Der Sommer nahte, und es musste über den Urlaub nachgedacht
werden. Ich war 16 Jahre alt und hatte noch Wachstumsschwierigkeiten,
aber nicht der Größe nach, sondern bei der Breite gab
es Schwierigkeiten. Durch die Hitlerjugend bot sich ein Erholungsurlaub
auf der Insel Langeoog an. Ich meldete mich, musste die ärztlichen
Untersuchungen über mich ergehen lassen, und nach einiger
Zeit war der Erholungsurlaub geklärt.
Es sollte eine sechswöchige Erholung werden, und zwar in
der Zeit von Mitte August bis Ende September. Wir hatten noch
einige Wochen Zeit für die Vorbereitungen. Da es ja keine
HJ-Fahrt war, brauchten wir uns auch nicht um den vormilitärischen
Kram zu kümmern.
Am deutschen Himmel zeichnete sich schon wieder ein neues Wetterleuchten
ab. In der Tschechoslowakei hörte man schon leichtes Donnergrollen.
Die Sudetendeutschen im Egerland und in den Grenzgebieten hatten,
wie man uns sagte, unter der tschechischen Herrschaft viel Unbill
zu erleiden. Die deutschen Medien hatten wieder mal viel über
das Schicksal der Deutschen im Ausland zu berichten. Der Egerländer
Marsch tönte aus allen Lautsprechern. Das Wetterleuchten
nahm zu, ohne dass wir uns beängstigt fühlten.
Die Ferien waren da, die Berufschulen geschlossen, und ich machte
mich reisefertig. Die HJ-Uniform wurde angezogen, und die Zivilsachen
mit der Wechselwäsche kamen in den Koffer. Im Dortmunder
Bahnhof war der Treffpunkt, und unser Haufen wurde immer größer.
Als der Zug nach Norddeich einlief, stellten wir fest, dass wir
einen ganzen Wagen für uns hatten, und ein HJ-Führer
uns begleitete. Der Wagen war zwar nicht voll belegt, aber so
ungefähr 35 Personen waren wir.
In Norddeich wurde umgestiegen, und ein großes Fischerboot
lag schon für uns bereit. Wir bestiegen das Boot, und es
fiel uns erst später ein, dass alles so wunderbar organisiert
war. Das Fischerboot war nämlich nur für uns da. Zwischen
Juist und Norderney ging es zur Seeseite der Inseln nach Langeoog.
Die Seefahrt hat uns mächtig Spaß gemacht. Einige sind
sogar ein bisschen seekrank geworden.
Als wir auf der Insel eintrafen, geschahen wundersame Dinge. Wir
wurden hier komplett neu eingekleidet: Eine neue Uniform mit Koppelzeug
und Schuhen sowie die ganze Unterwäsche. Sogar Sportbekleidung
bekamen wir. Es war so, als ob wir nackend der Nordsee entstiegen
wären. Unsere Sachen wurden in der Kleiderkammer eingelagert,
und am Sonntag durften wir unser Zivilzeug anziehen.
Das war für uns etwas ganz Sensationelles. Wir kamen uns
vor, als seien wir zur Wehrmacht eingezogen worden. Die Leitung
des Heimes hatten einige hohe HJ Führer. Nun waren wir Insassen
des HJ-Kurheimes "Wiking". Der erste Tag verlief ganz
normal. Als die erste Nacht beendet war, ging es los. Jetzt wurde
es militärisch. Um sieben Uhr war Wecken. Nach dem Waschen
raustreten zum Flaggenhissen. Vor dem Heim wurde angetreten. Unterführer
machte dem Oberführer Meldung, dann wurde Die HJ-Fahne langsam
und feierlich am Mast hochgezogen. Nach diesem Geschehen wurde
noch ein entsprechendes Lied gesungen, z. B: "Vor uns marschieren
mit sturmzerfetzten Fahnen die toten Helden der jungen Nation,
und über uns die Heldenahnen - Deutschland, Vaterland , wir
kommen schon!" Hiernach wurde weggetreten zum Frühstück.
Danach hieß es Betten bauen und Zimmer aufräumen. Bis
zehn Uhr etwas politischer Unterricht, dann das zweite Frühstück,
(Knäckebrot mit Rohkost). Jetzt kam erst einmal der Inselarzt
und machte eine Untersuchung, die aber keinen Einfluss auf uns
hatte. Bis wir alle durch waren, war es Mittag. Die Mahlzeiten
waren hervorragend, sogar mit Nachtisch. Nach dem Essen war bis
halb drei Mittagsruhe. Wir brauchten nicht zu schlafen, sondern
nur ruhen. In einer Hausbücherei konnten wir uns Bücher
nach unseren Bedürfnissen ausleihen.
Um 1/2 3 ging es raus in die Natur zum Strand oder sonst irgendwo
hin. Die Insel hatte einen Militärflugplatz, der für
uns sehr wichtig war. Wir haben uns das Treiben dort oft angesehen.
Was uns mächtig begeisterte, war das Flugzeug, welches einen
Luftsack hinter sich herschleppte. Dieser war das Ziel für
die Jagdflugzeuge, die im Querflug mit scharfer Munition den Sack
treffen mussten.
Um 6 Uhr war dann Eintreffen im Heim. Waschen und saubermachen
der Kleidung und dann Abendessen. Danach wieder draußen
antreten und die Flagge einholen. Wieder mit Strammstehen und
dem Absingen eines Liedes. Jetzt hatten wir bis zehn Uhr Feierabend
und Ruhe. Das sah aber nur so aus, denn ohne dass wir es merkten,
waren wir in politische Diskussionen verwickelt, und es ergaben
sich zwanglose Unterhaltungen. In dem Tagesraum hatten wir auch
ein großes modernes Radio stehen, welches sehr leistungsstark
war, und mit dem wir auch viele Auslandssender hören konnten.
Unsere Heimelite führte uns des öfteren ausländische
Sender vor, um anschließend mit uns über die Nachrichten
zu diskutieren. Jetzt merkten wir so langsam, dass hier eine regelrechte
HJ-Schulung stattfand.
Da wir ja ein Radio hatten, bekamen wir auch jeden Tag mit, was
sich in aller Welt so abspielte. So waren wir auch über das
Sudetenproblem informiert. Mit unserer Heimleitung wurde natürlich
auch hierüber diskutiert. Die Richtung dieser Diskussionen
kann man sich ja vorstellen. Die ausländischen Nachrichten
waren grundsätzlich falsch und sollten das nationalsozialistische
Deutschland unterminieren. Bei den Diskussionen wurde uns die
rechtliche Lage Deutschlands erklärt, und dass wir dazu berufen
seien, die deutschen Probleme in Europa selbst zu lösen.
Unser "Haus Wiking" mauserte sich zu einem HJ-Schulungsheim.
Nur haben wir das erst viel später begriffen.
So gingen die Wochen dahin, und wir fanden die Zeit sehr schön.
Manchmal ging es auch mit unserer Sportausrüstung zum Strand,
und wir vergnügten uns mit Fußball- und sonstigen Ballspielen.
Oft teilten wir uns auch in mehreren Gruppen und hatten unterschiedliche
Programme. Eine wanderte durch die Dünen, die andere zog
zum Flughafen, und meistens war ich dabei. So konnte es geschehen,
dass vier Gruppen unterschiedlich unterwegs waren. Am Flughafen
interessierte mich immer ein besonders schöner zweimotoriger
silberner Vogel. Es war die Focke-Wulf "Weihe". Ich
konnte davon träumen.
Da das Sudetenproblem immer mehr brodelte, spürten wir auf
der Insel schon die ersten Auswirkungen. Einige Ferienheime wurden
schon mit Flüchtlingen aus dem Egerland belegt. Nun merkten
wir, dass sich folgenschwere Ereignisse anbahnten. Plötzlich
Unruhe bei uns im Heim. Da bei uns auch Flüchtlinge eingewiesen
wurden, mussten wir das Heim vorzeitig räumen. Wir bekamen
unsere eigene Bekleidung zurück, und am nächsten Tag
verließen wir die Insel, und eine Woche unserer schönen
Zeit ging uns verloren, es ging wieder nach Hause.