An Bismarcks Totenbett 1898
Dies ist ein Auszug aus den Lebenserinnerungen meines Urgroßvaters
Ernst Wedemann (1867-1958), Superintendent von Allenstein in der
Zeit von 1915-1940, (geschrieben 1948-1953):
Meine Urlaubsreise im Jahr 1898 hat ein Erlebnis eingebracht,
dass ich zum eindrucksvollsten rechnen darf, was mir geboten wurde.
Ich war wie immer über Italien und durch die Schweiz nach
Deutschland gereist. In Heidelberg ergriff mich die Sehnsucht,
der Perle aller deutschen Universitäten einen Besuch abzustatten.
"Alt-Heidelberg Du Feine, Du Stadt an Ehren reich, am Neckar
und am Rheine kein andre kommt Dir gleich." Ich ahnte nicht,
was an dem Tage meiner Ankunft in Heidelberg geschehen sollte.
An diesem Tage hat die Welt ihren Atem angehalten. Es war der
30. Juli 1898. Man erzählte mir, dass am Abend auf dem Neckar
eine große studentische Feier stattfinden würde. Der
Semesterschluss sollte wie immer festlich begangen werden. Ich
stehe also abends auf der hohen, berühmten Neckarbrücke
und schaue von oben herab auf das bunte studentische Treiben.
Der Fluss wimmelt von Booten, die mit ungezählten Lampions
geschmückt sind. In den Booten sitzen die Studenten in vollem
Wichs. Mehrere Musikkorps spielen in stetem Wechsel. Aus frischen
Jungenkehlen erklingen die herrlichen Weisen der Studentenlieder.
Es war ein prächtiges, unvergessliches Bild.
Ich habe wohl etwa 2 Stunden auf der Brücke gestanden, um
es zu genießen. Inzwischen kam die Nacht herauf. Die Fröhlichkeit
unten in den Booten nahm zu. Da, was ist das? Mit einem Schlage
verstummen die Lieder, die Musik schweigt, die Lichter verlöschen,
das Fest wird wie auf Kommando abgebrochen. Ich frage Passanten,
was wohl der Grund dafür sein kann. Man sagt mir, Bismarck
ist soeben gestorben! Die Heidelberger Jugend wie die deutsche
Jugend überall trauert um ihren Alt-Reichskanzler! In dieser
Stunde hielt die Welt ihren Atem an. Es war ein Weltereignis!
Auch seine Neider und Hasser, deren es in der Welt genug gab,
mussten sich beugen vor seiner Größe. Ein Staatsmann
ganz großen Formates war dahingegangen! Mit diesem tiefen
Eindruck in der Seele verließ ich Heidelberg, nachdem ich
seine einzigartigen Schönheiten genossen hatte, und fuhr
nach Berlin.
In Berlin trieb es mich, unseren lieben hochverehrten Freiherrn
v. Richthofen zu besuchen, der in den ersten Jahren meines Amtslebens
in Kairo mir ein treuer und verständnisvoller Freund und
Berater gewesen war. Sowohl im Vorstand der Kirche, wie in dem
der Schule, hat er der Kolonie als kluger und sachkundiger Berater
gedient. Vor Jahren war er nach Kairo gekommen. Als deutscher
Delegierter für die Caisse de la dette publique, die staatliche
Schuldenkasse. Diese Kasse war gebildet worden, nachdem der sehr
verschwenderische Khedive Ismael-Pascha besonders bei Gelegenheit
des Suez-Kanals so ungeheure Schulden gemacht hatte, dass Ägypten
nahe am Staatsbankrott war. Da haben die europäischen Staaten
als Gläubiger Ägyptens die Caisse de la dette publique
gebildet, welche die Aufgabe hatte, darüber zu wachen, dass
die Schulden des Staates nach einem festen Plan verzinst und amortisiert
wurden, um so allmählich Ägypten finanziell wieder gesund
zu machen.
Der Delegierte Deutschlands war Freiherr von Richthofen. Meine
Liebe und Verehrung für ihn veranlasste mich, ihn in Berlin
zu besuchen, nachdem 1897 er zum Bedauern der deutschen Kolonie
als Kolonialdirektor ins Ministerium nach Berlin versetzt worden
war. Ich wurde sehr freundlich empfangen und zum Mittagessen eingeladen.
Während des Essens sagte plötzlich Freiherr v. Richthofen
zu mir: "Lieber Herr Pastor, es fällt mir soeben etwas
ein. Die Kairener deutsche Kolonie hat mich heute früh auf
telegraphischem Wege gebeten, ein würdiges Blumenarrangement
zu besorgen und an Bismarcks Totenbett in Friedrichsruh niederlegen
zu lassen. Da sie nun gerade hier sind, wäre es doch sehr
schön, wenn sie persönlich als Vertreter der deutschen
Kolonie die Blumen nach Friedrichsruh bringen und dort niederlegen
würden." Man kann sich vorstellen, wie mein Herz bei
diesem Vorschlag höher schlug. An Bismarcks Totenlager stehen
zu dürfen, welche Ehre! Ich sagte natürlich mit Freuden
zu. Freiherr v. Richthofen teilte mir mit, dass am nächsten
Vormittag ein alter Freund des Bismarckschen Hauses, der frühere
Polizeipräsident von Breslau, Herr v. Balan, gleichfalls
nach Friedrichsruh fahren werde. Der D-Zug nach Hamburg halte
zwar eigentlich nicht in Friedrichsruh, aber es sei dafür
gesorgt, dass er ausnahmsweise seine Fahrt ganz kurz unterbrechen
werde, damit Herr v. Balan und ich schnell aussteigen könnten.
Es werde alles vom Auswärtigen Amt vorbereitet werden. Ich
solle mich nur rechtzeitig auf dem Bahnhof einfinden. So kam ich
dazu, am nächsten Vormittag etwas ganz großes und unvergessliches
erleben zu dürfen.
Auf dem Bahnhof wurde mir eine, herrliches Arrangement aus Palmenzweigen
und Blumen übergeben. Herr v. Balan und ich fuhren gemeinsam
bis Friedrichsruh, der Zug hielt, wir stiegen aus und begaben
uns in das Bismarcksche Schloss. Auf unsere Anmeldung erschien
der Sohn des toten Kanzlers, Fürst Herbert v. Bismarck, selber
und begrüßte uns sehr freundlich. Ich bin ja überzeugt,
dass ich das Schönste, was ich bei dieser Gelegenheit erleben
durfte, meinem Begleiter zu verdanken habe. Mit mir alleine hätte
man wohl nicht so viel Aufhebens gemacht. Mit Rücksicht auf
den alten Freund des Hauses wurden wir ins Sterbezimmer geführt.
Fürst Herbert öffnete selbst einen Fensterladen, um
Licht hereinzulassen. Da standen wir nun am Totenlager des gewaltigen
Mannes, der als ein Werkzeug Gottes die deutschen Stämme
geeint hatte zum herrlichen deutschen Reich. Tief ergriffen durfte
ich an seinem Sterbelager stehen und einen letzten Gruß
deutscher Menschen aus Übersee als Ausdruck tiefster Verehrung
und Dankbarkeit zu seinen Füssen niederlegen, einen Gruß
aus dem Palmenland, im Sonnenland Ägypten. Das Bett and die
ganze Stube waren dicht bedeckt mit Kränzen und Blumen aus
aller Welt. Nachdem wir in tiefer Bewegung am Sterbebett verweilt
hatten, traten wir wieder ins Freie. Vor uns lag der Garten vor
dem Schloss. Von der Rasenfläche war nichts zu sehen. Sie
war zu einem großen Blumengarten geworden. Nach Ländern
und Staaten geordnet lagen neben einander die herrlichsten Kränze,
ein überwältigender Eindruck. Wie habe ich in der Stille
Gott gedankt für dieses Erlebnis!
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