Den Kriegsanfang habe ich mit meiner Mutter im Urlaub in Ratipor
am 01.09.1939 erlebt Dort waren wir bei meiner Großmutter
mütterlicherseits. Es fuhren Panzer und Motorräder mit
Soldaten durch das Dorf Richtung Polen. Mein erstes Erlebnis war,
dass ein Motorrad mit Beiwagen vor meinen Augen eine Gans tot
fuhr. Ich war kaum 3 Jahre alt. Der Krieg brach mit Polen
aus und so hat meine Mutter mit mir den Urlaub abgebrochen, um
auf dem schnellsten Weg nach Kiel zurück zu fahren.
Mein Vater war auf einem Kriegsschiff stationiert. Das Schiff
lief vor Norwegen auf eine Mine. Mein Vater zog sich äse
schwere Knieverletzung zu und schwamm trotz dieser Verletzung
an Land. Wegen dieser Knieverletzung kam mein Vater dann nach
Hause ins Lazarett. Nach seiner Genesung wurde er in Kiel als
Aufseher der russischen Kriegsgefangenen eingesetzt. Kurz vor
Kriegsende wurde mein Vater noch nach Dänemark versetzt.
Von dort nach Niebüll ins Lager der Engländer entlassen.
Meine Mutter zog mit mir während der Bombennächte nach
Bad Oldesloe zur Großmutter väterlicherseits. So war
meine Mutter mit mir nicht mehr ganz alleine, denn meine um 12
Jahre älteren Zwillingsgeschwister waren auch in diesen schrecklichen
Krieg gezogen. Mein Bruder war bei der Infanterie, und meine Schwester
musste als Krankenschwester dienen. Mein Bruder hat den Krieg
bis Russland mitgemacht.
Wenn die Bomben über Bad Oldesloe fielen, liefen meine Mutter
und Großmutter mit mir in den Kartoffelbunker. Dieser war
3 Meter lang und 2 Meter breit. Diesen Bunker suchten wir auf,
weil er nur 300 Meter von der Papierfabrik, wo meine Großmutter
wohnte, entfernt war. In diesen Bunker fanden ca. 15 Menschen
Platz. Wir nannten diese Schutzgebäude "Bunker",
denn dieses Schutzgebäude bestand nur aus Backsteinen. Meiner
Mutter war der Kartoffelbunker unheimlich, und so zogen wir wieder
nach Kiel. Da hat ein Schutzengel die Hände über uns
gehabt, denn einige Tage später erfuhren wir, dass der .Kartoffelbunker
von einer Bombe der Engländer getroffen worden war. Ziel
war es, die Bahngleise zu bombardieren. Diesen Angriff hat meine
Großmutter nicht überlebt. Die Leichenteile der anderen
Schutzsuchenden wurden bis in die Baume geschleudert. Bei diesen
Umzug von Bad Oldesloe nach Kiel hat meine Mutter eine Wäschetruhe
hinterlassen. Diese Wäschetruhe diente als letzte Ruhestätte
meines Cousins, der gerade mal 9 Jahre wurde. Auch er hat diesen
Angriff nicht überstanden.
Meine Mutter und ich waren wieder in dem uns vertrauten, aber
nach und nach zerstörten Kiel in der Treppenstraße
5 wieder zu Hause. Bei jedem Angriff rannten wir in die Bunker,
wo wir uns gerade aufhielten. Ich glaube kaum, dass wir einen
Bunker ausgelassen haben. Zur Freude meiner Mutter war auch mein
Vater mal für ein paar Tage auf Urlaub bei uns. Aber Freude
und Leid liegen oft nahe beieinander, denn zur Zeit des Urlaubs
meines Vater erreichte uns die Nachricht, dass mein Bruder am
10.06.1943 in der Nähe von Leningrad gefallen ist. Er wurde
gerade mal 18 Jahre. Meine Eltern sind daran zerbrochen, denn
mein Bruder ist bis zum heutigen Tag nicht gefunden, um seine
letzte Ruhe zufinden. Der Urlaub meines Vaters dauerte nicht ewig.
Die Trauer meine Eltern war groß, darauf nahm dieser irrsinnige
Krieg keine Rücksicht, und so lief meine Mutter mit mir oft
in Trance von einem Bunker zum anderen. Einmal waren die Bomber
schneller als die Sirenen heulten. Auf dem Weg zum Bunker schlugen
zwei große glühende Eisenstücke vor uns in den
Boden. Unser Nachbar zeigte uns einen Tag später diese für
mich riesengroße Bombe.
Auch mein Geburtshaus wurde von den Bomben nicht verschont. Am
13 Dezember 1943 standen wir ausgebombt vor einem Trümmerhaufen.
Uns wurde eine neue Bleibe in der Koldingstrasse beim Dreiecksplatz
zugewiesen. In einen großen Bombentrichter auf der Kreuzung
Koldingstrasse / Brunswikerstrasse wurden tote Pferde einfach
entsogt. Diese toten Pferde stanken bestialisch, waren aufgebläht.
Es dauerte einige Tage, bis man diesen Trichter zugeschüttet
hat. Dabei muss ich erwähnen, dass wir Kinder dort gespielt
haben - zwischen Leichen und toten Tieren. Wir spielten in den
Ruinen der Häuser Koldingstrasse / Brunswikerstrasse. Dort
lagen oft tagelang Leichen, die nicht beerdigt werden konnten,
weil die Bombardierungen auf Kiel sich häuften. Als Kinder
haben wir es als gegeben hingenommen, aber heute ist es eine grausige
Erinnerung.
Wo heute der Westring in die Autobahnauffahrt führt, war
früher eine Gartenkolonie, wo wir einen Schrebergarten hatten.
Meine Eltern hielten dort einige Kleintiere: Kaninchen, Hühner,
Gänse. Die Tiere mussten gefüttert werden. Diese Aufgabe
mussten meine Mutter und ich übernehmen. Zur Zeit war mein
Vater in Kiel zur Aufsicht gefangener Russen. 4 Russen wurden
von meinem Vater abgestellt, um Baumstämme in unserm Garten
zu zersägen. Wir hatten nichts anderes zum Heizen und Brennen.
Mein Vater konnte diese Gefangenen nicht weiter beaufsichtigen,
denn seiner Obhut waren wesentlich mehr Gefangene anvertraut.
Somit war meine Mutter mit mir und den Gefangenen alleine im Garten.
Wir hörten in der Ferne wieder Flugzeuge und bekamen Angst.
Die Russen beruhigten uns aber und meinten, die fliegen über
Kiel hinweg, die haben ein anderes Ziel. Meine Mutter lief trotzdem
mit mir in den nächsten Bunker - Schützenpark - die
gefangenen Russen behielten recht. Diese Bomber waren nicht für
Kiel bestimmt. Nach 3 Stunden kamen wir in unseren Garte zurück.
"Unsere" Russen waren fleißig am Holzsägen.
Keiner hat den Garten verlassen, bis mein Vater sie ins Lager
zurück gebracht hat.
Ich erinnere mich, dass wir einmal 14 Stunden im Christiane-Bunker
verbringen mussten. Das muss der 3. Mai 1945 gewesen sein. Die
Angriffe auf Kiel waren so groß und heftig, dass wir glaubten,
jetzt ist alles vorbei, unser Ende ist gekommen. Einige Leute
hatten Streichhölzer bei sich, wollten diese Anzünden,
aber es klappte nicht. Der Sauerstoff im Bunker war so sehr verbraucht,
dass nicht mal mehr ein Streichholz zündete. Soldaten holten
uns letztlich aus dem Bunker. Sie führten uns durch ein brennendes,
zerbombtes Kiel - für mich ein Inferno. In der Holtenauerstrasse
Ecke Jungmannstrasse ließen die Soldaten uns alleine. Wir
orientierten uns auf den Hohenzollernpark, wo sich schon viele
Menschen versammelt hatten. Wir stiegen über Feuerwehrschläuche.
Alte Menschen, Kinder ... fast alle waren obdachlos. Meine Mutter
wurde von Unruhe überwältigt. Steht unser Haus, in dem
wir wohnten, eigentlich noch? Dort angekommen, stellten wir fest,
dass zum Glück nur die Fensterscheiben fehlten. Wir hatten
zum Glück noch ein Dach über den Kopf.
Ein anderes Erlebnis, das mich bis heute verfolgt, muss ich unbedingt
noch zu Papier bringen. Soldaten haben stundenlang versucht, einen
Mann aus den Trümmern Ecke Koldingstrasse / Brunswikerstrasse
zu befreien. Er war unser Schuster. Nachdem dieser Mann endlich
aus den Trümmern auf den eigenen Beinen stehen konnte, wurde
er erschossen, einfach so. Später wusste ich warum: Er war
ein Jude, ein Mensch wie Du und ich!
Die Schwester meiner Mutter erlebte alleine in Trier den Krieg.
In ihre Angst bat sie meine Mutter, sie nach Kiel zu holen. Da
meine Mutter mit mir auch alleine war, freute meine Mutter sich,
dass ihre Schwester sie bat, sie nach Kiel zu holen. Der Schmerz
um den gefallenen Sohn war immer noch sehr groß. Es war
gar nicht ganz einfach für meine Mutter, die Fahrt nach Trier
alleine zu wagen. Mich brachte sie erst einmal zur Großmutter
nach Ellerbek. Die Reise meiner Mutter dauerte 14 Tage, bis sie
endlich mit ihrer Schwester nach Kiel zurückkehrte.
In Ellerbek vor dem Haus meiner Großmutter standen 2 riesige
Metallfässer. Bei Alarm kam ein Mann und öffnete diese
Fässer. Daraus strömten große Nebelschwaden. Somit
wurde Ellerbek eingenebelt und die Bomberpiloten konnten unsere
Häuser nicht mehr sehen. Wir blieben dann von den Angriffen
verschont. In der Koldingstrasse wohnte ein Ehepaar, der Mann
war auf dem Flugplatz beschäftigt. Bei Bombenalarm hat er
schnell seine Frau benachrichtigt. Diese lief dann mit einer Trillerpfeife
durch die Strasse und kündigte so den Alarm an. Die Sirenen
waren durch die zerbombten Häuser zerstört worden. In
der damaligen Zeit waren die Menschen aufeinander angewiesen,
obwohl sich wiederum jeder der nächste war, die Menschen
rückten enger zusammen. Auch wurde vom Hafen ein Alarmsignal
gegeben. Sie schossen zweimal, das bedeutete Voralarm. Bei 3 Schüssen
war Vollalarm.
Meine Schwester kam hin und wieder mal in Urlaub nach Hause. Alarm
war für sie als Krankenschwester nichts Ungewöhnliches.
Meine Mutter war mit mir schon im Bunker, da hat meine Schwester
immer noch nicht reagiert. Nachdem die Bomben dann fielen, da
wollte sie auch zum Bunker laufen. Durch den Luftdruck der Bomben
flog sie durch eine geschlossene Tür in den Keller des Nachbarhauses.
Hier hatten sich Zwangsarbeiter versteckt. Meine Schwester ist
von den Männern gut beschützt worden. Das war nicht
immer so!
Die Erlebnisse des Krieges meiner Schwester müssen in ihren
jungen Jahren seelisch schlimmes angerichtet habe. Sie musste
mit 17 Jahren tote Soldaten ganz alleine im Fahrstuhl in den Keller
transportieren. Bei ihren letzten Besuch aus den USA 2003 in Deutschland
haben sie diese Erlebnisse noch stark beschäftigt. Der Krieg
hat uns die Jugend genommen. Schulen waren kaputt, Unterricht
gab es kaum. Nach dem Krieg hatten wir ohne Bildung keine Aufstiegsmöglichkeiten.
Wir haben Deutschland wohl aufgebaut, aber viele Menschen nur
als Arbeiter! Es waren überwiegend Frauen, die ihren Mann
stehen mussten. Ihre Männer und Söhne hat der schreckliche
2. Weltkrieg einfach nicht mehr hergeben.