Mein Vater ist in Thüringen geboren, seine Universitätsausbildung
erhielt er in Halle/Saale und ist etwa 1923 nach Argentinien ausgewandert.
Dort war er Journalist in der Nachrichtenfirma des Joshua Powers
tätig und kehrte kurz vor meiner Geburt 1928 mit seiner jungen
Frau nach Deutschland zurück.
Mein Vater trat 1933 in die NSDAP ein und gehörte später
dem NSKK ( Nationalsozialistisches Kraftfahrkorps
) an. Er arbeitete im Reichsnährstand und vertrat Deutschland
im Ausland bei Agrarkonferenzen. Kurz nach Kriegsanfang wurde
er Angehöriger der "Abwehr" unter Admiral Canaris.
Die Familie oder wenigstens wir fünf Kinder, wussten wenig
von seiner politischen Neigung, denn Papito (wie wir ihn in der
kastilianischen Art nannten) war viel auf Reisen.
Eines Tages kam Vater in hoher Offiziersuniform nach Hause. Ein
Grund hierfür wurde nicht erwähnt. Vater war sehr streng
mit uns: "Man hört Kinder nicht, sieht sie nur!"
Als ich 10 war, sträubte sich mein Vater anfänglich,
dass ich der HJ ( dem "Jungvolk" ) beitreten würde.
Er sah aber ein, dass es für ihn nicht gut wäre, wenn
er seine Zustimmung für meinen Eintritt nicht gäbe.
Um meine Erziehung und Zukunft zu sichern, beschloss mein Vater,
mir in der NAPOLA Potsdam das Studium zu ermöglichen. Ich
war 11 Jahre alt, als ich die Aufnahmeprüfung für die
NAPOLA bestand. Was mir damals nicht so bewusst war, war dass
ich "rassisch rein" sein musste, einen langen ( arischen
) Ahnenpass vorzuweisen hatte und körperlich ( sportlich
) fit sein musste.
Nach der medizinischen Untersuchung kurz nach Kriegsanfang wurde
ich Anfangs 1940 dort angenommen. Der Übergang von der Goetheschule
in Berlin war für mich schwer, denn sportlich war ich weniger
als Durchschnitt, was mir in den nächsten paar Jahren täglich
das Leben verbitterte.
Die Klassen in der NAPOLA wurden "Züge" genannt
und der meine hatte etwa 25 Jungs von allen möglichen Bevölkerungsschichten.
Übrigens, der Potsdamer Anstaltsleiter hatte einen türkischen
Orden von seiner Tätigkeit im ersten Weltkrieg im "Deutschen
Asienkorps", im Vorderen Orient, als deutscher Offizier im
Kampf gegen Lawrence of Arabia erhalten und verlor dort auch einen
Arm.
Wer im Sportlichen hervorragte, wurde Zugführer, aber obendrein
hatten wir erwachsene "Zugführer", die Hälfte
von ihnen waren Zivilisten und die andere Hälfte SA, SS oder
Militärangehörige, nicht unbedingt Offiziere.
Da war ein ehemaliger SA-Mann Möller, der sogar in London
Lehrer gewesen war und Cockney mit uns sprach. Ein Anderer, mit
Namen Bischoff, sehr beliebt und freundlich. Sie waren "Dienstoffiziere"
für 2 Tage, neben ihren Lehrpflichten und als solche die
ersten, die wir morgens sahen und hörten mit "Aufsteh'n!"
und einem Pfiff ihres Adjutanten, einer der Jungmannen eines höheren
Zuges oder Hundertschaft. Wir hatten drei davon.
Was wir am Leib trugen war 100% Napola-Zeug, sogar die Socken.
Wir hielten all dieses mit Nadel und Zwirn in gutem Zustand, also
Nähen war etwas, was man von Zuhause mitbrachte, es wurde
einem nicht beigebracht. Wir waren eine Oberschule, geführt
und gelehrt von einem Zugführer Müller, während
Sport und Mathematik - wenigstens für 2 Jahre - Herrn Erkenbrecher
unterstanden. In meiner Erinnerung ein Sadist aber nur gegen diejenigen,
die "auffielen", sowie bei solchen, denen ein Nagel
in der Stiefelsohle fehlte oder der seinen Spind nicht akkurat
gepackt hatte beim Appell.
Ich zitterte vor dem Erkenbrecher jeden Montagmorgen, wenn er
Zugführer vom Dienst war, denn es war das Brüllen eines
Wilden, der uns um 6 Uhr aus dem Schlaff riss und dann über
den Appellplatz jagte, der mit riesigen Kastanienbäumen umstanden
war.
Frühstück war um sieben und montags war der am wenigsten
beliebte Tag, aber wir waren uns bewusst, dass die "draußen"
nur auf Lebensmittelkarten lebten. Im Spind hatte ich einen Topf
mit Mostrich, erhältlich als das einzige Lebensmittel ohne
Karte. Das war das Einzige, was ich auf Brot tat welches ich mir
immer unter der Jacke mit nahm vom Speisesaal und später
am Tag aß.
Am Tisch saßen acht Jungs, wir hatten unsere "Stammtische",
mit dem Tischführer immer ein Jungmann. Vorgesetzter, also
Zugführer oder Stubenältester. Dieser war der erste,
der sich bediente, während zwei der anderen Kameraden Helferpflichten
hatten, d.h., dass sie das Essen auf Tabletts an ihre Tische brachten.
Die anderen sieben Stühle waren nach den Tagen der Woche
benannt und je nach Tag durfte sich der entsprechende Junge als
zweiter bedienen, was am Donnerstag und Wochenende sehr erwünscht
war, denn da gab es besseres Essen.
Um fair zu sein, wurde diese Ordnung jede Woche im Uhrzeigersinn
verschoben, sodass man nach 6 Wochen immer denselben Stuhl innehatte.
Das weibliche Personal in der Küche waren Zivilisten. Wir
hatten mit ihnen keinen Kontakt, aber es war offensichtlich, dass
an gewissen Tagen eine anonyme Großmama, die ihre Enkel
lieb hatte, etwas extra für uns tat.
Dann begann um acht der Schulunterricht, deutsch, englisch (mein
Lieblingsfach), Mathe (hasste ich, denn Erkenbrecher war da mein
Nemesis...), Physik, Geographie (auch mein Favorit). Jedes Fach
wurde gelehrt von einem Erzieher (Anstaltsfakultät) oder
Zivilisten die nicht in Uniform auftraten und als solche täglich
"von draußen" kamen. Sie nahmen als solche auch
nicht am Morgenappell auf dem Appellplatz teil.
Auf diesem wurden die Befehle für den Tag ausgesprochen,
Kritiken bekannt gegeben mit den dazu gehörenden Strafen
für die, die "aufgefallen" waren und einmal sogar
das Schlimmste, das einem passieren konnte: Aus der Anstalt wegen
Unehre ausgewiesen zu werden. Ein solcher Fall ist mir im Gedächtnis
geblieben: Der Groß-groß-groß-Enkel eines friderizianischen
Generals war schuldig des Kameradendiebstahls. Seine Eltern mussten
ihn auf der Stelle vom Antreteplatz abholen. Er hatte einen Cousin
in einem anderen Zug, dem aber zum Glück nichts vorgeworfen
wurde.
Im Jahre 1941 wurde die erste Klasse der Achtzehnjährigen
entlassen. Alle gingen als Offiziersanwärter in die Truppe
ihrer Wahl. Darunter war auch ein junger Mann, in Peru geboren,
der zur Marine ging und am Ende des Krieges zweiter Offizier auf
einem Schnorchel-U-Boot war. Im September 1945 kreuzten sich unsere
Wege auf dramatische Art ohne dass wir uns bewusst waren, dass
wir in 1941 auf dem selben Boden gestanden hatten - ich, in Ehrfurcht
vor ihm und seinen kriegsbereiten Kameraden und er in Erwartung
auf das, was das Schicksal ihm bringen würde.
Ich kann mich nicht erinnern, ob wir noch Unterrichtsstunden nach
dem Mittagessen hatten, aber nachmittags waren Hausaufgaben, Sport
und dann das Abendbrot. Anschließend gab es vielerlei Aktivitäten,
einige musikalisch oder Vorbereitung für Theateraufführungen,
welche immer "groß" geschrieben waren. Entweder
waren es patriotische Themen oder solche von Klassikern. Ich erinnere
mich an ein Bühnenspiel während der Zeit der Siege in
Nord-Afrika. Da wurden nur gewisse Jungs ausgewählt, die
entweder musikalisch waren oder gewisse natürliche Eigenschaften
besaßen, die der Aufführung von Wert sein könnten.
So wurde ich - zu großem Mitleid meiner näheren Kameraden
- beordert, die Rolle eines britischen Majors zu spielen, sogar
in englischer Uniform, der in seinem Befehlsbunker in Gefangenschaft
kam, während seine Truppen draußen dem Feind gegenüber
standen.
Nach dem Ende gab man mir besonderen Beifall, was von da an für
mich eine Ehre war und man mir vergab, dass ich im Sport immer
am Ende stand und den Klassendurchschnitt in sogenannten Sportleistungen
herunterbrachte, was natürlich als unkameradschaftlich empfunden
wurde. Nur im Schwimmen, welches ich nun heimlich im Schwimmbecken
übte, wurde ich so gut, dass ich die Minimum 60 Punkte weit
übertraf, womit sich meine "Minuspunkte" im Sport
erheblich verminderten.
Im September 1942 wurde ich bei der Morgenparade oder Appell beim
Namen genannt und herausgerufen kurz nachdem der Kommandant erschien.
Ich stand versteinert vor diesem, als er seine Hand ausstreckte
und mir sein Beileid aussprach. Er hätte des Morgens die
Nachricht bekommen, dass das Elternhaus einer seiner Jungmannen
beim vorabendlichen RAF-Angriff schwer beschädigt wurde.
Also das war ich. Unser Haus in Charlottenburg wurde in Brand
gesetzt aber nur das vierte, obere Stockwerk war betroffen, während
meine Familie mit den anderen Hausbewohnern im Keller saß.
Dann fügte er hinzu, dass mein Vater am Vortag in einem Krankenhaus
gestorben sei und er eine Ehrenwache zu seinem Begräbnis
schicken würde, für die ich mir zehn meiner Kameraden
aussuchen konnte.
Mein Vater starb also plötzlich, bekam ein Staatsbegräbnis,
zu dem hohe Militäroffiziere und auch Parteifunktionäre
erschienen waren. Man sagte uns nichts über die Umstände
seines Todes und der Sarg durfte auch nicht geöffnet werden.
So nahmen wir an, dass das eine Ehre war, die man unserem Vater
erwies, für seine treuen Dienste die er seinem Vaterland
geleistet hatte.
Nun bekam ich eine Woche frei. Was immer Mutti wusste von den
Umständen meines Vaters Tod, sie hat es mir nie erklärt.
Je weniger Kinder wussten von der Politik der Eltern, desto besser.
Kinder schwatzen und geben unschuldigerweise Geheimnisse preis,
die besser in der Familie geblieben wären.
Ich hatte also in der Napola frei bekommen und kam vom Bahnhof
in die Suarezstraße gegenüber vom Lietzensee und da
waren Lastwagen und auch Leute in SA-Uniform, die alle Trümmer
beiseite räumten. Ein Polizist gab mir die Anschrift, wohin
man meine Familie geschickt hatte, zur Kantstrasse und dort fand
ich meine geliebte Stiefmutter, eine Schwester meines Vaters und
meine vier Brüder und Schwestern.
Meine Stiefmutter hatte nichts aus dem zerstörten Haus gerettet.
Mit wenigem Gepäck brachte ich sie zur Bahn, um sie mit meinen
Geschwistern zusammen zu bringen. Meine Schwester, von der ersten
Ehe meines Vaters, war als Vierzehnjährige als Krankenschwester
eingezogen worden. Ich konnte sie kurz besuchen in einem Bauernhof
in Brandenburg, wo man ihr zehn Schwerverwundete von der Ostfront
in Güterwagen gab, diese zu betreuen und im Stroh zwischen
den Soldaten schlief. Es war für mich ein fürchterlicher
Eindruck, das kleine Mädchen inmitten der stöhnenden
Kriegsopfer zu finden, mit nur einem kleinen Koffer voller Habseligkeiten.
Ich habe kürzlich den Bericht eines Kameraden aus der NAPOLA-Potsdam
gelesen. Dieser Kamerad Lorenz war in meinem Zug, er war der Kleinste
von uns. Ein toller Musikkünstler, der jedes Musikinstrument
spielen konnte, das man in einen großen Wäschekorb
tun kann. Er war der Gehilfe des Zugführers Müller und
oftmals bei Proben, so dass er nicht immer all das Schleifen für
bestimmte Vorfälle mitmachen musste. Alles, was er schrieb
über unser tägliches Leben könnte aus meinem eigenen
nicht geschriebenen Buch genommen worden sein. Nur, er drückte
es besser aus. War ein lieber Kamerad. Ich hatte aber keine Ahnung,
dass er zwei Jahre jünger war als ich, denn er hat alles
mit uns mitgemacht. Die Behandlung von den Russen, wie er sie
beschrieb, muss für ihn ein Glücksfall gewesen sein,
denn der Rest der Klasse wurde fürchterlich behandelt.
Die Hälfte meiner Zeit in Potsdam war erfüllt mit der
Angst "aufzufallen", was ja der Lorenz so gut beschrieben
hatte. Die Potsdamer Anstalt war zur Zeit Hitlers eine "Stabila"
- Staatliche Bildungsanstalt. So kam es, dass wir nur oberflächliche
Nazipropaganda mitmachten und für England hatten wir keinen
Hass. Unser Austauschland war Suomi - Finland.
Wir waren also nicht gezwungen, Nazifunktionäre zu werden.
Alle 18-Jahrigen, so viel ich weiß, traten in die verschiedenen
Truppengattungen der Wehrmacht.
Ich war vor ein paar Jahren Gast in Berlin bei einem ehemaligen
Jungmann, den ich nicht von Schulzeiten kannte, den ich aber übers
Internet kennen lernte, und der mich für ein paar Tage in
Berlin herumführte. Ich wollte gern einmal mein ehemaliges
NAPOLA-Gebäude sehen und betreten. Da mein Kamerad den typisch
deutschen Gehorsam im Blut hatte, riet er mir ab von einem Besuch,
denn es war ein "out-of-bound" Komplex für Zivilisten.
Ich sagte ihm "vielleicht für deutsche Zivilisten, warte
nur bis mich einer fragt, was wir hier tun...". Ich wollte
ihm eigentlich nur damit zeigen, dass wir in den USA anders denken
über die, denen wir unsere Stimme gaben, damit sie ein Amt
haben. So ging ich also alleine ins Gebäude, Kamera um den
Hals und knipste die Eingänge zum Speisesaal, meine alten
Zimmer, die auf beiden Stockwerken lagen und nordische Motive
hatten mit Geusen, Wikinger etc. Mein altes Zimmer, eins von den
kleinen mit nur 4 Betten, war nun das Vorzimmer des Präsidenten.
Na, das war ja für mein damaliges Heim eine ziemliche Beförderung.
Angestellte, die auf die Korridore traten, gingen auf Dielen,
über die wir Jungs 60 Jahre zuvor marschierten. Ich knipste
ungeniert, sogar aus dem Fenster auf meinen Gastgeber, der unten
auf einer Bank in Angst saß - wie er mir später sagte
- dass man mich herausbringen würde in Handschellen. Kein
Mensch kümmerte sich um mich, sonst hätte man was gehört
von einem "Beutegermanen", der sich noch an harte Schimpfworte
erinnert.
Das alte Krankenhaus, wir nannten es "Lazarett" war
weg, auch die Schwimmhalle, wo man Feiglinge, wie Jungmann Vogel,
auf den Befehl von Erkenbrecher von willigen Klassenkameraden
ins tiefe Wasser stieß. Einer von denen, die den Befehl
bekamen, den Schlappschwanz rauszuholen, war mein beliebter Stubenführer
G.T., der nach dem Krieg auch nach hier ( USA ) auswanderte und
mit dem ich regen Postverkehr habe.
Ich habe im Bereich "Wehrertüchtigung" nur mit
einem KK-Gewehr ( .22 lfB ) geschossen. Ich war ein guter Schütze.
Wir hatten außerdem die "Kartoffelstampfer-Handgranate"
(Übungshandgranaten) nur als Objekte für das Weitwerfen,
was wir auch mit dem Baseball taten. Da waren auch Holzwände(
genannt: Eskaladierwände ), die wir übersprangen oder
an denen wir hoch- und rüberkletterten.
Einmal im Jahr ging es in ein Zeltlager, wo wir Essen aus Gulaschkanonen
bekamen. Da kommt mir ein Zechliner See zu Bewusstsein, wo ich
meinen Freischwimmer machte, eine Ehrensache, ohne die ein Jungmann
nicht geduldet wurde. Im Zeltlager am Zechliner See, hier machte
ich den Freischwimmer. Zu unserer Ausrüstung gehörte
eine dreieckige Zeltplane. Zwölf davon machten ein Groß-Zelt
für zwölf zum Schlafen. Essen gab es aus einer Gulaschkanone.
Wir hatten keinen Unterricht, wohl aber kriegsartige Manöver,
u.a. mit Ringkämpfen, abendlichem Lagerfeuer mit Gesang und
Erzählungen. Die Erzieher (wie Mitte) trugen Trainingsanzüge,
keine Uniformen.
In Berlin wieder angekommen, besuchte ich meinen Onkel, einen
jüngeren Bruder meines Vaters, der Offizier bei der Luftwaffe
war. Er überraschte mich mit der Nachricht, dass er eine
Umschulung auf eine Heimschule im Wartheland organisiert hätte
und ich nach Posen/Birnbaum fahren sollte, anstatt nach Potsdam
zurückzukehren. Ich war nicht besonders glücklich in
der Napola, vermisste aber meine Kameraden dort.
Nach fast vier Jahren nur in Uniform von einer oder der anderen
Sorte in der Napola, hatte ich nur meine "Ausgehuniform"
an, also schwarze Hosen und. Jacke, ohne HJ- Armbinde. So kam
ich in meiner neuen Schule an, wo man nur einmal in der Woche
HJ-Uniform trug und zwar nur für zwei Stunden jeden Donnerstag-Nachmittag.
Ich erinnere mich nicht, woher meine Zivilkleidung kam und ob
ich etwas davon noch in Berlin erstanden hatte, denn ich wusste
nicht, was mich in der neuen Schule erwarten würde.
In Birnbaum hatten wir gleichen Fächer wie auf jeder anderen
Oberschule, nur viel weniger Sport. Das Akademische war gut vertreten.
Wir wohnten in einem Gebäude und gingen in ein zweites Haus
einen oder 2 zwei Blocks weiter weg, wo die Klassenzimmer waren.
Wir hatten auch "Fahrschüler", also deutsche Kinder
aus der Birnbaumer Gemeinde, auch Mädchen. Von NS-Politik
war wenig zu sehen, unsere größte Hoffnung war, dass
der Krieg nicht zu Ende gehen würde, bevor wir eine Chance
hatten, "Luftwaffenhelfer-Helden" zu werden, wie wir
sie immer in den Wochenschauen sahen.
Einer der Erzieher war SS-Mitglied, den wir manchmal in Uniform
sahen. Da war keinerlei NS-Indoktrination als die Dienst- Donnerstage,
an denen wir das Marschieren übten. In Gegensatz zu Potsdam,
waren die Schüler (nicht Jungmann genannt!), aus einfachen
Familien, Söhne von Bauern im Reich, also keine Einwohner
des Korridors. Man kann meine Erinnerung an diese Zeit als rosig
betrachten nach der unbeliebten Strenge in Potsdam.
Jedoch in Birnbaum war ich plötzlich der große Herr,
dem jede Disziplin leicht fiel. Wir hatten sogar einen Kameraden,
der buchstäblich nicht wusste wo links und rechts war, sodass
er immer beim Anmarschieren dem Vordermann in die Hacken trat.
Bei so einem Marsch durch Birnbaum sah ich, dass unsere Kolonne
aus einem Fenster heraus fotografiert wurde. Ich merkte mir Haus
und Etage und ging bei nächster Gelegenheit dort hin. Verängstigt
öffnete man mir die Tür. Als ich meinen Wunsch äußerte,
so ein Foto zubekommen, wurde man zugänglicher. Das Bild
war noch nicht da und man bat mich wiederzukommen. Ich kam bei
nächster Gelegenheit wieder, wurde freundlich bewirtet und
erhielt das Foto.
Dann war da ein Zwischenfall, wo wir eine alte Kiesgrube fanden
irgendwo hinter der Schule. Da kam einem von uns die Idee (sein
Vater war in einer Kohlenmine...) eine leere Sektflasche mit Karbid
(??) zu füllen, dann schnell Wasser drauf, Korken drauf und
in die Grube zu schmeißen. Und dann: Sie wollte nicht explodieren,
so fischte er sie aus dem Wasser und warf sie vor sich auf den
Boden und gab ihr einen Fußtritt. Das Ding explodierte plötzlich
und riss ihm vom Fuß den kleinen Zeh ab. Das war ein Kinderscherz
oder Unsinn, an den ich mich immer erinnere, wenn ich als Erwachsener
eine Sektflasche öffne.
Das letzte halbe Jahr meiner regelmäßigen Schulzeit
war eine glückliche, denn es war eine Pause für mich
vom Militarismus - bis zur Ausbildung bei der Heimatflak in Büsum/Schleswig-Holstein.
Am Ende von 1943 wurde meine Klasse in Posen gesundheitlich untersucht
und alle von uns wurden dann im Februar 1944 Luftwaffenhelfer.