"Kriegsbeschreibungen", Teil 1: Mobilmachung und Weg zum Fronteinsatz
Erste Gefechte im Elsaß
"Am 17. VIII. jedoch war wieder schönes Wetter, und
so war die Schanzarbeit doch angenehmer als 40 Kilometer weit
gehen mit 70 Pfund schwerem Gepäck wie am 15. VIII. Am Abend
wurde biwackiert, jedoch wurden wir schon um 1 Uhr morgens am
18. VIII. aus unserem Zelte gerufen, und vorwärts gings mit
Kampfeslust dem Feind entgegen. Seit 16. hörten wir täglich
schweren Kanonendonner. Am 17. sahen wir Rauchwolken von Geschützen
und Brandstätten. Flieger sehen wir täglich mehrere,
dann heißts hinlegen.
18. VIII. Früh 1/2 4 Uhr Abmarsch von den Schützengräben,
in welchen wir auf Franzosen lauerten. Schon um 6 Uhr bekamen
wir feindliches Feuer und ungefähr um 8 Uhr machten wir den
1. Angriff auf ein Haus voll Franzosen in einem Wald, welche bald
Reißaus machten, dann gings fort bis 1/2 2 Uhr immer wieder
auf Franzosen schießend, dann 1/2 Stunde Rast und fort gings
durch den ganzen Wald bis wir in einem Zug liegend auf freiem
Felde von starkem feindlichen Feuer begrüßt wurden
(Gefecht bei Bisping). Wir geben gut gezieltes Feuer, und bald
mußte der Feind zurück, aber halt, von links bekammen
wir Flankenfeuer, welchem wir hätten unterliegen müssen,
wenn ich nicht um Unterstützung zurückgelaufen wäre
mit Gottvertrauen im Schutz Mariens. Um 1/2 5 Uhr war es Ruhe,
hatten aber seit 3 Uhr morgens nichts zu Essen, dort selbst 1/2
l Kaffee. Es gab manche Tote und Verwundete, darunter tot Vordermayer
Joseph, verwundet Fellner Sohn von Felln schwer, leicht verletzt
Angerpointner Alois. Um 1/2 9 Uhr abends gings ins Dorf Bisping,
wo wir Quartier nehmen sollten, war aber unsicher und wir mußten
Biwackieren und kammen um 11 Uhr zur Ruhe. Das ganze Gefecht war
im Walde Sankawohl an dem Kanal in Unterelsaß. 21. VIII.
Um 6 Uhr morgens krochen wir in aller Gemütsruhe aus dem
Zelt, faßten unsern Kaffee und lagen dann bis 10 Uhr auf
dem Boden umher, dann mußten wir unsere Rüstung wieder
aufnehmen, und ein Marsch ging los wieder näher an die französische
Grenze, wir marschierten bis 2 Uhr morgens, legten uns ungefähr
2 Stunden auf die Straße und schliefen wie im besten Bette.
Dann gings nach Avricour und hinüber nach Frankreich."
Vormarsch durch Lothringen
"Nach einem weiteren Marsch ungefähr um 9 Uhr morgens
am 22. VIII. begrüßten uns französische Schrapnellen,
welche aber Gottlob zu weit gingen. Wir mußten unsere Gefechtslinie
nach rechts verlängern und kamen um 1/2 11 Uhr ins Gefecht,
bei welchem wir von der eigenen Artillerie sehr gefährdet.
Um 1/2 5 Uhr kamen wir zurück nach Avricour und mußten
noch um 7 Uhr 1 Stunde weit ins Quartier nach Mosey. Wir schliefen
wie Ratten im Heu bis 6 Uhr morgens des 23. VIII. Um 7 Uhr war
Abmarsch nach Avricour. Das Gefecht bei Anemoncour kostete viele
Tote und Verwundete. Um 1/2 5 Uhr abends gings von Deutsch-Avricour
fort bis Domevre ungefähr 3 Stund über der Grenze, wo
wir alsdann Biwak hatten.
Am 24. VIII. marschierten wir um 1/2 7 Uhr ab und kamen um 11
Uhr nach Halleinville, wo wir die Häuser durchsuchen mußten
und sehr viel Wein bekommen hätten, aber wegen seiner Stärke
nicht viel zu trinken getrauten. Um 3 Uhr war Abmarsch nach Menillville,
wo wir Quartiere bezogen und in Betten schliefen, was mir seit
Fortgang von zu Hause nie mehr passierte. Aber auch am 25. VIII.
mußten wir von 12 Uhr mittags bis 12 Uhr nachts marschieren
und waren dann wieder im gleichen Quartier. Wir sahen aber nicht
das geringste vom Gegner, welcher sich sehr weit zurück drängen
ließ durch unsere Artillerie, welchen einen unausgesetzten
Kampf mit ihm führte. Auf drei Seiten sah man Brandröten.
Am 26. VIII. war um 9 Uhr vormittags Abmarsch über Moschee
nach Luneville, wo wir eine Stellung bezogen und auf den Gegner
warteten, wir mußten aber bis hieher 8 Std. marschieren,
was wir an den Füßen stark merkten. Seit 8 Uhr morgens
haben wir nichts mehr gegessen, was uns auf den bisherigen Märschen
schon wiederholt passierte. Erst mittags 12 Uhr den 27. VIII.
bekamen wir wieder etwas warmes zum Essen. Brod hatten die meisten
schon lange keins mehr. Bei uns heißt es nur fest marschieren
und gut schießen, das Essen ist, glaub ich, überflüssig.
Der Kanonendonner rollte auch am 27. VIII. gleichmäßig
fort bis in die Nacht hinein.
Ungefähr um 2 Uhr morgens des 28. VIII. begann nördlich
von uns ein heftiges Infanterie-Gewehr-Feuer, was nach einer Std.
wieder verstummte. Um 6 Uhr morgens kam der Befehl zum Einschanzen,
da die Brigade vorläufig ein paar Tage hier bleiben soll.
Wir begannen zu graben, Bretter zu holen und machten uns die schönsten
Wohnungen unter unaufhörlichem Kanonendonner. Die Nacht verlief
ebenso wie vorigen und ebenso der Vormittag des 29. VIII., an
welchen ich zum Utoffz. [Unteroffizier] befördert wurde wie
noch 4 meiner Kollegen. 4 Uhr nachmittags wurden wir vom 2. Res.Rgt.
[2. Reserve-Regiment] abgelöst und kammen in die Kaserne
des Cheveauxl.Rgt. [Chevaulegers-Regiment = leichte Kavellerie-Einheit]
französisch. Die Nacht verlief für uns ruhig, bis auf
die Wanzenstiche, die wir in der Kaserne, welche von Misthaufen
voll ist, bekammen. Mittags mußte ich mit mit 6 Mann auf
Kasern-Wache, wo es uns besser gefiel als in der Komp. beim Appelaufstellen.
Große Hitze und Kanonendonner wie bisher.
31. VIII. Mittags Abmarsch von der Kaserne in Privathäuser
am Bahnh., um vom Feind nicht entdeckt zu werden. 1. IX. Keine
Änderung, aber mittags wurden wir etwas in Angst versetzt,
weil franz. Granaten um unsere Quartiere herum einschlugen, daß
grad der Staub aufwirbelte, war aber schnell wieder gar. Wir waren
die Nacht hindurch und den ganzen Tag des 2. IX. bis zum Abend
des 3. IX. noch in Luneville, dann war Abmarsch ins Biwak bei
Priv., wo wir auch am folgenden Tage, also am 4. IX. blieben.
Am 3. IX. kam ein Feldgeistlicher vorbei, welcher an das Batalion
eine Ansprache hielt und alle zum weiteren Tragen der Strapazen
des Krieges aufmunterte, dann den priesterlichen Segen spendete.
Am 4. IX. war um 2 Uhr nachmittags Abmarsch vom Biwak bei großer
Hitze, infolgedessen sehr viele austraten. Nach 2 1/2 Stunden
war Rast, was auch sehr notwendig war, um neue Kräfte zu
sammeln für die kommende Nacht, wo wir in einem Straßengraben
eines Waldes von 12 Uhr nachts an ruhten, aber durch fortgesetztes
Schießen seitens der Inftr. und Artil. wenig schliefen.
Es war ein heißer Kampf, welchen unsere Vortruppen führten,
und es gab viele Verwundete. Nach 6 Uhr am Morgen des 5. IX. marschierten
wir aus dem Walde, in welchem uns die feindlichen Kugeln stets
umtosten. Wir lagen bis 7 Uhr abends in einer Deckung und mußten
uns dann zirka 500 m südlich noch einschanzen und lagen die
ganze Nacht bei kaltem Ostwind. Vom Feind sahen wir nichts. Auch
der Artilleriekampf hörte 10 Uhr abends auf. Tote und Verwundete
gab es sehr viele. Es war für viele ein schwerer Tag. Am
6. IX. blieben wir in der Verschanzung, welche noch verbessert
wurde, wo wir aber erst abends 6 Uhr was warmes zu Essen bekammen
und infolgedessen Kartoffeln sotten.
Am 7. IX. blieben wir bis 9 Uhr abends in unserer Verschanzung
und mußten dann ungefähr 2 km westlich einen Höhenzug
besetzen, in welchem wir bis 9 Uhr morgens des 8. IX. unter Infanteriefeuer
in schnell ausgeworfenem Schutzgraben verblieben. Dann wieder
Rückzug in die alte Stellung, bei welcher wir sehr viele
Verwundete sahen. Wir kammen vor in erste Gefechtslinie und es
lagen 3 Tote Kameraden sehr nahe. Ich und 2 Kameraden machten
uns daran, selbe zu beerdigen, was jedenfalls sehr traurig aussah.
Am Nachmittag beschoß uns feindlich Artillerie sehr stark,
ohne uns zu schaden. Nachts mußten wir auf feindlichen Angriff
lauern, blieb aber alles bis zum nächsten Morgen ruhig. Nur
Artilleriekampf lebhaft wie bisher. Am 9. IX., 10. und 11. IX.
blieben wir in dieser Stellung und hatten wiederholt feindliches
Artilleriefeuer, wir waren aber stets vom Glück begünstigt.
Täglich einmal bekommen wir von der Feldküche ein kräftiges
Essen, abends und morgens kochten wir uns Kaffee und Konservensuppe.
Vom 9. auf 10. IX. hatten wir schweren Gewitterregen, sodaß
wir ganz durchnäßt wurden.
Am 12. IX. kamen wir 3 Uhr morgens in eine neue Stellung, zu welcher
wir 5 Stunden bei finsterer Nacht in strömendem Regen marschieren
mußten. Dann hoben wir noch einen Schützengraben aus.
Schlafen war für diese Nacht nicht zu rechnen, nur hinter
einer Staude lag ich eine Zeitlang, aber es fror mich zu sehr,
da ich durch und durch naß war. Um 5 Uhr abends war Abmarsch
zurück nach Charteau-Saline, wo wir um 1/2 4 Uhr morgens
des 13. IX. unter Sturm und furchtbarem Regen ganz erfroren und
durchnäßt ankamen. Wir legten uns auf den harten Boden
in einem Gebäude und schliefen bis ungefähr um 9 Uhr,
dann holten wir unsere Menage und gingen in der Stadt umher, uns
Brod, Fleisch und dgl. zu holen. Gegen abend besuchte ich die
Kirche, und es war zum Staunen, wieviel Soldaten sich in den geweihten
Räumen befanden. Am 14., 15. 16. und 17. mußten wir
in einem Weinberg westlich der Stadt Schützengräben
ausheben, was bei wiederholtem Regen sehr schmutzig war. Am 18.
und 19. Sept. mußten wir ebenfalls schanzen, weil die Schützengräben
infolge starken Regens sehr stark einfielen, und das Wasser sich
staute.
Am 20. IX. war ich um 1/2 Uhr in die Messe gegangen, als ich nach
11 Uhr heimkam, stand die Komp. feldmarschmäßig auf
der Straße, und ich mußte mich sehr eilen mitzukommen.
Es ging auch hier wieder zum Schanzen. Abends 6 Uhr war Abmarsch
ins Quartier. Am 21. IX. war Rasttag, was uns zu 1. Mal beschieden
war. Am 22. hatten wir die alten Schützengräben wieder
auszubessern und um 1/2 3 Uhr durften wir einrücken.
Am 23. IX. war um 5 Uhr Abmarsch nach Salomes, wo wir beim ersehnten
schönen Wetter die Ortschaft bewachen mußten, welche
nach Spionen ausgesucht wurde. Um 2 Uhr kamen wir ins Quartier
zurück, in welchem wir bis 25. IX. verblieben und um 8 früh
Abmarsch hatten nach Solger, wo wir um 7 Uhr abends ankammen,
in einem Bauernhof übernachteten und am 26.9. 6 Uhr früh
nach Chorny abmarschierten und um 1/2 2 Uhr ankamen. Wir wurden
hier einquartiert und blieben bis 28.9. 4 Uhr nachmittags. Wir
hatten am 27.9. feldmarschmäßigen Appell, sonst im
allgemeinen Ruhe. Am 28.9. 4 Uhr nachm. war Abmarsch nach Metz,
dort wurden wir, nachdem wir Verpflegung erhalten, um 12 Uhr nachts
auf der Bahn verladen, und fuhren um 1 Uhr ab."
Truppenverlegung ins belgische Wallonien
"Wir kamen nach Luxemburg Arlon, durch ganz Belgien, wo es
bis Lipramont im Lauf des Vormittag sehr viele zusammengebrannte
Häuser, zertrümmerte Eisenbahn-Wagons zu sehen gab,
was von dem Durchbruch der Deutschen am Anfang des Krieges herrüren
mochte. Die Fahrt am Nachmittag war sehr reizvoll, denn es gab
hohe Felsenklippen, wunderbare Dörfer und reizende Städte
zusehen. Auch 3 Tunnels hatten wir zu durchfahren von je einer
Dauer von ungefähr 2 Minuten Fahrzeit. Abends kamen wir nach
Lütich, wo wir menagierten und nach 3 stündigem Aufenthalt
um 10 Uhr wieder abfuhren. Wir fuhren die ganze Nacht, schliefen
auf Bänke und Boden und kamen um 5 Uhr morgens nach Namur,
bekamen dort wiederum Menage und fuhren um 6 Uhr des 30.9. ab
über Monastier nach Tamines, wo wir wieder an ausgebrannten
Häusern vorbeikamen. Von hier ab kammen wir an großartigen
Bergwerken, Briketfabriken und Eisenwalzwerken vorbei. Es gab
auch hier in dieser reizvollen Gegend sehr schöne Ortschaften,
und wir konnten uns nicht genug sehen und staunen. Aber auch diese
Dörfer wurden teilweise ausgebrannt. Und so kamen wir um
11 Uhr mittags nach Couilet, menagierten und fuhren um 12 Uhr
wieder ab, kamen am Nachmittag wieder an großartigen Bergwerken
vorbei und waren um 6 Uhr abends in Mons, menagierten und um 7
Uhr in Cislai die belgische Grenze überschritten und wieder
nach Frankreich kamen. Bevor wir Belgien verließen, sah
man eine abgebrannte Kirche und bereits das ganze Dorf ohne Dachstühle.
Wir fuhren noch bis 1 Uhr. schliefen sehr gut und wurden in Ronuly
ausgeladen am 1.10."
In den Aufzeichnungen meines Großvaters folgen nun Beschreibungen
von Kämpfen in Nordfrankreich und seiner Verwundung.