Pullach (Ende Mai bis Juli 1944)
Während meiner Luftwaffenhelferzeit blieb ich rund ein Jahr in Krailling. Dann kam die Verlegung
der Batterie nach Pullach, wo kurz zuvor ein gewaltiger Luftangriff
gewesen war. Ein Teil der dortigen Baracken hatte dabei gebrannt,
einige waren ganz zerstört, die meisten nur leicht, aber
glücklicherweise hatte keiner von der Batterie körperlich
Schaden genommen. Hier erlebte ich auch einen sehr schweren Luftangriff
auf die Fabrik Linde in Höllriegelskreuth. Ich war, wie gewöhnlich,
im Bunker und hörte die Bomben in der Luft vor dem Aufschlag
rauschen. Wiederum hatte ich - nicht geprahlt -naiverweise keinerlei
Angst. Ein älterer Soldat, der mit im Bunker saß, verkroch
sich unter den Tisch, worüber ich herzlich lachen musste.
Wir bekamen jetzt andere Geschütze des Kalibers 10, 5cm und
nannten uns Batterie 4/384. Batteriechef war ein Oberleutnant
Schönberg, später ein Oberleutnant Falk. Die Granaten
dieser Kanonen konnten auch höher fliegende Flugzeuge erreichen.
Wo unserer 8, 8 cm Geschütze abgeblieben waren weiß
ich nicht.
In Pullach lag unsere Stellung gegenüber vom "Berchmann-Kolleg",
der Hochschule für Jesuiten. Die wenigen Fahrten nach Hause
dauerten so jetzt recht lange. Ich erinnere mich auch eines Tages
den Weg zu einem Großteil zu Fuß gegangen zu sein,
da die Vorortsbahn und die Straßenbahn ausgefallen waren.
Beim Vorbeigehen an brennenden Häusern wurde man hier und
da gebeten zu helfen Möbel herunterzutragen und ähnliches
mehr.
Die Stadt München hatte sich immer mehr verändert und
gewaltige Wunden erlitten. Man ging allerdings erstaunlich ruhig,
fast gefühllos daran vorbei - wohl auch weil man wusste,
dass es andere Städte wie Köln und Hamburg noch viel
schlimmer getroffen hatte und immer noch traf. Auch lebte man
nur von Tag zu Tag. Inzwischen war die Zahl der alten Klassenkameraden
immer kleiner geworden. Einige waren Reserveoffiziersbewerber
geworden und hatten eine silberne Kordel an der Schulterklappe
tragen dürfen. So weit ich weiß ging keiner aus unseren
Klassen zur Waffen-SS. Überhaupt war von einer Begeisterung,
wie sie von 1914 überliefert wurde, keine Rede. Man nahm
die Dinge wie ein unausweichlich auf einen zukommendes Schicksal
eher fatalistisch an. Die meisten waren noch - wie ich auch -
zum Luftwaffenoberhelfer ernannt worden. Wir hatten schon in Krailling
Abschied gefeiert und zu dieser Gelegenheit wurde sogar eine Schülerzeitung
verfasst. Die Redaktion lag vor allem bei Hans-Detlev D., Helmut
S. und wohl auch Werner S.. Gelegentlich blättere ich sie
heute noch wehmütig durch.
Der Unterricht wurde immer seltener und fiel begreiflicherweise
immer häufiger, schließlich in Pullach, ganz aus, da
die Tagesangriffe der Amerikaner mit ihren "Flying Fortress"
und "Liberator" einsetzten. Sie zogen, wenn sie uns
in großer Höhe überflogen lange Kondensstreifen
hinter sich her. Sie - so erzählte man sich - sollen bei
Foggia in Süditalien auf einem Großflughafen stationiert
und so uns schon recht nahegerückt gewesen sein. Einmal konnte
ich beobachten wie ein Bomber von der Flak abgeschossen wurde
und einige Insassen mit dem Fallschirm absprangen. Ein amerikanischer
Soldat wurde von unseren Flaksoldaten zum Batteriechef gebracht.
Man raunte, dass dieser ihm eine Zigarette angeboten hatte - was
einige absolut falsch fanden, andere aber durchaus verteidigten.
Einmal sah ich auch, was mich empörte, dass noch einige Salven
in die Luft geschossen wurden, obwohl das Flugzeug schon abstürzte.
Ob die Grananten den abspringenden Piloten galten? Lange habe
ich mir später überlegt, ob man dagegen etwas hätte
machen können oder sollen. Vielleicht hätte man eine
Ladehemmung vortäuschen können? Im Übrigen ging
dies alles so schnell, dass man groß über die Moral
der Handlungsweise nicht nachdenken konnte. Die Bomber hatten
wieder schwere Schäden nun auch tagsüber in München
verursacht und sicher auch viele Menschenleben auf dem Gewissen.
Aus unserer Klasse ist bei der Flak niemand gefallen. Einer der
Gruppe (Willibald Glas) erhielt noch in Krailling das schwarze
Verwundetenabzeichen, aber auch nur, weil er sich, in der Nähe
seines Geschützes stehend, einen Hörschaden zugezogen
hatte. Aus meiner früheren Pasinger Klasse, die im Gleisdreieck
zwischen Pasing und Laim stationiert war starb Klaus Martin und
ein weiterer mir nicht bekannter Luftwaffenhelfer bei einem Fliegerangriff.
Ich war bei der Beerdigung von Klaus, einem freundlichen, immer
vergnügt wirkenden eher rundlichen Mitschüler, in Planegg
dabei. Der Friedhof lag direkt neben unserer Flakstellung. Bei
der Einäscherung des zweiten gefallenen Luftwaffenhelfers
war ich als "Ehrenwache" eingesetzt.
Niemtsch (Juli - September 1944)
Im Sommer 1944 kam dann die Verlegung nach Niemtsch bei Senftenberg
- ein kleines Bauerndorf im westlichsten Zipfel von Niederschlesien,
dicht bei der Lausitz zum Schutz der Brabag (Braunkohlen-Benzin-AG).
Wir wurden in große Güterwagen gebracht, bekamen Stroh
hineingeworfen und waren dann etwa 30 Luftwaffenhelfer in einem
geschlossenen Wagen. Die Fahrt dauerte sehr lange, wohl mindestens
zwei Tage. Der Zug fuhr durch die Oberpfalz, das Bahnhofsschild
von Marktredwitz und der Anblick zahlreicher alter Dampflokomotiven
ist mir noch vom Vorbeifahren her in Erinnerung. In Niemtsch waren
wir Luftwaffenhelfer anfangs noch in einem innerhalb des alten
Dorfes und unter alten Linden gelegenen Gasthaus untergebracht,
bis unsere Baracken neben den Geschützstellungen aufgerichtet
waren. Ich wurde wieder als Fernsprecher eingesetzt, wobei wir
jetzt ein großes "FuMG Würzburg Riese " neben
uns stehen hatten. Die Anflüge von Bombern mit begleitenden
"Lightning-'Jäger, vielleicht auch "Thunderbolts",
wurden immer häufiger. Bomben wurden jedoch in unserer Nähe
nicht abgeworfen.
Inzwischen war der Klassenverband weitgehend aufgelöst. Unterricht
bekamen unsere Klassen - also mit den zwei unteren Klassen des
Theresiengymnasiums und einer aus Kempten - zusammen, von einem
Studienrat des nächstgelegenen Gymnasiums. Es war ein wunderschöner
sonniger Sommer. Wir waren viel in einemecht gut angelegten Bad
in der Nähe der Stellung, zumal auch die Batterie anfangs
noch nicht einsatzbereit war. Einige Wochen wohnten wir dann noch
in dem gegendtypischen Gasthaus der Gemeinde Niemtsch, das einen
größeren teilweise schattigen Garten aufwies, in dem
wir auch Sonnenbäder nehmen konnten. Wir probierten das dort
übliche Bier, aber der recht süße Geschmack des
dunkelbraun aussehenden Getränkes erinnerte so gar nicht
an das bayerische Bier und stieß uns eher ab.
Man berichtete mir, dass der Studienrat des benachbarten Gymnasiums
sich darüber sehr verärgert geäußert habe,
dass die Schüler aus Oberbayern und dem Allgäu insgesamt
wenig nationalsozialistisch schienen und horribile dictu mit "Grüß
Gott" grüßten. In der Schule, die dann Lazarett
wurde, fand ich ein Plakat, das mir doch sehr zu denken gab. Auf
ihm waren Friedrich II von Preußen, Bismarck und Hitler
abgebildet - beim erstgenannten stand "Gründer des Reiches",
beim zweiten "Ausbauer des Reiches", bei Hitler "Vollender
des Reiches". Dies war für mich, als gebürtigen
Österreicher (mit westfälischer Mutter), der respektvoll
auf Heinrich I., vielleicht sogar Karl I. blickte, schwer erträglich.
Im Übrigen mussten wir zum ersten und einzigen Mal im Krieg
einige Schüsse aus Karabinern auf Schießscheiben abgeben.
An den häufigen schönen Sonnentagen sahen wir dann immer
wieder am Himmel, aber recht hoch, die Schwärme von amerikanischen
Bombenflugzeugen, meistens kaum erreichbar für unsere Geschütze.
Deutsche Jagdflugzeuge, gar Luftkämpfe, konnten wir nicht
beobachten. Die BRABAG (Braunkohlenbenzin AG) die wir schützen
sollten, wurde weiterhin nicht angegriffen. Als Fernsprecher eingesetzt,
konnte man unbeobachtet die verschiedensten Sender hören,
auch etwa gelegentlich den "Soldatensender Calais" und
einen Sender "Hagedorn". Sehr beeindruckt haben uns
diese Sendungen nicht. Das Herankommen des Ende des Krieges war
genügend an vielen anderen Zeichen erkennbar. Mit den Mitschülern
Günter Baur und Hans Weber aus Kempten unterhielt ich mich
viel auch darüber was wohl nach dem zu erwartenden Kriegsende
wäre - und wir zogen in langen politischen Diskussionen recht
naiv in Betracht, dass dann vielleicht Brüning wieder Kanzler
würde. Die Ereignisse des 20. Juli 1944 nahmen wir eher mit
Skepsis auf, hielten es sogar für möglich, dass diese
arrangiert worden seien, um wieder einmal die Vorsehung ins Spiel
zu bringen. Dazu innerlich wirklich Stellung für oder gegen
die Partei, den Staat und seine Regierung zu beziehen, kamen wir
gar nicht, vielleicht auch wiederum aus einem gewissen Fatalismus
heraus. Zudem interesssierte uns gute oder schlechte Handlungen
einzelner Menschen mehr als alle Ideologien. Begeisterte Befürworter
des nationalsozialistischen Systems habe ich nicht kennen gelernt,
nur einmal einen Soldaten sagen hören, dass es furchtbar
wäre, wenn wir den Krieg gewinnen würden. Die meisten
äußerten sich nicht. An Wunderwaffen glaubten wir nicht.
Die Gegend um Niemtsch war uns ausgesprochen fremd. Dort wurde
großflächig Braunkohle im Tagebau abgebaut, wozu riesige
Maschinen und ein Kleinbahnsystem aufgebaut waren. Wir hörten
immer wieder das Fiepen der Lokomotiven, die lange Züge von
Loren, die Kohlen abtransportierten. Der Boden war absolut sandig.
Ein jüngerer Mitschüler Fink hatte das Glück einen
Amethyst zu finden, was mir nicht gelang. Im Übrigen war
die Landschaft großflächig zerstört, man sah keinen
Wald mehr. Die Luft war schmutzig vom Staub der Braunkohlen. Gegen
Morgen lag oft ein dichter feiner Kohlenstaub auf den Festerbrettern.
Von Vorkommnissen außerhalb des normalen Kriegsalltags in
der Heimat merkten wir nichts. Wir waren auch mit den kleinen
Alltagsproblemen im Dienst viel zu sehr eingespannt, um uns etwa
herumhören zu können und mussten uns genügend Gedanken
um unsere eigene Zukunft machen. Die geringe Freizeit verging
schnell mit einigen wenigen Freuden und Kontakten mit Verwandten.
(Nur einmal erzählte mir - später im Reservelazarett
- ein Mitkranker (Rechtsanwalt Mütsch aus Freudenstadt) unter
vier Augen sichtlich aufs Äußerste empört, dass
man im früheren Polen, dann Warthegau, dortige polnische
Bewohner nachts in Stundenfrist abgeholt und rücksichtslos
über die Grenze ins sogenannte Generalgouvernement transportiert
habe, ohne dass diese Menschen wussten, wo sie unterkommen sollten.)
Im Lazarett Senftenberg (5. September 1944 - 10. Februar
1945)
Der ausgesprochen heiße und schöne Sommer hinterließ
also zunächst manche erfreuliche Eindrücke. Dann allerdings
trat bei uns eine "epidemische Gelbsucht", also Hepatitis
auf, von der ich und viele Mitschüler erfasst wurden. So
kamen wir ins Reservelazarett Senftenberg, wo ich anfangs "quittegelb"
bis Mitte Februar verblieb. Die Kontakte zu den anderen Klassenkameraden
waren dabei weitgehend abgerissen. Im Lazarett hatte ich zunächst
reichlich Muße Bücher u. a. aus der Volksschulbibliothek
zu lesen, in der das Lazarett untergebracht war. Auch konnte ich
bei gelegentlichem Ausgang mir unter anderem die nicht ganz vollständigen
Werke von Strindberg erwerben und trug also von da an immer viele
Bücher mit mir. Im Lazarett traf ich noch die Mitschüler
Hermann Schnettger und von Saint George, die ebenfalls eine Hepatitis
hatten. Bei letzterem imponierte mir, dass er, wie manche andere
Lazarettinsassen mit großen Geschick und Fleiß aus
einfachen Papierschnüren eine Tasche anfertigte, wohl in
einfachster Form am Bett webte. Ich selbst bekam dann auch noch
eine Lungentuberkulose und blieb fast ein halbes Jahr im Lazarett,
das in der Katholischen Volksschule von Senftenberg untergebracht
war.
In dem Klassenzimmer, in dem wir untergebracht waren, gab es etwa
20 Betten. Neben einigen Luftwaffenhelfern waren da viele alte
Soldaten und auch ein Italiener Claudio Alvisi aus Faenza, mit
dem ich mich sehr gut verstand. Mit Latein, viel Zeit Mimik und
Gestik kam es auch zu sprachlichen Kontakten und er berichtete
mir von seinen Ausgängen in der Stadt, auch dass er versucht
hatte für seine Familie eine Messe lesen zu lassen. Faenza
lag damals mitten im Kampfgebiet. Der örtliche Pfarrer habe
aber Geld gefordert und dies dann, als er keines hatte, verweigert.
"Un mercante... un mercantuccio..." klagte er erbost.
Gelegentlich half ein Südtiroler Bauer beim Übersetzen.
Sein hartes "certamente" ist mir heute noch in den Ohren.
Das Hilfslazarett roch nach einem intensiven Desinfektionsmittel,
an das man sich aber bald gewöhnte. Im Lazarett war auch
ein Soldat in einer etwas sonderbaren Uniform, die am ehesten
an eine Einheit der Luftwaffe erinnerte. Alle im Saal hielten
auffallend Abstand von ihm, gelegentlich sah ich dann, dass er
an seinem Arm zahlreiche Uhren trug, mindestens 5, wie ich glaube.
Ich hörte später, dass dies ein Mann war, der im KZ
Groß-Rosen Wachtdienste verrichtet hat. Von wem er die Uhren
hatte konnte man sich denken.
Langsam wurde es auch im Lazarett immer turbulenter, der Lazarettarzt
Dr. Wieschebring aus Ochtrup, ein Internist also aus dem Münsterlande,
hatte kaum mehr Zeit für den einzelnen Kranken. Das Lazarett
wurde ständig um weitere Klassenräume erweitert. Man
sah Soldaten mit fürchterlichen Brandverletzungen dort liegen,
wie man mir erzählte, waren sie in ihren Panzern abgeschossen
worden. Die Front kam immer näher. Ich musste ein wenig mithelfen,
so auch im Labor bei der Untersuchung von Urin. Einmal musste
ich auch helfen einen jungen toten Italiener, der an einer eitrigen
Meningitis verstorben war, rund 500 m in die örtliche Pathologische
Abteilung zu tragen. Ich trug die Bahre an der Beinseite und weiß
mich zu erinnern, dass ich ab und an gegen seine kalten Zehen
stieß. (Der junge Mann war wenige Tage zuvor in benommenem
Zustand leise singend und rhythmisch den Kopf hin und her wiegend
bei uns eingetroffen und nach dem damaligen Stand der Infektionskrankheitenbehandlung
nicht zu retten gewesen.)
Eine der ganz prägenden Lebenserinnerungen war die Begegnung
mit unserer Schwester Inge, einer blonden, etwa 40 jährigen
hochgewachsenen Diakonisse aus Wuppertal. Sie war bei allen Verrichtungen
zu allen die Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit selbst.
Abends sang sie uns immer das Bramsche "Guten Abend, gute
Nacht" bevor sie "Gute Nacht" wünschte und
die Lichter löschte. Sie war allgemein beliebt und geschätzt.
Einige Male kamen Frauen der NS- Frauenschaft und brachten uns
kleine Geschenke, vor allem selbst Gebackenes, was gerne angenommen
wurde. Die Enkelin Inge des Gastwirts, bei dem wir zuerst gewohnt
hatten, kam mehrmals mich zu besuchen. Kleine sehr erwünschte
Abwechslungen!
Dann ging meine Lazarettzeit zu Ende. Zur Batterie kam ich praktisch
nicht mehr zurück. Ich wurde Anfang Februar 1945 als Luftwaffenhelfer
entlassen. Übrigens: Als Luftwaffenhelfer bekamen wir ja
nur 50 Pfennig je Tag als "Wehrsold" ausgezahlt. Die
restlichen 50 Pfennig je Tag bekam ich tatsächlich bei meiner
Entlassung und das war damals eine Menge Geld.
Wenige Tage vor der Dresdener Katastrophe, am 12. 2., fuhr ich
noch durch diese Stadt, die damals immer noch nahezu ganz vom
Krieg verschont war. Der viele Umwege machende und sehr langsam
fahrende Zug kam aus irgendeinem Grund auch nach Naumburg und
ich erinnere mich noch genau, dass ich im Bahnhof Bilder von Herrn
Eckart und Frau Ute sah. Die wollte ich immer wieder in Natur
sehen wozu ich nie kam: Den Naumburger Dom habe ich bis heute
nicht aufsuchen können. Der Zug fuhr sehr langsam, blieb
außerhalb der Ortschaften oft stehen und war brechend voll.
Wenn man einen Sitzplatz hatte hing man sein Koppel an das Gepäcknetz
und konnte so dann Arme und Kopf zum Schlafen hineinlegen. Aber
auch diese Reisewand ein Ende. Die Stimmung wurde in Erwartung
der Heimkehr von Stunde zu Stunde Besser. Am Abend wanderte ich
mit Gepäck schwer beladen durch den Wald nach Breitbrunn,
wo mich auf halbem Wege meine Mutter und unsere Liesel abholten.
Ausklang
Zu Hause angekommen wurde ich von meinen Eltern noch einmal in
das nahegelegene Krankenhaus ( Ausweichkrankenhaus der internistischen
Klinik Dr. Müller aus München) geschickt, wo ich rund
14 Tage verblieb.
Viele Monate hörte ich nichts von den Mitschülern. Ich
traf sie dann nach und nach beim Studium oder anderen Ortes wieder,
soweit sie den Krieg überlebt hatten. Unser Klassenbester,
Karl K. und sein Freund Titus L. ("Halb- oder Viertel- Jude")
waren noch in den letzten Kriegswochen gefallen, auch ein früherer
Zimmergefährte Weiß, Toni S. in Südfrankreich
ausgehungert einer Lungentuberkulose erlegen, Richard Schnettger
einer Blinddarmentzündung. Andere bekam man nie mehr zu Gesicht,
ihr Schicksal blieb teilweise offen. Mein Theresienggymnasium,
an dem ich mich sehr wohl gefühlt hatte, habe ich erstmals
wieder am 18. April 1997 betreten. Das Studium unter schlechtesten
Bedingungen verbunden mit weiten Fahrten vom Ammersee bis zur
Universität hatte uns im Griff.
Viele ältere Klassenkameraden waren im Krieg geblieben oder
verschollen. Erstaunlich ist, wie gut sich doch die meisten in
veritablen Berufen eingeordnet haben, obwohl unsere Schulbildung
eigentlich äußerst gering war. Rückschauend möchte
ich die Zeit keineswegs missen. Zwar kamen unsere theoretischen
Kenntnisse und auch der kulturelle Schliff wie erwähnt, sehr
zu kurz. Aber wir hatten manches aus den Kontakten mit den meist
älteren Soldaten auch an Lebensweisheiten erfahren, gelernt
uns im vorgegebenen bescheidenem Rahmen zurechtzufinden, konnten
uns über kleine Dinge freuen und die einfachen Aufgaben des
Lebens meistern. Verglichen mit dem, was man von der Wehrzeit
in anderen Ländern und wohl auch der Rekrutenzeit in Deutschland
früher gehört hatte, ging es "uns noch Gold",
wie Kempowski einmal formuliert hat, jedenfalls sehr human zu.
Und: Eigentlich war ich und bin ich vielleicht heute noch ein
wenig stolz darüber, dass ich in dem großen Ereignis
Weltkrieg, das uns wie eine furchtbare Unwetterkatastrophe überfallen
hatte, nicht ganz inaktiv war, sondern mich doch bemüht hatte,
auf im übrigen harmloseste Weise, meine Pflicht zu erfüllen.
Abgesehen von meiner Erkrankung, die mir nach schweren Zeiten
im übrigens später noch zum Vorteil gereichte, hatte
ich mit großem Glück die Zeit überstanden, nie
so furchtbare Dinge erlebt, wie Millionen von Menschen zu dieser
Zeit. Mein nur zwei Jahre älterer Bruder, ohne jeglichen
militärischen Ehrgeiz .einfacher Soldat, war, nachdem er
sich selbst in amerikanische Gefangenschaft bei Altötting
begeben hatte, nach Bad Freyung transportiert worden und dann
mit dem gesamten Lager ohne Rücksicht auf irgendwelche Dinge
an die Russen ausgeliefert worden. Er ist auf der Krim bei Feodosia
zu Arbeiten eingesetzt worden, dann an Ruhr schwersterkrankt und
auf der Heimfahrt in Oberschlesien gestorben und beerdigt worden.
Erst 11 Jahre später erhielten wir die endgültige Nachricht
von seinem Tod! Immer noch hatten meine Eltern auf seine Heimkehr
gehofft, gelegentlich durch uns von Bekannten mitgeteilten Weissagungen
von Pendlern u. a. darin unterstützt!