Zu Jahresbeginn 1944 war ich als Wehrmachtssoldat in Fondi. An
einem Abend helle Aufregung. An der Cassino-Front sollte ein alliierter
Durchbruch erfolgt sein. Kurz darauf standen wir feldmarschmäßig
angetreten bereit. Lastwagen fuhren vor und brachten uns tief
besorgt über Formia an die Front. Es herrschte ein großes
Schweigen. Was wir hörten und auch immer lauter wurde, war
der Geschützdonner von der Front. So langsam hörten
wir auch die Einschläge, die immer näher kamen. Plötzlich
hielt unsere Kolonne. Wir stiegen ab und sammelten uns am Straßenrand.
Die Lastwagen fuhren wieder ab und wir standen da. Einige Landser
aus der HKL standen schon bereit um uns zu empfangen und einzuweisen.
Wir wurden strikt angewiesen uns absolut geräuschlos zu verhalten.
Es ging steil bergan und die Einschläge kamen immer näher.
Ich weiß nicht mehr, wie lange wir für den Anstieg
brauchten. Wir waren auf der Kuppe des Berges angekommen und wurden
von den Einweisern entsprechend verteilt und lagen jetzt zwischen
den alten Hasen. Die Schießerei hatte nachgelassen, und
wir hatten Gelegenheit, über unsere neue Lage nachzudenken.
Es wurde langsam hell und wir erkannten unsere Umwelt, die sehr
übel aussah. Die Höhe hatte sehr viel Felsgestein und
war stufig, terrassenförmig angelegt. Granattrichter waren
auch schon eine Menge vorhanden. Oliven- und Johannesbrotbäume
sowie einige Sträucher waren der Bewuchs unserer Höhe.
Das Erste was wir machen mussten, war das Graben von Deckungslöchern.
Eine Nachbareinheit vom Heer wollte uns dabei helfen. Ehe wir
damit anfangen konnten, begann der Gegner mit seinem Artilleriebeschuss.
Wir kauerten uns an den Stufen des Geländes und mussten das
Geschehen über uns ergehen lassen.
Dieses war meine Artillerie-Feuertaufe. Es war kein Trommelfeuer
aber ein langanhaltendes Störfeuer. Nun hatten wir es schon
des öfteren mit Artilleriefeuer zu tun gehabt, aber hier
waren wir auf dieser Bergkuppe angenagelt und durften uns nicht
bewegen. Das Pfeifen der Granaten und die Einschläge waren
eine unheimliche Belastung. Einige Einschläge waren so nahe,
dass mir der Dreck um die Ohren flog. Da unsere Höhe sehr
felsig war, pfiffen die Granatsplitter klirrend und surrend durch
die Gegend. Als der Beschuss nachließ und wir aus der Deckung
herauskamen, hatten wir in unserem Bereich drei Verwundete und
einer mit einem Nervenschaden. Er betete unentwegt das Ave Maria.
Auch er wurde mit den Verwundeten nach hinten gebracht. Jetzt
hieß es, ganz schnell mit den Deckungslöchern wieder
anfangen. Bis auf einige Störgranaten hatten wir einigermaßen
Ruhe. Unter Mitwirkung der Nachbareinheit, die auch einige Spitzhacken
hatten, waren wir am Abend alle mit Deckungslöchern versorgt.
Sie waren zwar noch nicht ganz fertig, boten aber schon Schutz
vor Aribeschuss. Ich hatte mir ein Loch in der Nähe eines
Johannesbrotbaumes und einer kleinen Stufenböschung gegraben.
Im Kniebereich hatte ich mir eine Mulde zusätzlich zum Auffangen
des Regenwassers geschaffen. In den ersten drei Tagen hatten wir
es nur mit dem Störfeuer der Artillerie zu tun. Die Bodentruppen
hatten es wohl noch nicht geschafft, unsere Auffangstellung zu
erreichen.
Plötzlich war es dann aber doch soweit, und wir bekamen zusätzlich
Infanteriebeschuss, Gewehr und MG-Feuer. Jetzt mussten wir damit
rechnen, dass ein Angriff bald erfolgen würde. Eines Tages
war es dann auch soweit. Ein längeres Artilleriefeuer hielt
uns in Deckung. Jetzt begann der Angriff. Als Abwehr hatten wir
nur unsere Karabiner und Handgranaten. Sonst nichts. An unserem
Flügel wären sie schon beinahe vorbeigekommen. Unsere
Nachbareinheit vom Heer kam uns postwendend mit Maschinengewehren
und Granatwerfern zu Hilfe. Das Unmögliche geschah und der
Gegner zog sich wieder in seine Ausgangsstellung zurück.
Es erfolgte wieder ein längerer Artilleriebeschuss, der aber
Dank unserer Einbuddelei ohne Verluste vorüber ging.
Zur zusätzlicheren Sicherung wurden jeden Abend nach Anbruch
der Dämmerung zwei vorgeschobene Posten in das vor uns liegende
Niemandsland geschickt, die dann vor der Morgendämmerung
wieder zurück kamen. Eines morgens kamen sie nicht wieder.
Was war los ? Mit dem Fernrohr wurde festgestellt, dass sie verwundet
waren. Was nun ? Nicht weit von uns war nebenan eine Gerätehütte
aus massiven Bruchsteinen. Vier Landser holten aus dieser Hütte
eine lange Stange mit einem weißen Laken daran und begaben
sich aus den Deckungen heraus zu den beiden Verwundeten. Als sie
das offene Gelände betraten, hörte sofort der Beschuss
auf, und es herrschte Waffenruhe. Sie waren Gott sei Dank nicht
schwer verwundet, und der Bergungstrupp erreichte unbehelligt
wieder unsere Stellung. Nachdem die Stange mit dem weißen
Laken verschwunden und die Verwundeten in der Deckung versorgt
waren, gingen die Kampfhandlungen wieder weiter.
Im Grunde hatten wir viel Glück, weil es aus irgendeinem
Grunde nur bei Geplänkel blieb. Das Nerventötende waren
aber die dauernden Artillerieüberraschungen. Wenn unsere
Batterien zwanzig Granaten abschossen, bekamen wir mindestens
zweihundert zurück. Einmal, als ich in meinem Loch lag, habe
ich rein zufällig eine feindliche Granate mit meinen Augen
erwischt und verfolgen können, wie sie über uns hinwegflog
und in das hinter uns liegende Tal pfeifend verschwand. Das heißt,
es flogen noch mehr. Aber diese habe ich zufällig gesehen.
Eines Tages plötzlich wieder Artilleriefeuer, aber über
unsere Köpfe hinweg ins Tal. Als wir dann vorkrochen um die
Lage zu erforschen, sahen wir, wie die Engländer unsere Ari-Batterie
unter Feuer nahmen. Sie schafften es auch, sie kurz und klein
zu schießen. Da wir uns viel mit der feindlichen Artillerie
beschäftigen mussten, hatten wir schon Abschusserfahrungen
über ihre Geschütze gesammelt. Am Abschussgeräusch
erkannten wir schon, ob wir dran waren oder nicht. Wenn wir gemeint
waren, sausten wir schnell in unsere Löcher. Eines Abends
als die Dämmerung einsetzte, waren wir wieder einmal dran.
Als wir in den Löchern lagen, ging es auch schon los. Mein
Loch war ungefähr 70 cm tief und ich konnte mich lang hinlegen.
Mit einer Wolldecke deckte ich mich zu (wir schliefen auch des
Nachts in den Löchern). Das Feuer verstärkte sich und
unsere ganze Höhe lag unter Beschuss. Plötzlich ein
Einschlag neben mir in die ein Meter hohe Böschung. Da ich
tief genug lag, blieb ich unverletzt. Allerdings fing meine Decke
an zu glimmen. Mein linkes Ohr war so gut wie taub. Wegen der
weiteren Einschläge konnte ich das Loch auch nicht verlassen.
Mein erster Gedanke war die Vermutung, dass es eine Phosphorgranate
gewesen sein könnte, Gott sei Dank war es aber nur der Pulverdampf,
der verglimmte. Einem Landser verließen die Nerven. Er sprang
aus seinem Loch und jagte mit Riesenschritten zur gegenüberliegenden
Böschung und glaubte sich hier im toten Winkel sicherer.
Er hatte es sogar unverletzt geschafft.
Ich hatte mich wieder beruhigt. Jetzt hieß es nur, die Ruhe
bewahren und im Loch bleiben. Ich zog mir die Decke über
die Ohren und war komplett einschließlich Stahlhelm zugedeckt.
Ich hielt mir beide Ohren zu und drückte die Ellenbogen gegen
die Lochwände. Jetzt wurde ich nur noch von den Einschlägen
hin und her geschüttelt. Auf einmal wurde ich wach und wusste
erst gar nicht, was los war. Ich war tatsächlich eingeschlafen.
Als ich oben Stimmen vernahm, musste ich erst einmal hören,
ob englisch oder deutsch gesprochen wurde. Es waren deutsche
Stimmen. Jetzt krabbelte ich aus meinem Loch und wunderte mich,
dass alles wieder so schön ruhig war.
Des Nachts kam immer die Verpflegung und sie wurde dann auch,
weil sie noch warm war sofort gegessen. Ich weiß gar nicht
mehr wie und wann wir unser Brot verspeist haben. Nun hatten wir
aber auch nebenbei das Problem mit der Wasserversorgung. Diese
Lösung war auch eigenartig. Auf unserer Höhe war ein
kleiner Tümpel mit klarem Wasser. Auf der Wasserfläche
liefen Wasserspinnen hin und her. Diese Stelle hatte Feindeinsicht.
Trotzdem gingen wir abwechselnd unbewaffnet mit Kochgeschirren
dorthin zum Wasserholen. Wir bekamen nie Beschuss. Auf einmal
aber doch. Es musste wohl ein Neuling dort erschienen sein. Ein
gestikulierendes Geschimpfe unsererseits beendete die Schießerei
und unsere Wasserholerei blieb wieder unbehelligt. Mit Flugblättern,
die über uns abgeworfen wurden, wurde uns mitgeteilt, dass
die Alliierten am 22. Januar 1944 bei Anzio und Nettuno gelandet
seien, und der Truppenrückzug in Gefahr sei, weil wir bald
abgeschnitten wären.
Nach einem Artilleriebeschuss am Nachmittag sollten wir in der
Nacht abgelöst werden. Wir hofften jetzt nur, dass durch
Feindeinwirkung uns die Sache nicht noch im letzten Augenblick
vermasselt werden könnte. Gegen Mitternacht erschien unsere
Ablösung und übernahm unsere Stellungen. Dieses alles
musste völlig geräuschlos vor sich gehen. Wenn unser
Gegner hiervon etwas spitz bekommen hätte, dann Gnade uns
Gott. Geräuschlos und Schritt für Schritt verließen
wir langsam die Höhe und entfernten uns aus der Gefahrenzone.
Wir waren zwar noch lange im Artilleriebereich, aber doch nicht
mehr so ganz gefährlich. Als wir uns der Talstraße
näherten, wurde es hell, und die Sonne kam heraus. In einer
kleinen Ziegelei sammelten wir uns und bekamen unsere Verpflegung.
Gott sei Dank waren unsere Ausfälle nur gering. Keiner war
gefallen, aber leider einige verwundet. Wir waren froh, dass wir
uns hier erst mal ausruhen und abschalten konnten. Nachdem wir
unsere Verpflegung empfangen hatten, drängte unser Kompanieführer
zum Aufbruch, obwohl wir gerne noch ein wenig geblieben wären.
Wir waren keine zweihundert Meter von der Ziegelei entfernt, ertönte
ein Rauschen und Pfeifen, und nach einigen Minuten war dieses
Gebäude von der Artillerie in einen Trümmerhaufen verwandelt
worden. Jetzt machten wir aber flott, dass wir weiterkamen.
An einer Wegeinmündung hatten wir aber noch einmal Feindeinsicht.
Hier mussten wir uns in unregelmäßigen Abständen
an einer Böschung entlangschleichen, was uns auch ohne Beschuss
gelang. Endlich hatten wir den Gefahrenbereich der Artillerie
verlassen und stießen auf unsere Lastwagen, die uns abholten.
Da die Sonne schien, hatten wir sofort ein neues Problem. Denn
auf der Fahrt nach Fondi gerieten wir in einen Tieffliegerangriff.
Da jeder Wagen nur mit Flugspäher fuhr, wurden die Jabos
früh genug entdeckt, und wir konnten noch grade in Deckung
rennen. Außer ein Paar Treffern an den Fahrzeugen ist nichts
passiert. Jedenfalls sind wir nach fast zweiwöchigem Cassino-Fronteinsatz
heile in Fondi angekommen.