Über die Einweihung der Erlöserkirche in Jerusalem 1898
Dies ist ein Auszug aus den Lebenserinnerungen meines Urgroßvaters
Ernst Wedemann (1867-1958), Pfarrer in Kairo von 1893-1903 (geschrieben
1948-1953):
Der 31. Oktober brachte der Stadt Jerusalem die festlich bewegte
Stunde. Wir Orientpfarrer hatten das Glück, die Vorgänge
vor und in der Kirche aus allernächster Nähe zu beobachten.
Man hatte uns die Aufgabe gestellt, beim Einzug in die zu weihende
Kirche die Spitze zu bilden. Jedem war eins der kirchlichen Geräte,
der "Vasa sacar", in die Hand gegeben, die dann von
uns auf den Altar hingestellt werden sollten. Vor der noch geschlossenen
Tür der Kirche versammelten sich allerlei interessante Leute
zum Empfang des Kaiserpaares, die natürlich alle in unserer
unmittelbaren Nähe standen. Man sah viel Galauniformen der
Ritter des Johanniterordens, Damen der deutschen Kolonie, kleine
Mädchen mit Blumensträußchen. Uns Pfarrer interessierte
es besonders, als der bekannte Hofprediger des Kaisers Dr. Dryander
erschien und sich zu uns stellte. Der viel geplagte Mann war wohl
mit dem Memorieren seiner Ansprache noch nicht ganz fertig geworden.
Er zog sein Konzept aus der Talartasche und las es noch einmal
aufmerksam durch. Zwischendurch rückte die Marinekapelle
der kaiserlichen Jacht an, um beim Gottesdienst mitzuwirken.
Pünktlich erschien das Kaiserpaar, wurde begrüßt,
nahm huldvoll die Blumensträußchen aus den Händen
der Kinder. Die Tür der Kirche tat sich auf, wir Pfarrer
zogen als die ersten hinein, danach Dryander mit dem Pastor Loci,
Pfarrer Hoppe, das Kaiserpaar, hinter ihm ein großer Strom
von Festteilnehmern, der in wenigen Minuten die Kirche bis auf
den letzten Platz füllte. Wir Pfarrer hatten Aufstellung
genommen in der Rundung der Apsis um den Altar herum. Das hatte
den großen Vorteil, dass wir alles gut sehen konnten, aber
den Nachteil, dass wir die ganze Feier über stehen mussten.
Der Kaiser saß mir schräg gegenüber. Freund Keller
bewies durch das Vorspiel während des Einzuges, dass er seiner
Aufgabe voll und ganz gewachsen war. Wir benutzen die Zeit, in
der die Gemeinde die Plätze einnimmt, um einige Worte über
den Bau der Erlöserkirche zu sagen.
Die Kirche steht mitten in der Stadt, nicht weit von der Grabeskirche.
Sie ist errichtet auf den Grundmauern einer alten Marienkirche
aus katholischer Zeit, der "Maria latina marjo". Dies
Gebundensein an den alten Grundplan hat zur Folge gehabt, dass
die Erlöserkirche als evangelische Predigtkirche etwas zu
groß und die Akustik der Kirche schlecht ist. Man hat diesem
Mangel dadurch abzuhelfen versucht, dass man in halber Höhe
durch die Kirche hindurch Netze gespannt hat, welche den Ton festhalten
sollen, damit er nicht in den hohen Gewölben verhallt. Die
Erlöserkirche ist also zweifellos ein repräsentativer
Bau von großer architektonischer Schönheit, aber wie
gesagt, für die sonntäglichen Gottesdienste einer verhältnismäßig
kleinen evangelischen Gemeinde zu groß und ungemütlich.
Damals freilich, als eine gewaltige Gemeinde sie füllte,
machte sie einen gewaltigen Eindruck. Dr. Dryander hielt nun die
Weiherede und vollzog die Weihe der neuen Kirche. Ich erinnere
mich, dass das, was Dryander sagte, sehr gediegen und eindrucksvoll
war.
Nach der Weihe und der Eingangsliturgie hielt Pfarrer Hoppe die
Festpredigt. Er hatte seine Gedanken in 3 Gruppen eingeteilt.
Als er mit dem ersten Teil fertig war, hätte er schließen
müssen. Die Umgebung des Kaisers wurde unruhig, ein Hofmann
zeigte dem Prediger die Uhr. Der Kaiser liebte kurze, kräftige,
inhaltreiche Predigten von etwa 20 höchstens 30 Minuten.
Aber in diesem Fall hat er sich in das Unvermeidliche geduldig
gefügt. Nach der Predigt und einem nachfolgenden Liedervers
stand der Kaiser auf, trat vor die Altarstufen zu einem bereitgestellten
Pult und verlas eine sehr eindrucksvolle Kundgebung an die evangelische
Christenheit, sich in all ihrem Handeln unter den Willen Gottes
und seines Sohnes Jesu Christi zu stellen. Nach diesem schönen
und mannhaften Bekenntnis zum christlichen Glauben, der allein
der Welt Heil bringen kann, war nun die rechte Stelle für
das gewaltigste Lied, das der Christenheit geschenkt worden ist.
Die Antwort der versammelten Gemeinde konnte nicht anders lauten
als "Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen".
Und wie wurde dies Lied in jener unvergesslichen Stunde gesungen!
Ohne Aufforderung stand die ganze Gemeinde auf, die Türen
der Kirche wurden geöffnet, damit auch die draußen
Stehenden an diesem Höhepunkt der Feier teilnehmen konnten,
die Glocken im Turm stimmten mit ihrem volltönenden Geläut
mit ein, Freund Keller zog alle Register der starken Orgel, die
Marinekapelle des Kaisers, die neben der Orgel stand, begleitete
den Gesang mit ganzer Lungenkraft, die Gemeinde, mitgerissen,
sang aus voller Kraft mit. Nie wieder habe ich in meinem Leben
die Macht dieses Lutherliedes so empfunden wie bei jener Feier
in Jerusalem. Die Einheimischen draußen sagten nachher,
so etwas Schönes und Gewaltiges hätten sie noch nie
in ihrem Leben gehört. Der Gesang wäre weithin über
die Stadt Jerusalem zu hören gewesen und hätte Staunen
und Bewunderung erweckt.
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