Im Jahr 2014 jährt sich zum 100. Mal der Beginn des 1. Weltkriegs.
Zeitzeugen leben kaum noch. Umso wichtiger ist es, die Erinnerung
an Ursachen, Verlauf und Folgen auch dieses unheilvollen Geschehens
wachzuhalten. Die Kriegerdenkmäler in unseren Gemeinden geben
ein beredtes Zeugnis davon, wie viel Leid es über die Familien
und das Gemeinwesen insgesamt gebracht hat.
Im Nachlass meines Großvaters mütterlicherseits, Michael
Kurz, fand sich ein schwarz eingebundenes Notizbüchlein im
Hochformat 85 x 145 mm mit Kalender des Jahres 1914 auf den ersten
drei Seiten nach dem Titelblatt, das in einem rechteckigen Rahmendekor
auf vier Zeilen den Zweck des Büchleins beschreibt: "Notiz-Buch
mit Kalender 1914/1915". Darunter ziert die Seite noch eine
initialenartige Grafik, die in ein dreiblättriges Kleeblatt
ausläuft.
Maria Kurz, die älteste von drei leiblichen Töchtern
meines Großvaters und meine Tante, hatte das Büchlein
in Verwahrung und empfand seinen Inhalt als überaus bedeutungsvoll
zumindest für die nachfolgende Generation. Sie machte sich
aber erst in den Jahren ihrer Pension daran, die darin in deutscher
Schrift enthaltenen Aufzeichnungen mit der Schreibmaschine abzuschreiben
und so auch vorrangig ihren Neffen und Nichten verfügbar
zu machen, denen diese Schriftart ja kaum noch geläufig war.
Auf die eigentliche Bestimmung des Notizheftchens verweisen bereits
auf der Innenseite des Umschlags die mit Bleistift gefertigten
handschriftlichen Eintragungen in gut leserlicher, jedoch gerade
hier schon etwas verblasster deutscher Schrift. Der Besitzer weist
sich dann auf der Titelseite gegenüber aus als "Michael
Kurz Reserve-Mann beim 1. B.R.I.R., 11. K., 1. Division, 1. Armee-K."
Mein Großvater war also im 1. Bayerischen Reserve Infanterie
Regiment, 11. Kompanie, 1. Division, 1. Armeekorps. Das Königlich
Bayerische Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 1 wurde im Zuge
der Mobilmachung der Bayerischen Armee zum Ersten Weltkrieg am
2. August 1914 in Dienst gestellt und blieb bis zum Ende des Krieges
1918 bestehen.
Michael Kurz, geboren am 21. August 1885, betrieb eine kleine
Landwirtschaft in Kothaich, heute ein Ortsteil der Gemeinde Kirchanschöring
im oberbayerischen Landkreis Traunstein. Auf der Umschlaginnenseite
des Heftchens bekundet er seinen letzten Willen für den Fall,
dass er im Feld zu Tode kommt:
"Mein nächster, bester Kriegskamerad!
Sollte ich nach Gottes Willen im Feindesland sterben,
so sende dieses Büchlein, sowie den Ehering
und mein Geld an meine Geliebte Gattin, Maria Kurz,
Bäuerin in Kotaich, Post Petting, Oberbayern.
Gott lohne es Dir mit Heimkehr."
Vermutlich waren die nach dem Kalender 1914 beginnenden tagebuchartigen
Notizen unter der Überschrift "Kriegsbeschreibung"
in erster Linie für seine Frau und die nächsten Angehörigen
bestimmt, damit sie sich ein Bild vom Kriegsgeschehen machen konnten,
wie er es am eigenen Leib erlebt hatte - schlimmstenfalls bis
zu seinem Tod oder bestenfalls bis zu seiner Heimkehr. Auf 39
säuberlich beschriebenen Seiten des Heftchens skizziert er
knapp die Ereignisse von der Mobilmachung und seiner Einberufung
bis zu seiner schweren Verwundung und der nach langen Lazarett-
und Hospitalsaufenthalten erfolgten Entlassung. Damit war das
Notizbüchlein allerdings noch nicht voll. Das Kalendarium
von 1915 - ursprünglich wahrscheinlich auf den letzten drei
Seiten des Bändchens befindlich - fehlt in dem Büchlein.
24 Blätter sind offensichtlich herausgerissen. Wie den verbliebenen
Resten zweifelsfrei zu entnehmen ist, diente es dem Inhaber nach
seiner Rückkehr aus dem Krieg dazu, betrieblich bedeutsame
Vorgänge und Ereignisse aus seiner kleinen Landwirtschaft
festzuhalten, wie etwa Lieferungen von Getreide an eine Mühle.
Im Folgenden gebe ich die Abschrift des Textes wieder, wie sie
von meiner Tante angefertigt wurde. Abweichende Lesarten, Ergänzungen
und Anmerkungen meinerseits füge ich in Klammern an. Satzzeichen
und Absätze habe ich nach Gutdünken ergänzt und
eingefügt, die Rechtschreibung allerdings nicht auf den heutigen
Stand gebracht oder berichtigt, sondern in der ursprünglichen
Schreibweise des Verfassers belassen. Im Interesse einer besseren
Lesbarkeit und Orientierung habe ich den Text in Abschnitte gegliedert
und mit Zwischenüberschriften versehen.
Mobilmachung - der Krieg beginnt
"Am 31.VII.1914 abends 8 Uhr wurde Mobil gemacht, was wir
fast nicht glauben wollten, aber am 1. VIII. wurden wir der Wahrheit
gewiß. Die Aufregung war allgemein groß. Nachdem aber
die erste Aufregung vorüber war, wurden Bittämter und
ein Wallfahrtsgang nach Maria Mühlberg veranstaltet. So gingen
die ersten drei Tage vorüber. Am 4. Tag aber, als ich zur
Fahne mußte, fiel es mir schon schwer, meine erst kürzlich
geheiratete Gattin [die Hochzeit war im April 1914], meine Mutter
und Geschwister, mein trautes Heim zu sen. Ich ging nach Lampoding,
besuchte aber noch unsere liebe Frau in der Eichet-Kapelle und
flehte noch um ihren Schutz. Von Lampoding aus fuhren wir mit
einem Wagen nach Waging. Bei der Kappel zwischen Schnöbling
und Tettenhausen stiegen wir Kameraden, 9 an der Zahl, ab, um
noch zu beten. Als wir nach Tettenhausen kamen, gingen wir abermals
zum Beten in die Kirche, wo uns der Vikar vorbetete, mit dem Ciborium
den Segen gab."
Abschied zwischen Schmerz und Kriegsbegeisterung
"Als wir zum Wirt hinein kamen, stand ein Schüssel voll
Suppe mit Leberknödel für uns bereit, soviel, daß
wir sie nicht aufessen konnten. Bei der Einfahrt + bei der Ausfahrt,
wie auf der ganzen Fahrt von Lampoding nach Waging sang alles
Soldaten- und Kriegslieder. Zigarren und Hochrufe kammen von allen
Seiten her, ebenso Bier. Um 12 Uhr bestiegen wir unter großer
Begeisterung und Hurra-Rufen den Zug, welcher uns nach Traunstein
beförderte. Als wir von Traunstein nach Rosenheim abfuhren,
war es erschreckend, welche Schaaren dem Ruf des Königs folgend
ihre Heimat verließen mit stürmischer Begeisterung.
Um 1/2 8 Uhr kamen wir in Rosenheim an, wo wir acht Tage bleiben
mußten, was wir nicht übel fanden."
Unterwegs zum Fronteinsatz
"Am 12. VIII. ging es dann morgens 6 Uhr mit der Bahn weiter
über München, Pfaffenhofen nach Ingolstadt, wo wir das
Mittagessen bekammen um 2 Uhr nachmittags. Nachher ging es über
Neuburg, Donauwörth nach Nördlingen, wo wir das Abendessen
bekammen. Um 8 Uhr abends verließen wir Nördlingen
und somit die bayerische Grenze. Nun ging es über Türkheim
das ganze Baden Würdenberg hindurch nach Bruchsal, wo wir
am 13. VIII. 1/2 8 Uhr morgens ankammen. Das Schlafen in dieser
Nacht war sehr wenig, und die ganze Fahrt war begleitet von stürmischen
Hurra und Hoch-Rufen. Um 8 Uhr verließen wir Bruchsal, in
dessen Bahnhof täglich 50 - 60 Militärzüge mit
40 - 50 Waggons verkehrten, und betraten die Grenze Badens, welche
wir um 4 Uhr abends bei Landau wieder verließen. Auch in
ganz Baden herrschte größte Begeisterung. Nun ging
es durch die schöne Rheinpfalz mit seinen reizenden Weinbergen,
wo wir um 1/2 6 Uhr abends den Rhein überschritten. In der
Pfalz wie in Baden, Würdenberg und Bayern erhielten wir auf
den Bahnhöfen, wo der Zug anhielt, Stärkung mit Kaffee,
Tee, Brod, Zigarren, Süßigkeiten im Zug vom Rotenkreuz-Verein.
In Elsaß, dessen Grenze wir um 6 Uhr abends betratten, ging
es mit Ausnahme der Station Hagenau sparsam her. Wir mußten
noch bis 12 Uhr nachts fahren, bis wir bei Stat. Parschweiler
die Eisenbahn verließen und nach 2-stündigem Marsch
in Oberhorst am 14. VIII. 2 Uhr morgens einquartiert wurden. Um
1/2 10 Uhr aber mußten wir schon wieder zum Exerzieren ausrücken,
was uns bei der großen Hitze nach 2 schlaflosen Nächten
nicht recht gefiel. um 12 Uhr rückten wir wieder in unser
armes Quartier, wo es nichts zu kaufen gab, ein. Selbst das Wasser
war fast nicht zum trinken. Um 4 Uhr abends hatten wir noch einen
Übungsmarsch, wo wir ebenfalls infolge der großen Hitze
und dem schweren Gepäck Schweiß gebadet um 1/2 8 Uhr
heimkammen. Die Wäsche konnten wir woll nachmittags troknen,
aber abends ging das nicht mehr, und so mußten wir mit voll
Schweiß durchnässter Leibwäsche unser Nachtlager
nach spärlichem Essen aufsuchen. Aber schon um 1 Uhr nachts
wurden wir wieder geweckt und (15.) mußten über Saaralben
nach Grundweiler, wo wir mit 1maliger Mahlzeit um 3 Uhr ankammen.
Wir mußten uns vor einem Flieger, welcher angemeldet war,
flüchten, um nicht gesehen zu werden, und saßen deßhalb
in ein Wirtschaft, aber leider - ohne Bier, welches wir seit Rosenheim
nicht mehr bekammen. Um 9 Uhr suchte ich mein Nachtlager in einer
Hütte auf, in welcher ungefähr 75 Mann lagen. Von 10
bis 1 Uhr mußte ich Posten stehen, und schon um 1/2 5 Uhr
wurden wir wieder geweckt, und um 1/2 6 Uhr morgens am 16. VIII.
ging es nach Bärendorf wo wir um 1/2 9 Uhr morgens ankammen.
Hier mußten wir uns verschanzen, was an dem Regenwetter,
wie wir es hatten, nichts erbauliches ist. Abends 8 Uhr kamen
wir ins Quartier, jedoch ohne Kost bekommen zu haben am Abend."
Es folgen nun Aufzeichnungen über die ersten Gefechte
im Elsaß und die Verlegung ins belgische Wallonien und
nach Nordfrankreich.