Ich war ein Volksschüler im Jahre 1934. Der vaterländische
Geist hatte uns voll erfasst, und ich war natürlich wie alle
Jungen unseres Dorfes mittlerweile ebenfalls ein Mitglied des
"Jungvolkes" geworden. Diese Vereinigung war eine Untergruppierung
der Hitlerjugend. Vom zehnten bis zum 14. Jahr war man als Pimpf
hier untergebracht. Danach war man bis zum 18. Lebensjahr aktives
Mitglied der Hitlerjugend. Nun war das allerdings so, dass man
sich diesen Gegebenheiten nicht entziehen konnte, Es hatte 1933
gar nicht lange gedauert, bis alle Schüler dem Jungvolk beigetreten
waren.
Wir hatten in unserem Dorf Schüren (ein Vorort von Dortmund)
drei Schulen: Eine evangelische, eine katholische und eine sogenannte
weltliche Schule. Nach Beendigung des Unterrichtes begab es sich
oft genug auf dem Heimweg, dass sich die religiösen Schülerheere
auf den Straßen in die Quere kamen und einen Religionskrieg
veranstalteten. Gott sei Dank blieb es aber immer bei einer harmlosen
Klopperei. Im Laufe der Zeit war unsere dörfliche Knabenwelt
so weit "verpimpft", dass die Religionskämpfe nicht
mehr stattfanden. Unsere Ziele sollten sich "höheren
Aufgaben" zuwenden.
Wir hatten als Pimpfe einmal in der Woche unseren Heimabend. Unsere
ersten Treffpunkte hatten wir in einem Nebenraum der Gaststätte
des Sportvereines an der Schüruferstraße. Dieser Nebenraum
befand sich im Hof und war der Umkleideraum für die Fußballspieler.
Die ganze Geschichte fing im Grunde völlig harmlos an. Langsam
aber sicher wurde die Zielrichtung "erkannt", und das
"Vaterland" rückte in den Vordergrund. So langsam
wurden wir auch Uniformträger und unterstanden der sich bildenden
Organisation. Der Haufen war nun schon so groß geworden,
dass "Zucht und Ordnung" geschaffen werden mussten.
Da mittlerweile schon achtzig Prozent der Dorfkinder Pimpfe waren,
zog der soldatische Geist bei uns ein, ohne dass wir es merkten.
Die ganze Geschichte sah nun folgendermaßen aus: Der ganze
Dorfverband nannte sich von nun an "Fähnlein".
Wir in Schüren waren das Fähnlein "Alarich"
und gehörten zum Stamme der "Goten", die in Aplerbeck
ihr Hauptquartier hatten. Unser Fähnlein hatte drei Züge,
und jeder Zug hatte wiederum drei bis vier Gruppen mit bis zu
fünfzehn Pimpfen. Eine Landsknechtstrommel sorgte für
den zackigen Gleichschritt. Der Fahnenträger vorne marschierte
mit unserm Wimpel. So sah das dann aus, wenn wir bei irgendwelchen
Veranstaltungen Landsknechtslieder singend durch die Gemeinde
marschierten. Heute kann man über den damaligen Schwachfug,
dem wir unterlagen, nur den Kopf schütteln.
In den Schulen war es auch nicht anders. Der Lehrplan wurde vollkommen
auf die neue Zeit umgestellt. Der nationalsozialistische Geist
eroberte die Klassenzimmer. Die alten Germanen waren unsere Pflichtahnen.
Groß, blauäugig, blond und tapfer waren sie. Sie waren
der Heimatscholle verbunden und waren deshalb gewillt, ihre Heimat
zu verteidigen. Erfolgreich waren die alten Römer im Teutoburger
Wald geschlagen und hinausgeschmissen worden. Wahrscheinlich waren
die Germanen schon die ersten Nationalsozialisten. Nur im Rechnen
konnte man nichts ändern, denn drei mal sieben war nach wie
vor immer noch einundzwanzig, und dieses in aller Welt.
Auf einmal war es dann so weit: Der Staatsjugendtag wurde 1934
eingeführt, dieser Tag war ein Samstag. Anstelle des Schulunterrichtes
fand dann die Jungvolkerziehung statt. Um acht Uhr traten wir
in Pimpfenuniform an der Schillerschule in der Niergartenstraße
zum Jungvolkdienst an. Unser Heim war mittlerweile ein Klassenzimmer
in dieser Niergartenschule.
Zunächst wurde uns mal beigebracht, wie ein ordentlicher
Jungvolkhaufen auszusehen hatte. Schließlich waren wir ja
Deutschlands Zukunft. Antreten in einer Reihe, und zwar der Größe
nach und auch in einer schnurgeraden Linie, dann zu Dreien abzählen
und zur Marschordnung einschwenken. Mit dem Kommando: "Im
Gleich- schritt - Marsch !" ging es dann kreuz und quer über
den Schulhof. Mit dem ganzen Fähnlein und den Zügen
hatten wir im Handumdrehen den irrsinnigsten Kasernenbetrieb aufgebaut.
Nun hatten wir ja bis halb eins Zeit, um allerlei Unsinn in dieser
Richtung zu veranstalten. Manchmal wurde auch der Schulhof verlassen
und es ging zu irgendeinem Freigebiet. Wir zogen des öfteren
zum Nußbaumeg, wo eine alte Ziegelei herumstand. Hier wurden
bei gutem Wetter Geländeübungen veranstaltet, hier wurde
das Tarnen, Hinlegen und Aufstehen sowie das Robben und Kriechen
geübt. Der Unsinn hier im Gelände machte uns mehr Spaß
als die Exerziererei auf dem Schulhof. Nachdem wir unsere Uniform
genug verdreckt hatten, zogen wir wie die alten Kämpfer (fern
bei Sedan !) vaterländische Lieder singend nach Hause. Am
Ortseingang an der Kolonie wurde weggetreten, damit die Pimpfe
aus der Kolonie nicht zurückzulatschen brauchten.
So eine Veranstaltung spielte sich nun in verschiedenen Variationen
an jedem Wochenende ab. Unsere kleinen Gruppen- und Zugführer
waren schon hervorragende Respektpersonen und fühlten sich
auch so. Wie schon gesagt, waren wir ja noch kleine Kinder zwischen
elf und dreizehn Jahren. Wir waren aber schon recht altklug. Die
Romantik hatte uns total im Griff, wenn wir am Lagerfeuer saßen
und alte Landsknechtlieder sangen, besonders, wenn "Jenseits
des Tales" zwischen den Zelten der Rauch der Lagerfeuer aufstieg.
Wie bekannt, gab es ja schon das Winterhilfswerk. Ab und zu bekamen
wir am Staatsjugendtag die WHW-Sammelbüchse in die Hand gedrückt
und mussten am Wochenende die üblichen Sammlungen machen.
Zu Zweit zogen wir dann los, einer mit der Büchse und der
andere mit den kleinen Holzschnitzereien. Für eine zwanzig-Pfennig-Spende
gab es die schönsten Holzschnitzereien aus dem Erzgebirge.
So hatten wir Samstag und Sonntag einen wichtigen Auftrag zu erfüllen.
In der Kolonie sammelten wir ungern, weil hier früher die
Kommunisten zu Hause waren. Hier wurden wir noch 1934 immer angemeckert
und abgewiesen, obwohl die dortigen Kinder auch schon Pimpfe waren.
So langsam wurde aber auch die Kolonie "braun". Es war
schon damals sehr spannend.
Wenn mal schlechtes Wetter war, fiel der Staatsjugendtag nicht
aus. Es wurde dann einfach auf den Innendienst gewechselt, weil
es jetzt mit der politischen Ausbildung losging. Hier wurde uns
Kindern beigebracht, warum es in unserer Welt so schlecht aussah.
Der internationale Kapitalismus war an der ganzen Misere Schuld.
Die Kapitalisten hatten ja auch den Krieg angezettelt und den
"Schandvertrag von Versailles" ausgeheckt. Nun bedrohten
sie uns schon wieder. Da wir ja noch Kinder waren, glaubten wir
den ganzen Unsinn auch noch. Unser Land war demnach schon wieder
in allerhöchster Gefahr, und wir mussten schnellstens eingreifen.
Bis die Eingreiferei losging, vergingen noch einige Jahre. An
den Staatsjugendtagen waren wir Kinder immer im vaterländischen
Stress. Ich wundere mich immer noch, wie es möglich war,
dass unsere Eltern nicht in der Lage waren, in dieser Richtung
die Bremse anzulegen. Heute weiß ich, warum es nicht möglich
war: In den ersten zwei Jahren nach der Machtübernahme hatte
der NS- Staat es geschafft, die Gesetzgebung so zu verändern,
dass ein "Ausbruch" nicht mehr ohne Lebensgefahr möglich
war. Aber was wussten wir Kinder schon davon!
So vergingen viele unsinnige, aber auch interessante Staatsjugendtage.
Es wurden große Treffen im Stammgebiet veranstaltet mit
Miniaufmärschen durch die Ortschaften. Vorneweg der Fanfarenzug
mit Landsknechtstrommeln. Gar mancher Veteran des ersten Weltkrieges
bekam beim Anblick dieser Schau wieder feuchte Augen. Ja, so war
das damals.
1936 begann ich dann meine Lehrzeit. Automatisch hatte die Pimpferei
ein Ende, und die Hitlerjugend hatte uns nun voll im Griff.