in der der holländische
Lagerkommandant - so hieß er offiziell - und die Lagerverwaltung,
bestehend aus holländischen Kolonialoffizieren und deren
Leute residierte. Für die "Betreuung" der Eingesperrten
sorgten holländische Heilsarmee-Frauen, deren Leiterin "Sister
Heemer" war, die ihre Aufgaben mit militärischer Strenge
und - durch die Ereignisse sicherlich verständlichem - Deutschenhass
versahen. Sie taten das mit allen Formen der feindseligen Erniedrigung.
Unangenehm gaben sie sich und hartherzig.
Das Lager diente vormals eingeborenen Strafgefangenen, war angeblich
wegen tropischer Seuchen seit einigen Jahren aufgegeben gewesen
und war nun für die Deutschen wieder eingerichtet worden.
Wie viele Personen im Lager untergebracht waren, alles nur deutsche
Frauen und Kinder, weiß ich nicht.
Zuweilen wurden wir Kinder ausgeführt: Vier bewaffnete malaiische
Soldaten, auch sie in schmucken und sauberen Uniformen mit Hüten,
deren breite Krempen an einer Seite hochgesteckt waren, markierten
die vier Ecken eines Karrees und umspannten die Gruppe der Kinder
mit einem langen Seil. So gesichert, mit zusätzlichen bewaffneten
Posten und einer Zahl von uniformierten holländischen Heilsarmee-Soldatinnen
(oh, wie wörtlich nahmen sie ihre Rolle!) zogen wir durch
die Gegend, an Reisfeldern, an Bauernhäusern vorbei, auf
Straßen und Wegen, durch das normale Leben der Eingeborenen.
Und kamen so bewacht im Lager wieder an.
Unsere Mutter begann rasch eine Führungsrolle unter den Internierten
- Gefangene nannte man uns nicht - zu übernehmen. Häufig
war sie im Verwaltungstrakt, sei es gerufen, sei es eine Angelegenheit
regelnd. Sie nahm sich weniger ihrer eigenen Anliegen an, wenn
dann um ihre Kinder, sondern meistens derer, die sich zu wehren
nicht trauten oder es nicht vermochten. Sie verachtete aber jene,
die sich überall mit einer "großen Klappe"
hervortaten, sich aber vor einer Obrigkeit nicht trauten.
Grund für gerufene Vorstellungen bei der Lagerleitung waren
auch wiederholt irgendwelche Verstöße gegen die Zensurbestimmungen
bei den Postkarten an unseren Vater. Es war reguliert, in welchen
Zeitabständen geschrieben werden durfte und wie viele Wörter
erlaubt wurden, was mitgeteilt werden durfte und was zu berichten
nicht erlaubt war. Grundsätzlich nur offene Postkarten. Umgekehrt
waren die Postkarten unseres Vaters stellenweise geschwärzt,
Zensur wurde als normal empfunden. Die Demütigungen wurden
in der Art und Weise ihrer Ausübung ausgedrückt. Wir
Kinder bekamen aber genau mit, wieviel Informationen die erwachsenen
Frauen mit Häme und Listigkeit aus den zensierten Kurznachrichten
herauslesen konnten. Und wieviel sie verschlüsselten. Unsere
Mutter - wie wohl die eine oder andere auch - wurde gelegentlich
in die Verwaltung gerufen und sollte erklären, was sie wohl
mit dieser oder jener Formulierung auf ihrer Postkarte gemeint
habe. Ein klassischer Kampf zwischen Macht und List. Hauptsache
aber, dass Lebenszeichen überhaupt hin und her wechselten.
Wohl sind uns alle Postkarten meines Vaters erhalten geblieben,
während Nachrichten meiner Mutter nur dann in unserem Archiv
sind, wenn sie nicht zugestellt wurden.
Vor den Mahlzeiten mussten wir mit militärischer Disziplin
vor unseren Baracken antreten und auf Pfiff mit der Trillerpfeife
einer "Soldatin" geschlossen in den Speisesaal marschieren,
uns hinter unserem Sitzplatz vor der Holzbank aufstellen und auf
Pfiff setzen. Vor dem Essen wurden die zensierten Postkarten laut
vorgelesen und ausgeteilt.
Im März 1941 wurde dieses Lager aufgelöst und wir wechselten
in das "Schutzlager (beschermingskamp) über. Warum
zuvor Straflager, warum und wie veranlasst plötzlich Schutzlager,
ich habe das auch durch nachträgliche Recherchen niemals
herausgefunden. Möglicherweise war es das Internationale
Rote Kreuz oder möglicherweise das Schweizerische Konsulat
oder es griff die Genfer Konvention (über die Behandlung
von Zivilinternierten)?
Dieses Schutzlager lag in "Salatiga" und gab uns das
Gefühl eines zivilisierten Lebens wieder. Es lag nicht weit
entfernt von Banjoe Biroe. Eine Bewachung schien nun nicht mehr
nötig - oder sie blieb im Hintergrund, alles war offen. Pompöse,
malerisch verspielt gebaute, palastartige Gebäude standen
nun den deutschen Frauen und Kindern zur Verfügung, eingebettet
in einem riesengroßen gepflegten Gartenpark. Es sei mal
der Besitz eines steinreichen Chinesen gewesen. Weiß gekalkte
Häuser, mit Arkaden und Tür- und Fensterbögen.
Die Familien erhielten wieder abgeschlossene Zimmer zum Leben.
Keinerlei Merkmale einer Gefangenschaft und einer Unfreiheit sind
in meinen inneren Bildern mit Salatiga verbunden. Aber es war
halt ein Lager. Trotz der annehmbareren Lage gab es irgendeinen
Anlass für meine Mutter, uns Kinder dauernd daran zu erinnern,
untereinander Deutsch und nicht mehr Holländisch zu sprechen.
Schließlich seien wir ja als Deutsche in Unfreiheit. Einer
Lagerverwaltung und Auseinandersetzungen unserer Mutter mit irgendeiner
Obrigkeit erinnere ich nicht. Wer das verwaltet hat, wer bewirtschaftet,
ich weiß es nicht. Auch verbinde ich mit Salatiga keine
Aggressionen von uns Kindern gegen die Holländer. Wir streiften
durch die Gegend, ohne Eingrenzungen. Wieweit unsere Mütter
Freiheiten hatten, weiß ich nicht mehr. Auf Photos erscheint
Mutter als sehr ernste, ja verbitterte Frau. Wohl auch kein Wunder,
war sie doch zu der Zeit gerade 37 Jahre alt, ohne Mann, mit 4
Kindern im Alter von 10, 9, 8, und 5 Jahren in fremder Umgebung
und mit allen Entbehrungen einer ungewissen Lage, wirtschaftlich
in ganz unklarer Weise abhängig und einer überhaupt
nicht vorhersehbaren Zukunft.
Diese Zeit ging im Frühsommer 1941 zu Ende. Ich sehe uns
alle in der Sonne im großen Garten sitzen und irgend jemandem
Offiziellen zuhören. Er teilte uns wohl die Tatsache und
den Termin unserer Abreise mit. Von da an folgte also eine neue
abenteuerliche Reise. Im November 1940 hatte das Schweizerische
Konsulat ein "Zirkular" herausgegeben, in dem in aller
Genauigkeit die Modalitäten der Ausreise, der Passage und
des Weiteren in Japan geregelt waren. Wie wir zum Hafen hingelangten,
mit Auto, Autobus oder Eisenbahn, in großen oder kleinen
Gruppen, mit welchem Gepäck, bei Tag oder nachts, das hatte
wohl nichts Aufregendes in mir hinterlassen. Nur der Hafen - es
war Tandjungpriok bei Batavia - mit einem unwahrscheinlich großen
Passagierdampfer fing meine Aufmerksamkeit wieder.
Eine haushohe schwarze Bordwand mit mehreren Reihen unzähliger
runder Bullaugen. Hoch in den Himmel ragten über den weißen
Aufbauten zwei mächtige Schornsteine, schwarz mit weiß-roten
Ringen, Das weiß ich heute noch genau, wie wir dort über
eine Gangway an Bord gingen, in dem Schiff vor einer Rezeption
Schlange standen, dann an der Reihe waren und unsere Kammern zugeteilt
bekamen. Alles war sehr sauber und gepflegt und überall schön
erleuchtet. Die Kammer selber, mit wem ich sie teilte, wo sie
lag und wie sie eingerichtet war, das traf nicht meine Interessen,
das war für mich nicht wichtig. Das habe ich ganz und gar
vergessen.
Wir waren auf dem luxuriösen japanischen Fahrgastschiff "Asama
Maru und es sollte uns nach Japan bringen. Die Überfahrt
wurde sehr stürmisch. Wir lernten, dass man den gewaltigen
Sturm dort Taifun nannte. Der Wind blies so heftig, dass wir uns
auf dem freien Deck sehr schräge gegen ihn anlehnen konnten.
Nach meiner Erinnerung sahen wir Jungens in uns echte Helden.
Während viele (alle?) mit ihrer Seekrankheit zu kämpfen
hatten, saßen wir unbeeindruckt, überlegen, nicht unterzukriegen
im großen Speisesaal (ganz alleine?) und ließen uns
bedienen und labten uns an allem Guten. Und wir waren richtige
Kerle - ich mit meinen 9 Jahren!
An Bord gewannen wir Bekanntschaften mit der japanischen Besatzung
und lernten von denen die ersten Brocken Japanisch, Es waren Flüche
und Kraftausdrücke. Sie klingen in allen Sprachen schon rein
phonetisch kräftig und markig, so recht was für uns!
Erst später lernten wir, dass das eine schlechte Sprache
sei.
Wo wir anlandeten und wann, ich weiß so etwas nicht mehr,
jedenfalls in Japan, wahrscheinlich in Kobe. Unser Vater und die
anderen deutschen Männer waren derweil irgendwo auf Java
in der Internierung geblieben.