Meine Luftwaffenhelferzeit
Das Gerücht war dem wochenlang vorausgegangen. Der Genosse
meiner Schulbank Oskar Sturm, in der Klasse 6 a des Theresiengymnasiums,
hatte mir erzählt, dass er es morgens bei der Milchfrau gehört
habe, Schüler der oberen Gymnasialklassen würden zur
Flak eingezogen. Mein Banknachbar hatte immer wieder solch neue
Nachrichten von der Milchfrau, die sich später als erstaunlich
zutreffend erwiesen. Das Eigenartige war, dass ich die gleichen
Dinge am Abend vor dem Radio sitzend vom Sender Beromünster
gehört hatte. In der Schule wies der Lehrer Dr. Schmid sachlich-kühl
darauf hin, dass die großen Ereignisse in den letzten Monaten
Stalingrad und Tunis, also die Kapitulation des Rests der deutschen
Afrikaarmee waren. Es gab einen kleinen Aufschrei des Entsetzens
in der Klasse, aber im Grund wusste jeder, dass der Krieg einen
sehr schlechten Verlauf für Deutschland genommen hatte. So
verdichteten sich unsere Vorahnungen.
Auf der Theresienwiese, 19. Februar - April 1943
Tatsächlich war es dann bald so weit. Am 19. Februar 1943
hatten wir uns mit dem nötigsten Gepäck auf dem Schulhof
des Theresiengymnasiums einzufinden und in einer Marschkolonne
aufzustellen. Wir waren insgesamt 40 Schüler der Klassen
6 a und 6 b des Jahrgangs 1926 und 1927. Einige Schüler hatten
sich rechtzeitig irgendwie abgesetzt. Die Schüler des Jahrgangs
1925 wurden bald danach zum Reichsarbeitsdienst und dann zu Militär
eingezogen und kamen nicht mehr zur Flak. Nur wenige haben den
Krieg überlebt.
Ein klein gebauter Unteroffizier mit etwas herben, vernarbt wirkenden,
Gesichtszügen begrüßte uns knapp und formlos.
Dann hieß es "Guffa uffnehme". Der Unteroffizier
Krüger stammte, was unverkennbar war, aus Sachsen. Und so
marschierten wir, von einigen Eltern begleitet, ohne jede sonstige
Formalitäten zur nahe gelegenen Theresienwiese, wo unser
erster Einsatz stattfinden sollte. Einige Eltern gingen neben
unserer kleinen Kolonne von 40 Schülern. Wir wurden schnell
und ohne viel Aufhebens in eine Baracke eingewiesen, die zu besseren
Zeiten, also des Oktoberfestes, zur Versorgung Angetrunkener und
Verletzter ziemlich in der Mitte der Wiese lag. Von oben sah fast
direkt über uns die Bavaria auf dieses Spektakel herunter.
Dann wurden wir 40 in den rund 6 Räumen der Baracke verteilt
und bekamen in Doppelbetten übereinander jeweils ein Bett
zugewiesen. Die Strohsäcke mussten wir uns selber füllen.
Gleich danach gab es blaugraue Uniformen, die uns behagten, zusammen
mit einer HJ-Armbinde, die uns weniger behagte, weil sie uns als
Soldaten minderer Ordnung auswies. (Sie wurde später praktisch
nur ausnahmsweise an der Ausgehuniform getragen, anfangs noch
an der Wache der Batteriestellung, später überhaupt
nicht mehr. Unseren Vorgesetzten war dies gleichgültig.)
Der Batteriechef, ein Leutnant Knauer, begrüßte uns,
wir erhielten einen besonderen Betreuer, einen Wachtmeister Koch,
der sich wohltuend zurückhaltend, herzlich wenig um uns kümmerte.
An eine gezielte, gar strukturierte Ausbildung könnte ich
mich nicht erinnern. Die schwere Flakbatterie 4/456 mit 6 8,8
cm - Geschützen, der wir zugeteilt worden waren, hatte als
Leiteinrichtung ein Kommandogerät 42, ein wohl schon kurz
vorher abgeschafftes Horchgerät, ein "FuMG", also
Funkmessgerät, zur Ermittlung von Höhe- und Seitengraden,
sowie der Entfernung auch sonst unsichtbarer Flugzeuge bei Nacht
und Wolken, sowie ein Malsigerät in der "Umwertung",
eine höchst simple Konstruktion aus Holz, etwas Blech, mechanisch
geführten Zeigestäben und Bindfäden. Es diente
dazu bei Ausfall des eigenen Kommandogerätes oder Funkmessgerätes
Messwerte von anderen Flakbatterien zu erhalten und für unsere
Position umzuwerten.
Der Beginn unserer Tätigkeit war eher idyllisch. Ich war
als Flugmelder eingeteilt und sah mit dem Fernrohr auf einem Stativ
in den Himmel, studierte die Silhouette von München und unterhielt
mich mit den verbliebenen Flaksoldaten, die ihren Dienst auch
nicht allzu schwer nahmen. Die weitere Einteilung bei der Umwertung
bedeutete, dass wir lediglich Werte ablesen und mit Kehlkopfmikrophonen
weitergeben mussten, dies in einem kleinen Bunker. Ein wenig Aufregung
oder eigentlich mehr Abwechslung vermittelte der erste Stubendurchgang
durch einen Wiener Stabswachtmeister Unger, der uns ein wenig
die militärische Art der Sprache, vor allem auch durch Lautstärke
beibrachte. Wir hatten bald den Eindruck, dass er einer der hellsten
nicht war und auch kein gutes Gedächtnis hatte. Beim ersten
Stubendurchgang, der natürlich unerträgliche, unmilitärische
Zustände in den Spinden und beim Bettenbau ergab, regte er
sich besonders beim Mitschüler Hillreiner auf. Als er rund
30 Minuten später auch beim Mitschüler Hilpoltsteiner
nicht eben ideale Verhältnisse vorfand fauchte er: "Hilpoltsteiner,
bekannte Nummer das" weil er ihn offenbar wider bessere Logik
und ohne Erinnerung mit dem im Gedächtnis gespeicherten Hillreiner
verwechselte.
Im Übrigen war bei halbwegs vertretbarem Bettenbau und halbwegs
angepasstem Verhalten der Ton bei der "4/456" eher gemütlich.
An den Geschützen und Geräten fanden nur einfache Einweisungen
und gewisse Übungen statt. Der Krieg schien in weiter Ferne.
Am Sonntag hatten wir Gelegenheit von unserer Baracke aus das
Pferderennen auf dem hinteren Teil der Theresienwiese - gegen
Sendling gelegen - zu beobachten. Die laute Marschmusik zur Unterhaltung
des Publikums .besonders die "Amboss-Polka" klingt mir
heute noch im Ohr. Einen Ausgang benutzte ich um ins Theater zu
gehen, ich sah Ibsens "Nora" mit Anne Kersten in der
Hauptrolle. Da ich, ohne äußere Anregung, damals ganz
versessen auf Ibsen war, war ich sehr erfreut darüber. (In
meines Vaters Bibliothek hatte ich viele Ibsen-Bändchen in
Reclam vorgefunden und nach und nach geholt. Mit der "Frau
vom Meer" hatte es begonnen, die meisten Dramen der späteren
Zeit folgten nach und nach während der Luftwaffenhelferzeit.
Mich interessierten dabei vor allem die großartig dargestellten
psychologischen Entwicklungen.)
Am Sonntag war uns freigestellt in die St. Paulskirche zu gehen,
die ja in nächster Nähe zur Theresienwiese lag und in
der ich gefirmt worden war. Dies haben aber wohl nur ganz wenige
wahrgenommen. Auf der Theresienwiese konnten wir auch noch einmal
wöchentlich im öffentlichen Bad in Nähe der Kirche
zum Duschen gehen. Sonst hatten wir in der Baracke nur kaltes
Wasser zur Verfügung, was der Körperpflege nicht eben
förderlich war.
Dann allerdings kamen die nächtlichen Fliegerangriffe. Aus
irgendeinem Grund, ohne feste Einordnung an ein Gerät, verließ
ich nachts am 9. 3. beim Signal "Edelweiß", dem
Deckwort für schnellste Herstellung der Abwehrbereitschaft,
mit dem, an einer Nebenhöhlenentzündung erkrankten Kurt
Müller unsere Baracke. Wir waren reine Zuschauer. Zunächst
hörte man nur das Brummen von Flugzeugen, dann kamen die
Scheinwerfer, die mit ihren langen weißen Armen den Himmel
absuchten, bis sie sich überkreuzten und an einem Flugobjekt
hängen blieben. Danach setzte das Feuer der schweren, bald
auch das Bellen der leichten Flakbatterien mit Leuchtspurmunition
ein. Etwas zuvor hatten englische Flugzeuge an verschiedenen Stellen
des Himmels absinkende Leuchtraketen abgesetzt, die wir "Christbäume"
nannten und ein buntes Bild boten. Kurz danach hörte man
die Sprengbomben. Sie schlugen relativ weit entfernt ein. Es war
ein Höllenspektakel, zumal auch die eigene Batterie immer
wieder schoss. Nicht lange dauerte es, da brannten rings um uns
überall Häuser, so dass die ganze Theresienwiese hell
erleuchtet da lag. Um uns klackerten Granatsplitter zu Boden.
Ein eigenartiger Geruch teils nach Schießpulver, teils ein
Brandgeruch lag in der Luft. Die Feuer ringsherum brannten noch
lange weiter, auch als man längst keine Flugzeuge mehr hörte.
Ich muss gestehen und möchte mich keineswegs dessen rühmen,
dass wir bei alledem keinerlei Angst hatten, eher Neugierde und
danach von dem Feuerwerk fasziniert waren. (Etwas beschämt
dachte ich an Kaiser Nero und verstand, dass er beim Anblick des
brennenden Roms in Ekstase geraten sein soll.) Es war der erste,
schwere Fliegerangriff auf München, bei dem wie man später
erfuhr, mehrere hundert Menschen, teilweise unter entsetzlichen
Qualen ( verbrannt!) gestorben sind! Über 70.000 Bomben sollen
von den englischen Flugzeugen abgeworfen worden. Aber daran dachte
man in diesen Stunden nicht.
Am nächsten Morgen wurden alle Luftwaffenhelfer heimgeschickt.
Sie sollten nachsehen, ob zu Hause alles in Ordnung war. Ich,
der damals meine Familie am Stadtrand in Pasing wusste, fuhr nicht
heim, weil die Fahrt ziemlich weit war. Einige Stunden später
kamen alle Klassenkameraden zufrieden zurück. Keine der Familien
hatte Schaden erlitten - aber dann kam der Anruf, ich müsste
sofort nach Pasing kommen, das Gebäude sei weitgehend abgebrannt.
Als ich vor der Hochschule stand, in der wir gewohnt hatten, sah
ich, dass das gesamte Dach und das Obergeschoß abgebrannt
war. Brandgeruch lag in der Luft Unsere Habe stand aufgetürmt
auf dem Bürgersteig. Zum Glück regnete oder schneite
es nicht mehr. Beim Brand der Hochschule war ein armer Student,
der im Krankenzimmer gelegen hatte und nicht mehr herausgefunden
hatte, ums Leben gekommen - wie auch ein Nachbar, den ich nicht
gekannt hatte, der retten wollte, was zu retten war. Er war von
einer zusammenstürzenden Treppe erschlagen worden. Die Familie
saß vor der Ruine auf umherstehenden Möbeln. Man sprach
nur das Nötigste, geklagt wurde nicht, wozu auch. Der Hausverwalter
der Übungsschule versorgte uns mit Kaffee. Die Familie zog
dann mit dem verbliebenen Teil der Habe noch am 10. März
zum Ammersee, wo wir glücklicherweise ein kleines altes Haus
hatten.
Die erste Idylle war vorbei. Wir blieben auch nicht mehr lange
auf der Theresienwiese. Die Batterie wurde mit zwei anderen als
Großbatterie nach Krailling, eigentlich Planegg verlegt,
wo wir am Ortsrand neben der Straße nach Martinsried, schräg
gegenüber der Kirche und des Friedhofs Stellung bezogen.
Unsere Flakstellung lag im übrigen rund 10 Kilometer Luftlinie
von der Flakstellung in Gulching entfernt, in der etwa gleichzeitig
Josef Ratzinger - später Papst Bededikt der XVI. seinen Dienst
als Flakhelfer tat - ähnlich wie ich später als Telefonist.
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