Volksabstimmung in Allenstein 1920
Dies ist ein Auszug aus den Lebenserinnerungen meines Urgroßvaters
Ernst Wedemann (1867-1958), Pfarrer in Kairo von 1893-1903 (geschrieben
1948-1953):
Die Lage unserer Kirche war durch den radikalen Umsturz der staatlichen
Verhältnisse recht kritisch geworden. Wir hatten unseren
Summus episcopus, das Oberhaupt unserer Kirche verloren. Wer sollte
an seine Stelle treten? Die Sozialdemokraten wollten alle leitenden
Stellen an sich reißen. Bei der Besetzung des Postens des
Staatsvertreters für die kirchliche Verwaltung haben sie
sich damals vor der ganzen Welt lächerlich gemacht. Sie fanden
dafür keinen besseren Mann, als den s. Z. berühmten
sog. "Zehngebote-Hoffmann". Das war ein waschechter
Berliner Sozialdemokrat, der wohl ein recht kluger Mann war, mit
Berliner Mutterwitz begabt, der aber bei seinen öffentlichen
Reden stets im Kampf lag mit "mir" und "mich".
Natürlich war er den damaligen Verhältnissen entsprechend
ein geschworener Feind der Kirche und des Christentums überhaupt.
Dieser Mann, der die Religion nach dem Vorbild seines geistigen
Vaters Marx "Opium für das Volk" nannte, der nicht
richtig deutsch sprechen konnte, war ausgesucht und sollte die
Stelle des bisherigen Summus episcopus einnehmen! Konnte man sich
noch einen stärkeren und beleidigenderen Ausdruck der Missachtung
unserer evangelischen Kirche seitens der damaligen Machthaber
denken? War doch Hoffmann dadurch berühmt geworden, dass
er den 10 Geboten des christlichen Glaubens seine 10 Gebote des
materialistischen Unglaubens entgegengestellt hatte. Es war ein
Glück, dass dieser unsinnige Zustand nicht sehr lange anhielt.
Der neue kirchliche Würdenträger hat sich wohl in seiner
neuen Haut nicht wohl gefühlt. Als er nach seiner Abberufung
die Räume der kirchlichen Verwaltung verließ, soll
er die klassischen Worte gesprochen haben: "Meine Herren,
mir sehen sie in diese Räume nie wieder!" Als sich die
neue deutsche Republik in Weimar ihre Verfassung gegeben hatte
und Fritz Ebert Präsident der Republik geworden war, traten
ruhigere Verhältnisse ein. Es muss gesagt werden, dass die
Machthaber des Staates damals der Kirche gegenüber Zurückhaltung
gezeigt haben. Sie hüteten sich vor Eingriffen und ließen
die Gemeinden ihre Angelegenheiten selbst regeln.
Wir hatten in Allenstein das große Glück als Patronatsvertreter
einen Oberregierungsrat im Gemeindekirchenrat zu haben, der ein
treuer Kirchenbesucher und überzeugter Christ war, Herrn
Brandies, einen Hannoveraner, der getan hat, was er tun konnte,
um das kirchliche Leben zu fördern. Aber Gott hat uns in
jenen stürmischen Tagen einen deutlichen Hinweis gegeben,
dass die Zeit gekommen war, um die Kirche ganz von ihrer Bindung
an den Staat zu befreien. Es bedurfte dazu freilich noch eines
stärkeren Ansturmes. In dem Schand-, Hass- und Friedensvertrag
von Versailles war eine Bestimmung enthalten, von der auch Allenstein
betroffen wurde. Die Bevölkerung sollte darüber abstimmen,
ob sie zu Deutschland oder zu Polen gehören wollte. Diese
Abstimmung hat am 11. Juli 1920 stattgefunden. Sie gehört
zu den großen Erlebnissen, die wir in Allenstein hatten.
Es war eine Fehlrechnung unserer Feinde, dass sie in die Vorschriften
für die Abstimmung auch die hatten aufnehmen lassen, die
im Abstimmungsgebiet geboren, später aber verzogen waren.
Sie durften an der Abstimmung teilnehmen.
Die Feinde hatten gehofft, dass die vielen Tausende von Masuren,
die alljährlich nach Rheinland und Westfalen ausgewandert
waren, für Polen stimmen würden. Da die Masuren einen
polnischen Dialekt sprachen, meinten sie, sie müssten auch
polnisch gesinnt sein. Einige Monate vor der Abstimmung, für
Juli festgesetzt, wurde das Abstimmungsgebiet dessen Grenze etwa
von dem damaligen Margrabowa, später Treuburg, westwärts
zwischen Heilsberg nach Deutsch-Eylau bis zur Weichsel verlief,
von Alliierten Truppen besetzt. Unser Militär musste abrücken,
die leitenden Beamten, Regierungspräsidenten, Bürgermeister,
Landräte u.s.w., mussten das Gebiet verlassen. Lück
wurde von Italienern, Allenstein von Iren besetzt. Ein Schwarm
von ausländischen Offizieren aller Art und aller feindlichen
Nationen tauchte auf und musste untergebracht werden. Die Grenze
nach dem deutschen Ostpreußen wurde streng bewacht. Wenn
ich nach Königsberg zum Konsistorium fahren wollte, dann
musste ich von Büro zu Büro laufen, um endlich von einem
Italienischen Offizier die Genehmigung zur Fahrt zu erlangen.
In einem den Polen gehörenden Hotel hatten die Herren von
der Kontrollkommission ihr Hauptquartier aufgeschlagen. Man konnte,
ohne zu lächeln an diesem nicht vorüber gehen. Rings
um das Gebäude war der Bürgersteig durch spanische Reiter
und dichtmaschigen hohen Stacheldraht abgesperrt, ganz kriegsmäßig,
als hätten wir harmlosen Allensteiner Aufruhr und Mord im
Sinn. Die Polen hatten in den Monaten vor der Wahl mit allen Mitteln
für Polen geworben. Besonders hatten sie es auf die Masuren
abgesehen. Sie suchten ihnen klar zu machen, dass sie doch polnischen
Stammes wären, dass der König von Preußen sie
mit Gewalt durch die Union von der lutherischen Kirche losgerissen
habe. Sie hatten meist kein Glück mit ihren Werbeversammlungen.
Ich habe in dem katholischen Marienkrankenhaus, dem einzigen Krankenhaus,
das es damals in Allenstein gab, bei meinen Besuchen evangelischer
Kranker auch einen jungen lutherischen polnischen Pastor mit dich
verbundenem Kopf angetroffen, der bei einer Versammlung in Bischofsburg
zwischen heftig kämpfende Gruppen geraten war und dabei Bekanntschaft
mit kräftigen deutschen Fäusten hatte machen müssen.
Die Kämpfe wurden noch lebhafter und durchschlagender als
kurz vor der Wahl in Hunderten von Extrazügen die im Abstimmungsgebiet
Geborenen anrollten. Als die hörten, dass die Polen mit ihren
Stimmen rechneten, erfasste sie eine große Wut. Was? Wir
sollen für Polen stimmen? Sie krempelten die Ärmel auf,
gingen in die Versammlungen und ruhten nicht eher, als bis der
letzte Pole ans dem Saale herausgeflogen war. Die sprachen eine
derbe, aber verständliche Sprache. Die Polen mussten bald
einsehen, dass ihre Aussichten schlecht standen. Bei der Vorbereitung
der Wahl und bei der Heranführung der Wähler aus allen
Teilen Deutschlands haben sich besonders verdient gemacht unser
Allensteiner Oberbürgermeister Zülch, Direktor Czwalina
und Herr Worgitzki, die Tag und Nacht gearbeitet haben.
Als der Tag der Abstimmung anbrach, befanden sich die Polen in
etwas gedrückter Stimmung, die Deutschen in freudiger Erwartung.
Wir verlebten den Tag wie einen Festtag. Den ganzen Tag hindurch
wurden die Wahlresultate durch Lautsprecher bekannt gegeben. Die
Begeisterung war in stetem Wachsen. Dass in Allenstein und Umgebung
verhältnismäßig viele Stimmen für Polen abgegeben
waren, überraschte uns nicht. Waren doch im Volksmund katholisch
und polnisch die gleichen Begriffe. Man wusste, dass das
Marienkrankenhaus, das damals mit den ganz polnisch gesinnten
Vincentinerinnen besetzt war, ein Brennpunkt der polnischen Propaganda
war. Einige Zeit vor der Wahl tauchte in diesem Krankenhaus ein
hoher katholischer Würdenträger auf, der heute den päpstlichen
Stuhl innehat. Die Schwestern erstarben vor Ehrfurcht und Begeisterung.
Der Besuch konnte in jenem Augenblick ja keinen anderen Zeck haben,
als im Auftrag der höchsten Kirchenleitung ein gutes Wort
für das liebste Kind des heiligen Stuhles einzulegen. Aber
selbst dieser Trumpf stach nicht. Es war damals noch ein anderer
in Allenstein, der von Stunde zu Stunde bitterer enttäuscht
wurde. Das war der Franzose in der Kontrollkommission. Polen als
das gezückte Schwert Frankreichs im Osten gegen Deutschland
war ja immer Frankreichs bester Freund. Gespannt verfolgte der
französische General die Wahlmeldungen. Von Stunde au Stunde
verfinsterten sich seine Züge. Als die Zahl der für
Deutschland abgegebenen Stimmen längst mehr als die Hälfte
der Stimmberechtigten betrug, da stand er mit einem Fluch auf,
und verließ sein Zimmer. Er wollte nichts weiter hören.
Als am Abend bekannt gegeben werden konnte, dass eine überwältigende
Mehrheit für Deutschland gestimmt hatte, da brach der Jubel
bei den Deutschen los. Endlich erlebten wir nach dem Elend des
Kriegsendes eine Hochstunde vaterländischer Begeisterung.
Die ganze Nacht hindurch waren die Gaststätten von begeisterten
Menschen gefüllt, die gleichzeitig das Beisammensein mit
Zugereisten Verwandten und Bekannten feierten. Bis in die Morgenstunden
hinein zogen Gruppen fröhlicher Menschen durch die Strassen
und sangen vaterländische Lieder oder Soldatenlieder. Das
herrliche Ergebnis dieser Abstimmung wurde bald darauf auf dem
Abstimmungsdenkmal für alle sichtbar gemacht und festgehalten.
Dieses Denkmal stand in wundervoller malerischer Lage im Stadtpark
am Rande des Waldes. Heute haben die Polen, denen fast 1/4 von
Deutschland geschenkt wurde, natürlich dieses Denkmal mit
Stumpf und Stiel ausgerottet.
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