Über die Entstehung der Deutschen Evangelischen Gemeinde in Kairo
Dieser Text ist ein Auszug aus den Lebenserinnerungen meines Urgroßvaters
Ernst Wedemann (1867-1958), Pfarrer in Kairo von 1893-1903 (geschrieben
1948-1953):
Eine evangelische Gemeinde im Ausland entsteht wie eine Frucht,
die aus einem Samenkorn heranreift, also aus kleinen Anfängen.
So ist auch die Evangelische Gemeinde Kairo entstanden. Ihre Entstehungsgeschichte
ist sehr interessant. Diese Geschichte hängt eng zusammen
mit der Missionsgeschichte. In Süddeutschland nahe der Schweizer
Grenze gab es eine Anstalt zur Ausbildung von Evangelistenpredigern
und Arbeitern im Reich Gottes. Mitte des vorigen Jahrhunderts
wurde diese Anstalt, die den Namen Crischona hatte, von einem
ehrwürdigen und reich gesegneten Manne namens "Vater
Spitteler" geleitet. Spitteler hatte davon gehört, dass
in Nord-Afrika in der gewaltigen Bergwelt von Abessinien eine
uralte christliche Kirche sich befinde, die aber seit mehr als
tausendzweihundert Jahren von der Christenheit durch die Mohammedaner
getrennt wie eine einsame Insel im großen Ozean der moslemischen
Völkerwelt ihr Dasein fristen musste. Durch ihre Isolierung
war sie erstarrt und ohne geistliches Leben.
Dieser alten verknöcherten christlichen Kirche wollte Spitteler
das Evangelium bringen. Zur Erfüllung dieses Planes hatte
er einen ganz eigenartigen Weg ersonnen, er wollte die abessinische
Kirche mit der lebendigen Kirche des Evangeliums in Deutschland
verbinden durch eine Strasse, aber eine Straße eigner Art,
eine lebendige Straße. Crischona sollte mit Abessinien verbunden
werden durch eine lange Kette von Stationen. In jeder Station
war ein Crischona-Bruder, der die Aufgabe hatte, die Brüder,
welche auf der Reise nach Abessinien waren, geistlich und leiblich
zu stärken, für sie zu sorgen. Der alte Spitteler nannte
diese Straße, die "Apostelstrasse" weil er meinte,
die Apostel hätten es auch so gemacht, als sie im Gehorsam
gegen den Missionsbefehl ihres Meisters in die Welt hinauszogen,
um alle Völker zu seinen Jüngern zu machen. Eine der
vielen Stationen auf dem weiten Weg von Crischona nach Abessinien
sollte nun auch Kairo sein. Von hier sollte die Reise den Nil
aufwärts nach Abessinien fortgesetzt werden.
So wurde denn um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Kairo eine
Station der Apostelstraße eingerichtet und mit einem Prediger
namens Stamm besetzt. Jede Station sollte ein Brennpunkt geistlichen
Lebens werden. Da war es denn eine natürliche Folge, dass
Brüder die wenigen deutschen Landsleute, die als Kaufleute,
Handwerker, Ärzte u.d.gl. dort wohnten, seelsorgerisch betreuten,
und ihnen Andachten in deutscher Sprache hielten. Das war der
Anfang der Evangelischen Deutschen Gemeinde in Kairo. Als Deutschland
allmählich unter der genialen Leitung v. Bismarck zu einer
bedeutenden Macht in Europa wurde, wuchs auch die Zahl der Deutschen
im Auslande. Als es in Kairo bekannt wurde, dass zur Einweihung
des Suez-Kanals der preußische Kronprinz nach Kairo kommen
würde, da entstand der Plan, eine Deutsche Evangelische Gemeinde
zu begründen und ihr eine Kirche zu bauen. Als der damals
herrschende Khediv davon hörte, schenkte er den Deutschen
in dem nach seinem Namen genanten Stadtteil Ismaelijeh in sehr
guter Lage ein großes Grundstück unter der einzigen
Bedingung, dass in etwa zwei Jahren die geplanten Gebäude
darauf errichtet würden.
Als nun Kronprinz Friedrich-Wilhelm im Jahre 1869 zu den Einweihungsfeierlichkeiten
in Ägypten eintraf, hat er den Grundstein zu der kleinen
evangelischen Kirche gelegt, in der ich später 10 Jahre hindurch
die Gottesdienste der Gemeinde gehalten habe. Die Gemeinde wurde
konstituiert, stellte sich unter den Oberkirchenrat in Berlin
und begann mit dem Bau der Kirche. In weiser Voraussicht der kommenden
Entwicklung wurden neben der Kirche ein Pfarrhaus und Räume
für eine zu begründende deutsche Schule errichtet. Als
die Gebäude unter Dach waren, schickte der Oberkirchenrat
den ersten deutschen Pfarrer nach Kairo, einen Thüringer,
Dr. Trautvetter, den späteren Generalsuperintendent von Schwarzburg
- Rudolfstadt. Er hatte die deutsche Schule eingerichtet und eröffnet.
Im rechten Winkel zur Kirche stand ein recht stattliches Gebäude,
dessen untere Räume als Klassenzimmer dienen sollten, während
im ersten Stockwerk die eine Hälfte zur Pfarrwohnung, die
andere zu Lehrerwohnungen bestimmt war. Der als Schulhof ausersehene
Platz wurde mit mehreren Dattelpalmen bepflanzt, um die Kirche
herum wurde ein schöner Garten angelegt mit vielen Sträuchern,
Blumenbeeten und seltenen Bäumen. Darunter befanden sich
eine Sagopalme mit ganz glattem Stamm und ein echter Gummibaum,
den ein alter Freund der Gemeinde, der weltberühmte Afrika-Forscher
Prof. Dr. Schweinfurth geschenkt hatte. Auch zu meiner Zeit hat
Schweinfurth mehrmals die Wintermonate in Kairo zugebracht. Die
Stunden, die wir miteinander verlebten, gehören zu meinen
schönsten Erinnerungen.
Die Straße in welcher unsere Kirche lag, hieß Sharia-Maghrabi.
In der Nähe befand sich der Opernplatz mit dem berühmten
Ezbikieh-Garten, in welchem die Flora des Orients fast vollständig
vertreten war. Am Rande des Opernplatzes standen das Opernhaus,
ein großes Hotel, Hotel Continental, und besonders schöne
Miethäuser. Die Kosten für den Kirchenbau konnten natürlich
von der kleinen evangelischen Gemeinde nicht aufgebracht werden.
Zum Ruhm der Hohenzollern kann gesagt werden, dass König
Wilhelm der Gemeinde mit einer großen Beihilfe unter die
Arme gegriffen hat. Er hat meines Wissens etwa 3.000 Mark beigesteuert.
Natürlich trat auch der große treue Helfer der Diaspora
auf den Plan, der Gustav-Adolf-Verein, der fortlaufend eine Beihilfe
zur Aufbringung des Pfarrgehaltes gezahlt hat. Ich kam als der
vierte Pfarrer nach Kairo. Meine Vorgänger waren: Dr. Trautvetter,
Martin Graeber, Friedrich Boit. Mein Vorgänger, Pfarrer Boit,
ging als Botschafts-Pfarrer nach Lissabon.
Die Gemeinde, der ich zu dienen hatte, bestand zum größten
Teil natürlich aus Deutschen, Beamten des Generalkonsulates
und des Konsulates, Kaufleuten, großen und kleinen Ärzten,
Hoteliers, Kellnern, Handwerkern usw. Zu diesen ständigen
Gemeindegliedern kam im Winter hinzu eine recht große Kurgemeinde
und Reisende aller Art. Die ständige, also in Kairo ansässige
Gemeinde zählte etwa 600 Seelen. Alle evangelischen Deutsch
sprechenden Leute gehörten ihr an, also in großer Mehrheit
Deutsche, danach Deutsch-Schweizer, vereinzelt Österreicher,
Holländer und Balten. Lose an unsere Gemeinde angeschlossen
waren die Evangelischen mit französischer Muttersprache,
also französische Schweizer und Franzosen. Da ihre Zahl etwa
100 Seelen betrug, hatten sie darum gebeten, dass monatlich ein
Gottesdienst in französischer Sprache von den Geistlichen
gehalten werden möchte. Das hatte die Gemeinde ihnen zugestanden.
Dafür musste der Kairener Pfarrer die französische Sprache
beherrschen. Wie weit reichte denn das Gebiet seiner Gemeinde?
Es gab in ganz Ägypten nur zwei deutsche Pfarrer, einen in
Alexandrien, den zweiten in Kairo. Ägypten musste also unter
diese verteilt werden. Das Delta von der ersten Nilsperre, barrage
du Nil in Kalioub, an fiel sinngemäß dem Pfarrer in
Alexandrien zu, dgl. Port-Said am Suez-Kanal. So hatte der Kairener
Pfarrer die Städte Ismailija und Suez am Kanal, dann von
Kairo nach Süden das gewaltige Gebiet bis Assuan. Ich habe
im Laufe der Zeit feststellen können, dass es ganz zerstreut
im Lande in den kleinen Städten, ja Dörfern mehr deutsch
sprechende Evangelische gab, als man vermuten konnte. Ich habe
manche sehr interessante Fahrt ins Innere des Landes machen können
zu Trauungen, Taufen und dgl. Die Zahl der Evangelischen fiel
statistisch nicht ins Gewicht, aber es waren doch eben auch Seelen,
die versorgt werden wollten.
Unser Kirchlein war sauber und schmuck. Ich habe Photographien
von der Kirche im Weihnachtsschmuck mitgebracht, die leider auch
den Russen zum Opfer gefallen sind. Da standen im Altarraum 2
Weihnachtsbäume, die auf einem Dampfer vom Karst bei Triest
nach Ägypten gebracht worden waren, schöne Bäume.
Watte auf den Bäumen stellte den Schnee dar, der in Ägypten
ganz unbekannt ist. Bei dem langen Transport wurden die Bäume
natürlich etwas trocken. Zu Weihnachten wollte die Gemeinde
doch aber auch reichen Kerzenschmuck auf den Bäumen haben.
Um einen Brand zu verhüten, musste daher hinter den Bäumen
unser treuer Türhüter, Poab Daoud, mit seinem kohlschwarzen
Nubiergesicht Wache stehen. Man sieht sein Gesicht, einen Stab
in der der Hand, an dem Stab befestigt ein Schwamm, zu seinen
Füssen einen Eimer mit Wasser. Ein oder zwei Mal hat er die
Feier vor einer Störung durch Brand bewahren können.
Bei besonderen Anlässen wurde der Raum um Altar und Kanzel
in einen Garten verwandelt durch Pflanzen und Bäume und Blumen
aller Art. Auf einer Empore stand zur Begleitung der Choräle
ein Harmonium, das ich später durch ein sehr klangvolles
Orgel-Pedal-Harmonium ersetzt habe, mit dessen Hilfe wir schöne
musikalische Feierstunden mit Gesang, Geige und Violoncello veranstalten
konnten.
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