Der Erste Weltkrieg - Impressionen aus Schmoditten / Ostpreußen
Dies ist ein Auszug aus den Lebenserinnerungen meines Urgroßvaters
Ernst Wedemann (1867-1958), Superintendent von Allenstein in
der Zeit von 1915-1940, (geschrieben 1948-1953):
Ich beschränke mich natürlich auf meine persönlichen
Erlebnisse in Schmoditten. Die Entstehung dieser ersten großen
Erschütterung des ganzen Gefüges der europäischen
Völkerwelt setze ich als bekannt voraus. An dem Tage, an
dem die Kriegserklärung wie ein fahler Blitz das kommende
Unwetter ankündigte, waren Mutter Hilda und ich in meine
frühere Gemeinde Schippenbeil gefahren, um unseren alten
Freund Gutsbesitzer Rost in Rückgareben das letzte Geleit
zu geben. Die Angehörigen hatten mich gebeten, die Begräbnisfeier
im Hause und auf dem Gutsfriedhof zu halten. So hoch alle Beteiligten
den aufrechten, bewährten Toten achteten, bei dieser Feier
kam er nicht voll zu seinem Recht. Jeder der Lebenden bangte innerlich
darum, was die nächste Stunde bringen würde. In allen
Gemütern herrschte Gewitterstimmung. Und richtig, kaum hatte
ich über dem Toten im Grabe den Segen gesprochen, da entstand
eine allgemeine Unruhe. Es war gemeldet worden, dass soeben die
Kriegserklärung bekannt gegeben sei. Nun hatte jeder kampffähige
Mann eiligst dem Mobilmachungsbefehl entsprechend der ihm bekannten
Meldestelle zuzueilen.
In wenigen Minuten war die Trauerversammlung in alle Winde zerstreut.
Tief bewegt reichte man sich die Hände und sah sich mit tiefem
Ernst in die Augen, wusste man doch nicht, ob man sich in diesem
Leben je wiedersehen würde. Auch wir fuhren mit dem nächsten
Zuge nach Schmoditten zurück. Auf den Bahnhöfen herrschte
große Bewegung. In Schmoditten fanden wir unseren lieben
Feriengast Wilhelm Wedemann, meines Bruders ältesten Sohn
den Studenten der Mathematik, nicht mehr an. Eine Depesche hatte
ihn zur sofortigen Rückkehr nach Danzig aufgefordert. Die
unsrigen erzählten uns, dass der junge, fröhliche, vielseitig
besonders auch musikalisch sehr begabte Mensch beim Lesen der
Depesche tief erblasst sei. Hat er geahnt, dass er uns nie wiedersehen
würde? Um Weihnachten fand er sein Grab in der blutgetränkten
Erde Polens. In seiner Nähe ruhte damals schon ein anderer
Neffe, Siegfried Günther aus Johannenhof, ein schlanker,
hübscher Junge, der seine Ausbildung als Architekt begonnen
hatte. Als ich an jenem ersten Kriegstage nach einem unruhig bewegten
Tag am Abend vor unser Haus in die Nacht hinaustrat, da hat mich
der Anblick des klaren Sternenhimmels tief bewegt. Der bevorstehende
Krieg hatte auf der Erde die höchste Unruhe hervorgerufen,
alles wogte durcheinander, jeder ging einer unbekannten Zukunft
entgegen. Und da oben über der stürmisch bewegten Erde
ging die Sternenwelt unbewegt in majestätischer Ruhe ihren
vorgeschriebenen Weg, unberührt von der Unruhe der Welt.
Da wurde es mir klar, dass, wer Gott nur aus der Natur erkennen
will, niemals zum rechten Verständnis seiner Beziehungen
zur Welt gelangen kann. Erst wenn er unter dem Kreuz seines Sohnes
eine Antwort sucht und findet auf die Frage, in welchem Verhältnis
Gott zu uns Menschen steht, dann wird es ihm zur Gewissheit werden,
dass Gott tiefsten Anteil nimmt an unserem Schicksal, dass er
stets gerade den Mühseligen und Geladenen besonders nahe
ist zu Hilfe und zu Trost.
Uns bewegte in jenen ersten Kriegstagen die sehr ernste Frage,
wie wir unsere Kinder in Sicherheit bringen könnten. Wir
lebten in einer Grenzprovinz, die Russen bedrohten Ostpreußen,
im Kriegsrat unserer Feinde hatte Russland die Aufgebe erhalten,
uns um jeden Preis von Frankreich, dessen Hauptstadt Paris schon
bedroht war, abzulenken. Man musste also einen starken Ansturm
auf Ostpreußen erwarten. Da erhielt Mutter Hilda von ihrer
alten Schulkameradin und Freundin Mathilde v. Schmidt eine Einladung,
mit den Kindern zu ihr zu kommen. Sie war mit einem reichen Großgrundbesitzer
verheiratet, der ein Gut bei Schneidemühl und ein Gut in
Pommern besaß. Wir entschlossen uns, diese Einladung anzunehmen.
Schwägerin Käthe Sandreczki, die sich bei uns aufhielt,
übernahm die Aufgabe, die Kinder zu begleiten. Es war ein
schmerzlicher Abschied. Die Entwicklung der Kämpfe in Ostpreußen
gab uns Recht. Bei Gumbinnen kam es zu schweren Schlachten, in
denen unsere Truppen den Ansturm der Russen nicht aufhalten konnten.
Ostpreußen war in großer Gefahr. Unser Schwager Bobeth
mit meiner jüngsten Schwester Julchen und seinen zwei noch
kleinen Knaben Hans und Gerhard hatte seine Pfarrstelle in Mallwischken
schleunigst verlassen müssen, hielt sich einige Tage bei
uns auf, um dann seine Flucht fortzusetzen Er fand in Schleswig-Holstein
eine Zuflucht. Nach der Abreise unserer Kinder beschlossen wir,
solange in Schmoditten auszuhalten, bis die Gemeinde im Ganzen
das Feld räumte.
In diesen besagten Tagen habe ich sehr interessante Beobachtungen
anstellen können über Auswirkungen einer umsichgreifenden
Kriegspsychose. Sie entstand aus dem elementaren Bedürfnis,
auch etwas zur Verteidigung des Vaterlandes zu tun, Krieg führen
zu helfen. Aber wo gab es dazu eine Gelegenheit? Nun das lag doch
nicht so fern! Man wusste doch, welche schlimme Rolle im Krieg
die Spione spielten! Also, die Augen aufgemacht! Jeder wollte
mithelfen. Es wurde gemeldet: Heute früh wurde in jenem Wäldchen
ein unbekannter, auffallender Mann gesehen! Sofort wird eine Suchabteilung
gebildet und ausgeschickt, den Mann aufzuspüren und vor den
Schulzen zu führen. Oh, es blieb nicht bei dem einen Fall.
In jedem Wäldchen waren verdächtige Personen bemerkt
worden. War eine Spionenjagd vergeblich verlaufen, so verdoppelte
sich der Eifer. Eines Tages kam von auswärts her folgendes
Gerücht: Bekanntlich seien doch die Franzosen nun auch in
den Krieg eingetreten, also mit den Russen verbündet. Mit
den Finanzen der Russen stünde es sehr schlecht, daher hätten
die Franzosen eine Menge Autos abgeschickt, in denen große
Summen in Gold versteckt wären. Diese Autos hatten die Aufgabe,
gut getarnt sich durch Deutschland hindurch zu schleichen und
den Russen die französischen Hilfsgelder zuzuführen.
Sobald dies Gerücht uns erreichte, entstand in Schmoditten
eine große Aufregung, fast möchte ich sagen Begeisterung.
Endlich bot sich eine Gelegenheit, aktiv in den Kampf für
die Heimat einzutreten. Zwischen Pfarrhaus und Kirche lief eine
wichtige Verkehrsstrasse durch unser Dorf. Was war zu tun? Nun,
das erste Erfordernis war doch dies, dass die Strasse für
den Autoverkehr gesperrt werden musste. Jedes Auto musste Halt
machen und sich einer gründlichen Kontrolle unterziehen.
Tag und Nacht stand eine Wache an der Sperrkette, die quer über
die Strasse lief. Die Personen mussten sich eine Leibesvisitation
gefallen lassen, für Frauen war ein besonderer Raum dafür
bereitgestellt. Die Untersuchung wurde durch Frauen durchgeführt.
Eines Tages kam ein sehr feines Auto angefahren, das unsere Sperre
nicht beachten wollte. Der Schulze, Herr Klein mit einer Flinte
bewaffnet, trat energisch auf und drohte zu schießen. Da
stellte es sich heraus, dass der Insasse des Autos der später
durch den "Kapp-Putsch" berühmt gewordene Generallandschaftsdirektor
Kapp war, der in der Umgegend von Schmoditten begütert war.
Er erkannte Herrn Klein. Dieser erklärte ihm die Sache. Herr
Kapp lobte unseren Eifer und setzte seine Fahrt fort. Nach etwa
drei Tagen hörte der Autoverkehr völlig auf, denn die
Autos wurden ja nicht nur in Schmoditten angehalten, sondern in
jeder an der Chaussee gelegenen Ortschaft, sodass sie ihre Aufgabe
schneller Beförderung nicht mehr erfüllen konnten. Meine
lieben Leser werden über unsere kindlichen Vorstellungen
von Kriegführung lächeln und mit Recht. Aber die Kriegspsychose
fragt nicht viel nach logischem, klarem Urteil. Die Tage liefen
dahin in Warten und Bangen. Es kam der letzte Sonntag vor dem
Einbruch der Russen. Die Gemeinde war in gedrückter Stimmung.
Die Gutsbesitzer und Bauern erzählten mir, dass sie von der
Zivilverwaltung, also dem Landrat, einen sehr merkwürdigen
Befehl erhalten hätten. Sie sollten die Ernte schleunigst
hinter die Weichsel schaffen. Allgemeines Schütteln des Kopfes.
Wie denken sich das die Herren an den Grünen Tischen?! Die
herrliche, reiche Ernte lag in den Scheunen und stand in Getreidebergen
auf den Feldern. Wie sollte die in wenigen Tagen hinter die Weichsel
geschafft werden? Eine kopflose Anordnung! Inzwischen entwickelten
sich die Dinge sehr schnell. Die Rennenkampf-Armee rückte
gegen Königsberg vor. Von diesem Vorstoß musste Pr.-Eylau
und Umgebung betroffen werden. Die Zivilverwaltung erließ
den Alarmbefehl zur Flucht hinter die Weichsel. In Schmoditten
wurde ein Treck aufgestellt. Unter Führung des Schulzen fuhr
der Treck mit Ziel Zinten ab. Ich bestand darauf, dass Hilda mit
ihrer Hausgehilfen sich dem Treck anschloss. Ich selber wollte
noch zurückbleiben, auf Ordnung im Dorf acht geben und gegebenenfalls
nach Bergung aller Amtssachen zu Fuß den Treck zu erreichen
suchen. Der folgende Tag war sehr unruhig. Schmoditten war fast
ganz menschenleer. Einige ältere Männer waren zurückgeblieben.
Die Dorfstrasse war von frei umherschweifenden Schweinen belebt.
Eine Rücksprache mit den wenigen Männern ließ
es mir dringend erwünscht erscheinen, eine Dorfpatrouille
einzusetzen. Dazu bedurfte es einer Waffe. Ich eilte in das nahe
Städtchen Pr.-Eylau und erstand ein Gewehr. Dies Gewehr übergab
ich feierlich einem alten Waldhüter mit der Weisung, damit
im Dorf hin und her zu gehen und jede Unordnung zu unterdrücken.
Am nächsten Morgen schon zeigte es sich, dass diese Maßregel
sehr notwendig war, denn da ergoss sich den ganzen Tag über
ein unaufhörlicher Strom von flüchtenden Fuhrwerken
durch das Dorf. Die Ortschaften von der Ostgrenze flohen geschlossen.
Die Wohnungen der geflohenen Schmoditter standen offen. Sogleich
setzten Versuche ein zu plündern. Besonders der verlassene
Dorfkrug lockte viele Beutelüsterne an. Ich erklärte
am Dorfeingang kategorisch unter Hinweis auf den bewaffneten Posten,
dass jeder Versuch in Schmoditten zu plündern, streng bestraft
werden würde. Jeder Plünderer habe sofort das Dorf zu
verlassen. Mein Kontroll- und Wachedienst dauerte den ganzen Tag
hindurch. Wenn die Schmiedefrau Borowski, die einzige im Dorf
zurückgebliebene Frau, sich nicht über mich erbarmt
und mir am Nachmittag heißen Kaffee und etwas Brot spendiert
hätte, dann wäre ich an jenem Tage verschmachtet. Am
Abend wurde mir gemeldet, im Hause des Pfarrhufenpächters
sei ein fremdes Mädchen beobachtet worden, das wahrscheinlich
Kleider und Wäsche der Pächterfrau stehlen wolle. Ich
ließ es sofort von einer Frau untersuchen, die dann auch
den natürlichen Leibesumfang des Mädchens sehr schnell
wiederherstellte, in dem sie einen wahren Panzer von gestohlenen
Sachen ablöste. Die Kolonne, zu der diese Spitzbübin
gehörte, musste sofort noch vor Sonnenuntergang das Dorf
verlassen. Ich habe an diesem Tage durch Erfahrung gelernt, die
traurige Feststellung machen müssen, dass bei den meisten
sog. Christen die Gebote Gottes noch nicht im Herzen und Gewissen
verankert sind, sondern meist nur aus Furcht vor der Strafe erfüllt
werden. Mit der Polizei verschwindet auch der innere Widerstand
gegen die Versuchung zu Rauben und zu Stehlen. Nur bei wenigen
ist das Gesetz schon zum vollkommenen Gesetz der Freiheit geworden
(Jakobus 1, 25).
Nach dem strengen Dienst des Tages sank ich am Abend todmüde
ins Bett. Ich hatte kaum 5 Stunden geschlafen, da erwachte ich
um 1 Uhr nachts von Gepolter und Rufen an der Haustür. Ich
gehe die Tür öffnen. Wer steht vor mir? Hilda mit unserem
Hausmädchen! Wo kommt ihr her? Wollt ihr den Russen entgegen
fahren? Sie berichten: Wir kamen auf unserer Flucht bis nach Zinten.
Das Gedränge auf den Strassen war furchtbar. Herden verstopften
die Wege. Trecks fuhren durcheinander. Die Luft war erfüllt
von dem Gebrüll des verängstigten Viehs, das nicht gemolken
werden konnte. Wie sollten wir da bis an die Weichsel gelangen?
Die fliehenden Massen wurden immer dichter. Da entschloss sich
unser Führer, Schulze Klein, den Landrat in Pr.-Eylau Herrn
v. Keudell, anzurufen und um Verhaltungsmaßregeln zu bitten.
Der Bescheid lautete: Umkehren! Zurück nach Hause! Gefahr
vorüber! Russen kommen nicht! Ach wie glücklich waren
wir! Alle unsere Trecks machten kehrt. So sind wir denn wieder
beisammen. Ich freute mich natürlich sehr über diese
Wendung, wenn auch bei der Freude ein kleiner Unterton von Zweifel
noch mitklang. Wir legten uns also zur Ruhe und schliefen friedlich
bis zum hellen Morgen. Am Vormittag des nächsten Tages standen
wir, wie das in jenen Tagen üblich war, auf der Dorfstrasse
und hofften, von den Passanten Neues zu erfahren. Es dauerte nicht
lange, da kamen Postbeamte aus Bartenstein, die berichteten, dass
sie Bartenstein unmittelbar vor dem Einzug der Russen verlassen
hätten, der Feind wäre also in schnellem Vorrücken
auf Königsberg. Jetzt war es also klar, dass der Landrat
schlecht unterrichtet uns den Russen in die Hände getrieben
hatte. Ich steige auf den obersten Boden des Hauses, um auszuschauen,
ob nicht russische Spähtrupps im Anmarsch sind. Richtig!
Dort hinten kommen sie von einem Hügel herab, nähern
sich dem Dorf, entwickeln sich zu mehreren kleinen Zügen.
In wenigen Minuten müssen sie im Dorf sein. Ich eile auf
die Strasse und melde das den Dorfbewohnern. Alles stiebt auseinander.
Jeder eilt in sein Haus. Hilda und ich schauen uns schnell um,
wo noch etwas zu verstauen wäre. Da denkt Hilda an die Flinte.
Wenn sie die finden, sind wir verloren. Da sind sie schon, die
Russen. Wohin nur mit der Flinte? Hilda ruft: "In den Zwischenboden!"
(Den ich oben geschildert habe.) Schnell wird die Luke geschlossen.
Dieses Versteck finden sie nicht. Nun gehe ich ruhig an meinen
Schreibtisch und tue, als ob ich schriebe. Da sehe ich, wie sich
an die Fensterscheibe neben dem Schreibtisch ein Gesicht drückt,
das sehen möchte, wer da am Tisch sitzt. Schnell stehe ich
auf, gehe zur Haustür und frage, was man wünsche. Es
war wohl der Anführer der Truppe, ein russischer Hauptmann.
Ich bemerke, dass dieser Spähtrupp augenscheinlich zu den
russischen Elitetruppen gehörte. Es stellte sich gleich heraus,
dass einige Offiziere Deutsch sprachen, wahrscheinlich waren es
Baltendeutsche. Genau am Pfarrhaus machte die Abteilung halt,
wohl, um sich ein wenig zu erfrischen. Es war mir interessant
zu beobachten, wie ein älterer russischer Wachtmeister, während
seine Schwadron absteigen und an unserer Pumpe trinken durfte
und sich allerlei Essbares geben ließ, wie angewachsen auf
seinem Streitross sitzen blieb, uns alle genau im Auge behielt.
Jeder Soldat hatte seine Aufträge. Einige kletterten an den
Telegraphenstangen in die Höhe und schnitten die Drähte
durch, die leise klirrend zu Boden fielen. So, dachte ich in dem
Augenblick, jetzt sind wir von dem übrigen Deutschland abgeschnitten,
wir erfahren nichts mehr von den Unseren.
Der Briefkasten wurde zerstört. Hilda und ihre Haushilfe
schafften herbei, was da war, Brot, Butter, Eier, Milch usw. Die
Soldaten kamen durchaus manierlich heran zum Küchenausgang
und zur Pumpe. Nach etwa 20 Minuten rückte der Zug wieder
ab. Von diesem Tage an haben wir 12 Tage hindurch unter russischer
Herrschaft gestanden. Hilda verdankt diesem Erlebnis einen schönen
Silberschmuck. Ein russischer Offizier muss wohl, als er sich
an der Pumpe wusch, eine silberne Armbandkette verloren haben,
die aus Emblemen russischer Form zusammengesetzt war. Sie ließ
sich daraus ein Armband machen, das sie gerne getragen hat.
Unter dem großen Flüchtlingsstrom, der inzwischen von
der Ostgrenze her durch Schmoditten flutete, befand sich auch
eine Gutsbesitzerfamilie namens Gutzeit aus der Nähe von
Allenburg, die nun von den Russen eingeholt die Flucht aufgab.
Sie suchte in unserem Dorf ein Unterkommen. Wir hatten in unserem
Pfarrhaus viel Platz, auch auf unserem Hof Raum genug für
Wagen und Pferde. Und so haben wir die Zeit der Fremdherrschaft
mit der lieben, feinen Familie Gutzeit verlebt. Frau Gutzeit,
die viel Proviant, auch dienende Geister genug auf die Reise mitgenommen
hatte, bat Hilda dringend, ihr die Sorge für den Haushalt
zu überlassen. Für die Verpflegung würde sie sorgen.
Das sollte eine Entschädigung sein für die Aufnahme
des Trecks. So haben wir in diesen Tagen ohne Sorgen leben können.
Milch gab es in Strömen. Die Rossgärten waren von edlen
Kühen angefüllt, die von der Grenze kamen und brüllten,
weil sie gemolken werden wollten. Dass die Schmoditter wieder
nach Hause gekommen waren, stellte sich geradezu als eine göttliche
Bewahrung heraus. Die Russen sind, da das Dorf voll besetzt war,
stets weiter marschiert und haben die leer stehenden Dörfer
und Gutshöfe mit Einquartierung belegt. Schmoditten wurde
oft von Kosakenpatrouillen durchsucht nach deutschen Soldaten,
aber das Kreuz auf unserem Gemeindehaus hat bewirkt, dass kein
russischer Soldat in den Raum eingedrungen ist. Es war nicht überall
so. In der Umgegend sind schreckliche Dinge geschehen. In der
Nacht haben wir rings um uns her mehr als einmal Feuerschein von
brennenden Dörfern gesehen. Aber über uns hat Gottes
Gnade wunderbar gewaltet, dass uns nichts Böses widerfahren
durfte, obwohl wir uns doch täglich mitten unter den Feinden
bewegen mussten. Im Nachbarsdorf Abschwangen wurde die Hälfte
aller Männer erschossen, weil eine hohe russische Persönlichkeit,
ein Fürst Trubetzkoi, den Kugeln deutscher Soldaten zum Opfer
fiel. In Pr.-Eylau wurde die zurückgebliebene Bevölkerung
nur durch das sehr tapfere Eintreten des Superintendenten Ebel
vor dem gleichen Schicksal bewahrt. Ich könnte darüber
viel erzählen, aber es würde über den Rahmen meiner
Aufgabe hinausgehen. Uns hat Gott gnädig bewahrt.
Ich musste in Pr.-Eylau Besorgungen machen, traf auf der Strasse
mehrere Kosakenabteilungen, sie ließen mich ruhig passieren.
In Pr.-Eylau wimmelte es von russischem Militär, sie kümmerten
sich nicht um uns. In unserem Dorf tauchten dauernd feindliche
Soldaten auf. Ein Offizier besah sich das Dorf. Als er vor das
stattliche Pfarrhaus kam, fragte er in gebrochenem Deutsch: "Was
ist das für ein Schloss?" Dass es nicht überall
so war, das erfuhr ich eines Morgens in aller Frühe, als
ich in unserer Laube saß. Da tauchte plötzlich ein
Mann auf, der einen ganz verstörten Eindruck machte. Ich
lud ihn ein, sich auszuruhen und etwas zu frühstücken.
Er saß etwa 2 Minuten, dann sprang er auf, er müsse
wieder weiter. Woher er denn käme? Er nannte das oben erwähnte
Unglücksdorf Abschwangen. Die Schreckensbilder ließen
ihm keine Ruhe. Plötzlich sprang er auf und lief davon. Nur
weiter, weiter, als müsse er vor dem Schrecklichen fliehen.
Oder ich denke an jene arme Frau meiner Gemeinde, die ich bald
nach dem Abrücken der Russen in einem Dorf traf. Sie hatte
den Verstand verloren, als vor ihren Augen ihr Mann mit vielen
anderen erschossen wurde, sie fand keine Ruhe, lief in der Stube
unaufhörlich um den Tisch herum und ließ sich nicht
beruhigen.
Eines Tages ganz früh zogen russische Marschkolonnen durch
unser Dorf, augenscheinlich auf dem Rückmarsch. Es musste
etwas geschehen sein. Bald erfuhren wir, dass in der Nähe
von Allenstein die große Befreiungsschlacht von Tannenberg
geschlagen worden war, welche Ostpreußen von den Russen
befreite. Das Doppelgestirn v. Hindenburg und v. Ludendorff stieg
auf. Bald trafen auch in Schmoditten deutsche Truppen ein, die
von der Westfront kamen und nun den Russen durch die Schlacht
an den masurischen Seen in Ostpreußen vollends den Garaus
machten. Meine Gemeinde kehrte bald wieder in ihre Wohnstätten
zurück, das Gemeindeleben verlief in der gewohnten Ordnung.
|