Als Kind wuchs ich in Schüren im Ruhrgebiet auf. Das Leben
für ein Kind in der damaligen Zeit war schon sehr aufregend.
Es war immer etwas los. Zum Beispiel gab es das Abenteuer Eisenbahn.
Mein Onkel und meine Tante wohnten in Langschede. Zu besonderen
Anlässen oder auch zwischendurch machten wir Familienbesuche.
Die waren für mich atemberaubend. Zu Fuß ging es zum
Aplerbecker Südbahnhof, dann mit dem Zug nach Schwerte. Wenn
die Lokomotive zischend und dampfend auf dem Bahnhof ankam, war
das schon ein Wunder für sich. Wenn der Zug stand, begann
die Einsteigerei. "Einsteigen und die Türen schließen"
war die letzte Mahnung. Dann hob der Bahnhofsvorsteher die Kelle,
und der Zug setzte sich schnaufend in Bewegung.
Die Telegrafendrähte tanzten an den Fenstern auf und ab,
und wir durchführen den Aplerbecker Wald. Jetzt kam die nächste
Sensation. Durch einen Tunnel fuhren wir Schwerte entgegen und
erreichten zischend und dampfend den Schwerter Bahnhof. Hier musste
umgestiegen werden, und unter dem Eindruck der großen weiten
Welt erlebte ich das Eisenbahngeschehen auf dem damaligen großen
Umsteigebahnhof "Schwerte Hauptbahnhof". Für zehn
Pfennige konnte ich mir immer dann am Automaten auf dem Bahnhof
gebrannte Mandeln ziehen.
Endlich kam unser Zug, der uns nach Langschede bringen sollte.
Zischend hielt er vor uns, und die Einsteigerei begann wieder.
Die Türen knallten, und schon ging es weiter. Der Schaffner
erschien und kontrollierte die Billetts. Da die Personenwagen
damals noch am Wagen entlang Trittbretter hatten, wanderte der
Schaffner während der Fahrt von Abteil zu Abteil. In Schwerte
Ost und in Geisecke wurde noch einmal gehalten, und dann kam Langschede.
Jetzt hatten wir noch ein paar Minuten zu laufen, und dann waren
wir da. Am Abend lief das gleiche Theater rückwärts
ab, und ein internationaler Reisetag war beendet.
Heute ist Langschede mit der Eisenbahn nicht mehr erreichbar.
Der Zug von Schwerte hat seine erste Haltestation in Fröndenberg.
Alle Zwischenbahnhöfe sind stillgelegt , weil sie sich nicht
mehr "rechnen".
Die Städte des Ruhrgebietes waren damals mit der Eisenbahn
untereinander total vernetzt. Es gab den sogenannten Ruhrschnellverkehr.
Diese Züge waren besonders gekennzeichnet und sorgten für
die schnellsten Verbindungen unter den Städten. Sie hielten
auch an allen Vorortbahnhöfen und kleineren Gemeinden. Wenn
mal ein Zug verpasst wurde, nahm man eben den nächsten Zug.
Wie das alles ohne Computer funktionierte, ist heute unbegreifbar.
Alle Züge standen im Kursbuch mit den entsprechenden Abfahrtszeiten.
Heue weiß fast kein Mensch mehr, was ein Kursbuch eigentlich
war. In diesem Buch waren alle Züge des Personenverkehrs
erfasst. Es gab regionale Kursbücher und ein überregionales
für das gesamte Reichsgebiet. Für uns hier war das Buch
für Rheinland / Westfalen zuständig. Im vorderen Bereich
waren aber alle Fernstrecken der Reichsbahn mit allen D-Schnellzügen
und Eilzügen einschließlich Ankunfts- und Abfahrtszeiten
untergebracht. Im Hauptbereich waren alle weiteren Züge des
Bereiches Rheinland / Westfalen aufgeführt. Beiliegend in
den Büchern war eine große nummerierte Eisenbahn -
Streckenübersicht. Die Strecke Bielefeld-Köln z. B.
hatte die Nr. 217. Wenn ich jetzt die Seite mit der Nr. 217 aufschlug,
hatte ich die ganze Strecke mit allen Bahnhöfen und Abfahrtzeiten
offen vor mir liegen. Das war im Grunde sehr einfach, aber leider
kamen viele Reisende mit diese Lektüre nicht klar. Diese
Bücher waren aber spannend wie ein Krimi.
Wenn ich dann mal am Dortmunder Hauptbahnhof war, machte ich des
öfteren eine Bahnhofsbesichtigung. Jeder größere
Bahnhof hatte sein eigenes Innenleben. Es fing schon in der Bahnhofshalle
an. Wenn man sie betrat, war man von der großen weiten Welt
eingefangen. Rechts waren Fahrkartenschalter, links die Gepäckschalter.
Die Wartesäle 1. und 2. Klasse brachten optisch Ruhe in das
Geschehen. Es fehlte auch nicht der Bahnhofsfriseur. Ein Postkarten-
und ein Zeitschriftenstand belebten ebenfalls die Halle. Was auch
nicht fehlte, waren eine kleine Bahnhofsschenke und ein kleiner
Verpflegungs- und Getränkeladen. Ein Bahnbeamter stand als
Auskunftsberater ebenfalls zur Verfügung. Da es damals noch
eine Bahnpolizei gab, sorgten zwei Bahnpolizisten für Sicherheit
und Ordnung. Damals waren Bahnhöfe noch Anziehungspunkte
und Repräsentationsgebäude einer Stadt.
Eine Bahnsteigkarte konnte man für zehn Pfennige am Automaten
ziehen und hatte damit die Genehmigung, die Bahnsteige zu betreten.
Wollte man eine Reise tun und eine Fahrkarte kaufen, begab man
sich zum Fahrkartenschalter und löste ein Billett. Zum Beispiel
nach Bremen. Obwohl es noch keine Computer gab, ging es ganz fix.
An einer großen Trommel wurde gedreht, dann ein Schieber
mit einem Zeiger auf Bremen gestellt. Nachdem ein kräftiger
Hebel betätigt wurde, fiel die Fahrkarte in eine Wanne. Eine
kleine, gut unterzubringende Fahrkarte bekam man dann für
sein Geld ausgehändigt.
Heute bekommt man mit viel Getue am Computer ein Riesenformular
eines Fahrscheines mitsamt einer Schutzhülle überreicht,
welche man nirgendwo unterbringen kann. Das Ding passt weder in
eine Brieftasche noch in eine Geldbörse. Es hat einfach kein
Format. Das oben genannte kleine Billett landete meistens in der
kleinen Westentasche, und dann ging es zu den Bahnsteigen. Vorher
musste man aber noch durch die Sperre. Hier wurde die Fahrkarte
geknipst, und man war erst jetzt berechtigt, zu den Bahnsteigen
zu eilen. Ein langer, gut ausgebauter Tunnel führte unter
dem Bahngelände bis zum Nordausgang. Von diesem Tunnel gingen
rechts und links die Treppen zu den jeweiligen Bahnsteigen hoch.
Da damals alle naselang irgendein Zug den Bahnhof verließ
oder auch einfuhr, war immer etwas los. Auf dem anderen Gleis
war soeben der Zug aus Braunschweig eingetroffen, und es begann
ein großes Gerenne. Zeitungs- und Würstchenverkäufer
liefen am Zug hin und her und priesen ihre Waren an. Ebenso boten
Kofferträger ihre Dienste an. Elektro-Paketkarren fuhren
zu den Gepäckwagen, um die Fracht hin- und herzuladen.
Ein Bahnmann mit der Auskunftsmütze bewegte sich auf dem
Bahnsteig und stand für Auskünfte jeglicher Art zur
Verfügung. Meistens wusste er auch alles. Wenn nicht, blätterte
er dreimal im Kursbuch, und schon herrschte Klarheit. Der soeben
eingefahrene Zug wurde wieder zur Weiterfahrt nach Aachen klargemacht.
Der Lautsprecher forderte die Fahrgäste auf, einzusteigen
und die Türen zu schließen. Der Bahnsteigaufseher hob
seine grüne Kelle, und zischend setzte sich der Zug in Bewegung.
Die Schilder für
den Aachener Zug wurden wieder in die Stellage eingeschoben und
die Anzeigeschilder für den nächsten Zug wieder herausgezogen.
Auf der anderen Seite des Bahnsteiges wurde der Zug nach Bremen
angemeldet. "Es hat Einfahrt der D-Zug nach Bremen. Von der
Bahnsteigkante zurücktreten !"- usw. Zischend fuhr er
an der Bahnsteigkante entlang und kam quietschend zum Stehen.
Ein D-Zug sah damals ganz anders aus als heute. Vorne war eine
Riesenlok, ein schnaufendes und dampfendes Kraftpaket mit zwei
Meter hohen Rädern, und einen riesengroßen Kohlentender
hinter sich herschleppend. Die Wagen waren längst nicht so
komfortabel wie heute. Es gab noch die dritte Klasse mit unangenehmen
Holzbänken, die zweite Klasse schon besser mit gepolsterten
Bänken und Rückenlehnen. Bei der ersten Klasse war es
schon der reinste Luxus. Eine Bank hatte drei gepolsterte Sitze
mit Rückenlehnen. Außerdem war das Abteil auch etwas
breiter, und man hatte dadurch mehr Beinfreiheit. Es war die Eleganz
der Zwanziger Jahre.
Die einzelnen Wagen waren mit Harmonikabälgen miteinander
verbunden, die über die Puffer zum anderen Wagen führten.
Hierdurch konnte man über einige Wagen zum Speisewagen gelangen,
der sich etwa in der Mitte des Zuges befand. Ein Speisewagen war
damals ein Luxusrestaurant auf Rädern. Ein Speisewagenkellner
schritt mit einem Gong durch alle Gänge des Zuges und tat
kund, dass man zum Mittagessen im Speisewagen Platz nehmen könne.
Am Ende des Zuges waren immer ein oder zwei Gepäck- bzw.
Postwagen. Was damals auch noch wichtig war, waren die Kurswagen.
Ein D- Zug von Dortmund nach Basel hatte z. B. zwei Kurswagen
dabei. Einer ging nach Trier und ein zweiter nach Konstanz. Der
Wagen nach Trier wurde in Koblenz abgekoppelt und an einen Trierer
Zug angehängt. Der Wagen nach Konstanz wurde in Offenburg
umgekoppelt. Die Fahrgäste, die von Dortmund nach Trier wollten,
stiegen gleich in den Trierer Kurswagen und brauchten nicht umzusteigen.
Ebenso machten es die Fahrgäste nach Konstanz. Diese Kurswagen
waren extra gekennzeichnet. Das Kurswagensystem war früher
für Fernreisende eine bequeme Angelegenheit.
Heute ist das ganze Bahngeschehen eine nüchterne und nackte
Angelegenheit. Die Bahnhöfe sind reine Zweckbauten. Die ehemalige
Romantik ist den Rechenmaschinen zum Opfer gefallen. Ruhestand
ist teuer, und darum halten die Züge heute nicht länger
als zwei Minuten.