In Schmiedeberg im Riesengebirge (heute: Kowary, Polen), der Stadt,
in der ich aufgewachsen bin, erhielt ich mit anderen Jugendlichen
im Alter von 14 - 16 Jahren im April 1945 die Einberufung durch
die Wehrmacht in ein Wehrertüchtigungslager nach Spindelmühle.
Eine Woche nach unserem Eintreffen dort wurde aber dieses Lager
auch schon wieder aufgelöst. Durch die SS mit Waffen ausgerüstet,
erhielten wir den Auftrag, uns zu Fuß nach Hohenelbe im
Sudetenland zu begeben, wo wir Flüchtlingstrecks bewachen
sollten.
Es kam jedoch anders. Die deutsche Wehrmacht war in Auflösung
begriffen und wir erlebten ein furchtbares Durcheinander. Deutsche
Ortschilder waren nicht mehr erkennbar, denn die deutschen Städtenamen
waren durch tschechische Ortsbezeichnungen ersetzt worden. Richtungsschilder
waren verstellt. Es herrschte totale Orientierungslosigkeit. Wir
glaubten uns im Flüchtlingsstrom in Richtung Westen, und
so sprangen wir auf vorbeifahrende Flüchtlingsbusse auf,
die noch Platz hatten, vermutlich sind wir jedoch in gen Osten
gefahren. Irgendwann nach kurzer Fahrt wurden wir von tschechischen
Soldaten angehalten und zum Aussteigen gezwungen. Wir mussten
uns in Reihen aufstellen. Erstmals wurden wir dabei von der einheimischen
Bevölkerung beschimpft, bespuckt, getreten und mit Stöcken
geschlagen. Alle brauchbaren persönlichen Gegenstände
nahmen uns die Soldaten ab. Sodann wurden wir nach Geschlecht
und Alter gruppiert und die Fahrt wurde mit dem Bus weiter in
Richtung Prag fortgesetzt. In einem Vorort von Prag mussten wir
aussteigen und uns wieder in Reihen aufstellen. Es folgte nun
eine erneute Selektion durch tschechisches Militär, Polizei
und tschechische Einwohner.
In der nächsten Zeit musste ich mit zwei gleichaltrigen Jugendlichen
Furchtbares erleben. Wir erhielten von Bürgern den Befehl,
hinter den Häusern dieses Vorortes von Prag die mit Genickschuss
getöteten SS-Soldaten auf einen Plattenwagen zu heben und
in den nahegelegenen Wald zu transportieren. Zu dritt zogen und
schoben wir nun diesen schweren Wagen. Der Weg durch den Wald
führte eine Anhöhe hinauf. Die vier bis sechs splitternackten
Leichen rutschten immer wieder vom Wagen herunter und mussten
von uns erneut auf den Wagen zurückgezogen bzw. wieder aufgeladen
werden. Diese schreckliche Arbeit wurde besonders dadurch erschwert,
dass uns tschechische Einwohner verfolgten und mit Stöcken
willkürlich auf uns einschlugen. Sie schlugen uns auf den
Rücken, auf die Beine oder rammten uns die Stöcke in
den Magen. Im Wald mussten wir Gruben ausheben und die Leichen
hineinwerfen. Wir streuten abwechselnd Chlorkalk und Erde darauf.
Uns wurde dabei so schlecht, dass wir ständig erbrachen,
Blut spuckten und irgendwann entkräftet zu Boden stürzten.
Ich war halb ohnmächtig und spürte die weiteren Schläge
nicht mehr, die mich wieder auf die Beine bringen sollten. Schließlich
wurden wir von stärkeren Männern abgelöst.
Mitte Mai 1945 - Deutschland hatte kapituliert - folgte unsere
Inhaftierung in das Gefängnis von Prag (Pankraz). Nach der
Einlieferung wurden uns zunächst die Haare abgeschnitten
und Hakenkreuze mit Ölfarbe auf den Rücken und auf das
rechte Bein aufgetragen. Zwei Wochen wurde ich dort unter den
schlimmsten Bedingungen mit vielen anderen Menschen auf engstem
Raum gehalten. Jeden Tag wurden wir um fünf Uhr geweckt und
zur Gartenarbeit herangezogen.
Eines Tages wurden wir in Sechserreihen wie Vieh durch die Stadt
zum Moldaubahnhof getrieben. Mit offensichtlichem Vergnügen
schlugen Menschen am Straßenrand wieder mit Schlagstöcken
auf uns ein. Auf der Laderampe am Bahnhof machten wir dann Bekanntschaft
mit russischen Soldaten, die ihrerseits mit Reitpeitschen auf
uns einschlugen und uns Gefangenen soweit noch vorhanden den Schmuck
von den Ohren, vom Hals und vom Finger abrissen. Auf allerengstem
Raum fuhren wir in einem Viehtransportwaggon von Prag nach Theresienstadt.
Dort wurden wir in der "kleinen Festung" interniert.
Bei unserer Ankunft mussten wir uns alle im Innenhof aufstellen
und dann wurden aus unseren Reihen ca. 30 Personen herausgesucht.
Diese wurden vor unseren Augen mit Schlagstöcken totgeschlagen.
Auch Kinder sahen dabei zu.
In Theresienstadt war ich mit einer Unmenge anderer Menschen etwas
länger als ein Jahr interniert. Unsere Zelle hatte einen
Steinboden. Mit Bohlen war das Schlaflager auf drei Etagen gestapelt
und mit je einer Decke ausgestattet. In der Nacht fielen die Wanzen,
die in den Holzritzen ihre Nester hatten, über uns her. Unser
tägliches Essen bestand aus Kartoffelwasser, einem Kanten
Brot oder nur trockenem Brot oder ähnlichem. Viele Häftlinge
starben. Ihre Leichen wurden durch uns Gefangene direkt ins Krematorium
getragen. Aber wir Jungen kämpften ums Überleben. Zu
unserem täglichen Arbeitseinsatz gehörten Kasernenreinigung
einschließlich aller WC, Feldarbeiten, Arbeiten in der Zuckerrübenfabrik,
Stapeln von beschlagnahmten Wirtschaftsgütern aus Schlesien
im Lager einer Kaserne und Hilfsarbeiten, die von einer russischen
Ärztin überwacht wurden. Für uns bestand die Hilfsarbeit
darin, internierte Juden - die unter gleichen Umständen wie
wir jetzt hier die Nazizeit in Theresienstadt überlebt hatten
- kranke und alte Menschen, zu waschen und neu einzukleiden. Außerdem
mussten wir in der Stadt Häuser entrümpeln und säubern,
damit die früheren Hauseigentümer oder Mieter die Häuser
wieder beziehen konnten.
Irgendwann im Jahre 1946 wurde ich ohne Ankündigung und Papiere
entlassen. Zunächst ging es nach Bad Schandau in Quarantäne.
Von dort holten mich russische Soldaten eines Tages mit einem
LKW ab und fuhren mich nach Mittwaida (Sachsen). In dieser Stadt
bekam ich in einer Weberei als Weber eine Anstellung. Durch das
Rote Kreuz gelang mir die Kontaktaufnahme zu meinen Eltern, die
inzwischen in Rehmen bei Pößneck lebten. Noch im Jahre
1947 zog ich zu ihnen und arbeitete dort auf verschiedenen Bauernhöfen.
Für die Arbeit auf den Höfen erhielt ich täglich
eine Mahlzeit, allerdings keinen Lohn und auch keine Lebensmittel
für meine Eltern.
Im Sommer 1948 gelang mir mit einigen weiteren Personen die Flucht
in den Westen, nach Nordheim. In Hannover kaufte ich mein erstes
Brot. Über Diepholz und Bielefeld landete ich schließlich
in Bonn, wo die Schwester meiner Mutter schon seit dem ersten
Weltkrieg lebte. Einige Jahre später durfte meine Mutter
nach dem Tode meines Vaters in den Westen ausreisen.