Seit Sommer 1941 lebte ich mit meiner Mutter und meinen drei Geschwistern
im japanischen Kobe. Zunächst mal ganz vereinzelt, nach und
nach häufiger flog ein feindliches Flugzeug über die
Stadt. Der Grund für den verbissenen und verlustreichen Inselkrieg
im Pazifik lag darin, die japanische Herrschaft zu brechen. Die
Reihenfolge der Kriegshandlungen war aber bestimmt von dem Bestreben
der US Air Force, Flugplätze in Flugreichweite zum japanischen
Mutterland zu gewinnen. In dem Maße wie das zunehmend gelang,
verstärkten sich die Überflüge der amerikanischen
Bomber und die zunehmenden Bombardierungen, auch Kobes.
Für mich, für uns Kinder war es keine Frage, warum etwa
wir evakuiert werden sollten und wohin. Ich weiß auch nicht
mehr, ob es erörtert wurde, mit den Erwachsenen, unter ihnen
oder gar nicht. Jedenfalls packten wir unsere Habe ein. Inzwischen
lagen einige deutsche Schiffe fest. Außerdem hatte es in
Yokohama eine riesige Explosion unter einigen - deutschen - Schiffen
gegeben. Es saßen einige deutsche Besatzungen beschäftigungslos
an Land. Davon halfen einige bei unserem Umzug. Auffällig
war ein hochgradig schlichter Seemann, den sie "Guschi Mond"
nannten. War so Typ Knecht in der Landwirtschaft.
Die Deutschen rühmen sich, dass sie sich in allen Notlagen
patent zu helfen wüssten - sagen andere das auch von sich,
können sie es auch? Tatsache ist, dass die an Lande sitzenden
deutschen Seeleute einen Lieferwagen zusammen gebaut hatten aus
Einzelteilen, die sie irgendwo "organisiert" hatten.
Den nannten sie "Opel Blitz" in Anlehnung an eine populäre
Marke in Deutschland. Der fuhr richtig und damit konnte man in
Kobe anfallende Transportaufgaben erledigen, Auch hatten sie auf
entsprechende Weise einen Ochsenkarren zusammen gebastelt, mit
vier Rädern, einer Deichsel und einer Bremse. Dazu stand
auch ein Zugochse in deutschen Diensten. Mit diesem Gespann erschien
also eines Tages Guschi Mond bei uns in Kobe, um unser Umzugsgut
aufzuladen und nach Takedao zu verfrachten. Takedao liegt nördlich
von Kobe in den Bergen. Ringsherum nur Landschaft und ein wilder
Fluss, der Mukogawa. Es ist gar nicht so weit - in der Luftlinie
etwa 20 km. Jedenfalls brauchte Guschi Mond mit seinem Ochsen
und unserem Umzugsgut mehrere Tage. Wo und wie er übernachtet
und sich verpflegt hat, ich weiß es nicht. Guschi kam zufrieden
und milde lächelnd bei uns an. Wir waren in dem Hotel "Maruki"
untergebracht. Dieses Hotel war wohl mal ein Erholungshotel mit
einem Thermalbad, das wir an jedem Abend aufsuchten und schätzen
lernten. Der griesgrämig blickende Alte auf der Titelseite
des Hotelprospektes scheint in diesem Bad zu schwitzen.
Von Takedao aus fuhren wir die lange Strecke nach Kobe zu unserer
Schule: zunächst mit einem Dampfzug nach Takarazuka, dort
stiegen wir um in eine elektrische Schnellbahn bis Nishinomiya
und dann weiter nach Kobe Sanomiya-Hbf. Wie lange ein Weg gedauert
hat, weiß ich nicht mehr. Das letzte Zeugnis ist am 1. Juli
1944 datiert. Ob und wie lange danach wir die Schule weiter besuchten,
weiß ich nicht mehr. Jedenfalls nahmen die Bombenangriffe
auf Kobe zu. Die US Air Force bombardierte inzwischen tagsüber,
woran offen zu sehen war, wie sehr die japanische Verteidigung
bereits geschwächt war.
Unter dem 6. Dezember 1944 erließ der Schulvorstand ein
Rundschreiben über die vorbereiteten "Maßnahmen
bei Luftalarm":
"An die Eltern der Schueler der Deutschen Schule Kobe.
Da das "Deutsche Haus" in Kobe bessere Schutzraeume
hat als das Schulgebaeude und da ausserdem im Deutschen Haus bei
laenger dauerndem Kushu Keiho (Luftalarm) die Kinder leichter
verpflegt werden koennen als im Schulgebaeude, hat der Schulvorstand
im Einverstaendnis mit der Leitung des Deutschen Hauses, den Luftschutzwart
der Reichsdeutschen Gemeinschaft und den lokalen japanischen Luftschutzwarten
beschlossen, dass bei Kushu Keiho (Luftalarm) die im Kobe-Schulgebaeude
befindlichen Schueler nicht mehr wie bisher im Schulgebaeude,
sondern in den Schutzraeumen des "Deutschen Hauses"
unter Aufsicht eines Lehrers untergebracht werden. Die Schutzraeume
des Schulgebaeudes werden nur benutzt werden, wenn es wegen unmittelbarer
Gefahr nicht mehr moeglich ist, die Schueler in das "Deutsche
Haus" zu bringen. [...]
Am 5. Juni 1945 brannte unsere Schule vollständig aus. Mir
selber hatte sich ein Erlebnis eingeprägt, dass wir bei Luftalarm
in einem Graben vor der Schule saßen, wie sie entlang den
Straßen ausgehoben waren. Bei einem Bombenangriff hätten
wir zusehen können, wie sich eine Feuersbrunst über
die Schule legte, die Fensterscheiben barsten und schließlich
- Traum eines jeden Schülers - brennende Papiere (unsere
Schulhefte?) aus dem Fenster des Lehrerzimmers stoben. Danach
gingen wir mühsam auf unseren langen Weg mit den Eisenbahnfahrten
nach Hause. Meine Geschwister und andere Ehemaligen bestreiten
dieses Ereignis - es war wohl wirklich nur ein Wunschtraum.
In Takedao nahm unsere Verwilderung zu und erreichte kriminelle
Ausmaße. Wir waren kriegerisch gesinnt, denn unser wichtigstes
Spielzeug waren Zwillen. Die Entwicklung der Zwillen war wieder
meine Aufgabe. Die Gabeln holten wir uns aus den ausgedehnten
Wäldern. Schwierig war die Beschaffung der Gummis. Ich weiß
nicht mehr, was wir nahmen: überzählige Fahrradschläuche
gab es nicht. Aber wir hatten alle schußtaugliche Zwillen.
Wir übten unsere Treffgenauigkeit an Zikaden, die etwa 5-6
cm groß waren und überall an den Baumstämmen saßen.
Indem wir von der Welt der Erwachsenen beeinflusst waren, kann
es nicht verwundern, dass die "Abschüsse" ein wichtiges
Maß unserer selbstgesetzten Tauglichkeit waren. Anspruchsvoller
war das Abschießen der Porzellanisolatoren, die die Telegrafendrähte
entlang der Eisenbahnlinie trugen. Sie waren sehr hart und schwer
zu zerstören. Besonders anspruchsvoll waren die beweglichen
Ziele, wie etwa die Frösche in den nassen Reisfeldern.
Der Krieg kam spürbar näher, das merkten wir. Aber er
blieb so weit, dass wir von den kriegerischen Handlungen sicher
entfernt waren. Bei Luftalarm in Takedao verzogen wir uns in einen
Felsenkeller. Wenn wir Jungen merkten, dass uns die Bomberverbände
in sicherer Entfernung überflogen, verließen wir unseren
Unterstand, traten ins Freie und zählten die Flugzeuge, die
in ganz geometrischer Ordnung ihres Weges zogen. Nur vereinzelt
gelangten Flakgeschosse oben an, auch wurden die Verbände
nur gelegentlich von japanischen Flugzeugen angegriffen.
Ein einziges Mal erreichte uns der Krieg in unserer unmittelbaren
Nähe: Eines hellen Tages schreckten wir durch ungewohnten
Flugzeuglärm auf und sahen, wie ein amerikanisches Jagdflugzeug
in niedrigster Flughöhe durch unser Tal raste, verfolgt und
heftig beschossen von einem japanischen Flugzeug. Die Wirkungen
konnten wir nicht beobachten, sahen aber später zahlreiche
Einschußlöcher in den Brückengeländern.
Im Mai 1945 kapitulierte Deutschland. Wir hatten den Eindruck,
dass sich das bisher sehr freundschaftliche Verhältnis der
Japaner zu uns plötzlich abgekühlt hatte. Sie waren
möglicherweise nicht überzeugt, dass wir bis zum letzten
Mann gekämpft hätten. Nach einiger Zeit erschien die
(Englisch-sprachige) "Mainichi Shinbun" mit genauen
Angaben über das Ergebnis der Viermächtekonferenz. Über
die abgedruckte Karte mit den eingezeichneten Besatzungszonen
machten wir uns her und suchten darin, in welcher Zone unsere
Verwandten in Deutschland lebten. Daraus machten wir ein Vergnügen,
bis unsere Mutter uns daran erinnerte, dass das alles eine ernste
traurige Sache wäre.
Weil wir wirklich über alle Stränge geschlagen waren,
kam es, wie es kommen mußte. Die Erwachsenen zogen sich
zu "einer Besprechung" zurück. Klar, was die beschlossen:
Eine Schule. Mangels eines eigenen Schulgebäudes fand die
in irgendwelchen Zimmern statt mit Frau M. Urhan, einer ausgebildeten
Lehrerin, die wir schon von der Deutschen Schule in Kobe her kannten.
Und anderen Lehrern, die wohl nur gutwillig waren. Nach meinem
Schulzeugnis vom 30. Juli 1945, dem einzigen von dieser "Schule",
wurde der Unterricht vom 11. Juni bis zum 27. Juli erteilt.
Unmittelbar danach fiel am 6. August 1945 die Atombombe auf Hiroshima
(ca 250 km westlich von uns). Ich weiß nicht mehr, wann
wir erfuhren, dass es ein besonderer Bombenangriff war mit einer
historisch neuartigen Waffe. Wenn wir auch nach einem jeden Fliegeralarm
und den überfliegenden Verbänden, die abseits von uns
irgendwelche Ziele angriffen, den sich durch Rauchschwaden verdüsternden
Himmel sahen, so beobachteten wir nach dem Atombombenabwurf eine
besonders starke Verfinsterung und außergewöhnlich
viele in der Luft schwebende Brandreste, Papierschnipsel, Aschereste.
Nicht viel später danach bemerkten wir, wie sich unter den
japanischen Mitbewohnern eine tiefe Ergriffenheit verbreitete.
Sie sammelten sich in einem Raum vor einem Radio, luden uns dazu
ein und teilten uns mit, dass der Tenno selber, der japanische
Kaiser, sich unmittelbar an sein Volk wenden werde, zum ersten
Male in der 2600 jährigen Geschichte des japanischen Herrscherhauses.
Von seiner Rede verstanden wir kein einziges Wort, weil er in
einer kultivierten Hochsprache sprach, der wir mit unserer Alltagssprache
nicht folgen konnten. Heute wissen wir, dass es der 14.08.1945
war, an dem die Kaiserliche Verlautbarung an das Volk erfolgte.
Am 16.08. 1945 veröffentlichte die englischsprachige "The
Mainichi" den vollen Wortlaut. Danach erklärte der Kaiser
die Kapitulation und die Beendigung des Pazifischen - und damit
des 2. Weltkrieges.
Am 16. August 1945 unterschrieb die japanische Regierung die bedingungslose
Kapitulation, "the unconditional surrender". Nun war
der Krieg endgültig beendet. Wir waren ohne weitere materielle
und gesundheitliche Schäden geblieben - doch die aufregenden
Abenteuer waren nicht vorbei. Einstweilen lief unser Leben in
der Abgeschiedenheit des Tales nach dem Kriege zunächst unverändert
weiter wie während des Krieges. Wir mussten insgesamt noch
rund zwei Jahre in Japan bleiben. Im August / September 1945 übersiedelten
wir nach Takarazuka. Am 21. Januar 1946 eröffnete die "Deutsche
Schule" in Okamoto, das ist ein Ort zwischen Kobe und unserer
Umsteigestation Nishinomiya. Wir fuhren regelmäßig
zur Schule, von Takarazuka über Nishinomiya nach Okamoto
und nach der Schule zurück.
Irgendwann bekamen wir Ausweise, identification cards. Mein Exemplar
ist ganz zerfleddert. Wodurch? wahrscheinlich mussten wir den
immer bei uns führen. Eine Brieftasche oder so etwas Feines
hatte ich nicht. Die Deutschen wohnten nicht alle zusammen mit
uns in Takarazuka, sondern an verschiedenen Stellen um Kobe herum
verstreut. Hier versammelten sich alle Deutsche, Nazis und Nicht-Nazis.
Meine Mutter war immer couragiert, vorlaut und auch boshaft. Ein
Herr Sch. war bis zum Kriegsende ein ganz strammer Parteigenosse,
der das nach dem Kriege gerne vergessen machen wollte. So war
es ihm sehr peinlich, wenn meine Mutter ihn in der Warteschlange
begrüßte, so begrüßte, wie er sich früher
stets gemeldet hatte: "Guten Tag, Herr Parteigenosse Sch.!"
- "Ach seien Sie doch bitte still", bat er.
Irgendwann begann die Organisation der Rückführung nach
Deutschland. Es sollten zwei amerikanische Schiffe fahren, das
erste mit den Nazis. Danach sollte das zweite Schiff mit den Nicht-Nazis
nach Deutschland gehen. Der erste Transport war eine "Deportation",
der zweite eine "Repatriierung". Nachdem im Frühjahr
1947 ein erster Transport nach Deutschland abgefahren war, setzte
ein emsiges Treiben bei uns ein in Vorbereitung auf unsere Abreise.
Schule hatten wir nicht mehr. Unsere Reise nach Deutschland begann
am 20. August 1947, die Reise endete am 01. Oktober 1947 in Bremerhaven.
Wir waren 42 Tage ununterbrochen an Bord ohne einen Landgang und
hatten eine gesamte Entfernung von 11.750 Seemeilen zurückgelegt.
Das ist etwas mehr als der halbe Erdumfang.
Nach einem "Entnazifizierungs-" und Flüchtlingslager
wurden meine Mutter und ihre vier Kinder nach Göttingen entlassen,
wo ich die letzten vier Schuljahre bis zum Abitur verbrachte.