1933 änderten sich die Zeiten auch bei uns in Schüren
im Ruhrgebiet, die uns Kinder aber noch nicht berührten.
Im Sommer wurden wir jedoch von den Änderungen irgendwie
aufgesogen. Die Hitlerjugend trat immer mehr in Erscheinung und
somit auch die Jungvolkgruppe. In dieser waren die Kinder zwischen
zehn und vierzehn Jahren. Im Sommer war es dann so weit, dass
wir nach und nach dem Jungvolk beitraten und somit Pimpfe wurden.
Im Schulunterricht wurde langsam aber sicher die Unterrichtsart
anders. Es wurde viel auf den Nationalsozialismus getrimmt, und
ehe wir uns versahen, redeten unsere Lehrer ausschließlich
von der neuen heranbrechenden Zeit.
Unsere Spielerei ging zunächst weiter wie bisher, wurde aber
immer mehr vom Jungvolk geprägt. An einem Abend in der Woche
hatten wir Heimabend, bei dem es immer sehr vaterländisch
zuging. Unsere deutschen Urahnen waren die alten Germanen und
demnach auch unsere Vorbilder. Unser Jungvolk im Dorf war das
Fähnlein Alarich, und wir gehörten zum Stamme der Goten.
So wussten wir wenigstens, wo wir hingehörten. Als wir dem
Kinderspielalter so allmählich entwuchsen, merkten wir gar
nicht, dass der Staat systematisch die Spielregie übernahm.
Was nun ein richtiger Pimpf war, brauchte natürlich auch
eine Uniform. So wurden die Eltern angequengelt, bis wir nach
und nach alle eine Uniform hatten.
Eine interessante vaterländische Angelegenheit muss ich berichten.
Es muss wohl der Sommer 1934 gewesen sein. Wir Pimpfe hatten schon
so viel Nationalgeist geschluckt, dass wir gar nicht merkten,
wie wir umgarnt wurden.
An einem Wochenende war es so weit, es sollte mit Sack und Pack,
d. h. mit Brotbeutel, Feldflasche und Kochgeschirr, nach Bürenbruch
gehen. In der Jugendherberge oder bei einem Bauern sollte übernachtet
werden. Es war für uns Kinder spannend wie der Ausbruch des
Dreißigjährigen Krieges. An dieser Aktion waren, soweit
ich mich erinnere, auch die Fähnlein von Aplerbeck und Berghofen
beteiligt.
Der Tag der Tage war nun da. Die Butterbrote wurden eingepackt
und die Feldflasche gefüllt. Die Uniform sah anständig
aus, und es ging in aller Frühe los. Das heißt, wir
marschierten im Gleichschritt los. Unser Fähnlein Alarich
vom Stamme der Goten setzte sich in Bewegung. Vorneweg der Trommler
mit seiner Landsknechtstrommel, der uns den Gleichschritt diktierte.
Dahinter unser Fahnenträger mit dem Wimpel unseres Fähnleins.
Wir marschierten über Berghofen und über den Freischütz
nach Schwerte. Zwischendurch hatte die Trommel Ruhe, und wir sangen
Landsknechtlieder, die laut durch die Gegend schallten. Sie kündeten
von Blut und Tod, aber auch von heißer Liebe und kaltem
Schnee. Dass wir die Mauern erklettern und die Türme zerschmettern
wollten, haben wir so nebenbei den Leuten auch noch vorgesungen.
Als es am Freischütz nun abwärts ging, erholten wir
uns wieder, und die Trommel dröhnte uns den Gleichschritt
um die Ohren. In Schwerte sangen wir den Leuten vor, dass wir
einen Heller und einen Batzen hätten, und dass wir uns hierfür
Wein kaufen wollten. In Villigst ging es dann endlich über
die Ruhr und dann auch wieder schweißtriefend bergan bis
Bürenbruch. Fix und fertig kamen wir an und fielen erst einmal
um. Auf irgendeinem Bauernhof bezogen wir Quartier und richteten
uns im Stroh einer Scheune ein. Wir bekamen eine gute Eintopfsuppe
und kamen somit wieder zu Kräften.
Am Nachmittag gab es aber noch ein wichtiges Geländespiel.
Blau hatte gegen Gelb zu kämpfen. So richtig ist aber nichts
daraus geworden. Ich weiß nur noch, dass wir in irgendeiner
Lichtung so etwas Ähnliches wie einen Gefechtstand gebaut
hatten, der aber zum Schluss plötzlich ein Boxring wurde.
Für diesen Unsinn haben wir damals tatsächlich Bäume
gefällt, alles schon für Volk und Vaterland.
Wie das alles zu Ende ging, weiß ich gar nicht mehr. Der
Abend endete jedenfalls mit Landsknechtsliedern am Lagerfeuer,
wie bei den Zelten jenseits des Tales. In der Nacht schliefen
wir wie Murmeltiere in unserer Scheune und träumten von Wallensteins
Lager.
Am Sonntagmorgen wurde es hektisch. In der Frühe großes
Wecken mit der Bekanntgabe des Kirchganges. "Evangelen"
und "Katholen" traten getrennt an und marschierten wieder
nach Schwerte, jeweils in ihre zuständigen Kirchen. Nach
dieser Pflichtübung ging es dann wieder hoch nach Bürenbruch.
Wir bekamen wieder einen schönen Eintopf, sangen noch einige
vaterländische Lieder, schafften Ordnung und stellten die
bäuerliche Lage wieder her.
Etwas war aber schief gelaufen, denn einer unserer Landsknechte
hatte sich den Fuß gebrochen und konnte nicht mehr laufen.
Er wurde nicht aufgegeben. Es wurde genau wie bei den Landsknechten
aus Holzstangen eine Trage gebaut, und der "Verwundete"
darauf nach Hause getragen. Die Träger wechselten dauernd,
und so war es beinahe so wie damals fern bei Sedan. Wir kamen
uns vor wie die Sieger bei der Schlacht um Bürenbruch. So
wurden wir zielbewusst und langsam von unserer Kindheit gelöst,
und, von uns unbemerkt, der nationalsozialistischen Erziehung
einverleibt.
Je mehr wir der Kinderzeit entwuchsen, je mehr griff der nationalsozialistische
Staat nach uns. Plötzlich war der Samstag kein Schultag mehr,
sondern er diente fortan der staatlichen Jugenderziehung, Er wurde
zum Staatsjugendtag erklärt. Mittlerweile war die gesamte
Dorfjugend dem Jungvolk beigetreten und machte am Samstag ab acht
Uhr Jungvolkdienst. Es begann die sogenannte deutsche Jugenderziehung.
Da wir ja schon kleine Landsknechte waren und nun Soldaten werden
sollten, mussten wir auch unbedingt die Grundbegriffe des Soldatentums
lernen. Wir mussten das Antreten in Dreierreihen lernen, links
rum, sowie auch rechts rum. Strammstehen, "im Gleichschritt
marsch" und auch "Abteilung halt" und alles was
so dazugehörte.
An den Heimabenden in den Jahren 1934 und 35 wurde uns haarklein
erklärt, wer Albert Leo Schlageter war, was er gemacht hatte,
und dass er ein Freiheitskämpfer war. Die Filme, die wir
geschlossen besuchten wie "SA-Mann Brand" oder "Hitlerjunge
Quex" machten großen Eindruck auf uns. So nebenbei
erfuhren wir auch, dass der Versailler Vertrag ein Schandvertrag
sei und zum deutschen Elend erheblich beigetragen hätte.
Die ehemaligen Feindländer waren zwar verpflichtet, abzurüsten,
sie taten es aber nicht. Im Gegenteil: Sie waren kräftig
mit der Aufrüstung beschäftigt. Mit großen Plakaten
und Broschüren wurde uns gezeigt, wie wichtig nun der Luftschutz
sei. Groß und deutlich sah man auf diesen Plakaten, wie
Flugzeuge Bomben abwarfen und die Bevölkerung sich mit Gasmasken
schützte. All dieses machte uns doch sehr nachdenklich, und
wir meinten wirklich, tapfere deutsche Jungen werden zu müssen.
Was geschah eigentlich mit unseren Eltern? Diese Frage zu beantworten,
ist gar nicht so einfach. Da Deutschland von der Kaiserzeit her
noch eine starke nationalistische Prägung und obendrein auch
noch mehr oder weniger ein christliches Fundament hatte, war in
weiten Teilen unseres Landes, vor allem im Mittelstand und bei
der Landbevölkerung, der Nährboden gut vorbereitet.
In den Industriegebieten herrschten durch die Arbeitslosigkeit
bittere Armut und Verzweiflung
Im Grunde standen sich damals zwei Weltanschauungen gegenüber:
Die christliche nationale und die der Kommunistischen Internationale.
Die christlichnationale war die bisherige "von Gott gewollte
Ordnung", während die kommunistische Ordnung, die von
Moskau die Welt beherrschen wollte, die "gottlose Zeit"
herauf beschwor. Von den christlichen Parteien und von den Kanzeln
wurde ja auch ausreichend vor der großen Gefahr des Kommunismus
gewarnt. Die von Gott gewollte Ordnung und die Obrigkeitshörigkeit
waren immer noch die "deutschen Tugenden".
Die Nationalsozialisten hatten es gut verstanden, sich hier einzuschleichen.
Der Führer wurde zum Mann der göttlichen Vorsehung erhoben.
Er schloss mit dem Vatikan das Reichskonkordat ab und hatte somit
bei den Katholiken schon Pluspunkte gesammelt. Die Protestanten
waren auch nicht negativ eingestellt. In der ersten Zeit (1933)
benahmen sich die Nationalsozialisten ja auch noch sehr kirchenfreundlich.
Es geschah häufig genug, dass bei bestimmten Veranstaltungen
die SA in ihrer Uniform am Gottesdienst teilnahm. Am Erntedankfest
z. B. standen die SA-Männer mit ihrer Fahne sogar am Altar.
Somit konnte es doch gar nicht so schlecht sein, das mit den Nazis.
Zudem herrschte plötzlich auch wieder Ordnung auf den Straßen.
Es gab wieder Arbeit, und die Arbeitslosigkeit nahm sichtbar ab.
Also waren unsere Eltern zunächst gar nicht unzufrieden mit
dieser Entwicklung. Als der Reichstag brannte, und das Ermächtigungsgesetz
in Kraft trat, sollte es ja nur Ruhe und Ordnung erhalten. Warum
legten die Kommunisten auch Feuer? !
Ich kann mich noch erinnern, wie die Schikaniererei der Juden
begann, und wie die frommen Christen meinten, die seien ja selber
Schuld. Warum hatten sie auch unseren Herrn Jesus ans Kreuz genagelt?!
Sie haben ja selbst gerufen: "Sein Blut komme über uns
und unsere Kinder!" Das Wichtigste aber war wohl für
unsere Eltern, dass die kommunistische Gefahr in Deutschland erst
einmal gebannt war. Scheibchenweise fasste der Nationalsozialismus
Fuß, und die Scheiben wurden immer dicker. Als unsere Eltern
merkten dass die dicken Scheiben immer schwerer zu schlucken waren,
war es schon zu spät, um dagegen angehen zu können.
In den Jahren 1935 und 1936 war schon nichts mehr zu machen, und
das Schicksal nahm seinen Lauf. 1936: Mit vierzehn Jahren begann
meine Lehrzeit, und wir wurden von der Hitlerjugend übernommen.
Nun begann die wirkliche vormilitärische Ausbildung. 1939
begann der Krieg, die Einberufung erfolgte 1942 und zum Abschluss
die sowjetische Gefangenschaft! 1948, nach meiner Heimkehr, sah
dann die Welt ganz, ganz anders aus. Übrigens, nach der Invasion
auf Sizilien und während des Rückzuges bis Florenz bestanden
bei uns Landsern schon viele Zweifel am Endsieg. Endgültig
verloren wir den Glauben 1944 an der Ostfront und im Heiligenbeiler
Kessel in Ostpreußen. Wenn jetzt jemand fragt, warum wir
dann eigentlich immer weiter gekämpft haben, kann ich nur
sagen, dass der Liebe Gott das auch nicht genau weiß, geschweige
denn wir.