Kriegsende in Alberschwende / Vorarlberg 1945
Nach unserer Flucht aus Detta in Rumänien trafen wir als Familie gut
fünf Wochen später, am Dienstag, den 24. Oktober 1944, in
Alberschwende ein. Dorthin war die in Friedrichshafen ausgebombte
Familie eines Bruders meines Vaters evakuiert worden. Schließlich sahen auch wir uns als
Familie dort wieder vereint. Ein neuer Lebensabschnitt begann für
uns als Siebenbürger Sachsen. Wir fanden uns in einem Bregenzerwälderhaus
im Ortsteil Fischbach neben der dortigen Kapelle vor, das, abgesehen
von seinem Fundament, ganz aus Holz gezimmert war und uns ein
Gefühl von Wärme und Geborgenheit vermittelte. Wir hatten
das bitter nötig, denn erst jetzt wurde uns - auch mir -
so richtig bewusst, in was für eine Lage wir geraten waren.
Außer uns selbst hatten wir nichts mehr vorzuweisen. Vor
kurzem noch wohlhabend, erfuhren wir uns jetzt als "Habenichtse"
in einem uns fremden Land unter Leuten, deren alemannischen Dialekt
wir nur mit Mühe verstanden und deren Gewohnheiten und Bräuche
uns ebenso fremd waren wie die Art ihrer römisch-katholischen
Frömmigkeit. Nicht leicht fiel uns auch der Umgang mit Lebensmittelkarten
und -marken sowie mit Bezugsscheinen für fast alle Bedarfsgüter
des täglichen Lebens. Großdeutschland schickte sich
eben an, alle seine Ressourcen dem "Endsieg" dienlich
zu machen.
Meine Schwester und ich hatten all das Neue, auf uns Einstürmende,
noch gar nicht richtig aufnehmen, geschweige denn verarbeiten
können, als mein Vater sich mit uns beiden abermals auf den
Weg machte, um in der Landeshauptstadt Bregenz nach geeigneten
Schul- und Unterbringungsmöglichkeiten zu suchen. Natürlich
steuerten wir, wie das für Siebenbürger Sachsen selbstverständlich
war, zunächst das evangelische Pfarramt an, wo wir uns vorstellen
und von unserem künftigen Pfarrer hilfreichen Rat erbitten
wollten. Wir erfuhren ihn kurz angebunden. Unser Anliegen erschien
ihm als Zumutung. "Ich bin doch kein Wohnungsamt, liebe Leute",
stellte er ungeduldig fest, beendete alsbald das Gespräch
und entließ uns. Glücklicherweise fielen wir in der
Pfarramtskanzlei auch noch der Gemeindehelferin in die Hände,
die sich uns verständnisvoller annahm.
Meine Schwester kam auf die Mädchenschule und fand gute Aufnahme
in einer evangelischen Industriellenfamilie. Mich brachte mein
Vater zur damaligen Oberschule für Knaben, deren Direktor,
ein Liechtensteiner, von dem man sagte, er sei ein überzeugter
Nationalsozialist, mich in eine der vierten Klassen führte.
Beim Betreten des Raumes sprangen die Schüler auf und nahmen
Haltung an. Er hieß sie, sich setzen, sah in die Runde und
wies mir nach kurzer Überlegung einen Platz neben einem Jungen,
Kurt, an, der mein Freund wurde und bis zur Matura mein Banknachbar
blieb. Auch meine Unterbringung in Bregenz gelang umgehend. Ich
kam in das Schülerheim im Kloster Mehrerau. Es sollte die
schlimmste Zeit meines Lebens werden.
Mit dem Geist eines Klosters hatte das Heim nichts zu tun, im
Gegenteil. Sämtliche Gebäude waren von 1941-1945 zwangsbeschlagnahmt.
Wir darin Untergebrachten sahen uns einem für mein Empfinden
schrecklichen Drill vom Aufstehen bis zum Schlafengehen ausgesetzt.
Zu den Essenszeiten hatten wir anzutreten. Geschlossen rückten
wir in den Speisesaal ein, aßen gleichsam auf Befehl und
jeder raffte an sich, was er zu erlangen vermochte. Das alles
war mir in tiefster Seele zuwider. Ich erfuhr mich als Außenseiter,
der sprachlich mit dem Alemannischen schwer zurecht kam und manches
andere nicht mitmachen mochte. Ich zählte Tage und Stunden
bis zu jenen Wochenenden, an denen die Heimfahrt erlaubt war und
konnte mich angesichts des immer wieder nahenden Montags auch
in Alberschwende nicht mehr richtig entspannen. Von meines Vaters
Bruder Walter, unserem "Nickonkel", der als Landwirt
einen ansehnlichen Bauernhof in der Nähe von Überlingen
am Bodensee bewirtschaftete, erhielt ich ein gebrauchtes Fahrrad,
um die Wegstrecke aus der Mehrerau zur Schule in der Gallusstraße
leichter bewältigen zu können. Nach kurzer Zeit waren
meine Fahrradschläuche böswillig durchstochen. Heute
lässt sich nicht mehr erahnen, welche Schwierigkeiten damals
mit jeder Reparatur verbunden waren. Gegen Kriegsende ließ
sich kaum noch etwas bekommen, es sei denn durch Beziehungen oder
von Verwandten. Meiner Schwester blieb meine Misere nicht verborgen
und durch sie auch ihren Quartiergebern nicht. Diese nahmen mich
nach den Weihnachtsferien im Januar 1945 schließlich ebenfalls
bei sich auf. So geriet ich wieder in geordnete Verhältnisse.
Das Schuljahr dauerte nicht mehr lang. Schon im April sahen sich
die Schüler nach Hause entlassen, weil die Front heranrückte.
Nicht ungern verließen wir Bregenz mit dem Ziel Alberschwende,
um bei den Unseren zu sein.
Der Krieg ging zu Ende und mit ihm das "Großdeutsche
Reich". Was wir erlebt hatten, entsprach ganz und gar nicht
jenen Vorstellungen, mit denen wir wenige Monate zuvor aus der
Heimat westwärts gezogen waren. Den gepriesenen Zusammenhalt
aller erfuhren wir nicht, vielleicht nicht mehr, wohl noch Opferbereitschaft
und Selbstlosigkeit einzelner. "Deutsches" Empfinden
war allgemein geschwunden, im wiedererstehenden Österreich
außer Kurs geraten, ja sogar verpönt. Als Widerstandskämpfer
wollten auch solche gelten, die im letzten Augenblick noch auf
deutsche Soldaten geschossen hatten. Solche "Heldentaten"
blieben mir unbegreiflich.
Kurz vor Kriegsende folgten wir einem Aufruf, sich im Dorfzentrum
von Alberschwende Lebensmittel abzuholen. Die vorhandenen Lagerbestände
sollten vor dem Tag "X", der Besetzung durch fremde
Truppen, an die Bevölkerung verteilt werden. Also machten
auch wir uns - mein Vater mit seinen beiden Kindern - auf den
Weg. Mit vollen Rucksäcken und Tragetaschen samt Kunsthonig
in einer Milchkanne befanden wir uns bereits auf dem Heimweg,
als französische Tiefflieger über uns hinwegfegten.
Ihre Geschossgarben schlugen rechts und links von uns ein, dass
die Steine auseinanderspritzten. Ehe wir Kinder uns des Vorgangs
bewusst werden konnten, warf mein Vater sowohl meine Schwester
als auch mich in den Straßengraben, bevor er selbst hinterhersprang.
In wenigen Augenblicken war alles vorbei. Was hätte passieren
können! Mit geringen Hautabschürfungen gelangten wir
wohlbehalten nach Hause.
In den folgenden Tagen eroberten die Franzosen das "Ländle"
Vorarlberg. Als Sturmtruppen setzten sie Marokkaner ein. Mädchen
und Frauen mussten vor ihnen auf der Hut sein. "Vae victis"
- wehe den Besiegten! Trotz aller traurigen Vorkommnisse befand
sich Österreich in einer günstigeren Lage als Deutschland.
Die alliierte Viermächtebesetzung endete nach zehnjähriger
Dauer mit der Unterzeichnung des österreichischen Staatsvertrages.
Da mein Vater als Tierarzt in Hittisau im mittleren Bregenzerwald
dringend gebraucht und offiziell eingesetzt wurde, zogen wir zu
fünft mit unserer Omi von Alberschwende nach Langenegg.
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