Als Deutscher in Japan ab 1941
Nach unserer Internierung als "feindliche Ausländer"
auf Java wurden meine Mutter, meine drei Geschwister und ich im
Sommer 1941 nach dem mit Deutschland befreundeten Japan verschifft.
Die erste konkrete Erinnerung setzt ein, als wir in Kyoto im feinen
Miyako-Hotel untergebracht waren. Ringsherum war alles anders
als wir es bisher kannten. Die Menschen sahen anders aus und sprachen
eine ganz fremde Sprache, sie kleideten sich anders (damals noch
sehr viel verbreiteter traditionell) und sie pflegten andere Umgangsformen,
sehr förmlich und höflich. Obwohl wir aus einem fremden
Land kamen, empfanden wir auf Java eine Geborgenheit und Vertrautheit
des Gewohnten: Wir sprachen die drei Sprachen unserer Umgebung
fließend: Deutsch, Holländisch und Malaiisch, es waren
ja praktisch unsere Muttersprachen. Hier war plötzlich alles
ganz anders. Wohl kamen wir mit einem rudimentären Japanisch-Wortschatz
in Japan an Land.
Nicht die Umstände, wie wir nach Kyoto kamen erinnere ich,
wohl aber die Zeit in Kyoto: Eine Flut von Veranstaltungen, Begrüßungen,
Vorführungen, Ausflüge in die Umgebung, insbesondere
auch nach Nara, der alten Kultur- und Tempelstadt. Für uns
Kinder waren die Darbietungen sehr lästig, mussten wir doch
immer ordentlich gekleidet und pausenlos artig sein. Irgendwer deklamierte, führte auf oder vor, hielt Reden,
meist im unverständlichen Japanisch - es gab auch deutsche
Reden, die ihrem Inhalt nach uns Kindern auch unverständlich
waren.
Die Kultur ist so überwältigend, dass sie selbst mich,
der ich damals noch nicht zehn Jahre alt war, nachhaltig beeindruckt
hat. Tempel, meist Jahrhunderte alt, Paläste, Gartenanlagen,
das Auftreten, die Kleidung und die Umgangsformen der kultivierten
Japaner waren ganz erlesen. Sehr schwierig waren die zahlreichen
und endlosen Empfänge der zahlreichen deutschen und japanischen
Vereine, endlos und unaufhörlich. Man feierte uns, ja wofür
eigentlich? Wie die Exoten wurden wir stets zuvorkommend und höflich
empfangen, herumgeführt und weitergereicht.
Nach einiger Zeit siedelten wir um in die große Stadt Kobe.
Unser Leben begann sich zu normalisieren, wir fanden uns in der
neuen Umgebung schnell ein. In diese Zeit, so Ende 1941/Anfang
1942 fällt der Beginn meiner bewussten Personwerdung: Ich
erkannte mich und meine Mutter, mich und die Geschwister, die
Klassenkameraden, die Gruppe und deren Mechanismen. Ich entdeckte
meine Neigungen, Fähigkeiten und Defizite. Jetzt begann auch
unsere Schulzeit, zum ersten Mal in einer regulären deutschen
Schule mit deutschen Lehrern, Klassenkameraden, richtigen Schulstunden
mit Pausenklingeln und Disziplin. Ich begann in der "III.
Grund-Schulklasse". Es war ein ganz normaler Schulbetrieb
mit den "klassischen" Schulfächern: Deutsch (unterteilt
in Mündlicher Ausdruck, Schriftl. Ausdruck, Lesen, Rechtschr.
u. Sprachl.), Heimatkunde, Rechnen, usw., usw. Ich wurde versetzt
in die 4. Grundschulklasse und wechselte dann in der gleichen
Schule in die 0I der "Oberschule". Es kamen die üblichen
Oberschulfächer hinzu: Geschichte, Englisch, Biologie, aber
auch Japanisch. Der Schulalltag - oder nur montags? - begann mit
einem "Flaggenappell", unter einem markigen Sinnspruch
oder einer vaterländischen Ansprache wurde die Flagge gehisst.
Besonders stramm tat sich unser Direktor "Parteigenosse Dörr"
hervor. Er war von kleinem Wuchs, hatte eine markante Nase und
ging sehr aufrecht.
Dennoch kann ich mich keiner ideologischen Themen in der Schule
erinnern. Kriegs- und Nazi-Lieder lernten und sangen wir in der
HJ, nicht in der Schule (bis auf den Flaggenappell). Gewiss sangen
wir Nazi-Lieder, die wir für den HJ-Dienst ebenso auswendig
lernen mussten, wie Kirchenlieder für den Religions- oder
Gedichte für den Deutschunterricht. Es sind mir noch heute
die schrecklichsten Kriegslieder mit antijüdischen Refrains
in Erinnerung. Wir mussten auch den aktuellen Frontverlauf in
Russland kennen, derweilen um uns herum die japanischen Städte
und Landschaften lagen, hier die Erdbeben und Taifune wüteten,
die Japaner ihr Leben, ihre Sorgen und Nöte lebten, der Asiatische
und Pazifische Krieg in deren und unser Leben zunehmend einwirkten.
Mein Vater - unsere Väter -, die noch in Niederländisch-Indien
interniert waren, sollten vor dem drohenden Zugriff der Japaner,
die in einem ungeahnten Siegessturm SO-Asien eroberten, Anfang
1942 nach Britisch-Indien gebracht werden. Drei Schiffe, von denen
zwei "durchkamen", das dritte, die "van Imhoff"
wurde torpediert und sank. Auf dem war mein Vater, der zu den
wenigen Geretteten gehörte. Wann wir in Japan davon erfuhren
- es gab ja keine Radios und stundenaktuellen Nachrichten -, ich
weiß es nicht. Es kamen etwa 400 Deutsche um, 60 wurden
gerettet. Die Unruhe während der Wartezeit lag lähmend
über unserem Leben. Die Freude der Beglückten mischte
sich mit der Trauer der Hinterbliebenen.
Wir Kinder hatten natürlich eine sehr starke Bindung an unsere
Mutter, wussten aber, dass wir auch zum Vater gehörten. Klar.
Schwierig war nur die praktische Zuwendung. Wenn wir eine Postkarte
schreiben mussten, waren die Standardanfänge: "Lieber
Vater. Wie geht es Dir, uns geht es gut." Ja, wie sollte
es weiter gehen? Wo sollten wir anfangen, aus unserem Alltag zu
erzählen? Viel Platz zum Erzählen war nicht auf einer
Karte. Dann auch meistens unter Zeitdruck, weil wir diese zwar
lästige, aber auch erforderliche Zuneigungspflicht zu lange
vor uns her geschoben hatten.
Meine Mutter war Nicht-Nazi, vielleicht nicht im Widerstand, aber
es schreckte sie der ungebildete Geist der Repräsentanten
- und in jedem Falle hatte oder hätte sie die Untaten des
Regimes abgelehnt, wenn sie sie gekannt hätte. Wir hatten
ein Hitlerbild an prominenter Stelle im Wohnzimmer hängen.
(Hitler blickte frontal den Betrachter an und mich beschäftigte
intensiv die Entdeckung, dass er einen mit seinem Blick verfolgte,
auch wenn man ihn von der Seite besah). Als wir noch klein waren,
betete Mutter abends mit uns, alles mögliche, aber auch dass
Gott unsere Soldaten beschützen und uns den Sieg geben möge.
Darüber kam ich in innerliche Widersprüche: Die englischen,
französischen, kurz alle feindlichen Mütter erbitten
für ihr Land und ihre Soldaten Gleiches. Wie wird der liebe
Gott entscheiden, was tut er nun?
Meine Mutter hatte einen sehr praktischen Sinn, außerdem
eine umfassende Bildung und immenses Wissen. Das hat sie stets
gepflegt und durch unablässige Neugier weiter entwickelt.
Sie gab bald Privatunterricht in deutscher Sprache an japanische
Studenten (zu der Zeit war Deutsch noch die Wissenschaftssprache
in allen Sparten) - und Deutschland und seine Kultur hoch angesehen.
Es entstanden dadurch natürlich sehr enge Kontakte zu den
Japanern und erleichterte und ermöglichte guten Zugang zu
japanischen Eigenheiten. Die daraus entstandenen Freundschaften
dauerten fort, auch bis in die späte Nachkriegszeit hier
in Deutschland.
Ein besonders guter und enger Freund wurde ein Hidenori Yaoi,
den wir nicht über Mutters Deutschstunden kennen lernten.
Wie sonst, ich weiß es nicht mehr. Er sprach ein fließendes
Deutsch und schrieb ausschließlich in einer wunderschönen
Sütterlin-Schrift (Deutsche Schrift). Er war genauestens
vertraut mit deutscher Kultur, sehr belesen und gebildet. Wir
wussten gar nicht so recht, in welcher Funktion er lebte und wirkte.
Im Krieg war natürlich immer der Verdacht des Aushorchens,
Spionierens und was auch immer. Wir wussten es nicht, bis heute
nicht. Aus seinem herzlichen Umgang mit uns, auch zu uns Kindern,
kam ein Verdacht nicht auf.
Aus dem Erlös des Unterrichtes meiner Mutter kaufte sie
wenige, aber erlesene Dinge, die sie für ein kultiviertes
Leben für notwendig hielt. Einerseits sicherlich aus eigenem
Bedürfnis, andrerseits um uns Kinder vor der kulturellen
Verarmung zu bewahren. Unter diesen - durchaus nicht lebensnotwendigen
- schönen Dingen sind mir erinnerlich die "Pastorale"
von Beethoven in einer dicken Schallplattenkassette, Wiener Philharmoniker
unter Bruno Walter (zu der Zeit waren es Schellack-Platten mit
3 Minuten Spieldauer. Bei Seiten- oder Plattenwechsel musste man
das Grammophon wieder aufziehen und die Nadel wechseln). Außerdem
die "Moldau" von Friedrich Smetana. Dann so einige schmissige
Schlager der damaligen Zeit. In der Zeit, es müsste so um
1942/43 herum gewesen sein, spendierte sie ein Familienfoto bei
"Okamoto, Photographer, Tor Road, Kobe".
Im japanischen Leben gibt es von Zeit zu Zeit öffentliche
Großereignisse: Tempelfeste. Unter großer Anteilnahme
der Bevölkerung wurden religiöse Prozessionen durchgeführt,
bei denen die Teilnehmer aber nicht demütig und andächtig
herumziehen, sondern fast wie bei einem Volksfest - so jedenfalls
stellte es sich uns dar. Ungewöhnlich prunkvolle und riesig
große Wagen werden durch die Straßen gerollt, die
Teilnehmer und Umstehenden begleiten den Umzug mit reger Emsigkeit
und großem Lärm. Irgendwie - die genaueren Umstände
sind gar nicht haften geblieben - waren einige aus unserer HJ
zu einem Tempelfest eingeladen oder abgeordnet worden. Was wir
dort machen sollten oder nur als Statisten - ich weiß es
nicht mehr. Nach den Fotos zu urteilen, wurden wir prunkvoll in
historische Samurai-Gewänder eingekleidet und sicherlich
kräftig geschminkt.
Im Alter von zehn Jahren war ich in die Hitlerjugend (HJ) aufgenommen
worden, zunächst als "Pimpf" im Jungvolk. (In die
eigentliche HJ kam man mit 14 Jahren). Ich war enttäuscht
und verärgert, dass die Kommunion unserer katholischen Mitschüler
mit großem Aufwand gefeiert wurde, während die vermeintlich
ungleich wichtigere Aufnahme in die HJ schmucklos vonstatten ging.
Nicht alle aus unserer Klasse waren auch in der HJ. Wir hatten
"halfcastes" in der Klasse. So nannte man Abkömmlinge
aus ethnisch gemischten Familien. Mit welchem Pass, das interessierte
uns natürlich nicht. In der Klasse und in unsrer Freizeit
spielte das überhaupt keine Rolle. Nach welchen Methoden
für die Zugehörigkeit in der HJ ausgesiebt wurde, hatten
wir Jungen gar nicht erörtert. Es war im Ausland so ganz
"normal", dass es Gruppierungen gab, Hautfarben, Herkunft,
Nationalität, Sprachen, Stände, Religionen und was auch
immer die Menschen zu trennen und zu unterscheiden geeignet ist.
Unter uns Jungen interessierte das nicht. Ich habe niemals weder
gemerkt noch aus den Gesprächen der Erwachsenen herausgehört,
dass etwa die Nicht-(Rein)Deutschen in der Schule oder im Leben
benachteiligt wurden. Auch die Nazis unter den Lehrern - entweder
gaben sie sich betont vaterländisch oder diskreter - machten
einen streng sachlichen Unterricht.
Wir hatten einmal in der Woche "Dienst". Wir trieben
Sport und mussten den aktuellen Frontverlauf in Europa kennen
(woher eigentlich gab es die Informationen dazu?). Natürlich
gab es in der Gruppe ehrgeizige Kameraden, die überall vorne
waren. Ich neidete denen den Rang nicht und konnte mich gut in
meinen unausgeprägten Ehrgeiz bescheiden. Das schlimmste
am HJ-Dienst waren die obligaten vaterländischen Feiertage.
Führers Geburtstag, Heldengedenktag und was mehr. Zwar fiel
der Unterricht aus, aber wir mussten in unserer Uniform stramm
stehen mit erhobenem "Hitlergruß" in der ganzen
Länge des Deutschland-Liedes (erste Strophe) und "Horst-Wessel-Liedes"
("Die Fahne hoch . . ."). Sehr anstrengend. Während
der markigen Reden allerdings durften wir sitzen. Nebenbei waren
wir dadurch im Vorteil gegenüber den Einheimischen, ob in
Japan, Deutschland oder wo auch immer, wir feierten neben unseren
eigenen Feiertagen auch die des Gastlandes - und als imperialistischer
Staat hatten die Japaner auch einige (ärgerlich nur, wenn
sie auf das gleiche Datum fielen, wie etwa Neujahr).
Solche Veranstaltungen fanden im Deutschen Klub statt. Das war
ein Versammlungshaus für alle Deutschen. Ab und an wurden
Filme gezeigt aus Deutschland (wie dahin gekommen?) und Wochenschauen.
Da es ein Fernsehen nicht gab - und die japanischen Zeitungen
natürlich überwiegend mit ihrem Krieg beschäftigt
waren, kannten wir die tagesaktuellen Nachrichten aus Europa nicht.
So war es nicht so besonders wichtig, ob eine Wochenschau ganz
frisch war. Mit der Zeit kam der Krieg durch US-amerikanische
Flugzeuge nun aber auch immer öfter zu uns nach Kobe.
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