Es war im Sommer 1939. Ich war 17 Jahre jung, und wie das damals
so war, auch automatisch Mitglied der Hitlerjugend. Es ergab sich
die Möglichkeit, im Rahmen der H J Sommerfahrten an einer
Schlesienfahrt teilzunehmen. Ich meldete mich an, und die Vorbereitungen
liefen an. Nun war eine Schlesienfahrt schon eine sehr interessante
Angelegenheit. Man konnte hierbei auch andere Gegenden kennen
lernen. Es gaben ja auch nur wenige Möglichkeiten solche
Reisen zu unternehmen: Entweder diese H J-Fahrten, oder K D F
Reisen. Reisegesellschaften wie heute gab es damals noch nicht.
Koffer wurden nicht gepackt, dafür aber unsere Affen. Diese
waren Tornister wie sie auch die Armee hatte. Dazu kamen Decken,
Zeltplane, Kochgeschirr, Brotbeutel und Feldflasche. Es musste
alles untergebracht werden, und das war eine Kunst. Was unnötig
erschien wurde einfach nicht mitgenommen. Die Eltern sorgten schon
dafür, dass das Wichtigste eingepackt wurde.
Ab Dortmund Hauptbahnhof ging es dann los. Die Teilnehmer kamen
alle aus dem Raum Dortmund und Hagen. Ein Sonderzug brachte uns
nach Breslau. Hier wurden wir in kleinere Gruppen aufgeteilt.
Wir, eine Gruppe von ca. 25 Personen, fuhren dann weiter nach
Ohlau. Jetzt wurde es ländlich. Am Bahnhof wurden wir mit
großem Hallo feierlich abgeholt. Zwei geschmückte kleine
Pritschenwagen mit Pferdegespann standen bereit. Als wir endlich
mit unseren Sachen auf beide Wagen verteilt waren , ging es unserem
Ziel entgegen. Auf dem Wagen wurde uns erst einmal erklärt,
was Sache war: Hier erfuhren wir überraschenderweise, dass
wir auf einer Domäne eine Woche Ernteeinsatz machen sollten.
Nun wussten wir, dass die erste Woche von den zwei Wochen schon
"im Eimer" war.
Unser Einsatz war auf der Domäne Quosdorf in der Nähe
von Ohlau. Mürrisch singend näherten wir uns dem Ziel.
Wir fuhren auf den Innenhof der Domäne. Es sah trostlos aus.
Die Gebäude und Stallungen standen im Viereck um einen großen
Ententeich herum, nicht einladend aussehend. Unsere Stimmung sackte
noch mehr ab. Jetzt hieß es absitzen und Quartier beziehen,
aber wo ?
Die Instgebäude standen an einer Seite des Platzes. Im ersten
Gebäude sollte wir untergebracht werden. Diese Häuser,
eingeschossig, darüber war nur noch der Dachboden. Unten
wohnten die Instleute. (für uns waren diese Leute fast Leibeigene
des Gutes). Der Fußboden der Wohnungen war gestampfter Lehmboden.
Es gab nur eine Haustür. Die inneren "Türen"
waren mit Vorhängen - Sackleinen - verhangen. Die Betten
primitiv aus Brettern zusammengenagelt mit Strohsäcken darin.
Die Bergarbeitersiedlungen im Ruhrgebiet waren dagegen Luxuswohnungen.
Wir wurden die Treppe - eine steile Stiege - hochgeführt
und sahen nun unser Quartier, einen Dachboden mit Stroh. Dieses
wurde rechts und links verteilt, sodass in der Mitte ein Gang
blieb. Unsere Zeltplanen deckten das Stroh ab. Unsere Wolldecken
darauf, und fertig waren unsere Schlafstätten. Mit den Instleuten
hatten wir schnell Kontakt und kamen auch gut mit ihnen aus.
Als wir alles erledigt hatten, war das Mittagessen dran. Vor dem
Haus stand ein langer Holztisch mit Bänken, wo wir alle Platz
hatten. Es wurde ein großer Kessel auf den Tisch gestellt,
der eine gute Eintopfsuppe barg. Unsere Kochgeschirre traten jetzt
erstmalig in Aktion. Die Suppe war kräftig und gut und versöhnte
uns wieder ein wenig. Nach dem Essen wuschen wir unsere Kochgeschirre
und Bestecke an der Pumpe, die vor den Insthäusern stand,
und die Nahrungsaufnahme war erledigt.
Der Kessel wurde Zur Küche des Gutshofes zurück getragen.
Hier war das Küchenpersonal des Gutes für unsere Verpflegung
zuständig. Auch sahen wir den Riesenunterschied zwischen
arm und reich. Der Gutshof, eine riesige Villa, inmitten einer
gepflegten Gartenanlage. Ein Gärtner mit einigen Hilfskräften
hatte nichts weiteres zu Tun, als die Gartenschau in Ordnung zu
halten. Im Hause war vom Küchenpersonal bis zum Kindermädchen
alles vorhanden. Der Chauffeur machte auch noch etwas den Hausmeister.
Der Herr des Hauses war irgendwie bei der Reichsregierung aktiviert,
und auf seiner Villa wehte dauernd die Hakenkreuzflagge. Die herrschaftlichen
Kinder spielten mit dem Kindermädchen im Garten. Hier war
alles vorhanden, was ein Kinderherz erfreute. Durch große
dichte Hecken waren sie von der Außenwelt abgeschirmt. Nur
wenn die Kleinen schaukelten sah man sie über der Hecke auf
und ab schweben. Nach dem Essen hatten wir für den ersten
Tag erst einmal Ruhe. Plötzlich ertönte über den
Hof ein Glockengeläut. Dieses war das Zeichen, dass die Mittagszeit
beendet war und die Instleute wieder zu ihren Arbeitsplätzen
mussten. Sogar die Kinder mussten mitarbeiten in den Ställen
oder auf den Feldern.
Wie gesagt: Wir hatten noch Ruhe und brauchten noch nicht zum
Arbeitseinsatz. Wir haben uns die Umgebung erst einmal angesehen.
Es wirkte alles sehr ernüchternd auf uns. Nun kannte ich
ja das Landleben schon von meinen Verwandten im Münsterland.
Diese waren aber alle selbstständige Bauern, die auch einen
gewissen Lebensstandard hatte und sich in ihren Wohnungen wohlfühlten.
Was wir aber hier vorfanden, waren irgendwie übrig gebliebene
Leibeigene aus dem Mittelalter. Der Lohn war gering. Die Hauptzahlungen
waren Deputate, d h. Zahlungen in Sachwerten.
Nicht weit von der Domäne war ein Wirtshaus mit Poststelle
und Bushaltestelle. Hier gab es nur wassergekühltes Flaschenbier.
Da wir ja noch keine Biertrinker waren, regte uns dieses Problem
nicht auf. Aber so war das eben damals.
Am Abend zwischen 6 und 7 Uhr kamen die ersten Instleute wieder
von ihren Einsätzen zurück und Ihr "FEIERABEND"
begann. So gut es ging machten die Kinder ihre Hausaufgaben. Viel
kam dabei auch nicht heraus. Wir unterhielten uns noch mit den
Leuten, und nach dem Abendessen gingen wir bald schlafen. Nach
dieser Reise schliefen wir fest und gut.
Um 6 Uhr großes Wecken. Runter zur Pumpe, waschen und so
weiter. Das Frühstück war schon gebracht und stand bereit.
Nach dem Frühstück am langen Tisch wurde erst einmal
unsere Schlafstätten in Ordnung gebracht. Wir waren gerade
fertig, da ertönte auch schon Glockengeläut. Wir wurden
den Instleuten zugeteilt, mit denen wir dann loszogen. Die Regie
hatten ein Inspektor und ein Elewe, die beide zu Pferde das Tagesgeschehen
leiteten.
Mein erster Einsatz war ein Roggenfeld, welches auf die Mähmaschine
wartete. Mit der Sense wurde zunächst ein Randstreifen gemäht,
damit die Maschine eine Anfangsspur hatte. Es war noch kein Treckerbetrieb,
sondern Pferde machten die Zugarbeit. Da so ein Mäher allerlei
schafft, war unsere Garbenbindertruppe vollbeschäftigt. Da
ich ein Neuling war, wurde mir die Binderei schnell beigebracht.
Es hat auch schnell geklappt und ich hielt mit der Truppe mit.
Zwischen 1/2 10 und 10 Uhr war die Vesperzeit. Brote und Kornkaffee
mit Milch waren in Körben mitgebracht. Es wurde gevespert
und geredet. Der Inspektor und auch der Elewe ritten kontrollierend
durch die Gegend und beobachteten, mit der Reitgerte wippend,
das Geschehen. Nach 20 Minuten ging es dann wieder los. Bis zum
Mittag tat uns der Rücken schon ganz schön weh. Es war
ja auch eine völlig ungewohnte Tätigkeit für uns.
Nun war Mittagszeit, und es ging zurück zum Essen. Erst einmal
die Hände gewaschen, kamen die Kochgeschirre wieder zum Einsatz.
Die Suppe stand schon auf dem langen Tisch. Es war wieder eine
gute und kräftige Suppe mit viel Fleischeinlagen. Nach dem
Essen versuchten wir, uns so gut es ging zu erholen. Dann schlug
die Glocke wieder an, und es begann die zweite Halbzeit. Um 6
Uhr war Abläuten, und es ging wieder zum Hof zurück.
Wir waren alle fix und fertig. Einige haben in den Ställen
und auch auf den Feldern, bei den Rüben und Kartoffeln gearbeitet.
Das Wetter war trocken und heiß und Gott sei Dank auch nicht
schwül. Geschwitzt haben wir aber alle wie die Weltmeister.
Ich weiß noch, wie ich auf einem Rübenacker, mit einer
Papiertüte auf dem Kopf, gegen Hitzschlag, mit den Disteln
kämpfte. Zum Schluss kam dann für mich noch der Kartoffeleinsatz
dran. Das war auch so ein Kampf mit den Erdklumpen.
Nach einer Woche war unsere Ernteeinsatzzeit beendet, und wir
freuten uns auf die nun beginnende Schlesienfahrt. Aber in dieser
Woche haben wir doch festgestellt, wie unsagbar schwer die Leute
auf diesen Domänen "ackern" mussten, um ihr Dasein
zu meistern. Neben der Arbeit auf der Domäne hatten sie ja
auch noch ihren Haushalt und die Kinder zu versorgen. Alles, was
Beine und Arme hatte und gesund war, ging tagsüber raus auf
die Äcker oder in die Stallungen. Von moderner Technik noch
keine Spur.
Wie üblich, war die gute alte Zeit, nur in den Herrschaftshäusern
anzutreffen. Nicht weit von der Domäne verlief die Autobahn
nach Oberschlesien. Von einer Landstraßenbrücke konnten
wir das Geschehen auf der Autobahn verfolgen. Da es ja im August
1939 war, und sich in Europa schon der bevorstehende Krieg abzeichnete,
war es auch kein Wunder, dass sich auf der Autobahn mächtige
Militärtransporte in Richtung Oberschlesien bewegten. Nur,
wir hatten die Sachlage damals noch nicht richtig begriffen.
Es folgte nun noch eine Woche Ferien. Wir fuhren mit der kleinen
Schmalspurbahn ins Glatzer Bergland nach Glatz. Dann weiter zum
Heuscheuergebirge nach Wünschelburg und Silberberg. In dieser
Woche übernachteten wir immer in Jugendherbergen.
Zum Abschluss trafen wir uns mit allen Teilnehmern der Schlesienfahrt
in Breslau in der Jahrhunderthalle. Da war irgendeine Veranstaltung.
Was für eine weiß ich gar nicht mehr. Dann ging es
wieder mit dem Sonderzug nach Dortmund. Wir fuhren bei Nacht,
und ich weiß noch, dass ich beim Rattern der Räder
im Gepäcknetz gut geschlafen habe.
Erst viel später ist es einem richtig durch den Kopf gegangen,
was es mit den Worten der deutschen Scholle und der "GUTEN
ALTEN ZEI " auf sich hatte. Sogar heute schwärmen noch
einige Menschen von der guten alten Zeit.