Dieser Bericht stammt von Helga, geschrieben 1983:
Der Winter 1944/45 war zuerst nicht sehr hart. Etwas Schnee lag
auf den Feldern. Meine Schwester Herta war schon lange mit ihren
drei kleinen Kindern und Emmi mit der Eisenbahn in den Westen
gefahren und in Sicherheit. Ich hatte meine Ausbildung in Berlin
(1943 und 1944) beendet und kam Anfang Dezember 1944 zu meiner
Mutter und Schwester Frida-Irene nach Vollmarstein. Wir feierten
das letzte Weihnachtsfest in der Heimat. Leisen Geschützdonner
von der näher rückenden Front hörte man schon lange,
aber da sich überall noch Soldaten aufhielten, ging jeder
ruhig seiner Arbeit nach. In unserem Gutshaus wohnten seit etwa
einen halben Jahr mehrere Flüchtlingsfamilien - 30 bis 60
Personen - , die aus weiter östlichen und südlichen
Gebieten stammten. Außerdem lagen in den letzten Tagen viele
verwundete Soldaten in unserem Hause, jeder Raum war voller Menschen.
Nach Anweisungen meiner Mutter machten unsere Leute die Fluchtwagen
bereit. Je zwei Familien bekamen einen Wagen mit Pferden zugeteilt,
die sie sich so gut es ging einrichten konnten. Die Männer
hatten viele Kisten gezimmert, alle schmal und handlich, für
ihre Familien und für uns. Jeder durfte seine persönlich
wichtigen Sachen, Bücher und Alben, Geschirr, Gläser,
das Silber usw. hineinlegen. Vieles von dem, was wertvoll war
und was wir gerne mitnehmen wollten, wurde ordentlich eingewickelt
und hineingepackt. In der Diele (Halle) vor der zweiten Haustür
stapelten sich die fertigen Kisten immer höher. Dann erhielt
jeder von uns dreien einen großen und einen kleinen Koffer
für Kleidung und etwas Leib- und Bettwäsche. Der kleine
Koffer musste besonders sorgfältig gefüllt werden, denn
falls wir unterwegs aussteigen müssten, sollte jeder ein
Paar Schuhe und nötigste Sachen mitnehmen können. Außerdem
hatten wir für Federbetten große Taschen angefertigt.
Wir mussten natürlich auch an Futter für die Pferde
denken, an Essen für uns und den Franzosen, der unser Kutscher
war, und an Platz für sein Gepäck.
Am Nachmittag vor dem Fluchtmorgen beluden wir unseren Wagen.
Zuerst wurden zwei maßgerechte Kisten als Sitzbänke
hineingestellt, dann die Koffer, die Taschen mit den Federbetten,
das Gepäck des Franzosen, Säcke mit Pferdefutter, eine
Kanne mit Honig, etwas Schinken und Würste, fertige Butterbrote,
die bald hart gefroren und dennoch das beste Essen waren, das
man sich denken konnte. Auf die Kisten legten wir Matratzen und
eine Pelzdecke, und zum Schluss wurde ein Teppich über Rundbögen
befestigt. Aber die vielen Kisten mit unseren Büchern, den
Gläsern und den anderen schönen Dingen mussten in der
Diele stehen bleiben, weil der Wagen schon vorher überladen
war. Meine Mutter und ich schliefen etwas die letzte Nacht, meine
Schwester hielt Telefonwache mit einigen Offizieren.
In der Nacht zum 25. Januar kam der erwartete Anruf, der Befehl
zur Flucht. Die Sowjetpanzer standen schon in Nikolaiken, 12 km
von uns entfernt, wurden dort durch gesprengte Brücken noch
etwas aufgehalten. Meine Schwester weckte uns, ging zu unseren
Flüchtlingen im Hause und zu den Familien in unseren Leutehäusern.
Sie sollten die Pferde füttern und sich mit ihren Fluchwagen
auf dem Hof versammeln.
Trotz der Angst vor den Russen war die Trennung von Vollmarstein
so furchtbar, so unfassbar, unglaublich, unwirklich, dass wir
wie im Traum das Haus verließen. Wir gingen durch ein Spalier
von Soldaten und Offizieren. Sie starrten uns an, und in ihren
ernsten Gesichtern sahen wir tiefe Erschütterung, ehrfürchtiges
Mitleid mit einer Familie, deren Welt jetzt zusammenbrach, die
Flucht, Verfolgung, Angst und Elend und vermutlich Marter und
den Tod vor sich hatte. Es war ein Aufbruch in grauenvolle Ungewissheit.
Als es hell wurde, fuhren wir los bei Schneetreiben und 10 Grad
Kälte. Zu unserem Treck gehörten außer den Vollmarsteiner
Wagen die der Güter Kuppenhof und Hoverbeck und die Wagen
des Dorfes Hoverbeck. Unser Fluchtweg war festgelegt. Wir sollten
durch unseren Wald fahren und über Kuppenhof weiter nach
Norden Richtung Heiligelinde und Rößel, also Sensburg
umfahren.
Kurz vor der Abzweigung zum Wald bemerkte meine Mutter, dass wir
den Kanister mit Petroleum für die Wagenlampen in der Diele
bei den übrigen Kisten vergessen hatten. Meine Schwester
ging zurück, um ihn zu holen. Auf unserem Hof war schon ein
großes Durcheinander und Geschrei. Die Kühe brüllten,
die Schweine wurden abgestochen, das Geflügel gejagt und
eingefangen, Auch im Hause erschrak sie sehr, alle Schränke
waren geöffnet und durchsucht - ein Chaos -. Der Kanister
stand nicht mehr da, so ging sie langsam die Freitreppe hinunter,
nahm nochmals schmerzlichen Abschied - für immer.
Gleich hinter unserem Wald war unser Wagen in einem verschneiten
Hohlweg stecken geblieben - dann rissen die Sielen - einer der
Männer musste zurück, fand aber nur noch schlechte Geschirre
und Riemen. Nachdem der Wagen freigeschaufelt und in Ordnung gebracht
war, ging es weiter, jetzt aber über die kahl gewehten Felder.
Auf Kuppenhofer Gelände trafen wir mit dem Hoverbecker Treck
zusammen. Eine Nachbarin fuhr mit ihren Söhnen in einem Kutschwagen
mit wenig Gepäck. Ihre ganze Habe befand sich auf einem Leiterwagen.
Im tiefen Schnee aber war dieser Gepäckwagen zusammengebrochen
und lag im Graben. Unser erstes Quartier hatten wir bei Kreisjägermeister
Schwarz. Dort hofften die Leute noch, dass die Russen zurückgeschlagen
würden, und hatten nichts für ihre Flucht vorbereitet.
Wir ließen einen Marmeladeneimer voller Eier da zurück,
weil sie gefroren und geplatzt waren.
Die erste Nacht unserer Flucht schliefen wir, wenn auch sehr beengt,
weil alle anderen Räume schon belegt waren, so doch im Hause
von Bekannten und hatten ein Dach über dem Kopf. Wir saßen
abends noch lange zusammen mit Familie Schwarz, einem Nachbarehepaar
und mehreren Offizieren. Es war ein letztes Abschiedsbeisammensein
in der Heimat, wir sangen: "Land der dunklen Wälder"
und andere Heimatlieder.
Viele Soldaten und Offiziere waren auch in diesem Ort versammelt.
Sie sprachen von dem geplanten Durchbruch der 4. Armee zwischen
Elbing und Danzig, der auch vorübergehend gelang und unzähligen
Menschen die Flucht in den Westen ermöglichte. Später
war auch dieser Weg endgültig versperrt, Militär und
Bevölkerung befanden sich im Kessel. Am nächsten Morgen,
dem 26.01., war es kälter geworden. Starke Schneestürme
behinderten die Sicht. Wir trafen mit den Sensburgern zusammen.
In der grimmigen Kälte gingen sie zu Fuß mit beladenen
Handwagen, Rodelschlitten, Kinderwagen und Fahrrädern. Meine
Schwester sah ihren früheren Lehrer Dr. Liedke und half ihm,
einige Kilometer weit, seinen Schlitten zu ziehen. Dann musste
sie zurückbleiben, weil die Fußgänger schneller
voran kamen als die Fluchtwagen. Viele Sensburger waren zu Hause
geblieben, wollten lieber von den Sowjets "überrollt"
werden als im knietiefen Schnee in Hunger und Kälte vielleicht
auf den Landstrassen umkommen.
Wir fuhren zur nächsten Station nach Heiligelinde, wo wir
auf einem freien Platz vor der berühmten Kirche übernachteten.
Die Flüchtlingstrecks mussten auf Nebenstrassen und verschneiten
Feld- und Waldwegen fahren, denn die Hauptstrassen waren voller
Militär oder auch schon von Russen befahren.
Damit sich die nachfolgenden Sowjets schlechter orientieren konnten,
waren Ortsnamen und Wegweiser von den Strassen entfernt worden.
Im Ostpreußischen Kessel wurden die Trecks hin und her geleitet.
Wir waren von unseren anderen Vollmarsteiner Wagen bald getrennt
und wussten nicht, in welchem Ort wir uns befanden, kannten nicht
das Datum und den Wochentag. Die Essenvorräte waren nach
einigen Wochen verbraucht, Brot und Wurst hatten wir unserem Franzosen
gegeben, aßen selbst nur etwas Honig und Schnee. Gegen die
Kälte, bis zu -25 Grad, und das Schneetreiben bedeckten wir
unsere Pferde mit Steppdecken, konnten ihnen aber nur wenig Futter
geben. Viele Leute gingen zu Fuß, einige mit Handwagen und
Schlitten. Oft sahen wir tote Pferde am Straßenrand und
auch tote Menschen. Man vergrub sie in einer flachen Mulde oder
im Schnee, oder man nahm seine lieben Toten tagelang und wochenlang
im Treckwagen mit. Kinderwagen standen am Straßenrand. Ich
konnte nicht mehr hinein sehen, wusste, dass ein erfrorenes, totes
Kindchen darin lag. Meine Schwester und ich gingen weite Strecken
zu Fuß, um unsere Pferde zu entlasten und versuchten auf
vereisten Strassen den Wagen zu halten. Unsere Mutter wurde krank,
kriegte hohes Fieber. Oft wurde verzweifelt, aber vergeblich nach
einem Arzt gerufen. Wie gerne hätte man geholfen, aber es
gab keine Hilfe. Gräuelnachrichten verbreiteten sich von
näher rückenden Sowjetpanzern und überrollten Trecks.
In Unruhe und Angst trieben wir die Pferde weiter.
Eines Nachts, als wir mit vielen anderen Wagen vor einer kleinen
Stadt auf dem Marktplatz (Viehmarkt) standen, hörte man plötzlich
lautes Krachen - Splittern - Schreien. Die russischen Panzer hatten
die Stadt am anderen Ende erreicht. Verzweifelt versuchten die
Trecks, die in den Strassen Schutz vor dem Schneesturm gesucht
hatten, zu fliehen. In panischer Angst rasten sie los, verkeilten
sich ineinander, verstopften die Strassen. Die Panzer überfuhren
sie und wurden dadurch etwas aufgehalten. Wie sollten wir und
die vielen anderen Wagen durch das schmale Tor den Platz verlassen
können? Wir saßen in einer Falle. In fassungsloser
Angst sah ich die Menschen aus der Stadt drängen und hetzen.
Aber die vermutete Panik trat nicht ein. Zwei alte Männer
beleuchteten das Tor und leiteten einen Wagen nach dem anderen
zur Strasse hinaus. Die Minuten des Wartens, bis auch wir dran
waren, wurden zur Ewigkeit. Dann durften wir fahren, und auf der
Strasse ging's in scharfem Trab mit den schwerfälligen Fuhrwerken
voran. Auch dieses Mal hatten wir unsere Rettung der Umsicht meiner
Mutter zu verdanken, nicht in die Stadt hineinzufahren.
In einer anderen Nacht hörte man ein fernes unheimliches
Rauschen. Es war immer näher kommendes Pferdegetrappel. "Rückt
die Rote Armee jetzt beritten an?" Dann sahen wir die vielen
wunderschönen Trakehner ruhig durch den Schnee an den stehenden
Treckwagen vorbeiziehen, von einigen Männern geleitet. Nachts
gingen sie ungesehen und ungestört von russischen Flugzeugen.
Am Tage wurden wir öfters von den Bordwaffen der Flieger
beschossen. Dann hielten die Gespanne an, und fast alle Leute
suchten irgendwo Deckung. Nur wenige, wie auch wir drei, blieben
bei Wagen und Pferden, denn falls nur eins unserer Pferde oder
der Wagen getroffen wäre, hatten wir nicht weiter flüchten
können. Für meine Mutter wäre die Flucht zu Fuß
unmöglich gewesen. Soldaten sagten: "Beeilt euch, zieht
über das zugefrorene Haff auf die Nehrung, bevor das Eis
schmilzt!"
Endlich, in einem Fischerdorf (Passarge) wenige Kilometer östlich
von Frauenburg, erreichten wir abends das Frische Haff, mussten
aber bis zum Morgen warten, bevor wir den rettenden Weg über
das Haff antreten durften. Wir trafen dort Bekannte aus Hoverbeck
und nahmen eine Familie mit drei Kindern in unserem Wagen mit.
Auf dem Eise stand Wasser, und auch ein breiter Uferstreifen war
aufgetaut. Zu unserem Glück hatte es nachts wieder gefroren,
und die Soldaten konnten das offene Wasser am Ufer überbrücken.
Männer durften Ostpreußen nicht verlassen, wurden aus
den Treckwagen herausgeholt, so auch der Vater unserer mitgenommenen
Familie. Als der Morgen dämmerte, fuhren die bange wartenden
Menschen mit ihren Gespannen im Abstand von etwa fünfzig
Metern auf das Haff. Ängstlich scheuend betraten die Pferde
das Eis. Meine Schwester und ich gingen zu Fuß. Die Räder
wirbelten das Schmelzwasser auf. Auch unsere neu abgesteckte Marschroute
über das Eis war von Kleinbomben der Flieger und eingebrochenen
Gespannen schwer beschädigt. Immer wieder gab es Verzögerungen,
aber der weite Abstand musste eingehalten werden wegen Einbruchsgefahr.
Diese acht Kilometer lange Strecke dauerte viele Stunden. Oft
mussten wir halten, weil wieder ein Wagen eingesunken und liegen
geblieben war. Die frischen Einbruchstellen wurden umkreist, doch
mehrmals ging der vorgeschriebene Weg über einen mit allem
Gepäck eingefrorenen Wagen mit Pferdekadavern, über
die ein Teppich gelegt worden war. Dann vermochten meine Schwester
und ich nur mit großer Überwindung unsere sich aufbäumenden
Pferde darüber hinweg zu führen. Die russischen Tiefflieger
hatten leichtes Spiel mit uns, konnten ungestört die dunklen
Gespanne auf der hellen Eisfläche mit ihren Bordwaffen beschießen.
Zum Glück waren sie schlechte Schützen und trafen selten,
aber die Angst vor Treffern war immer gegenwärtig und auch
die Sorge um unseren jetzt noch schwerer beladenen Wagen. Wir
gingen hinterher auf dem nassen, glatten Eis und versuchten ihn
am Schleudern zu hindern.
Als wir wieder einmal lange halten mussten, sank die Scholle,
auf der unser Gespann stand langsam immer tiefer. Wir starrten
in Todesangst auf den Spalt vor unseren Füssen. Später
sagte meine Schwester: "Damals habe ich mit meinem Gott ein
Abkommen getroffen: Falls wir diese Fahrt überstehen, will
ich mich über nichts mehr im Leben beklagen, komme, was da
wolle. Ich werde arbeiten, ganz gleich was, und mit allem zufrieden
sein." Und dann endlich nach einer halben Ewigkeit zogen
die Pferde kräftig an, stiegen auf die erhöhte feste
Eisfläche hinauf, es gab einen furchtbaren Ruck, der Wagen
gelangte auch auf festes Eis, und es ging wieder weiter. An der
rettenden Nehrung mussten wir zuerst weit entlang fahren, bis
zu der Brücke, die Soldaten über das offene Wasser am
Ufer gebaut hatten. Soldaten halfen uns auch die steile sandige
Böschung hinauf. Sie griffen in die Räder und zogen
so den Wagen und auch die Pferde nach oben. Und dann war die Fahrt
über das Frische Haff überstanden, wir hatten wieder
festen Boden unter den Füssen.
Auf der Nehrung ging's gleich weiter nach Westen. Aus der Gegend
um Frauenburg wurden wir mit Artillerie beschossen und auch wieder
von den Fliegern, die im Tiefflug mit Maschinengewehren auf die
Menschen schossen. Es gab kaum Deckung. Eisiger Wind wehte. In
der Ostsee lag ein Flugzeugwrack und schaukelte in den Wellen.
Jetzt führte unser Weg durch menschenleere Orte - Geisterdörfer.
Die Haustüren waren offen, die gesamte Bevölkerung war
schon geflüchtet. Bedrückende Stille umgab die endlosen
Flüchtlingskolonnen. Dann kamen wir südlich von Danzig
bei Praust aus dem ostpreußischen Kessel hinaus.
In der Danziger Bucht in Gotenhafen sahen wir ein Passagierschiff,
zu dem verwundete Soldaten getragen und gefahren wurden oder an
Krücken gingen. Auch Flüchtlinge warteten auf die Genehmigung,
mitgenommen zu werden. Das große Schiff strahlte Ruhe und
Rettung aus. Wir wären auch gerne mitgefahren, wollten aber
den Platz auf dem Schiff denen überlassen, die keine Gespanne
hatten, so zogen wir weiter nach Westen. Auf den Chausseen fuhren
die Soldaten, Flüchtlinge mussten sich scharf rechts halten
oder herunter von den Strassen und auf Feldern und Äckern
fahren. In Pommern stieg die mitgenommene Mutter mit ihren Kindern
aus, um mit der Eisenbahn weiterzukommen. So konnten meine Schwester
und ich wieder auf den Wagen. Es wurde wieder kälter, Schneestürme
fegten über die Strassen, frierend und hungernd verbrachten
die erschöpften Menschen oft Tag und Nacht auf ihren Treckwagen.
Die Russen waren mit Panzerverbänden vorgestoßen und
hatten Pommern eingekreist. Niemand wusste, wo sie sich befanden.
Dreimal waren sie uns wieder ganz nahe, dann fuhren wir von Angst
gehetzt über die eisglatten Wege, Pferde und Wagen rutschten
aus. Es entstand eine heillose Verwirrung aus Angst vor den alles
niederwalzenden Sowjetpanzern. Verwundete Pferde und Kühe
und zerbrochene Fuhrwerke lagen am Straßenrand. In den pommerschen
Dörfern und Städten und auch später gab es Flüchtlingsbetreuungen,
Verteilerstellen, wo wir an manchen Tagen eine warme Suppe und
etwas Futter für die Pferde bekommen konnten. Wir schliefen
auch manchmal dicht gedrängt in Häusern, in einer Schule,
in einem Saal todmüde auf dem Fußboden zusammen mit
Soldaten. Damals war mein einziger Wunsch, mit meiner Mutter und
Schwester allein sein zu können.
Wir fuhren immer weiter Gespann hinter Gespann. Wenn man sich
vom Wagen entfernte, hatte man oft Mühe, ihn wieder zu finden.
Man wusste nicht, ob der Treck stehen geblieben oder zügig
weiter gefahren war. Einmal suchte ich einen ganzen Tag unser
Pferdegespann. Als ich es abends endlich fand, freute sich besonders
auch der Franzose. Unser Franzose nickte immer wieder ein auf
seinem Platz. Dann nahm ich ihm leise die Zügel aus der Hand.
Die Pferde fanden den Weg aber auch allein, sie wankten hinter
dem Vorderwagen her. Nachdem wir die Oderbrücke überquert
hatten, keine unmittelbare Gefahr vor den Russen bestand und die
Sonne wieder wärmer schien, holte ich meine Mundharmonika
und die Blockflöte hervor und spielte einige Frühlingslieder.
Doch mich sahen nur blasse, graue und traurige Gestalten an, und
auch meine eigene innere Leere verhinderte jede Freude.
Die Pferde wurden schwächer und schwächer. Sieben Wochen
waren wir unterwegs, jeden Tag und viele Nächte auf den Strassen,
mehrmals vor den Sowjetpanzern in Angst vor dem Tode und vor Schlimmerem,
immer in Not und Entbehrung, die Schrecken des Krieges vor Augen.
Aber wir hatten unser Ziel erreicht, die Flucht war geglückt.
Wir kriegten in einen Dorfe bei Bremervörde ein Zimmer für
uns drei und einen Stall für die Pferde. Dort erlebten wir
die leichten Kämpfe und den Einmarsch der britischen Truppen.
Nach den Kriege fuhr ich schon vier Mal für einige Wochen
in unsere alte Heimat mit meinen Mann, unserem Sohn, meiner Schwester
Herta, deren Tochter und einer Freundin, die früher als junge
Ärztin auf den Sensburger Gesundheitsamt gearbeitet hatte.
Von den zehn Vollmarsteiner Gebäuden stehen noch drei und
die kleine Schmiede. Unser Wohnhaus hatten die Russen leer geräumt,
die Möbel und Einrichtungsgegenstände mit Lastwagen
weggefahren, nur das Klavier wurde gleich zerschlagen. Dann steckten
sie das Haus an. Die Leute, die dabei waren, erzählten von
dem gewaltigen Feuer, das man weithin sehen konnte. Voller Entsetzen
standen sie da und sahen, wie das Gutshaus brannte. Unsere Hunde
hatten die Soldaten mitgenommen, die Siamkatze war noch den Sommer
über in Park zu sehen.