Flucht aus Rumänien 1944
Ich bin als Siebenbürger Sachse in Kronstadt geboren, wo
ich zur Schule ging. Goldene, unbeschwerte Ferienwochen verbrachten
meine Schwester und ich in Detta, einem Ort rund 40 Kilometer
südlich von Temeschburg, dort war mein Vater Oberstaatstierarzt
des Bezirkes. Als wir ausnahmsweise schon vor dem Ende des Schuljahres 1943/44
nach Detta aufbrachen, ahnte niemand von uns, dass wir Kronstadt
für immer verlassen würden. Nachdem die Stadt am 16.
April erstmals bombardiert und damit vom Kriegsgeschehen hautnah
berührt worden war, holten unsere Eltern ihre Kinder aus
dem unmittelbaren Gefahrenbereich. Dass die Ostfront in ihrem
Südabschnitt über Nacht zerbröckeln und alsbald
westlich des Landes verlaufen sollte, lag damals außerhalb
unseres Vorstellungsvermögens. Dennoch fanden sich in den
folgenden Wochen mehr Familienangehörige bei uns in Detta
ein, als es sonst der Fall war. Schließlich zählten
wir in unserem Haus dreizehn Personen, die von den Ereignissen
im Sommer 1944 überrascht wurden.
In der Nacht vom 23. auf den 24. August 1944 veränderten
sich die Verhältnisse im ganzen Land schlagartig und grundlegend,
nachdem Rumänien seine Waffenbrüderschaft mit Deutschland
aufgekündigt hatte. Eine große Unsicherheit griff um
sich. Sie wuchs, als Autos, Fahrräder und alle Rundfunkgeräte
auf behördliche Anordnung von uns abzugeben waren und die
ohnehin spärlichen Informationen dadurch ganz versiegten.
Eines Tages fuhren deutsche Heeresverbände mit Lastkraftwagen,
Kanonen und Panzern - aus dem achtzehn Kilometer entfernten Jugoslawien
kommend - durch Detta in Richtung Temeschburg, für viele
von uns ein Hoffnungszeichen. Wir erfuhren, dass die Soldaten
der "Prinz-Eugen-Division" angehörten, die mit
der Partisanenbekämpfung auf dem Balkan betraut war. Als
bald danach viele dieser Fahrzeuge mit Verwundeten südwärts
zurückfuhren, hörten wir, dass die Besetzung von Temeschburg
nicht mehr gelungen war, weil rumänische und russische Truppen
sich dort bereits verschanzt hatten und erbitterten Widerstand
leisteten. Einige Leute, die es mit der Angst zu tun bekamen,
baten mitgenommen zu werden und verließen mit den deutschen
Militärfahrzeugen Hals über Kopf noch während der
Nacht ihr Zuhause.
Die folgenden Tage wurden unruhig, obwohl es vorerst ruhig blieb.
Allein die Ungewissheit im Blick auf das Kommende wurde von Stunde
zu Stunde unerträglicher und von vielen sich widersprechenden
Gerüchten ständig genährt. Anfang September 1944
hieß es dann, dass alle Volksdeutschen das mutmaßliche
Kampfgebiet der nächsten Tage für etwa zwei Wochen räumen
sollen. Daher begannen Vorbereitungen für den vorübergehenden
Wegzug aus dem gefährdeten Bereich. Pferdewagen wurden mit
dem Notwendigsten beladen und startklar gemacht. Auch wir packten
auf ein ausgeliehenes Bauernfuhrwerk vier schwere Säcke mit
Hafer und viel Heu als Futter für ein ebenfalls ausgeborgtes
Zugpferd, drei große verzinkte Blechbottiche mit frisch
zerlassenem Schweineschmalz, etliche Speckseiten, einige Brotlaibe
und weitere haltbare Nahrungsmittel, um für die nächsten
Tage versorgt zu sein. Danach bestieg eine zehnköpfige Familiengemeinschaft,
die sich auf dem restlichen Wagenplatz im Heu zusammenpferchte,
das uns ungewohnte Fahrzeug. Unsere Omi war mit einundsechzig
Jahren die Älteste, mein Vetter Horst als achtmonatiges Baby
das jüngste Familienmitglied in der Wagenrunde. Meine Eltern
mit der anderen Großmutter, unserer "Grießi",
hatten sich entschlossen, in Detta zu bleiben. Am 14. September
nahmen wir Abschied und trennten uns in der Hoffnung auf baldige
Rückkehr.
Die Hauptverantwortung für unsere Wagengemeinschaft fiel
meinem Onkel Hubert, "Putter" genannt, dem jüngsten,
damals sechsunddreißigjährigen Bruder meines Vaters
zu. Ich hatte als sein Gehilfe zu fungieren, womit meine bisher
unbeschwerte Jugendzeit ein jähes Ende fand. Beide hatten
wir wenig Ahnung vom Umgang mit Pferd und Wagen, aber vor und
hinter uns genügend Kundige unter den Schicksalsgefährten.
Von ihnen lernten wir rasch alles Nötige wie Füttern
und Tränken, das Aus- und Einspannen und merkten auch bald,
dass unser "Moritz" als Einspänner die schwere
Wagenlast allein nicht lange würde bewältigen können.
Wir zählten, abgesehen von allem anderen, immerhin fünf
Erwachsene, zwei Jugendliche und drei Kinder auf unserem Gefährt.
Bei dicker Staubschicht auf der Straße knirschten die mit
eisernen Reifen beschlagenen großen Räder etwas gedämpfter,
wenn sie angesichts unseres Gewichtes Steine zermalmten, nicht
selten aber tiefe Rillen in den Boden schnitten. Man muss mit
einem solchen Bauernwagen gefahren sein, um nicht nur die Schwere
seiner trägen Bewegung von Schlagloch zu Schlagloch, sondern
auch das Glücksgefühl nachempfinden zu können,
etwas Heu unter sich zu haben.
Rumänien ließen wir bald hinter uns. Bei Stamora überschritten
wir die Grenze in Richtung Werschetz (Vrac). Erstmals gelangten
wieder Berge in unser Blickfeld, aber auch vage Ängste regten
sich, nunmehr jugoslawisches Partisanengebiet zu durchfahren.
Um uns orientieren zu können, hatten wir aus einem geografischen
Atlas die entsprechenden Seiten herausgerissen und mitgenommen.
Leider sind die Blätter verloren gegangen, sodass ich die
von uns zurückgelegte Wegstrecke lediglich aus dem Gedächtnis
wiedergeben kann.
In Jugoslawien erhielten wir von der deutschen Wehrmacht ein zweites
Pferd. Es war, verglichen mit unserem wohlgenährten Fliegenschimmel,
ein magerer, dunkelfarbiger Gaul, der sich jedoch bald als verlässliches
Zugpferd erweisen sollte. Wir gaben ihm den Namen "Max".
Unser Moritz hatte es schnell heraus, die Vorteile des Zweigespanns
genießen und Max die Hauptlast des Anzuges überlassen
zu wollen.
Die Aussicht auf eine baldige Um- und Rückkehr wurde immer
unwahrscheinlicher. Dass es fortan keine Richtungsänderung
mehr gab, erschien mir damals nicht unerwünscht. Jeder Kilometer
in westlicher Richtung brachte uns doch jenem Land näher,
von dem uns gesagt worden war, es sei in jeder Hinsicht unübertrefflich.
Schon unsere Altvorderen hatten stets überschwänglich
von Deutschland als dem "Reich" gesprochen, woher unsere
Ahnen zu Zeiten Kaiser "Barbarossas" vor vielen Jahrhunderten
nach Siebenbürgen eingewandert waren. In der überlieferten
Erinnerung wie in unserer durch Propaganda genährten Phantasie
erschien uns dieses Reich, dem Siebenbürgen in seiner Geschichte
politisch niemals zugehörte, in einem unbeschreiblichen Glanz.
Mit ganz außergewöhnlichen Erwartungen näherten
wir uns unentwegt diesem "Großdeutschen Reich",
das auch Österreich mitumfasste. Was bedeutete demgegenüber
schon all das, was wir im Begriffe waren hinter uns zu lassen?!
Bei Titel überquerten wir die Theiß, Ungarns längsten
Fluss, um uns dann weiter in Richtung Neusatz (Novi Sad) zu bewegen.
Wir fanden überall unterwegs freundliche Aufnahme, insbesondere
bei den Schwaben im Banat und in der Batschka. Sie sahen in uns
die Vorboten eines Schicksals, das auch ihnen widerfahren könnte.
Niemals mussten wir Hunger leiden. In den Orten, wo wir anhielten,
wurde Essen ausgegeben. Da stand dann jeweils ein Familienmitglied
mit einer Milchkanne in der Schlange an, um die Portionen für
alle Wageninsassen in Empfang zu nehmen. Gulasch(suppe) in vielen
Variationen war das Hauptgericht in Ungarn, für unsere Gaumen
oft ungewohnt scharf papriziert, aber von den Hungrigen mit großen
Brotmengen doch gern gegessen. Reife Trauben konnten und durften
wir uns aus den Weingärten holen, die unseren Weg über
weite Strecken säumten.
Neusatz war zu jener Zeit eines der Angriffsziele alliierter Bomber.
Wir befanden uns nahe genug, um den Anflug der Geschwader beobachten
und die Detonationen in der Stadt hören zu können. Die
Realität des Krieges blieb uns auf den Fersen. Langsam zogen
wir über Werbaß, Kula und Sombor in nordwestlicher
Richtung weiter, bis wir schließlich bei Baja die Donau
erreichten. Die Brücke war wenige Tage vor unserer Ankunft
von amerikanischen Bombern getroffen und zerstört worden.
Das hatte zur Folge, dass sich eine große Zahl von Flüchtlingswagen
in und um Baja staute. Sie alle konnten lediglich mit Fähren
auf das rechte, westliche Donauufer befördert werden. Wir
kamen an die Reihe, als es zu dämmern begann. Eine Fähre
vermochte etwa zwanzig Pferdefuhrwerke aufzunehmen. Während
der Überquerung des hier schon breiten Stromes musste sich
jeweils eine Person bei jedem unserer vielen Pferdegespanne aufhalten.
Alles ging reibungslos vor sich. Nachdem wir am anderen Donauufer
die Fähre verlassen hatten, war es mittlerweile so dunkel
geworden, dass die Pferde am Zaum im Schritttempo geführt
werden mussten. Bis Bátaszék waren noch siebzehn Kilometer
zurückzulegen. Nach Mitternacht trafen wir dort ein und lagerten
erschöpft, Wagen neben Wagen, auf dem Hauptplatz. Die Pferde
wurden nur einseitig ausgespannt, um ihnen etwas Bewegungsfreiheit
zu verschaffen, während die Menschen in und unter den Wagen
einen Ruheplatz für sich suchten. Es war wohl das einzige
Mal, dass wir eine Nacht unter freiem Himmel und ohne ein Schutz
bietendes Dach über dem Kopf zubrachten. Stets wies man uns
entweder Privatunterkünfte oder Wirtschaftsgebäude,
Schulen oder andere Großräume zum Übernachten
an.
Bei Siófok gelangten wir an den Plattensee, umrundeten dessen
Ostseite und zogen in Richtung Veszprém weiter. Unser Treck wuchs
zwischenzeitlich auf mehrere hundert Wagen an, weil immer neue
Kolonnen zu unserer Gruppe hinzustießen. Nirgendwo erlebten
wir das Kriegsgeschehen dramatischer als im Umfeld des Plattensees.
Dorthin waren Industriebetriebe aus Budapest ausgelagert worden
und das wussten natürlich auch die Alliierten. Über
dem See pflegten sich ihre Bomber noch einmal zu formieren, bevor
sie sich ihrer todbringenden Last über den Zielorten entledigten.
Zu ihrem Schutz trafen immer wieder sehr schnelle Jagdflugzeuge
ein, die im Tiefflug auch Flüchtlingskolonnen unter Beschuss
nahmen. Dann galt es jedesmal, rasch aus den Wagen in die Straßengräben
zu springen. Die englischen Doppelrumpflangstreckenjäger
("Lightnings") beeindruckten mich überaus. Im Nu
waren sie da und ebenso schnell wieder verschwunden. Es gab immer
wieder Verletzte, gelegentlich auch Tote, doch insgesamt weit
weniger Verluste als zu befürchten war. Vermutlich wollten
die Piloten nur Unruhe und Angst verursachen, ohne jedoch ein
Massaker unter den westwärts flüchtenden Zivilisten
anzurichten. Um Veszprém erlebten wir die intensivste Tätigkeit
der ungarischen Flugzeugabwehr. Ihre Geschütze feuerten beim
Anflug feindlicher Geschwader bei Tag und bei Nacht unentwegt,
wobei ihnen während der Dunkelheit zahllose Scheinwerfer
die Ziele zu weisen suchten. Wir sahen getroffene Flugzeuge in
Brand geraten und abstürzen, einmal einen Piloten am Fallschirm
zu Boden pendeln, der von Feldpolizisten umgehend festgenommen
wurde. Glücklicherweise konnten wir den Hexenkessel bald
hinter uns lassen.
Wir steuerten Ödenburg (Sopron) an und erlebten auf der Strecke
vor der "burgenländischen" Grenze eine Überraschung.
Plötzlich tauchte mein Vater auf. Wie ein Lauffeuer hatte
sich die Nachricht von Wagen zu Wagen verbreitet, er sei gesehen
worden. Wir konnten es nicht glauben, bis er wirklich vor uns
stand, staubig, unrasiert, erschöpft. Er hatte uns bis weit
nach Ungarn hinein gesucht und schon das Schlimmste befürchtet.
Am 22. September waren auch meine meine Eltern aus Detta aufgebrochen. Mit
einem Bauernwagen gelangten sie bis zum Grenzort Stamora, blieben
einen Tag und fuhren mit einem anderen Wagen, geführt von
einem ortskundigen Kutscher, über Feldwege bis Sitschidorf,
einer deutsch-schwäbischen Gemeinde im serbischen Banat.
Angesichts der unausweichlichen Strapazen und meiner kränkelnden
Mutter, aber auch wegen der rasch vorrückenden Russen, bemühte
sich mein Vater durch Vorsprache beim deutschen Wehrmachtskommando
in Großbetschkerek um die Erlaubnis, einen der regulären
Züge durch Ungarn benützen zu dürfen. Nach Erhalt
der Genehmigung verließen meine Eltern mit unserer Grießi
unter Zurücklassung aller größeren Gepäckstücke
am 27. September endgültig das Banat und damit die alte Heimat.
Mit der Bahn gelangten sie über Wien nach Alberschwende im
Bregenzerwald, wohin die in Friedrichshafen ausgebombte Familie
des mittleren Bruders meines Vaters evakuiert worden war.
Allein kehrte mein Vater von dort wieder um. Er wollte versuchen,
von dem zurückgelassenen Gepäck einiges nachzubringen.
Doch dieses Vorhaben erwies sich als undurchführbar. Längst
war die Front so weit vorgerückt, dass jeder Versuch, noch
einmal in das serbische Banat zu gelangen, scheitern musste. Er
kam nur noch bis an die mittlere Donau und begann in der Gegend
von Baja unter den Flüchtlingskolonnen nach uns zu suchen,
tagelang freilich ohne Erfolg. Im Durcheinander Tausender westwärts
Treckender fand sich niemand, der Auskunft über unseren Verbleib
geben konnte. Der Zeitberechnung zufolge blieb Schlimmes nicht
auszuschließen. Wir hätten in den Bombenangriff auf
die Donaubrücke von Baja hineingeraten und mit vielen anderen
Flüchtlingen umkommen können, wenn die Zeitverzögerung
in einem Dorf nördlich von Neusatz nicht eingetreten wäre.
Ohne eine Spur von uns gefunden zu haben, trat mein Vater den
Rückweg an, zu Fuß, per Wagen, mit Auto, jede Gelegenheit
nutzend, nicht zuletzt auch, um bei den überholten Trecks
weiter nach uns zu forschen. Als die Hoffnung zu schwinden drohte,
entdeckte er unsere Namen auf einer der Flüchtlingslisten.
Nahe der damaligen Reichsgrenze stieß er auf unsere Kolonne
und fand uns wohlbehalten inmitten von etwa dreihundert Pferdewagen.
Das Überschreiten der Grenze von Ungarn ins Großdeutsche
Reich hat bei mir keinen nennenswerten Eindruck hinterlassen.
Wir kamen am Abend jenes Tages, es war Dienstag der 17. Oktober,
bis nach Wulkaprodersdorf im heutigen Burgenland, damals Gau Niederdonau.
In der zweiten Oktoberhälfte war es nachts schon empfindlich
kühl. Wieder fanden wir Unterkunft in einem Großraum
und schliefen auf Stroh, für uns die letzte Nacht in der
Gemeinschaft derer, die mit uns so lange unterwegs gewesen waren.
Am nächsten Morgen galt es, Abschied zu nehmen von vielen
Menschen, aber auch von unserem braven Pferdegespann Max und Moritz
sowie von unserem "Zigeunerwagen". Max musste zur Wehrmacht
zurück, Moritz und der Wagen wurden veräußert
und der Erlös denen übermittelt, die uns beides zur
Verfügung gestellt hatten. Mit wenigen Habseligkeiten, die
wir leicht tragen konnten, ging es nach Wien, wo wir Unterkunft
bei einem Vetter meines Vaters fanden und etwas vom furchtbaren
Bombenterror über deutschen Großstädten miterlebten.
Unsere Weiterfahrt erfolgte per Eisenbahn mit Dampflokomotive
bis Attnang-Puchheim, von wo weg die Strecke westwärts über
Salzburg, Innsbruck und den Arlberg damals schon elektrifiziert
war. Als wir im vorarlberger Schwarzach den Zug verließen,
erwartete uns dort ein Bauernwagen, dem wir unsere wenigen Gepäckstücke
und uns selbst anvertrauten, bis die holprige Steinstraße
zu steigen begann und alle Gehfähigen zur Entlastung abstiegen,
um den allerletzten Abschnitt unseres Weges zu Fuß zurückzulegen.
Am Dienstag, den 24. Oktober, gut fünf Wochen nach unserem
Aufbruch aus Detta trafen wir in Alberschwende ein und sahen uns
als Familie wieder vereint. Ein neuer Lebensabschnitt begann für
uns.
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